Ein Mann liegt am Boden eines Treppenhauses
29. April 2015 Lesezeit: ~10 Minuten

Sündhafte Heilige

Ich bin der Sohn eines muslimischen Vaters und einer streng christlichen Mutter. Die christliche Seite sollte die prägende sein. Aufgewachsen bin ich mit einem beschränkten Weltbild, in einem Käfig aus Moral und Gehorsam. Ich nannte eine Welt mein Zuhause, die mir heute fremd ist und für die ich mich schäme.

Das mag dramatischer klingen als es tatsächlich war. Ich bin in keiner Sekte oder ähnlichem groß geworden. Wenn ich aber über die Ansichten und Werte nachdenke, die ich von meinem Umfeld übernommen und lange vertreten habe, dann erscheinen mir diese drastischen Formulierungen doch angemessen.

Ich bin noch immer ein gläubiger Mensch und sehe mich noch immer als Christ, allerdings interpretiere ich meinen Glauben und dessen biblische Grundlage anders als nahezu jeder Christ, den ich im Laufe meiner Jugend kennengelernt und zu dem ich aufgeschaut habe.

Ich habe lange an bestimmten Ansichten festgehalten, weil ich Angst vor der Verdammnis hatte. Begründet waren diese Ansichten in einem zwiegespaltenen Gottesbild: Der liebende Vater und zugleich der strenge Richter. Zweifeln galt als gefährlich. Ich habe mich lange nicht getraut, dieses inkongruente Bild zu hinterfragen und habe es irgendwann doch getan.

Die Herausforderung, diese Inkongruenz irgendwie zu einem stimmigen Glaubenskonzept zu vereinen, führt oft zu einer Abwärtsspirale, bestehend aus Zweifeln und der Angst davor, sich diesen zu stellen. Das Prinzip der Nächstenliebe ist eines der zentralen Themen des Evangeliums. Als solches ließ es sich für mich irgendwann nicht mehr mit der Ab- und Ausgrenzung anderer Menschen aufgrund von Andersartigkeit vereinbaren. Diese Distinktion ist in manchen religiösen Kreisen aber in ungesundem Maße Realität.

Die permanente gegenseitige Bestätigung des Eigenen als der Wahrheit, wie es in evangelikalen Kreisen üblich ist, geht oft einher mit der von Verdammnis gekennzeichneten Abwertung des Anderen. Innerhalb des in sich gekehrten christlichen Umfelds fällt dieser Umstand kaum auf. Entsprechend stark aber kommt er zum Tragen, sobald jemand von der dort geltenden sozialen Norm abweicht.

Die harsche, obsolet wirkende Ausdrucksweise entspricht dem Welt- und Menschenbild besser als das oberflächlich gesellschaftskonforme Vokabular, in die solche Ansichten heute verpackt werden.

„Liebe den Sünder, aber hasse die Sünde“ ist ein Prinzip, das in vielen Fällen in positiver Art das christliche Verständnis von Nächstenliebe widerspiegelt. Wenn der Stempel der Sünde aber auf menschliche Züge gedrückt wird, die eng mit der Persönlichkeit einer Person verknüpft sind, dient die Formel der Legitimation von Diskriminierung. Dem Gläubigen ist nicht mehr klar, was er nun zu lieben und was zu hassen hat. Ich muss an einen Ausdruck denken, den Charlotte Wiedemann* im Kontext der Debatte um Islamfeindlichkeit verwendet:

Die Unfähigkeit, den Plural zu denken1.

Es scheint bedeutend schwerer zu sein, anderen, die von der eigenen Lebenswelt abweichen, die in Artikel 7 und 18 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formulierten Rechte zuzugestehen, als sie für sich selbst anzunehmen. Dabei wurzeln die Menschenrechte und die zugrunde liegende Idee der unantastbaren Würde unter anderem in der christlichen Idee des Menschen als Gottes Ebenbild2.

