20. November 2017 Lesezeit: ~ 5 Minuten

Sogar Feuerwehrmänner

“Papa, does everyone die?”
“Yes, sweetheart. Everyone.”
“Even firemen?”

Dieses Buch handelt von meiner Tochter Lora, die acht Jahre alt ist. Oder vielleicht noch mehr davon, wie sie mich unwissentlich durch eine dunkle Episode aus Angst und Depression begleitete, in der sie manchmal gleichzeitig die Ursache und die Heilung war.

Ich bin ein freier Fotograf aus Amsterdam und interessierte mich ursprünglich für die Straßenfotografie, aber später und durch bestimmte Umstände wurde meine Arbeit persönlicher. Und damit seltsamerweise universeller.

Ein Mädchen im Kinderpool auf einer Baustelle

Ein Kind auf einem Sandberg

Schließlich wurde meine Reise zu einem Buch und jetzt versuche ich, die Veröffentlichung per Kickstarter zu finanzieren. Aber zuerst möchte ich Euch erzählen, wie alles zustande kam.

Im Herbst 2013 geriet ich plötzlich in Panik. Einfach so. Und dann wurde es immer mehr, multiplizierte sich. Tausende von Ängsten, Tausende von schrecklichen Dingen, die möglicherweise passieren könnten, gingen mir durch den Kopf. Und viele dieser Szenarien betrafen Lora, meine damals 4-jährige Tochter. Ich, genauer gesagt mein Gehirn, projiziere lebendig detaillierte, kürzere oder längere Horrorfilme von Dingen, die ihr passieren könnten. Von Verkehrsunfällen bis hin zu willkürlichen Dingen wie etwa, dass sie auf dem Spielplatz tödlich auf den Kopf fällt.

Ein Kind auf einem Fahrrad fährt zwischen Rindern

Ein Kind hängt mit dem Kopf nach unten

Jetzt weiß ich, dass dies den meisten Eltern so geht. Aber nicht den ganzen Tag lang und nicht mit so lebhaften Bildern und den extremen Emotionen, die damit einhergingen. Ich fühlte mich, als würde ich diese Schrecken leben, ohne dass sie jemals geschahen. Ich konnte mich nicht überzeugen, auch wenn ich mir immer selbst sagte: Bleib ruhig, entspanne, das passiert nicht, du reagierst über. Logik hatte keine Wirkung.

So wurde ich zu einem Vater, der egal, was seine Tochter auch tat, „Sei vorsichtig!“ rief. Ich verstand, dass das lächerlich war. Vor allem weil Lora von Natur aus ein vorsichtiges und achtsames Kind war und ist. Sie ist stark und klug und nicht unbeholfen oder unvorsichtig. Sie ist nie von Bäumen gefallen, obwohl sie auf viele geklettert ist. Sie ist nie von ihrem Fahrrad gefallen, töricht in den Verkehr gerannt oder hat das Haus in Brand gesteckt.

Fazit: Ich war es, nicht sie. Und ich brauchte Hilfe.

Ein Zimmer mit Handabdrücken an der Wand

Ein Kind rennt in einem Flur

Währenddessen arbeitete ich als Fotograf und freischaffender Grafiker bzw. versuchte es zumindest. Ich war auch oft bei Lora. Was für mich großartig war… aber anstrengend. Ich litt unter immensen Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit. Ich vermied Freund*innen, Familie und Menschenmassen, während ich mich gleichzeitig isoliert, einsam und deprimiert fühlte.

Ich war nicht der spaßige, freundliche und aktive Vater, der ich sein wollte. Was den Stress nur noch vermehrte. Mir taten Lora, meine Frau, meine Familie und meine Freund*innen leid, die ich nicht mehr anrief.

Gleichzeitig verbrachte ich viel Zeit mit meiner wunderbaren, fröhlichen, lustigen, klugen und liebenswürdigen Tochter. Wir besuchten Orte. Wir hatten Spaß. Wir sind in den Urlaub gefahren. Und ich fühlte mich schrecklich und nicht einmal als die Hälfte der Person, die ich einmal war. Aber als Fotograf hatte ich die meiste Zeit meine Kamera dabei.

Und ich habe Lora fotografiert. Auf eine Art, die nichts mit ihr zu tun hatte. Es ging natürlich um mich. Darum, wie ich mir vorstellte, wie es wäre, sie zu sein. Darüber, welche Sorgen ich hatte, wie sie sich an ihre Kindheit erinnern würde. Wie einsam und dystopisch sie sich fühlen könnte.

Ein Kind mit einer menschengroßen Puppe

Ein Kind in der Nacht vor einem Gewässer

Sie zu fotografieren war therapeutisch. Notwendig. Und auch schön! Langsam und nicht ohne Rückschläge ging es mir besser. Ich habe gelernt – eine offensichtliche Lektion, wie es die meisten Lektionen fürs Leben sind –, dass man zu dem wird, was man wiederholt. Diese Angst war zu meiner zweiten Natur geworden.

Diesen Ängsten gegenüberzustehen und wiederholt zu erfahren, dass sie nicht wahr wurden, half. In gewisser Weise konfrontierte ich meine eigenen Ängste, indem ich Lora fotografierte. Einfach indem ich Zeit mit ihr verbrachte. Es half, Spaß zu haben oder zumindest zu versuchen, Spaß zu haben und manchmal auch nur so zu tun, als ob ich Spaß hätte.

Aber es half. Ich fing tatsächlich an, den zahlreichen Leuten zu glauben, die mir immer und immer wieder sagten, dass es mir gut geht. Dass es Lora gut geht. Und das schon immer.

Buchcover

Die Kickstarter-Kampagne zum Buch läuft noch zehn Tage. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir helft, mein Buchprojekt zu finanzieren.

Dieser Artikel wurde für Euch von Katja Kemnitz aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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3 Kommentare

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  1. Den Zusammenhang zwischen Caspar Claasens persönlicher Situation und den hier gzeigten Fotografien kann ich (aus eigener Erfahrung) sehr gut nachvollziehen. Mich interessiert (wenn es nicht zu persönlich ist), ob es Hinweise oder Anregungen von Dritten gegeben hat. Darüber hinaus: Hochachtung vor dem Mut sich so zu offenbaren.