Ausschnitt eines Fotos der Serie Dark City Lights von Oliver Raschka
06. August 2015 Lesezeit: ~ 4 Minuten

Urbanes Licht

Mit beginnender Dunkelheit erhellen unzählige künstliche Lichtquellen die Stadt. Dies mag für uns eine Selbstverständlichkeit sein, unser Verhältnis zur Beleuchtung und zur Dunkelheit ist dabei jedoch seit jeher ambivalent.

So besetzen wir einen künstlich angestrahlten Nachthimmel einerseits mit positiven Werten wie Sicherheit, Wohlstand und Modernität. Andererseits werden wir in der Lichterstadt auch mit staatlicher Überwachung, sozialer Ausgrenzung und Kulturverfall konfrontiert.

Stadtlichter in Schwarzweiß. Stadtlichter in Schwarzweiß.

Welche Sichtweise überwiegt, ist oft situationsabhängig und im Zeitablauf unterschiedlich. Dabei geht es um grundlegende Fragen der Ordnung und des Kulturverständnisses unserer Gesellschaft:

Wo verläuft die Grenze zwischen notwendiger städtischer Beleuchtung zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit sowie zur Kriminalprävention und einer totalitären Überwachung sowie sozialen Ausgrenzung durch den Staat? Bietet die extensive Bewerbung von Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten noch einen gesellschaftlichen Mehrwert oder kommt diese durch die Gleichsetzung der Stadt mit einem Konsum- und Spaßtempel einem kulturellen Rückschritt gleich?

Wo soll die Grenze zwischen gewünschter Arbeits- und Freizeitflexibilität in einer Industriegesellschaft und dem naturgegebenen Bedürfnis nach Ruhe und Erholung verlaufen? Welches Ausmaß an ökologischer und ökonomischer Lichtverschmutzung können und wollen wir uns als Gesellschaft leisten?

Vor dem Hintergrund dieser Fragen ist auffällig, dass zwar einerseits die fachspezifische Forschung zu neuen Lichttechnologien, zum Lichtdesign, zur Stadtlichtplanung und ähnlichem jeweils für sich genommen weit fortgeschritten ist, andererseits es aber bislang an fundierten ganzheitlichen Ansätzen mangelt, die die Ambivalenz von urbaner Beleuchtung aus einer integrierten Perspektive heraus betrachten, indem technische, ökonomische, ökologische und soziale Fragestellungen miteinander verknüpft und deren Interdependenzen analysiert werden.

Stadtlichter in Schwarzweiß. Stadtlichter in Schwarzweiß.

Ich denke, dass diese grundsätzlichen Fragen aktueller denn je sind und das nicht nur aufgrund des gerade stattfindenden „International Year of Light 2015“, das von der UNO ausgerufen wurde und weltweit mit zahlreichen Veranstaltungen begleitet wird.

Die Forschung steht hier noch ziemlich am Anfang.

Ausgehend von meinem (beruflichen und privaten) Interesse an sozio-ökonomischen Fragestellungen und der Fotografie im urbanen Raum, stellte sich für mich die Frage, wie eine fotografische Umsetzung zum Thema „Stadtlichter“ aussehen kann, die meiner Art der Fotografie entgegen kommt.

Für meine Serie „Dark City Lights“ bildet der hell erleuchtete Nachthimmel, künstlich angestrahlt durch unzählige Lichter, den Ausgangspunkt. Das Gegensatzpaar Dunkelheit und Beleuchtung steht dabei in Form intensiver Schwarzweiß-Bilder im Fokus. Dabei setzte ich gezielte Unschärfe und Mehrfachbelichtungen vor Ort als Stilmittel ein, um den abstrakten Charakter stärker zu betonen.

Stadtlichter in Schwarzweiß. Stadtlichter in Schwarzweiß.

Die Serie lässt sich nach verschiedenen Schwerpunkten gliedern, die an die grundsätzlichen Fragen anknüpfen, die der Verlust der Nacht mit sich bringt. So sind „klassische“ Stadtlichter, flüchtige Lichtreflexionen, Lichtinstallationen in Schaufenstern und an Gebäuden sowie literarische Leuchtreklamen enthalten. Motiv ist dabei immer der konkrete Gegenstand vor Ort.

Durch die fotografische Reduktion und Verdichtung in Form von Ausschnitten und Mehrfachbelichtungen zeigt sich dann auch eine ganz eigene Form und Komposition dieser – rein formal betrachtet – technischen Anlagen. Die Aufnahmen zu „Dark City Lights“ entstehen seit 2012 im Rahmen nächtlicher Streifzüge insbesondere durch Berlin, Edinburgh, Frankfurt/Main, Mannheim und Stuttgart.

Meine Motivation für diese Serie besteht weniger in der typologischen und abschließenden Dokumentation der Objekte und Aufarbeitung der aufgeführten Fragen. Viel mehr drücken die Arbeiten meine Faszination aus, die die ästhetische Vielfalt einer urbanen Landschaft auf mich hat.

Stadtlichter in Schwarzweiß. Stadtlichter in Schwarzweiß.

Auch wenn der Mensch nicht den Weg ins Bild findet, so bestimmt dieser durch sein Wirken die ganze Szenerie. Die Fotografien sollen Bekanntes in Frage stellen und dem vorbeieilenden Passanten neue Sichtweisen ermöglichen. Dabei habe ich immer meine unmittelbare Umwelt im Blick und versuche, mit neuen Perspektiven Strukturen sichtbar zu machen, die uns in der Gewohnheit des Alltags entgehen.

Das Ergebnis sind Bilder, die Alltagsmotive zur Kunstform erheben, ohne ihre urbane Rohheit zu verlieren, vertraut wirken und doch zugleich neue, spannende Perspektiven auf das gewohnte Lebensumfeld gewähren.

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