Ich denke dabei an die jüngst viel diskutierte Predigt eines Pfarrers, der darin andere Religionen beleidigte und indirekt Gewalt gegen deren religiöse Stätten als gottgewollt zu rechtfertigen versuchte. Das positive Echo, das er teilweise bekam, schockierte mich.

Ein weiteres Beispiel: Mit ihrem Buch „Streitfall Liebe“* wendet sich Dr. Valeria Hinck gegen die Ausgrenzung homosexueller Menschen aus christlichen Gemeinden. Sie argumentiert auf biblischer Grundlage3. Die Notwendigkeit ihres Plädoyers zeigt sich von den Gemeindesälen bis hinaus auf die Straße. In Baden-Württemberg kämpfen christliche und andere Gruppen seit Monaten in regelmäßigen Demonstrationen gegen die Gleichstellung Homosexueller und die Anerkennung von LSBTTIQ-Lebensrealitäten.

Noch immer existieren Diskriminierung und geistiger Missbrauch aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen und Sexualität im Namen der Bibel. Ich vermute, es gibt keine Bibelübersetzung, in der Jesus „Selig sind die Verdammenden“ sagt. Ich lese immer nur von den Sanftmütigen, Barmherzigen und Friedfertigen (Matthäus 5). Publikationen wie die von Hinck oder die Vorträge von Worthaus aber geben Hoffnung, sofern sie an den richtigen Stellen Gehör finden. Sie brechen mit dem vermeintlichen Wahrheitsmonopol.

Ich glaube an keinen Gott, der straft und verdammt, weil Menschen in Status, Glauben, Geschlecht, Sexualität, Abstammung, Persönlichkeit, Einkommen und Lebensentscheidungen nicht dem entsprechen, was andere Menschen als Norm empfinden. Ich glaube an einen Gott, der nicht in das beschränkte Weltbild der Gläubigen passt.

Ein Mann liegt am Boden eines Treppenhauses

Das Foto zeigt eine Zusammenfassung dieser Gedanken. Ein junger Mann liegt am Boden eines Treppenhauses, nach vielen Stufen unten angekommen. Er ist nur notdürftig bedeckt, nicht völlig seiner Scham Preis gegeben. Seine Haltung erinnert mich an Simon Petrus, den Jünger Jesu Christi, der als Apostel und Leiter der Urgemeinde bekannt ist, aber auch auch als der, der am Abend des Todesurteils Jesu leugnet, diesen zu kennen.

Einer Legende nach, die auf unterschiedliche Quellen zurück geht, endete sein Leben mit der Kreuzigung, die auf seinen eigenen Wunsch hin kopfüber vollstreckt worden sein soll. Er soll sich selbst nicht für würdig gehalten haben, den selben Tod wie Jesus Christus zu sterben.4

Mich erstaunt diese Legende, da der Tod am Kreuz ohnehin als eine der grausamsten Todesarten galt. Außerdem war Christus längst nicht der einzige, der auf diese Weise hingerichtet wurde. Ich komme nicht um die Interpretation herum, im selbsterwählten Leiden des Petrus nachhaltige Schuldgefühle zu sehen, die ihn auch nach Jahren des Glaubenslebens noch immer belasteten.

Die Ausrichtung nach einem heute Jahrtausende alten Moralkodex hat scheinbar damals schon nicht richtig funktioniert. Noch weniger Sinn macht es, diesen heute als oberste Instanz zu betrachten und dabei wesentlichere Glaubensaspekte wie Nächstenliebe und Gnade zu vernachlässigen. Es ist ein Leben mit chronischen Schuldgefühlen, dass sich im christlichen Bild vom Balanceakt auf dem Kreuz zeigt, als Brücke zum Himmel über die Hölle.

