31. März 2021 Lesezeit: ~5 Minuten
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Wie viele Bilder braucht ein guter Bildband?
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Wie viele Bilder braucht ein guter Bildband?

Auf kwerfeldein schauen wir uns regelmäßig Bildbände an und ich persönlich berate bei Bildauswahl und Bildstrategien, weshalb ich heute mal wieder an der Reihe bin, die wöchentliche Frage aus der Community zu beantworten.

Wie viele Bilder braucht ein guter Bildband mindestens und ab wann ist es zu viel?

Die kurze Antwort auf diese Frage wäre ein juristischer Standardsatz und zwar: Es kommt ganz darauf an. Denn natürlich gibt es keine pauschalen Regeln und jedes Buchprojekt und jede Geschichte, die mit Bildern erzählt wird, funktioniert anders.

In der Redaktion haben wir für Euch unsere Bücherregale nach den dünnsten und dicksten Bildbänden durchsucht. Das Buch mit den meisten Bildern war dabei das erst kürzlich vorgestellte „Everybody’s Atatürk“ von Mine Dal mit 364 Fotos auf über 650 Seiten. Der dünnste Bildband hingegen stammt mit nur 24 Fotos von der polnischen Künstlerin Laura Makabresku. Aber uns erschien weder das dicke Buch zu viel, noch das dünne Buch zu wenig, denn die Fotografinnen, beziehungsweise die Kurator*innen haben gute Arbeit geleistet.

Sie haben die Bildbände so gestaltet und konzipiert, dass es beim Betrachten nicht langweilig wird. Jedes einzelne Bild bringt die Geschichte voran. Genau darum geht es für mich beim Erstellen eines Buches. Ich kuratiere selbst regelmäßig Fotobücher und dabei gibt es für mich ein ganz klares Vorgehen:

Ich kläre, was die Geschichte des Buches sein soll. Diejenigen, die mein Buch zum Thema Bildauswahl kennen, wissen, dass ich dafür die Lasswell-Formel nutze, also: Wer sagt was zu wem in welchem Kanal mit welcher Wirkung? Das sind die Filter, die ich für mich bei der Bildauswahl anwende.

Wenn das geklärt ist, kann ich mit diesen Filtern jedes Bild abklopfen und mich fragen, ob es der gewünschten Erzählung zuträglich ist und wenn nicht, dann fliegt es raus.

Was ich gern mache, ist Folgendes: Ich lege eine Serie nach Gefühl. Dann beginne ich damit, alle Bilder einzeln einmal wegzunehmen. Wenn ich feststelle, dass das Wegnehmen die Geschichte verändert, dann ist das Bild notwendig. Es kommt also wieder zurück an seinen Platz. In vielen Fällen ist es aber so, dass die Geschichte ohne das Bild genauso gut funktioniert. Dann kann es draußen bleiben.

Viele solcher „Kann“-Bilder tragen dazu bei, dass ich ein Buch eher früher als später weg lege. Der Grund dafür sind zwei Phänomene, die meistens dabei auftreten: Erstens: Langeweile. Das heißt: Weil einfach zu viele ähnliche Bilder in der Arbeit sind, wird mir langweilig. Zweitens: Wenn die Bilder vom Inhalt der Serie zu weit weg sind, weil sie zu metaphorisch sind, dann schlage ich das Buch zu, weil ich es nicht verstehe.

Bei Sammlungen ist das ein wenig anders. Dann geht es natürlich um den sammelnden Charakter, der auf Vollständigkeit fußt. Es muss also häufig sehr viel rein. Dennoch kann ich mich fragen: Brauche ich all diese Bilder, um die Sammlung vollständig zu haben oder sind auch Dopplungen im Sinne des Sammlungsinhalts darunter?

Am Beispiel einer Retrospektive wird vielleicht klar, was ich meine: Auch ein Lebenswerk ist ja eine zusammenfassende Sammlung. Dennoch kann ich nicht einfach alle Bilder nehmen. Es braucht meines Erachtens einen durchgehenden Handlungsstrang, an dem sich die Leser*innen und natürlich auch wir Kurator*innen orientieren können. Ohne ihn werde ich als Betrachter das Buch zuschlagen, weil ich keinen echten Halt bekomme, mir die Geschichte fehlt.

