09. Dezember 2020 Lesezeit: ~5 Minuten

Kolumne: „But I love women“ – Über Helmut Newton

Dieser Text ist im Rahmen unseres Podcasts „kwergehört – die Fotonachrichten“ entstanden und ist in Folge #6 zu hören. Wir veröffentlichen ihn an dieser Stelle erneut in schriftlicher Form, um eine Diskussion zum Thema anzuregen. Das Titelbild wurde uns freundlicherweise von Vera Rüttimann zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

Genau wie mein Großvater wäre Helmut Newton in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Im Gegensatz zu meinem Großvater bekam Newton dieses Jahr aus diesem Grund eine Retrospektive in den Straßen Berlins. Genau genommen in einer Straße. Auf einer Länge von 85 Metern sah man im Oktober und November auf der Köpenicker Straße 30 Fotos aus Newtons Gesamtwerk als eine Art Freilichtausstellung.

Unbekannte Sprayer machten sich diesen Umstand zu Nutze und sprühten Sätze wie „Frauen sind nicht Dein Kunstobjekt“ oder „Sexismus ist keine Kunst“ über die Bilder. Wie so oft streiten sich über diese Aussagen die Geister und während Newton sich selbst eher als Feminist sah, ist wohl das Mindeste, was man von sein Bildern behaupten kann, dass sie provozieren und provozieren sollen. Im schlimmsten Fall kann man sie objektifizierend und frauenverachtend nennen.

Immerhin sprechen Newtons Bilder, auch wenn sie fetischisieren, zumeist von starken, dominanten Frauen und vielleicht kann man ihnen so eine bestimmte Form des Empowerments, in deren Darstellung Männer maximal Accessoires der dienenden Sorte sind, nicht ganz absprechen.

Dem entgegen sagte Isabella Rossellini im biografischen Film „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ über das Shooting mit ihm und David Lynch: „Bei der Arbeit mit David Lynch und Helmut Newton wirst nicht Du selbst fotografiert, sondern ein Konzept, das sie verfolgen. Du bist nur die Projektionsfläche.“ Wie empowernd kann also ein Konzept sein, das sich Frauen nur als Projektionsfläche für die eigenen Fantasien und Ängste bedient und somit einseitig ist?

In demselben Film kann man zudem einen Ausschnitt aus einem Gespräch während einer französischen TV-Show von 1979 sehen, in dem die berühmte Feministin Susan Sontag und Newton aufeinandertreffen. Newton verteidigt Sontags Vorwurf der Frauenfeindlichkeit mit einem simplen „But I love women“, was natürlich mitnichten eine Absage an den Sexismus ist.

Susan Sontag antwortete darauf dann auch sehr wahr: „A lot of misogynistic men say that. I am not impressed.“ Newtons Argumentation ist somit exemplarisch dafür, wie uninformiert die ganze Debatte um Sexismus in der Fotografie oftmals noch stattfindet.

Nun ist Newton nicht der erste und vor allem auch nicht der letzte Fotograf, der sich Vorwürfen des Sexismus in seinen Bildern stellen muss. Andere Beispiele sind Terry Richards, Mario Testino, Bruce Weber und viele, viele mehr. Er ist allerdings immerhin einer der wenigen, die nicht auch noch von Vorwürfen der sexuellen Belästigung betroffen sind.

Alle der eben genannten Fotografen sind Modefotografen, haben für das Verlagshaus Condé Nast und andere große Namen gearbeitet und zeigen, dass gerade die Fashionfotografie mit oftmals noch sehr jungen Mädchen und den mehr als doppelt so alten, einflussreichen, männlichen Fotografen ein großes, strukturelles Sexismusproblem hat. Ein Problem, für dessen Lösung es nicht ausreicht, den einen oder anderen Fotografen wie Terry Richardson nicht mehr zu beauftragen.

Das Problem an der Wurzel anzupacken, erfordert allerdings viel Arbeit, gerade weil es ein komplexes Problem ist. Alle genannten Fotografen haben unsere Wahrnehmung und Sehgewohnheiten so sehr geprägt, dass es schon visuell oftmals schwer ist, Sexismus und Objektifizierung als solche zu erkennen und sie nicht ungewollt zu verteidigen, weil es eben als „schön“ empfunden wird.