Schlimm genug, dass Gläubige ihr Leben unter diesem Damoklesschwert verbringen. Der Abgrenzungsprozess führt aber leider oft dazu, dass sich, auf der Seite der Wahrheit wähnend, zu Richtern über die Verdammungswürdigkeit der gesamten Menschheit erhoben wird. Es ist mir ein Rätsel, wie der Glaube an einen Gott, der den Grundsatz „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ über alles andere stellt (Markus 12.31), heute noch Menschen dazu verleiten kann, andere anhand eines engen Moralkodex zu beurteilen und zu verstoßen, wenn sie diesem nicht entsprechen.

Der Blick des Mannes auf dem Foto ist nach oben gerichtet. Er findet sich nicht mit der Angst ab, verdammt zu sein, sollte er bestimmten Normen nicht entsprechen. Er symbolisiert die Hoffnung auf einen Gott, der zu seinen Zusagen steht und der fehlbare Menschen zu einem Leben in Freiheit und gegenseitiger Achtung inspirieren will.

Der Plan für die fotografische Umsetzung fügte sich nach und nach zusammen. Ich wolle meine Petrus-Interpretation visuell mit der Abwärtsspirale verbinden, die ich aus meinen religiösen Erfahrungen kenne. Also ließ ich mein Modell am Boden eines Treppenhauses auf den kalten Boden liegen. Es sollte keine gleichmäßige Wendeltreppe sein, denn der Weg hatte Ecken und Kanten.

Ich fotografierte durch mehrere Stockwerke hindurch. Die Beleuchtung, die das Sinnbild unterstützt, kam vom Oberlicht in der Decke des Hauses.

Abschließend haben wir die Szene kurz gefilmt. Eher spontan entstand die Idee, die Person aufstehen und aus dem Bild gehen zu lassen. Mir fiel erst im Nachhinein auf, wie sehr ich mich mit dieser Szene identifizieren kann: Es reicht mir, ich stehe auf, gehe hinaus und suche nach neuen, kritischen Zugängen.

Rückblickend war mein Vater einer der Gründe für das Aufkeimen einer neuen Auffassung von Glauben in meinem Leben. Als Muslim hatte er nie ein Problem mit meiner Entscheidung, dem Gott der Bibel zu folgen. Ich wünsche mir, dass mehr Christen dem Islam ähnlich wohlwollend gesonnen sind wie mein muslimischer Vater seinem christlichen Sohn.

Innerhalb der christlichen Blase, in der man sich gegenseitig als „Geschwister“ bezeichnet, hat mich die offene Diskriminierung von Menschen erschreckt. Inzwischen befreit von der Annahme, außerhalb evangelikaler Freikirchen gäbe es keine wahren Christen, beeindruckten mich aber auch immer mehr Menschen verschiedenster christlicher Ausprägung, die eine herausfordernde Liebe leben.

Viele dieser Erlebnisse fanden in der Gemeinschaft der Communauté de Taizé statt, einem Ort freundschaftlicher Begegnung zwischen Konfessionen und Religionen. Ich schluckte viele erlernte Vorurteile herunter, bis ich sie irgendwann durchschauen und ablegen konnte. Überführt hat mich dabei oft nur dieser Satz Frère Rogers, dem Gründer der Communauté:

Gott kann nur lieben.

Das Foto ist der Beginn einer Serie über eine persönliche Glaubensreflexion. Inspiriert ist sie von Menschen, deren im Glauben verwurzeltes Engagement ich bewundere. Zum wiederholten Mal lese ich ein Buch der Ordensschwester Ruth Pfau, die seit über 50 Jahren als Lepraärztin in Pakistan tätig ist und den Menschen dort mit Liebe begegnet, ungeachtet von Herkunft und Religion. Sie wirft ein anderes Licht auf die christliche Gemeinschaft und lässt mich wieder erkennen, wie viel gutes Potential in der Botschaft der Bibel liegt.

