20. Mai 2021 Lesezeit: ~7 Minuten

Im Gespräch mit Lillian Liu über NFTs

Für unseren Podcast kwergehört hatten wir die Künstlerin Lillian Liu interviewt. Sie ist Pianistin, Modell sowie Fotografin und verkauft seit einigen Wochen ihre Werke als NFTs. Das komplette Interview mit ihr folgt nun noch einmal zum Nachlesen für Euch. Die Kurzform mit weiteren Informationen gibt es in unserem Nachrichtenpodcast zu hören.

Hallo Lillian, Du bist ein Multitalent – erfolgreich als Fotografin, Modell, Retuscheurin und Musikerin – und jetzt bist Du auch in die NFT-Welt eingetaucht. Wie kam es dazu?

Vielen Dank! Ein Freund von mir, ein Fotokollege und auch angehender 3D-Künstler, lud mich im März ein, das Konzept der NFTs genauer zu erkunden. Damals war es noch ein kleiner Kreis, der den meisten Fotograf*innen völlig unbekannt war. Sie wollten eine alternative Methode für Künstler*innen teilen, um Einkommen für ihre Arbeit zu erzielen, die über die traditionellen Wege hinausgeht.

Ritter von oben fotografiert liegt mit geschlossenen Augen und hält ein Schwert

Was fasziniert Dich an NFTs?

Was mich anfangs an NFTs interessiert hat, war, wie so ein Token aufgrund seiner Einzigartigkeit einen hohen Wert und Sicherheit hat. Für mich als Künstlerin war aber tatsächlich der Gewinn, den ich mit einem Verkauf erzielen kann, besonders wichtig.

Galerien nehmen oft große Prozentsätze bei einem Verkauf und die Gewinnbeteiligungen von Druckplattformen sind meistens nicht ausreichend. Mit NFTs muss ich lediglich die Gebühren bezahlen und kann dann den Rest des Gewinns behalten. Die Gewinne helfen mir nicht nur, die Kosten für eine Fotosession zu decken, sondern auch alle im Team angemessen zu bezahlen.

Ebenso faszinierend ist die Tatsache, dass es im traditionellen Sinne viel weniger „Gatekeeping“ gibt: Digitale Künstler*innen und Fotograf*innen, die digitale Elemente verwenden, werden im Bereich der traditionellen bildenden Kunst größtenteils vernachlässigt. Jetzt gibt es endlich eine Chance und Plattform für sie.

Das Potenzial eines NFT für die Zukunft ist auch spannend für juristische Dokumente, Ticketkäufe und vieles mehr. Das ist nur der Beginn eines stetig wachsenden digitalen Raumes. Und ja, es ist noch kein perfektes System. Aber Blockchains arbeiten daran, ihre Energieeffizienz auf skalierbare Lösungen zu optimieren. Mit neuen Technologien gehen sozusagen erst einmal Wachstumsschmerzen einher.

Königin in Gold mit Glitzer

Ja, da sprichst Du schon einige besondere Aspekte an. Fangen wir vielleicht am Anfang an: Wie war der Verkauf Deines ersten NFTs?

Es war relativ einfach, mein erstes NFT zu verkaufen – aber die Situation war auch besonders. Mir haben viele Leute geholfen, mein erstes NFT zu bewerben. Ich hatte einen brandneuen Twitter-Account, weshalb meine Reichweite unnatürlich hoch war. Bei den späteren NFTs war es nicht mehr so einfach, da man selbst dafür sorgen muss, dass die eigenen Arbeiten gesehen werden und diese Laufarbeit online erledigen muss.

Ist es nur ein Markt für Menschen, die bereits ein großes Publikum durch soziale Netzwerke haben? Oder kann ich auch als relativ unbekannte Künstlerin erfolgreich sein?

Ich habe festgestellt, dass die Verkäufe je nach Kurs von Ethereum oder nach bestehenden Trends unterschiedlich waren. Die Anzahl meiner Follows hat nicht wirklich eine Rolle gespielt. Sehr bekannte Künstler*innen haben vielleicht den Vorteil, dass sie anfänglich mehr Aufmerksamkeit erhalten (gerade auf Twitter), aber berühmte und große Sammler*innen haben oft ihren eigenen Geschmack, ihre eigene Kuration und ihre eigenen Werte, die bestimmen, welche NFTs sie kaufen.

Natürlich verkaufen sich Fine-Art-Fotografien langsamer als Memes oder digitale Kunst. Deshalb blieb ich hinsichtlich meiner Umsatzhoffnungen realistisch. Manches kann sich sofort verkaufen, andere Arbeiten warten monatelang darauf. Oft liegt das nur am Kurs der Währung oder ob zufällig gerade die richtige Person darüber stolpert.

Zu den Anfangsbarrieren gehört auch, dass man einige Mittel benötigt, um die eigene Arbeit hochzuladen und zu minten. Es ist derzeit auch ein extrem kleiner Raum für andere Medien außerhalb der 3D-Kunst. Ich sehe da viel Raum für Wachstum und suche nach Sammler*innen, die in reine Fotografie investieren möchten.

