14. April 2021 Lesezeit: ~9 Minuten
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Muss ich mit Anfeindungen rechnen?
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Muss ich mit Anfeindungen rechnen?

In unserem Format „kurz erklärt“ versuchen wir, wie der Name schon verrät, immer möglichst kurze Antworten auf Eure Fragen zu finden. Bei der Konzeption hatten wir uns gedacht, dass fünf Minuten eine gute Limitierung seien. Wir wollten uns selbst damit herausfordern, um auch Antworten auf komplizierte Fragen auf den Punkt zu bringen.

Dass das nicht immer einfach ist, haben wir schon ein paar Mal gemerkt. Für die heutige Folge haben wir dann aber ehrlich gesagt einmal gar nicht auf die Uhr gesehen. Dafür ist die Frage einfach zu ernst. Eine Leserin, die gern anonym bleiben möchte, schrieb uns Folgendes:

Ich arbeite an einem politischen Thema, das stark polarisiert. Muss ich mit Anfeindungen rechnen und Angst vor einer Veröffentlichung haben? Habt Ihr vielleicht Erfahrungen und könnt mir bei der Entscheidung helfen? Ich bin Hobbyfotografin mit Familie und möchte diese schützen. Das Thema ist mit aber sehr wichtig.

Als ich diese Frage las, musste ich an zwei mir bekannte Fotograf*innen denken, die tatsächlich bereits Anfeindungen aufgrund ihrer fotografischen Arbeiten erleben mussten. Ich habe ihnen die Frage zugeschickt, sie gebeten, von ihren Erfahrungen zu berichten und – wenn möglich – eine Entscheidungshilfe zu geben.

Logo des Projekts Herzkampf

Der Leipziger Fotograf Martin Neuhof hatte No Legida mitgegründet – die Gegenbewegung zu Pegida in Leipzig. Dadurch wurde sein Name und seine Wohnadresse in rechten Foren bekannt und er erlebte erste Bedrohungen. Kurz danach begann er das Fotoprojekt Herzkampf, in dem er Menschen portraitiert, die sich gegen Rassismus, Homophobie und für eine gerechtere Welt einsetzen.

Ich weiß, was es bedeutet, angefeindet zu werden. Ich weiß, was es bedeutet, wenn das eigene Auto zerkratzt wird und wenn ein Foto von Dir in einem Neonazi-Forum auftaucht. Und ja: Es kann immer passieren.

Es kann immer passieren, dass Du mit Deinem Thema so polarisierst, dass Du zur Zielscheibe wirst. Das muss Dir bewusst sein. Das Problem dabei ist, dass viele Menschen Dinge deshalb nicht tun und ich finde nicht, dass Du Dinge nicht tun solltest, weil so etwas passieren könnte.

Natürlich ist es immer eine eigene Abwägung, ob man ein polarisierendes politisches Projekt veröffentlicht. Am Ende musst Du auch abwägen, dass oft viel positiver Zuspruch kommt. Auch wenn immer etwas negativer Zuspruch dabei ist.

Es kommt stark darauf an, in welcher Blase Du Dich bewegst. Bewegst Du Dich mit Leuten, die Deine Meinung teilen, dann wird so etwas vielleicht nicht so stark hochkochen, als wenn Du in Deinem eigenen Freundeskreis polarisierst.

Dadurch gibt es auch keinen allgemeingültigen Rat. Ich ermutige die Leute immer, sich zu trauen und etwas zu machen, was polarisiert, weil es andere Leute vielleicht auch inspiriert. Aber Du musst Dir einfach bewusst sein, dass etwas passieren kann. Es kann sein, dass Du jemanden auf dem falschen Fuß erwischst, dass diese Person Dir dann eine Hassnachricht schreibt oder Dich anschwärzt bei anderen Leuten.

Das ist alles nicht schön, aber das gehört halt auch mit zur Wahrheit. Und ich denke, Du musst es für Dich abwägen. Wenn man Familie hat, ist das natürlich noch einmal viel schwieriger.

Mir selbst ist bisher körperlich noch nichts passiert. Ich wurde mal angepöbelt bei einer Demo, aber es wurde nie jemand handgreiflich. Es muss, denke ich, schon eine Menge passieren, bis jemand vor Deiner Tür steht. Das wäre der Worst Case. Aber natürlich kann auch das passieren.

Wie gesagt, es ist jetzt etwas ins Blaue hinein raten, weil ich Dein Projekt nicht kenne. Aber ich wünsche Dir die Kraft, dass Du es zeigst. Denn nur so kommt eine Gesellschaft voran.

Ausstellungseinblick

Einblick in die Gruppenausstellung „Self Reflection“ von 2018.

Die Fotografin Selina Pfrüner erlebte ebenfalls starke Anfeindungen aufgrund einer Ausstellung in Köln. Polizeischutz gab es lediglich während der Rede des Bezirksbürgermeisters. Über die restliche Zeit der Vernissage musste Selina daher sogar selbst Sicherheitspersonal beauftragen und bezahlen.

Mein Name ist Selina Pfrüner und ich habe die Multimediaausstellung „Munaqabba – Über Frauen in Vollverschleierung in Deutschland“ gemacht und daraufhin einige Erfahrungen gesammelt, wie unterschiedlich Reaktionen auf Ausstellungen ausfallen können – einige davon auch sehr heftig.