1 WIEDEMANN 2014: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt. Köln.

2 WETZ 2005: Die Würde des Menschen ist antastbar. Eine Provokation. Stuttgart.

3 HINCK 2012: Streitfall Liebe. Biblische Plädoyers wider die Ausgrenzung homosexueller Menschen. Dortmund.

4 DITTMEYER 2014: Gewalt und Heil: Bildliche Inszenierungen von Passion und Martyrium im späten Mittelalter. Köln.

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43 Kommentare

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  1. Ein politisch korrekter Artikel… ach die bösen Gläubigen …Ich bin anders … Ich glaube du pickst dir nur das was dir passt und verkaufst das als dein Glauben :) ich kenne dich nicht und urteile nicht über deine Kunst sondern finde diesen Artikel einfach nur Bullshit :) entschuldige

    Mfg

  2. Ich glaube, dass dieser Artikel nahezu jeglicher political correctness entbehrt. Darüber hinaus gibt es mehrere Tendenzen im vermeintlichen Einheitschristentum:

    Nehmen wir mal das katholische Denken der Katholiken vor den 1830er Jahren, später unter Dölliger, Loisy, Tyrrell und Newman: Alle verkannt, alle verdammt und alle Freunde irgendeiner Theologie der Nächstenliebe.

    Diese kommt zumindest in den großen Kirchen wieder auf und dass nicht zu unrecht seit der Theologie Bonhoeffers. Mit der kant´schen Wende bestreitet er ein festes Gesetz Gottes. Die Vernunft und der freie Wille haben uns die Möglichkeit eröffnet, Gottes Gesetzen die Verbindlichkeit zu nehmen. Verbindlich ist nur, was für verbindlich gehalten wird (durch Engstirnigkeit, Fanatismus usf.). Genau dieser Theologie wird hier gefolgt, einer Theologie für und nicht gegen den Menschen, einer Theologie, der sich gar ein Nietzsche oder Kierkegaard hätte anschließen können. Gewissermaßen Hoffnung und Nächstenliebe. Das Christentum macht sich nicht durch eine Abgrenzung nach Innen oder nach Außen besser, es macht sich dadurch nur unglaubhaft!

  3. Ich habe nicht ganz soviel Hintergrundwissen was das alles betrifft. Selber bin ich auch aus so einer Glaubensgemeinde raus.
    Und natürlich nimmt man sich das was einem passt und der Rest wird sich irgendwie so hingebogen, dass es einem in den Kram passt. Es gibt nämlich soviel Widersprüchlichkeiten im Handeln der einzelnen Glaubensmitglieder, dass sich das eigentlich gar nicht anders erklären lässt.

    Ich will das aber auch gar nicht groß drauf rumreiten. Viel Schlimmer ist doch, dass genau das bestätigt wird, was der Author hier äußert. Er denkt anders also ist er in den Augen vieler irgendwie kein Gläubiger. Aber kann man wirklich FALSCH glauben?
    Sollte es nicht der Glaube sein, der das Diesseits zu einem besseren Ort macht unabhängig davon wie er aussieht? Denn ein Glaube der andere unterdrückt kann nichts gutes sein.

    (Mein Fragen sind rhetorisch und ich werde mich auf keine Diskussion einlassen.)

    Ich finde das Thema an sich ist ziemlich schwere Kost und auch wenn gut gemeint vielleicht die falsche Plattform für derlei Gedanken.

  4. oje…Religion
    ist glaub ich genauso ein Thema wie WIN und MAC… ;-)

    Ehrlich gesagt war mir der Artikel schon bisschen zu religiös. Ich bin der Meinung das jeder seinen „Gott“ finden muss. Die einen brauchen das Christentum die anderen den Islam dazu. Wenn wir das Ganze mal von oben ganz ganz weit oben betrachten, sind wir alle Mensch, leben auf EINER Erde und das war´s. Ich denke an was man glaub ist egal, solange du mir dir selbst klar kommst ist alles gut.

    Das Thema Religion, führt immer wieder zu Diskussionen, weswegen, finde ich, man es einfach für sich behalten sollte. Was interessiert mich was mein Gegenüber für eine Religion angehört, ich spreche mit dem Menschen der mir gegenüber sitzt und nicht mit der Religion.

