Mensch mit geschlossenen Augen vor unscahrfen Hintergrund. Sonne fällt ihm ins Gesicht
29. Juli 2020 Lesezeit: ~15 Minuten

Im Gespräch über barrierefreie Fotos im Netz

Über Twitter wurde ich kürzlich auf ein Problem aufmerksam gemacht: Fotos können für Blinde und sehbehinderte Menschen Barrieren sein. Im Netz gibt es jedoch einfache Möglichkeiten, diese Barrieren abzubauen – ohne auf Fotos verzichten zu müssen. Wie das geht, habe ich mit Heiko Kunert besprochen.

Er ist Geschäftsführer des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins und selbst vollblind. Mit Hilfe von Screenreadern, die die Texte vorlesen, ist es ihm möglich, im Internet und in den sozialen Medien aktiv zu sein. Aber was passiert, wenn der Screenreader auf ein Foto stößt? Und welche Barrieren gibt es sonst noch? Im Interview spreche ich mit ihm über diese Fragen.

Ich habe mir einen Screenreader heruntergeladen, weil ich neugierig war, wie eine Webseite und die darin enthaltenen Bilder vorgelesen werden. Es hat nicht funktioniert und mir wurden nur die Überschriften der Seiten vorgelesen. Vielleicht habe ich etwas falsch gemacht, vielleicht sind die Seiten nicht barrierefrei gewesen, wahrscheinlich beides?

Wenn man als sehender Mensch ohne Vorkenntnisse einen Screenreader installiert, stößt man tatsächlich schnell an Grenzen, denn die Bedienung ist eine ganz andere, als man das gewohnt ist. Das Ganze läuft über Tastenkombinationen, die man kennen muss. Um einen wirklich realistischen Eindruck von einem Screenreader zu bekommen, müsste man etwas intensiver einsteigen.

Schade, ich hatte auf eine Möglichkeit gehofft, meine Seiten auf Barrieren zu überprüfen.

Es gibt durchaus Selbsttests für eigene Webseiten. Zum Beispiel den BITV-Test, aber auch da sind nicht Laien die Zielgruppe, sondern man muss sich etwas mit Webseitengestaltung und den Hintergründen auskennen. Sie können auf der Seite anhand eines Fragenkatalogs die wichtigsten Dinge abklopfen und prüfen, wie zugänglich Ihre Seite ist.

Das Thema Barrierefreiheit ist sehr komplex. Aber es gibt einige wesentliche Grundregeln, die eigentlich alle gut beherzigen können und die für Menschen mit Behinderungen – in meinem Fall für Blinde und sehbehinderte Menschen – eine Menge Erleichterungen bringen.

Das ist zum einen, wenn wir beim Thema Fotografie bleiben möchten, dass Fotos einen Alternativtext bekommen, der so hinterlegt ist, dass ihn ein sehender Mensch gar nicht sieht, der aber von der Sprachausgabe erkannt und ausgelesen wird. Statt dass der Screenreader dann nur „Grafik“ oder den Dateinamen des Bildes nennt, wird der Alternativtext vorgelesen.

Das Thema Alternativtext kam mir bisher vorrangig zu Ohren, wenn es um SEO-Optimierung ging. Über Barrierefreiheit wird da sehr selten gesprochen.

Ja, aber manchmal hilft es auch, wenn man das Pferd anders herum aufzäumt. Wenn man für Barrierefreiheit wirbt und dann erwähnt: Das ist auch gut für Euer SEO, dann ist das ein zusätzliches, gutes Argument für die Alternativtexte.

Dieses Interview werden vorrangig Menschen lesen, die sehr gern fotografieren. Könnten Sie anhand eines Bildes durchspielen, wie so ein Alternativtext idealerweise aussieht?

Ja, die Frage bekomme ich häufig gestellt, die Antwort ist leider gar nicht so einfach. Ein idealer Alternativtext ist sehr kontextabhängig. Eine ganz grundsätzliche Frage für jeden Menschen, der Bilder und Grafiken ins Internet stellt, lautet: Was möchte ich mit diesem Bild im jeweiligen Kontext transportieren? Welche Funktion hat das Bild? Wird es nur illustrativ genutzt?

