29. November 2016 Lesezeit: ~ 12 Minuten

Im Gespräch mit Nidal Sher

Was ist Freiheit, was ist Kunst? Warum brauchen wir beides, warum brauchen wir Fotograf*innen? Das alles sind Fragen, die man sich in Europa wenig stellt, weil wir alle in diese Welt, in diese freie Gesellschaft hineingeboren wurden. Wir sind privilegiert, ohne uns dessen bewusst zu sein und noch schlimmer – ohne es zu schätzen. Nidal Sher stammt aus Quetta in Pakistan und lebt und arbeitet dort als freier Künstler, Grafiker und Filmemacher. Seine Welt und seine Gesellschaft sind völlig andere.

Wenn ich mit ihm spreche, seinen Geschichten zuhöre, dann wird mir bewusst, wie unglaublich glücklich ich sein kann, dass ich schreiben darf und zwar, was ich möchte. Nidal lebt in einer Gesellschaft, in der Kunst und Fotografie noch immer ein Tabu sind. Und trotzdem oder gerade deswegen kämpft er jeden Tag dafür.

Mit einer Ausdauer und Leidenschaft und so viel ungebrochenem Mut, dass es mich demütig und sehr nachdenklich werden lässt. Kunst verbindet Menschen, Geschichten und Bilder verbinden Menschen und lassen uns voneinander lernen. Hinter all den Differenzen, den Oberflächlichkeiten und Vorurteilen tut sich eine viel größere und bedeutsamere Gemeinsamkeit auf, wenn wir genau hinsehen und -hören.

Im Jahr 2010 hast Du Dein Studium am National College of Arts in Lahore begonnen, der bedeutsamsten Universität für Künste in Deinem Land. Wie hart waren die Aufnahmebedingungen?

Der gesamte Prozess war ein riesiger Aufwand, ein Abarbeiten von Aufgaben, Prozeduren und Kriterien, der sich über mehrere Wochen zog – aber das war es mir einfach wert. Für mich gab es nur dieses eine College, die einzige Möglichkeit für mich, meinen Traum zu leben und die nötigen Fähigkeiten zu erlernen.

Frau und Baby auf einem Bett

Wie haben Deine Familie und Freund*innen auf Deine Entscheidung reagiert, aus Deiner Liebe zur Kunst, zur Fotografie einen Beruf machen zu wollen? In Deiner Kultur ein mehr als außergewöhnlicher und sehr umstrittener Beruf.

Einige meiner engsten Freund*innen und auch meine Familie hatten mich zum Glück von Anfang an unterstützt. Die breite Mehrheit bestand aber leider aus sehr harschen Pessimist*innen, die mich mit Kritik und Zweifeln – und auch Vorwürfen – überschüttet haben. In ihren Augen habe ich meine Zeit verschwendet und in meinem Land keine Zukunft, keine Perspektive und auch kein Recht, meine Leidenschaft zu leben.

Kritik schlägt hier oft sehr schnell in Hass und Gewalt um, vor einiger Zeit wurde mir meine Kamera auf offener Straße aus der Hand gerissen, zerschlagen und mir selbst ein Messer in den Bauch gerammt, um mir zu zeigen, was man von meiner Kunst hält.

All diese harten, abwertenden Worte und Attacken sind für mich allgegenwärtig und spielen eine große Rolle in meinem Leben – sie treiben mich an. Ich möchte beweisen, wie falsch sie liegen, dass man mir nicht den Mund und meinen Beruf verbieten kann. Und es macht mich über alle Maßen dankbar, dass es trotz allem Menschen gibt, die mir den Rücken stärken.

MännerportraitPortrait eines Jungen

Warum hast Du Dich unter allen Medien für Film und Fotografie entschieden?

Als ich noch ein Kind war, drehte sich für mich alles um die alte Polaroidkamera meines Vaters, die ich anbetete. Durch das kleine Fenster zu sehen und den Auslöser zu drücken, half mir, die Welt um mich herum besser fassen und verstehen zu können. Die Bilder, die ich machte, zeigten mir meine Umgebung aus einer anderen Perspektive, die mich faszinierte.

Ich komme aus einer Gegend, die hauptsächlich aus Bergen und Wüsten besteht, dort lebt man ein sehr einfaches und reduziertes Leben. Diese neue Dimension war wie ein Geschenk für mich. Kameras sind „Myth Making Machines“ für mich, ich kann mich mit ihnen ausdrücken und meine eigene Realität erweitern.

Wie steht es in Pakistan um die Toleranz Deinem Beruf gegenüber, der Kunst und Fotografie?