    Ich finde den Artikel gut geschrieben, aber das Thema hier bisschen fehlplatziert.

    Schöne Grüße
    Stefan

    • Hallo Stefan,

      deine „leben und leben lassen“ – Einstellung teile ich.
      Das Schöne an der Fotografie ist doch, dass sie sich alles zum Thema machen und zum Instrument kritischer Reflexion werden kann. Kann, nicht muss.

    • Eben, warum gibt es denn so viele Kriege, jeder will dem anderen seinen Glauben aufs Auge aufdrücken…
      Mahatma Gandhi: „Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein.“
      In meinem Freundeskreis sind Muslime, Juden, Homosexuelle und selbst bin ich Christ. Aber die Menschen sind meine Freunde und auch auf meinen vielen Reisen lernte ich Menschen aus aller Herrenländer kennen. Alle sind wir einer Meinung, jeder soll an das glauben was er braucht. Und dafür ist es gut dass es solch eine Vielfalt gibt. Nur der Mensch dahinter kann doch mein Freund sein, egal an was oder wen er glaubt.
      Es wird immer viel in Kunst hineininterpretiert, aber das ist doch gar nicht Sinn der Sache, lassen wir doch den Autor und Künstler etwas zum Werk sagen!

      • Warum nicht, das ist schließlich auch oft ein Thema in Zusammenhang mit Religion genauso wie Krieg.
        In so manchen streng-religiösen Kreisen wird (mit sehr merkwürdigen Methoden übrigens) versucht die Liebe zum gleichen Geschlecht zu therapieren.
        Jeder kann doch glauben was er möchte, solange er einem anderen nicht damit schadet.

  5. chapeau an die redaktion, hier mal einen religiösen text zuzulassen, ich finde es auch grenzwertig allerdings finde ich es prinzipiell gut, auch in meinem denken herausgefordert zu werden…
    ich bin auch ein tief gläubiger mensch und war auch schon traurig darüber, dass in den gemeinden 1. Korinther 13 oftmals nicht gelebt wird (die Liebe ist das höchste…). ich hoffe für dich, du findest eine gemeinde, die so tickt wie du.

  6. Bedauerlich finde ich, dass Du (und ich in Teilen durchaus auch) christlichen Glauben oder evtl. besser die Interpretation des Christlichen Glaubens so erlebt hast, wie ich Deinem Artikel meine entnehmen zu können.
    Ich für mich versuche zwischen den Institutionen (aller Glaubensrichtungen) und der individuellen alltäglichen Praxis zu trennen.
    Menschlich zutiefst Bedauerliches kann man in allen Glaubensrichtungen finden und die Auslegungen Irregeleiteter sind ein Spiegel der menschlichen Vielfältigkeit mit all ihren – eben menschlichen – Kleinkariertheiten und Ängsten.
    Was dem Einzelnen meiner Meinung bleibt ist der Versuch im alltäglich Kleinen immer wieder aufs Neue sein Bestes zu geben, auch und vor Allem zum Zusammenleben mit seinen Mitmenschen. Inwieweit man dabei seinen spirituellen Hintergrund nach aussen darstellt muss jeder selbst wissen

  7. Ich würd ja gerne sagen, scheiß auf „political correctness“…

    Was du geschrieben hast, ist dein Erleben, deine zusammengefasste revidierte Meinung auf Basis einer religiösen Erziehung.
    Und ich weiß absolut, wovon du redest. Vielleicht ist es schwierig für Menschen, die sich für Religion, die Kirche was auch immer, „freiwillig“ entschieden haben, nachzuvollziehen,
    in welcher Situation man da steckt.
    Auch ich kenne jedenfalls das Gefühl, insbesondere in den evangelikalen Freikirchen, in ein Korsett gezwängt zu werden, was mir erstens nicht passt und auch nicht gefällt, gegen das man sich aber kaum wehren kann, wenn man so aufwächst
    – im Laufe meiner Jugend mit Mühe all die (natürlich auf Basis der Bibel) eingetrichterten Vorurteile wieder abzulegen, war gar nicht so leicht.
    Als mir die tatsächlich ! zu Diskriminierung neigende Lehre aufgefallen ist, war das für mich erstrecht ein Grund, das zu hinterfragen.