Wenn ich zum Beispiel einen Zeitungsartikel über Angela Merkel habe, in dem es auch ein Foto von ihr gibt, ist etwas anderes in der Bildbeschreibung relevant, als in einem Artikel über die Mode, die sie trägt. Darin müsste sicherlich mehr darauf eingegangen werden, welche Kleidung zu sehen ist. In einem Artikel, in dem nur ein illustratives Bild von ihr abgebildet wird, würde theoretisch auch „Portrait von Angela Merkel“ als Alternativtext ausreichen.

Es gibt auch immer die Frage, wie komplex das jeweilige Foto ist. Gerade bei der Leserschaft von kwerfeldein werden vielleicht viele fragen: Wie weit kann ich denn ins Detail gehen? Ich kann doch nie all das mit einem Alternativtext transportieren, was meine Fotografie einer sehenden Person vermittelt!

Das ist auch einfach so und das muss man akzeptieren. Die Alternativtexte sind ein Behelf, weil es Menschen gibt, die die Fotos nicht sehen können. Man nähert sich mit den Beschreibungen an, damit Menschen wie ich überhaupt ganz grundsätzlich wissen, worum es da eigentlich geht und wir nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Insofern muss man sich von der Frage nach Details verabschieden, weil die Bildbeschreibung sonst auch viel zu lang wird. Das ist auch ein wichtiger Punkt: Eine gute Bildbeschreibung sollte so kurz wie möglich und so lang wie nötig sein. Natürlich immer abhängig vom Zusammenhang, in dem das Foto steht.

Es gibt ganz grundsätzliche Informationen, die man transportiert, wenn man ein Bild beschreibt. Schwarzweiß oder Farbe zum Beispiel. Irgendwelche signifikanten Filter könnte man im Zusammenhang mit Fotografie vielleicht erwähnen. Was ist im Vorder- und was im Hintergrund abgebildet? Und je nachdem, welche Art von Fotografie es ist, kann auch eine Wirkung beschrieben werden.

Also könnte man darin auch interpretieren und schreiben, dass ein Bild mystisch wirkt?

Ja, vielleicht so etwas. Am besten kann man sich annähern, wenn man sich vorstellt, man telefoniere mit jemandem und müsste im Gespräch ein Bild beschreiben. Was würde man dann sagen?

Ja, ich verstehe. Ich hatte eine Biologielehrerin, die blind war und wenn wir mit dem Lehrbuch gearbeitet haben, ließ sie sich die Bilder auf den zu bearbeitenden Seiten beschreiben. Das war eine super Übung und im Nachhinein bin ich mir sehr sicher, dass sie genau wusste, was darauf abgebildet war, sie uns so aber das Beschreiben beibringen wollte.

Bei mir war es anders herum. Ich bin inklusiv beschult worden und meine sehenden Mitschüler*innen mussten mir die Bilder zur Übung beschreiben. Ich bin viel im Internet und den sozialen Medien unterwegs und häufig damit konfrontiert, dass ich Leute auf das Thema aufmerksam mache, die dann sagen, sie hätten ja gar keine Übung darin und wüssten nicht, wie man ein Bild beschreiben solle. Wenn sie sich aber erst einmal auf den Weg machen und in einen Austausch gehen, dann können das eigentlich alle.

Es ist eher eine Frage der Übung und dass man sich die Zeit dafür nimmt. Kurz innehalten und überlegen, was denn das Wichtigste auf dem Bild ist und das auch zu verbalisieren, ist eine gute Möglichkeit, zu reflektieren. Was möchte ich eigentlich mit dem Foto ausdrücken und warum poste ich es?

Das ist ein guter Gedanke, dem sich Fotograf*innen auf jeden Fall stellen sollten. Ich war natürlich auch auf Ihrem Blog, um zu schauen, wie dort die Alternativtexte aussehen und es gibt dort ein großes Titelbild, das keinen Alternativtext hat. Dieses Foto ist auch ein eher schmückendes Bild und brachte mich auf zur Frage: Braucht jedes Bild einen Alternativtext? Sehende Menschen schmeißen doch sehr häufig viele Bilder in Texte, damit es nicht nach so viel Text aussieht.

Als ich den Blog eingerichtet habe, hat WordPress den Alternativtext im Titelbild noch nicht ermöglicht. Insofern war es damals keine bewusste Entscheidung dagegen.