Wenn wir uns dann, wie auch oft in Newtons Verteidigung geschehen, die Frage stellen, ob die Kunst nicht auch Missstände aufzeigen, Seximus anprangern kann und muss, dann muss sie natürlich eben jene Missstände auch konkret zeigen. Ansonsten könnte man ihr vorwerfen, Probleme zu beschönigen oder sie gar unsichtbar zu machen. Nadja Auermann sagt in „The Bad and the Beautiful“ über Newton: „Er hält der Gesellschaft einen Spiegel vor.“

Wenn sich dann aber auf der anderen Seite visuelle Kunst gegen die Möglichkeit entscheidet, sich explizit zu erklären, wenn also eigentlich nie ganz klar ist, was wir als Betrachtende gerade sehen, muss sie sich auch verschiedenen, validen Interpretationsmöglichkeiten stellen. Und eine dieser validen Interpretationsmöglichkeiten kann dann auch in Formen von Protest enden, die beinhalten, dass Bilder mit Schriftzügen in roter Farbe übersprüht werden. So radikal die Kunst, so radikal der Protest.

Zumal sich die Frage stellt, wie viel Reproduktionen von Sexismus, mit welcher Intention auch immer, wir im Jahr 2020 noch brauchen, bevor wir das Problem zumindest erkennen.

Die Lösungsfindung wird uns wohl noch über Jahre hinweg begleiten. Vielleicht ist ein Fazit daraus, dass noch mehr Frauen hinter die Kamera müssen. Die Bilder von Alice Springs, Newtons Frau, sprechen eine völlig andere Sprache und zeigen ein im gegenseitigen Dialog stattfindendes Empowerment, welches die Person zeigt und nicht die Projektionen eines Mannes.

Ähnliche Artikel


15 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

    • Ich bin eine Frai und extrem emanzipiert. Als Fau habe ich jenen Wert, den ich mir selbst gebe, sofern ich mich von Erwartungen der Familie, Gesellschaft…befreit habe. Ich sehe mich Mannern gleichgestellt. Helmuth Newton wat ein Genie und seine Arbeit ist Kunst, dass er mit seinen Fotos provosiert ist fur mich Inspiration, er ruttelt die heuchlerische Gesellschaft auf und halt ihr den Spiegel vor. I love Newton and his art!!!

  1. Alleine der Name Helmut Newton löst offenbar gerne mal reflexhafte Kommentare aus. Für diesen Artikel will ich das gar nicht werten – aber es würde mich interessieren, wie die Autorin Werke von Fotografinnen wie Bettina Rheims oder Kate Bellm einordnet. Sind die auch sexistisch?

  2. Ich finde den Artikel gut, er klagt nicht an, hier wird beschrieben, wie z.B. Newtons Fotos gesehen werden können – von Frauen, wie bestimmt auch von manchen Männern und in welchem gesellschaftlichen Diskurs sie somit stehen können. Dieser Kontext ändert sich mit der Zeit. Was bleibt sind seine Fotos und die sind klasse. Kunst darf (fast) alles!

  3. Mit der Fotografie ist das so eine Sache. Ich frage mich beim Betrachten eines Bildes immer, ist das Kunst oder Handwerk. Wenn es Kunst ist, muss ich gegebenenfalls aushalten (wie schon bei Beuys‘ Fettecke), dass es die Zeit überdauern wird, ist es Handwerk wird es über kurz oder lang von alleine vergehen.

    Mich würde schon interessieren, wie Fotografen, wie z.B. Newton, Teller, Ray, Araki oder Mapplethorpe, in 20 Jahren gesehen werden. Vielleicht gibt es dann ja keine Ausstellungen mehr von ihnen und ihre Bildbände sind schon längst auf dem Index.

  4. Bei allem Respekt vor solchen Beiträgen und der ehrvollen Intention muss ich auch gerade zu diesem Thema bisschen schmunzeln, weil ach so gerne die B-Seite ausgelassen wird. Auch ohne Newton sind ein Großteil der Models im „sex-sells-Modus“ über die Laufstege der Welt gegangen, wohlgemerkt fast unbekleidet, und wohlwissend, warum das im weitgeschnittenen Wollpulli nix werden würde. Und sowohl dort, wie auch bei den Fotos, hat ja nicht nur Newton profitiert.

    Wenn heutzutage über solche Umstände anders, neu gedacht wird, hat die Provokation durchaus nachhaltige Wirkung. Ist das nicht auch die Sprache der Kunst? Sollte im Ergebnis dabei rauskommen, solche Projekte unter gegebenen Vorzeichen zukünftig zu ächten, bitte. Das wäre dann, wie auch immer, Entwicklung. Aber nehmt diesen wunderbaren Fotos jener Epoche nicht ihren Platz ín der Zeit, in der sie entstanden sind.

  5. Reflektierter und gut geschriebener Artikel.

    Ich fand Newtons Fotos immer sehenswert, auch wenn das nicht mein bevorzugtes Genre ist.