Die meisten Menschen, die mich in meinem Alltag umgeben, sind sehr rückständig und ungebildet, aber auch einfach meilenweit von der westlichen Welt entfernt. Der Zutritt zu diesen gigantischen Möglichkeiten der Technologie und Moderne bleibt ihnen verwehrt, es fehlt an Schulen und Materialien, aber vor allem auch am politischen Interesse, die Situation der Menschen zu verbessern. Der Wandel kommt sehr langsam und mühevoll und das bisher auch nur in den großen Städten.

Auf einem Fluss mit Bergen im Hintergrund

Womit hast Du als Fotograf in Deinem Alltag denn am meisten zu kämpfen?

Dort, wo ich herkomme, haben die Menschen keinen Zugang und kein Verständnis für Kunst. Das bedeutet, dass mir ein immens hohes Maß an Skepsis entgegenschlägt, sobald ich fotografiere, aber auch Angst und Verstörtheit. Fotografie ist ein Tabu und ich bin ein Revolutionär, auch wenn ich nur den Sonnenuntergang fotografieren möchte. Das kostet viel Kraft.

Aber auch ganz praktische Dinge machen mir das Leben schwer, jeden Tag fällt der Strom für mehrere Stunden aus, meine technischen Geräte hängen immer am Netz, für den Fall der Fälle. Und es gibt so wenige Fortbildungsmöglichkeiten, keine Lehre, kein Equipment. Ich möchte meine Fähigkeiten polieren, lernen und mich entwickeln, aber dazu sehe ich hier in Pakistan keine Chance.

Wie motivierst Du Dich selbst? Rauben Dir diese schwierigen Voraussetzungen nicht jegliche Energie? Welchen Effekt hat das alles auf Deine Arbeit?

Ich bin der erste und einzige Filmemacher und Fotograf in meiner Gegend. Das bedeutet, dass ich jeden Tag damit zu kämpfen habe, den Konsequenzen zu trotzen – ja, das macht müde. Aber es macht mich auch stark und stolz. Ich lasse nicht zu, dass diese ganze Negativität meine Arbeit zerstört.

Zwei Silhouette von Frauen, die sich Haare schneiden

Die Freiheit der Kunst und Presse ist bei uns Teil des Grundgesetzes und tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. In Pakistan ist das anders. Wie riskant ist es, offen als Fotograf zu arbeiten?

Freiheit hat bei uns eine ganz andere Bedeutung. Freiheit bedeutet nicht, dass jeder tun kann, was er oder sie möchte. Es bedeutet, Teil von alten Bräuchen und Regelwerken zu sein, die Stabilität und Sicherheit geben sollen. Redefreiheit gibt es nicht; man hat zu sagen, was von einem erwartet wird. Die Konsequenzen verfolgen mich jeden Tag wie ein Schatten.

Wenn Du Dich zurück erinnerst, was war eine der schlimmsten Erfahrungen, die Du machen musstest?

Ich wünschte, ich hätte nur eine Geschichte zu erzählen, aber es sind Hunderte. Während einer Protestbewegung wurde ich gemeinsam mit Freunden und Kollegen brutal zusammengeschlagen. Unsere Reaktion? Wir besprühten jede freie Wand mit Farbe, um zu zeigen, dass man uns nicht mundtot bekommt. Sie kamen wieder und das ganze Spiel begann von vorn – Schläge, Farbe, Schläge, Farbe…. Für Künstler*innen ist dieser Ort ein einziges Schlachtfeld.

Ein hirte mit Schafen

Was denkst Du, was muss sich ändern, was kann sich überhaupt ändern?

Der schlimmste Feind der Menschheit war schon immer der Mangel an Bildung. Das wird auch immer so bleiben. Bildung macht uns Menschen zu Menschen, sie macht uns human und bietet uns Werkzeuge zum Verstehen. Eine große Revolution kann nur geschehen, wenn die Menschen sich ihrer Umstände bewusst werden.

Was bedeutet Dir Fotografie?

Ich lebe in einem so instabilen Land, inmitten von ideologischen Krisen. Ich möchte der Welt von meiner ursprünglichen Kultur erzählen, von den Menschen, unseren Idealen und Träumen, jenseits der Welle der Gewalt und Repression, unter der wir gerade zu ertrinken drohen. Film und Fotografie hat für mich die Macht, das alles zu zeigen, zu erklären, ohne große Worte. Bilder sind eine universelle Sprache, sie funktionieren weit über Grenzen hinaus.

Zwei Jungen auf der Straße

Wir sind hier gefangen zwischen der rückwärtsgewandten, gewaltverherrlichenden Talibankultur und der schillernden Plastikwelt des Punjabi Cinemas. Nichts von dem spiegelt unser Land und unsere eigentliche Kultur wider.

Versuchst Du, diese verlorengegangene Realität in Deinen Arbeiten sichtbar zu machen?