Es gibt auf jeden Fall Bilder, die nur einen dekorativen Charakter haben, aber da geht es tatsächlich weniger um Fotos. Wenn Sie jetzt einen Text schreiben, in dem Sie mehrere Fotos einbauen, dann unterstelle ich doch mal, dass diese eine gewisse Funktion haben und wenn es nur eine Wirkung ist, die transportiert werden soll. Aber auch dann sollte jedes Bild einen Alternativtext haben.

Das Problem ist ja, dass ich als blinder Nutzer nicht weiß, ob das Foto illustrativ ist oder ob darin eine zusätzliche Information transportiert werden soll. Deswegen ist ein Alternativtext immer wichtig – auch dann, wenn er nur sehr kurz ist.

Sie hatten erwähnt, dass Sie viel in den sozialen Medien unterwegs sind. Sind Alternativtexte in den verschiedenen Plattformen wie Twitter, Instagram oder Facebook berücksichtigt?

Ja, bei allen drei Plattformen gibt es die Möglichkeit, Alternativtexte einzugeben. Inzwischen ist sie auf Twitter auch nicht mehr ganz so versteckt, denn bis vor kurzem war es so, dass man die Funktion erst aktiv freischalten musste.

Inzwischen ist es so, dass man über die Webseite oder App gehen kann und es gibt automatisch einen Schalter, um die Bildbeschreibung einzugeben. Ähnliches gibt es auch bei Facebook und Instagram. Es funktioniert genau wie auf Webseiten: Für sehende Nutzer*innen sind die Beschreibungen nicht sichtbar.

Diese Tatsache macht es auch ein wenig schwer, die Funktion zu erklären, denn sehende Menschen wissen gar nicht, ob das Bild einen Alternativtext hat und ob die Eingabe geklappt hat. Da würde ich mir zum Beispiel von Twitter wünschen, dass es auch für sehende Menschen eine Möglichkeit gibt, diese Alternativtexte anzeigen zu lassen.

Wir haben auch eine Webseite zu Alternativtexten in den sozialen Medien gemacht: Auf Barrierefreiposten.de wird für alle drei genannten Plattformen erklärt, wie es funktioniert.

Gibt es weitere Möglichkeiten für uns als Fotograf*innen, das Netz barrierefreier zu gestalten, außer Alternativtexte zu nutzen?

Gerade im Zusammenhang mit der Fotografie sind Alternativtexte schon viel wert. Natürlich gibt es noch einige weitere Regeln für Barrierefreiheit. Wenn man eine eigene Webseite hat, ist es wichtig, eine logische Überschriftenstruktur zu nutzen. Bei WordPress kann man auch gezielt nach Templates suchen, die Barrierefreiheit ermöglichen. Damit hat man ein gutes Fundament.

Wenn man dann noch redaktionell daran denkt, bei Texten eine möglichst nachvollziehbare Sprache zu wählen und nicht zu kompliziert schreibt, dann ist auch vielen Menschen geholfen. Zum Beispiel kommen Menschen durch Lernschwierigkeiten mit langen Sätzen nicht gut zurecht.

Oder andere beherrschen die Sprache noch nicht gut genug und einfachere Texte helfen ihnen. Wenn man mit Videos arbeitet, kommt man noch in das Themenfeld der Untertitel für Gehörlose und schwerhörige Menschen.

Eine gute Webseite sollte einfach navigierbar sein, zur Not auch ohne Maus, so dass man mit Tasten überall hinkommt. Auf all diese Dinge kann man achten, wenn man eine neue Webseite erstellt. Das sind die Grundanforderungen an Barrierefreiheit.

Ganz oft ist es eine Frage des Bewusstseins. Man muss sich darauf einlassen. Das nehme ich auch in den sozialen Medien so wahr. Es gibt Menschen, die sehr offen sind und auch Lust haben zu experimentieren. Und es gibt Menschen, die eher mit einer Abwehrhaltung agieren und sagen: Ich habe doch gar keine blinden Abonnent*innen, warum soll ich das denn machen?

Wie reagiert man auf solche Menschen?

Ich erkläre, dass man ja nicht weiß, wohin die Beiträge geteilt werden und es so ja doch sein kann, dass ein blinder Mensch über die Posts stolpert. Oder weiß man wirklich, ob man nicht vielleicht doch blinde oder sehbehinderte Abonnent*innen hat? Kennt man die alle persönlich?