Es ist eine sehr individuelle Entscheidung und hängt stark vom Thema ab. Und vielleicht auch davon, welche Öffentlichkeit man damit kreiert. Ich habe nämlich 2018 mein Projekt bereits in einer Gruppenausstellung gezeigt. Damals gab es auch Presseveröffentlichungen, aber es kamen recht wenige Reaktionen. Einige sehr positive Reaktionen, aber nicht mehr.

2019 habe ich diese Ausstellung noch einmal als Einzelausstellung gemacht. Es war eine Multimedia-Installation und daraufhin wurde das ganze unterschiedliche politische Spektrum darauf aufmerksam.

Was ich daraus gelernt habe, ist, dass ich mich auf jeden Fall fragen muss, wie wichtig mir das Thema ist. Und inwieweit ich mich schützen kann. Habe ich ein Umfeld, das mich darin unterstützt? Sei es technisch, was Social Media oder auch Presseanfragen angeht. Wie reagiere ich auf so etwas und möchte ich das moderieren? Schaffe ich es, mich da auch irgendwie rauszuziehen und teilweise einfach nicht zu reagieren?

Habe ich eine Webseite, auf der meine private Adresse steht und kann ich das vielleicht anders handhaben, damit man in dem Moment eben auch nicht gefunden werden kann? Denn das sorgt für Angst. Vielleicht findet man Leute, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, um sich auszutauschen. Oder man liest Bücher oder hört Podcasts zum Thema.

Man muss sagen, dass man als Frau, die sich politisch positioniert, mehr Reaktionen unter der Gürtellinie abbekommt. Deshalb muss man sich da vorher schon viel Schutz suchen oder sich informieren. Auch über die Mechanismen, die da geschehen.

Vieles ist sehr persönlich formuliert, aber es sind leider zum Großteil Reaktionen, die in ganz vielen unterschiedlichen Bereichen passieren. Und dann kann man sagen: Eigentlich bin ich damit gar nicht gemeint. Das sind so Reaktionsmechanismen oder Kaskaden, die da herunterprasseln. Da kann man sich auf gewisse Weise herausziehen und sagen: Okay, das passiert jetzt, aber dass das Thema gezeigt und gehört wird, ist mir in dem Moment einfach wichtiger.

Man muss ja auch sagen: Das Schlimme ist, wenn man schwierige Themen nicht mehr angeht. Wenn man nicht mehr spricht, haben die gewonnen, die einen mundtot machen wollen und gegen Pluralität sind.

Mir war und ist es nach wie vor sehr wichtig bei dem Projekt, dass man nicht nur jemandem eine positive Plattform gibt. Darum geht es nicht. Sondern darum, dass man verstehen will, wie unterschiedliche Menschen in ihren Lebensrealitäten leben. Wenn wir darüber nicht mehr sprechen können, verlieren wir in unserer Demokratie sehr viel.

Viele unterschiedliche Sichtweisen sind wertvoll und bereichernd und wenn künstlerische Projekte dazu beitragen, ist das die wichtigste Aufgabe.

Also frag Dich, inwieweit Du Dich in Deiner Resilienz, mit Deinen Kapazitäten auffangen kannst. Wie kann ich mich vielleicht auch von einigen Sachen abgrenzen und inwieweit habe ich die Energie, mit diesem Gegenwind umzugehen und auch zu sehen, was Positives reinkommt? Denn das wird wahrscheinlich auch passieren. Das Negative darf nicht einfach den Blickwinkel auffressen. Wie kann man sich vorher schon einen Masterplan zurechtlegen?

Ein Buch, dass ich damals spannend fand, ist „So You’ve Been Publicly Shamed“ . Darin wird von Mechanismen, die in den sozialen Netzwerken so auf uns herunterprasseln, berichtet und es hilft, das alles besser zu verstehen.

Ich bin nicht nur Fotografin, sondern auch Mediatorin und kann seitdem auch viel besser nachvollziehen, was in den Leuten vorgeht, die vielleicht so einen Gegenwind geben oder die krasse Kommentare schreiben. Mir hilft es mit viel Empathie auch zu sagen, da sind vielleicht eigene Themen oder Triggerthemen. Das ist vielleicht gerade ein Ventil.

Plurale und politische Themen sind wichtig. Es ist wichtig, dass wir uns solche Dinge anschauen und dass wir darüber sprechen können. Lasst Euch nicht abschrecken, aber passt auch gut auf Euch auf, wenn Ihr merkt: Da ist vielleicht auch wegen der Pandemie, wegen Homeoffice, wegen einfach allem, was in den letzten Monaten so passiert ist, so ein Päckchen da. Das ertrag ich obendrauf vielleicht nicht. Dann vielleicht einfach noch einmal abwarten und einen anderen Zeitpunkt finden oder eben sagen, es passt gerade nicht. Das ist auch überhaupt nicht schlimm, weil es einfach passieren kann, dass da eben ziemlich viel passiert. Passt gut auf Euch auf.

Trotz ihrer negativen Erfahrungen machen unsere beiden befragten Fotograf*innen auf jeden Fall weiter. Selina stellt ihr Projekt nochmals am 19. August in der Gruppenausstellung „You are here 2“ im Rahmen des Photoszene Festivals aus. Und auch Martin portraitiert nach wie vor Aktivist*innen für sein Fotoprojekt Herzkampf und zeigt sie in seinem Blog.

Ich hoffe, die Antworten der beiden helfen dir, liebe Leserin, und vielleicht auch anderen Menschen, bei schweren Entscheidungen dieser Art. Vielen Dank für die Frage und wie immer freuen wir uns über: Die nächsten Fragen, bitte!

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