Ja, ich möchte meinen Teil dazu betragen. Es wäre das Größte für mich, diesen Umbruch mitzugestalten. Ich möchte die Realität abbilden, mit all ihren Facetten, den Unruhen und Katastrophen, aber auch die atemberaubende Schönheit und Unberührtheit meines Landes, meiner Region Belutschistan.

Es gibt so viele Geschichten zu erzählen, so viel Reichtum zu zeigen. Vielleicht verändern meine Arbeiten nicht die Welt, aber ich hoffe, dass sie das Leben der Menschen in meiner Heimat verändern und ein Stück weit verbessern können. Die Wahrheit zu zeigen, das ist mir wichtig, nicht irgendein geschöntes Bild, kein Eye Candy ohne Inhalt.

Umrisse eines MenschenBlick aus einem Fenster

Hast Du ein bestimmtes fotografisches Genre, auf das Du Dich konzentrieren möchtest?

Nein, ich will mich nicht limitieren. Meine Umgebung ist wie eine prall gefüllte Schatztruhe für mich, Kleinigkeiten inspirieren mich, Menschen, Situation und vor allem auch die rohe Kraft der Natur.

Hast Du eine Deiner Fotografien vor Augen, bei der Du sagen würdest: Ja, das war meine beste Aufnahme?

Oh, jede meiner Fotografien ist die beste Aufnahme. Für andere sind sie vielleicht manches Mal gewöhnlich, aber mir bedeutet jeder festgehaltene Moment unglaublich viel. Ich fühle mich sehr mit meinen Arbeiten verbunden. Und vor allem Menschen zu filmen und abzulichten, die noch niemals eine Kamera gesehen haben, das macht mir unglaublich viel Freude. Uns beiden – das sind Momente, die ich festhalten möchte.

Ein Haus aus Lehm

Worin liegt Deine künstlerische Inspiration?

Ganz klar in der Verschiedenheit von uns Menschen, das fasziniert mich unglaublich. Diese kleinen und großen Differenzen, die jede*n von uns ausmachen. Das macht mich neugierig und glücklich, ich möchte es sichtbar machen und herausarbeiten. So viele verschiedene Geschichten, so viele verschiedene Perspektiven. Diese Vielfalt ist ein Geschenk für uns Menschen – und für die Kunst sowieso.

Hast Du ein ganz bestimmtes Motiv im Kopf, ein Gebäude, eine Landschaft, eine Person, die Du gern einmal in Deinem Leben fotografieren würdest?

Die Architektur der Renaissance hat es mir angetan, ich liebe diese opulenten Formen über alles, sie inspirieren mich, gerade weil es so anders ist, als das, was mich umgibt. Mein Traum ist, diese imposanten Gebäude zu fotografieren und sie dann mit den architektonischen Strukturen meiner Kultur zu verblenden. Das wäre ein großartiges Projekt!

Turm mit Vögeln

Landschaft mit Staub

Was hilft einem Fotografen, was hilft Dir am meisten, ein gutes Foto zu produzieren?

Ganz klar mein Instinkt und mein Unterbewusstsein. Ich achte sehr auf diese Impulse.

Was ist für Dich ein gutes Bild, was macht es aus?

Ein gutes Bild macht mich glücklich, dieses Gefühl ist für mich die Definition eines „guten Fotos“. Ein gutes Foto erzählt etwas Großes auf eine sehr simple Art und Weise.

Frauenportrait mit überlagerten BlumenFrau mit Kleid, mit demselben Muster der Wand dahinter

Wenn Du für Dich selbst ein Werk aussuchen könntest, egal was – was würde an Deiner Wand hängen?

Es wäre etwas sehr Realistisches, etwas Wahres, eine Botschaft, die so klar und doch für jeden Betrachter anders ist. Etwas, das völlig losgelöst von Kulturen, ethnischen Gruppen und Sprachbarrieren funktioniert und berührt. Ein Bild, das Menschlichkeit und Frieden zeigt.

Im Moment hängt die Zeichnung eines kleinen Jungen an meiner Wand. Ich liebe sie, weil es das Ergebnis eines völlig unberührten Unterbewusstseins ist, ohne jeglichen Bezug zu Status oder Selbstdarstellung. Sie ist völlig rein.

Seit Nidals Kamera auf offener Straße zerschlagen wurde und ihm somit sein Medium, sein Werkzeug fehlt, konzentriert er sich auf Collagekunst. Momentan sucht er nach einer Möglichkeit, durch ein Stipendium einen Masterstudiengang in Deutschland belegen zu können, da dies in Pakistan nicht möglich ist.

Dieses Interview wurde von Claudia Haevernick auf Englisch geführt und anschließend ins Deutsche übersetzt.

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