Es ist einfach eine Frage von Teilhabe. Wenn ich zum Beispiel bei Twitter die Timeline durchscrolle, dann ist da immer noch bei neun von zehn Posts keine Bildbeschreibung dabei und ganz oft entgeht mir dadurch der komplette Inhalt eines Tweets, weil im Text auf den Inhalt des Fotos angespielt wird. Ich kann das Foto aber nicht wahrnehmen und verstehe dadurch auch die Anspielung nicht. Oder es werden Witze gemacht, die im Bild aufgelöst werden.

Beispiel für einen Tweet, der ohne erklärenden Alternativtext nicht verstanden werden kann.

Die typischen Memes und solche Dinge?

Ja, genau. Und dann ist es ja nicht so, dass ich bei jedem einzelnen Post nachfrage: Kannst Du mir mal das Foto erklären? Sondern ich gehe darüber hinweg. Oder manchmal ärgert es mich dann auch mal und ich versuche, Menschen über die Funktion des Alternativtexts aufzuklären. Vielen ist sie gar nicht bekannt.

Ich habe auch das Gefühl, Fotos, Bilder und Videos nehmen im Netz immer mehr zu. Es geht vom langen Text immer mehr zu einfach konsumierbaren Fotos.

Ja, das ist auch so. Als ich 2008 angefangen habe zu twittern, war das alles noch sehr textbasiert. Das hat sich im ganzen Internet sehr gewandelt. Das ist auch durchaus eine Chance und schließt Barrierefreiheit nicht per se aus.

Aber es muss dadurch immer neu darauf aufmerksam gemacht werden. Bei jeder neuen Plattform, die entsteht, muss wieder darauf geschaut werden, ob das Thema mitgedacht wird. Und meistens ist es nicht so. TikTok ist zum Beispiel komplett nicht barrierefrei, auch von der Bedienung her schon nicht.

So war es am Anfang auch bei Facebook und Twitter. Diese Funktionen für mehr Barrierefreiheit waren nicht von Beginn an da. Erst als diese Plattformen eine gewisse Breite an Zielgruppen erreicht haben, hat es auch zugenommen, dass blinde und sehbehinderte Nutzer*innen Lösungen gefordert haben.

Und erst dann hat sich Facebook mit den Blinden-Organisationen in den USA ausgetauscht. So etwas kommt in der Regel immer nur durch Druck von außen zustande, denn Barrierefreiheit ist in vielen Bereichen nicht vorgeschrieben.

Als Journalist und in Ihrer Funktion als Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg werden sie öfter fotografiert und nutzen auch selbst Portraitbilder in den sozialen Medien. Was ist ihnen dabei besonders wichtig?

Ja, das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn es ist immer ein gewisses Wagnis, sich als blinder Mensch fotografieren zu lassen. Es ist komplett eindimensional, denn ich kann nicht kontrollieren, wie ich fotografiert werde und kann auch nicht im Nachhinein sagen, ob das Bild mir gerecht wird oder nicht.

Ich sehe es teilweise als Berufsrisiko. Wenn ich in meinen Funktionen irgendwo fotografiert werde, dann muss ich darauf vertrauen, dass das schon irgendwie passt. Wenn Fotograf*innen mit Blinden oder Sehbehinderten oder auch generell mit Menschen mit Behinderung arbeiten, dann finde ich es immer wichtig, dass mit den Abgebildeten darüber gesprochen wird, wie sie dargestellt werden.

Es kursieren doch recht viele Fotos, auf denen die Behinderung sehr in den Vordergrund gerückt wird, auch in der Bildsprache. Zum Beispiel, wenn Menschen im Rollstuhl fotografiert werden, ist der Rollstuhl manchmal ganz groß abgebildet und der Mensch geht unter. Oder es werden in Fotos Stereotypen transportiert.

Ich weiß schon um die Bedeutung und Macht der Fotos. Im journalistischen Bereich kann der Text noch so ausdifferenziert sein – wenn die Fotos nicht dazu passen, ein ganz anderes Bild von Behinderung transportieren und den sogenannten defizitären Blick bieten, dann wird viel kaputt gemacht.

Wir haben ja alle unsere Vorurteile und Einstellungen zu bestimmten Themen. Gerade das Thema Behinderung ist eines, das mit Unsicherheiten behaftet ist. Diese löst man am besten auf, indem man darüber spricht. Dadurch hat man dann auch einen unverkrampfteren und entspannteren Blick beim Fotografieren.

Das Titelbild stammt von Sebastian H. Schroeder. Vielen Dank dafür!

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