Ich versuche auch mehr Fotograf*innen und Filmemacher*innen in die Community zu holen und arbeite mit anderen an einer NFT-Ausstellung für neue und nicht gelistete Arbeiten. Auf Sevens Foundation kann man dafür noch Arbeiten einsenden, die dann kurartiert werden.

Mir ist auch aufgefallen, dass Twitter eine große Rolle beim Marketing spielt. Gibt es noch andere Plattformen, die sich eignen?

Ich finde, dass Twitter derzeit der einzige Hauptbereich für die Werbung für NFT-Arbeiten ist, während es auf anderen Plattformen nur wenig oder gar nicht zieht. Discord ist ebenfalls noch eine Option.

Fanatsybild einer Frau am Fluss

Du hast erwähnt, dass sich klassische Fotografien im Vergleich zu animierten Bildern langsamer verkaufen. Hast Du das Gefühl, dass diese Tatsache die Art und Weise, wie wir Fotografie betrachten, verändern könnte? Oder erweitert sie den aktuellen Stil und schafft vielleicht sogar eine neue Kunstform?

Ja, unbewegte Bilder verkaufen sich manchmal langsamer. Die Menschen werden von Bewegungen und Ton angezogen. Es ist heute auch sehr einfach, Cinematografien zu erstellen oder Animationssoftware zu verwenden, um den Bildern mehr Tiefe zu verleihen. Mir gefällt, wie diese Möglichkeiten Fotograf*innen dazu bringt, über den Tellerrand hinaus zu denken!

Eine Freundin von mir hat bereits mit einer 3D-Designerin zusammengearbeitet, um ihre Fotos in bewegte Welten zu verwandeln. Ich habe dadurch auch mit After Effects herumprobiert, um zu sehen, wohin die Dinge gehen können. Der NFT-Raum hat es mir definitiv erlaubt, auch aus persönlichen Gründen „größer“ zu denken.

Ritterin

Das ist eine wirklich interessante Entwicklung. Würden Du sagen, dass NFTs von Fotografien langfristig ein Teil der Kunstwelt werden können oder hast Du das Gefühl, dass es gerade eher ein Hype ist?

Ich denke, das NFT-Format wird bleiben, auch wenn es immer einen Markt für Menschen geben wird, die Kunst suchen, um sie an die Wand zu hängen. Einige Kreative verbinden ihre NFT-Verkäufe auch bereits mit dem Verkauf von Druck-Editionen. Es ist sehr interessant zu sehen, wie diese beiden Welten in Zukunft zusammenarbeiten oder vielleicht auch kollidieren werden.

Ich denke jedoch, dass die Preise derzeit eine Blase sind – und dass NFTs nur so wertvoll sind wie ihr Währungswert, sowie dass die dezentrale und digitale Natur eines NFT sich immer von analogen Produkten unterscheidet und somit einzigartig bleibt.

Allerdings denke ich auch, dass der Hype nachlassen wird, und dass diejenigen, die auf lange Sicht dabei sind, eine Mischung aus exklusiven Krypto-Künstler*innen und Künstler*innen der „realen Welt“ sein werden, die hin und wieder ihre Werke minten.

Vielen Dank für den spannenden Einblick und weiterhin viel Erfolg!

Dieses Interview wurde für Euch von Katja Kemnitz aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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2 Kommentare

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  1. Hallo zusammen,

    ich muss zugeben, dass mich das Thema NFTs doch sehr „triggert“. Als nebenberuflicher Fotograf, der in seinem Hauptberuf aus der IT Branche kommt, verstehe ich die technischen Zusammenhänge hinter NFTs, Kryptowährungen und Blockchains recht gut.
    Daher erschließt es sich mir überhaupt nicht, was es mit dem Hype um NFTs auf sich hat. Warum gibt man Geld für ein digitales Werk aus, dessen Wert rein ideell ist oder sich bestenfalls aus Spekulationsinteressen ergibt? Zumal man das Werk nicht einmal besitzen kann, bzw. andere vom Besitz ausschließen kann, denn NFTs zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie kopierbar sind…
    Auch die Energiebilanz ist, wie im Artikel angerissen, unfassbar schlecht und damit aus meiner Sicht nicht zeitgemäß.
    Nennt mich konservativ, aber ich mag physische Werke, die es wirklich nur in begrenzter Stückzahl gibt und die ich mir an die Wand hängen kann.
    Und ich hoffe inständig, dass der Hype um NFTs schnell abebbt.
    Auch wenn das vielleicht den Eindruck macht, aber ich bin nicht generell gegen Blockchain-basierte Anwendungsfälle. Aber genauso wenig wie eine Blockchain bei Corona-Impfausweisen Sinn ergibt, macht sie aus meiner Sicht Sinn bei Kunst.

    Viele Grüße
    Sven