    Den Vorwurf vieler, dass Frauen in solchen Zusammenhängen immer nur Objekte oder Opfer sind, kann ich nicht sehen. Wir haben eine Bundeskanzlerin, eine Präsidentin der Europäischen Kommission, eine Präsidentin der Europäischen Zentralbank, und auch kwerfeldein wird von Frauen gemacht.

    Es ist wirklich sehr schade, dass so wenige Frauen hinter der Kameras stehen, und wenn doch, dann machen sie oft keine sehr mutigen Fotos und Filme. Denn auch wenn man Leute wie Newton (oder Bob Carlos Clarke oder Mario Testino oder Karl Lagerfeld oder andere) nicht mag, muss man ihnen allen immerhin zugestehen: sie haben Mut, sie machen ihr Ding, sie erzielen interessante Ergebnisse. Nur wenige Frauen machen das so. Warum?

    Kameras sind heute so billig und das Editieren ist am Computer so einfach, da könnte wirklich jede(r) pckende Fotostories und Reportagen machen. Also: nur Mut!

  6. Ich bin hin und her gerissen und habe gar keine klare Meinung. Ich schätze das solide Handwerk von Helmut Newton, auch wenn es nicht mein Genre ist.
    Insgesamt finde ich, dass die abgebildeten Frauen sehr würdevoll dargestellt sind, sehr selbstbewusst und klar.
    Nun kann man einem jeden Fotografierenden vorwerfen, nur seinem Konzept zu folgen, sofern die Aufnahmen geplant, gestellt sind. Das dürfte aber auf alle Fotografierenden zutreffen, die eine bestimmte Pose des Abgebildeten fordern. Ich gehe mal davon aus, dass ein Helmut Newton diese Konzepte eben mit seinen beauftragten Models besprochen hat.
    Nun ist es ein Leichtes zu sagen, die Frauen haben das so gewollt. Wenn sie es nicht so gewollt und trotzdem zugelassen haben, dann haben sie sich prostetuiert. Auch das ist kein Vorwurf, sonder ein Phänomen, dass es geben wird, so lange es Menschen gibt. Nämlich, etwas für Geld, Macht und Anerkennung zu tun, ohne dahinter zu stehen.
    Hatte das bei Helmut Newton aber durchaus noch Niveau, werden die Mädchen bei Heidi Klum vorgeführt und erniedrigt. Sogar einem pädophilen Publikum mundgerecht serviert.

    Ich persönlich bedaure, wenn die Abbildungen eines Helmut Newton mit roten Schriftzügen überschrieben werden. Denn geht es den Verursachern wirklich um Auseinandersetzung oder um Ideologie, also selbst um ein festgelegtes Konzept, welches sie mit ihrer Reaktion verfolgen? Sie lassen keine Auseinandersetzung zu, dass sie sich selbst unsichtbar machen. Auch bevormunden sie mit ihrer Art eine Auseinandersetzung.

    Und in der Tat ist bei mir persönlich, der ebenfalls sehr emanzipiert und auch so erzogen ist, schon mehrfach vorgekommen, dass mir Gleichstellungsbeauftragte den Vorwurf machten, ein Mann zu sein und deswegen gar nicht mitreden zu dürfen. Als nichts anderes sehe ich die Schrift auf den Plakaten. Sie würde nicht da stehen, währen die Aufnahmen Ergebnisse einer Fotografin gewesen.

  7. Ich kann mir die Fotografien von Newton gar nicht mehr anschauen. Letztens noch einen alten Bildband im Regal gefunden und noch nicht entschieden, ob verschenken oder einfach wegwerfen. Ich konnte mit dieser Frauendarstellung noch nie viel anfangen, nur konnte ich früher nicht so richtig ausdrücken warum. Mit der Beschäftigung mit Feminismus und der (Film-)Theorie des Male Gaze ist für mich greifbarer geworden, warum es mir so geht. Dabei geht es nicht darum, einzelne Künstler hinter den Bildern zu verteufeln, aber die Bildsprache ist wirklich unzeitgemäß und wird trotzdem noch so krass gefeiert, wie mit dieser Ausstellung in Berlin. Die Reaktion auf die Bilder mit „entarteter Kunst“ zu vergleichen (wie in einem Kommentar hier) finde ich geschmacklos (noch jemand, der sich wie Sophie Scholl fühlt?)
    Es fehlen nicht die Frauen hinter der Kamera, sondern die großen Ausstellungen und Institutionen, die diese zur Abwechslung mal würdigen.