Und wenn ich dann die Frage, ob ich dieses eine Bild zwingend für die Geschichte brauche, bei allen Bildern mit ja beantworten kann, dann ist die Anzahl der Fotos genau richtig.

All diese Fragen stellen sich die Menschen beim Betrachten meistens natürlich nicht. Bei ihnen passiert unbewusst etwas, wenn die Auswahl der Bilder nicht geglückt ist: Sie schlagen das Buch zu. Oder sie gelangen ans Ende und sind enttäuscht. Um das zu vermeiden, braucht es nicht nur gute Bilder, sondern eben auch eine sehr gute Auswahl.

Jetzt bin ich natürlich auch neugierig auf Eure Bücherregale. Könnt Ihr unsere dicksten und dünnsten Bücher über- bzw. unterbieten? Dann erzählt uns von diesen Büchern in den Kommentaren und schreibt uns auch, ob diese besonders dicken oder dünnen Bildbände für Euch funktionieren und warum. – Nächste Frage, bitte!

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4 Kommentare

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  1. Mein dickster Fotoband ist „Farm Security Administration / Peter Walther: New Deal Photography. USA 1935-1943.“ mit immerhin rund 400 Fotos von Walker Evans, Russell Lee, Gordon Parks, Dorothea Lange, Carl Mydans, Jack Delano, Marion Post Wolcott, Arthur Rothstein und anderen auf gut 600 Seiten.

    Eine sehr sehenswerte Sammlung von schwarz-weißen Reportagefotos aus dem ländlichen Amerika zur Zeit der Großen Depression.

  2. Bildbände, in denen eine Geschichte oder Reise in Bildern dargestellt wird, sollte nicht zu umfangreich sein. Wenn die Bilder aussagekräftig sind, reichen dazu 50 Stück. Sind es mehr, überfliege ich manche Bilder, weil sie (für mich) vielleicht ganz nett aber überflüssig sind. Ich mag es außerdem, wenn es zu den Bildern ein bisschen Text gibt.
    Umfangreiche Sammlungen finde ich nicht so gut. Welcher Fotograf hat denn schon mehrere Hundert wirklich sehenswerte, seine Arbeit repräsentierende Bilder gemacht, ohne sich zu wiederholen? Sammlungen blättere ich oft nur schnell durch oder höre mittendrin auf, danach stehen sie im Regal.
    Aber es gibt auch gute Retrospektiven. Ich besitze u.a. eine von Saul Leiter, 290 Seiten und gut 100 Bilder darin. Leineneinband mit Schuber, wirklich sehr schön gemacht. Dieses Buch nehme ich öfter zur Hand, lese darin und schaue mir die Bilder an. Liegt aber vielleicht auch am Fotografen.

  3. Photographie des 20. Jahrhunderts aus dem Taschen Verlag hat 760 Seiten. Meine Ausgabe ist von
    1996. Es kann aber wieder für 16 (!) € erworben werden. Als Übersicht, was es und wen es alles so gibt ganz gut.

  4. Die umfangreichsten Bücher die ich hab, sind wohl die Retrospektive von Irving Penn, und Antibodies von Antoine Dagata – was allerdings auch thematisch ein Schwergewicht ist. Eines der dünnsten ist „In Sickness and in health“ von Colin Gray. Alle funktionieren für sich sehr gut. Dagata arbeitet auch mit Typisierungen und Wiederholungen in dem Buch, und erschlägt einen förmlich damit, und das ist bei dem Thema auch absolut zielführend. Colin Gray bringt sein Thema mit ganz wenigen Bildern auf den Punkt. Beide Bildbände finde ich grandios.

    Interessant finde ich wie du beim Edit vorgehst. Ich hab einen leicht anderen – vielleicht auch chaotischeren Ansatz, den ich hier mal skizziert hab (work in progress): https://carsten-nichte.de/docs/artikel/bildband-konzipieren/