    Und liegt denn da nicht nahe, an einen anderen Gott glauben zu wollen ?
    Niemand sagt,
    dass dieser Glauben nun das einzig „Wahre“ ist.
    Denn darum geht es doch überhaupt nicht.
    Zumindest sollte es darum gehen, sich selbst zu hinterfragen, was man selbst für richtig hält und nicht blind alles befolgen, was einem die Religion vorschreibt,
    z.b. wenn das das Ausgrenzen einzelner oder ganzer Personengruppen beinhaltet.

    Ich jedenfalls fand den Artikel interessant. ;)

  8. So viel Gedöns über den Glauben. Ich habe das gar nicht zu Ende gelesen, das halte ich nicht aus. Mensch Junge, hier tummeln sich Fotoenthusiasten, die sich ensthaft mit ihrem Hobby auseinandersetzen. Ich weiß nicht was Du noch in dieses Foto hinein interpretieren willst. Hier muss ich an Loriot denken(Sketche über Kunstauslegung) oder „Hurz“…

    Es grüßt Reinhard

    • Der Chris interpretiert das: Nicht sein Foto, sondern seinen Glauben – mit dem Foto.. Das ist der Kern dieses Artikels. Manchmal lohnt es sich, Artikel fertig zu lesen, lieber Reinhard. :)

      Deine Wärme und Geborgenheit

      • Hier zeigt sich aber auch das ganze Problem des Artikels als Tendenz: um Photographie geht es immer weniger, sie wird lediglich als Aufhänger für die Entblößung persönlicher Ansichten genutzt. Würde das Photo, wie behauptet, eine Zusammenfassung der formulierten Gedanken zeigen, so wäre der Wortlaut obsolet. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ – das betrifft auch diesen Artikel im Bezug auf Photographie.

      • Der Zusammenhang ist ganz klar: Die Reflexion des eigenen Lebens- und Leidensweges durch eine Fotografie. Daran können sich viele Leserinnen und Leser ein Beispiel nehmen und inspiriert werden.

        Das Internet ist voll mit bedeutungslosen und nichtssagenden Fotografien ohne Seele. Hier hat jemand sein ganzes Seelenleben in einer Fotografie festgehalten. Und dann auch noch zur öffentlichen Diskussion gestellt. Das zeugt von Mut. Auch etwas, was Fotografen lernen könnten. Ich kann noch viele weitere Zusammenhänge aufzeigen.

        Ein Bild muss nicht mehr sagen als alle Worte, manche Fotos sind mit Worten deutlich zugänglicher und klarer als ohne. Das ist hier der Fall.

      • So einfach ist es dann eben doch nicht. Der Zusammenhang ist leider nicht so klar, dass er semantisch zu nennen wäre. Denn inwiefern ergibt sich ein kausaler Zusammenhang zwischen Kreuzigungsdarstellung auf Treppenhausboden und persönlichen Reflexionen zur komplizierten Perspektivität in Glaubensfragen? Nicht das Werk löst den Diskurs aus, sondern der eigens zur Seite gestellte kuratorische Text, welcher jedoch konzeptionelle Fragen des Werkes gar nicht berührt. Weshalb man durchaus Berechtigung findet, anzunehmen, dass das Werk lediglich als Aufhänger benutzt wird, um über in ihm nicht verwirklichte Themenkomplexe zu sprechen, somit also in die zweite Reihe verschoben wird. Was natürlich nichts durch und durch Schlimmes ist, aber natürlich die Frage manches Lesers nach Deplatzierung aufwirft, welcher der Ansicht war, es handele sich bei Kwerfeldein in erster Linie um ein Magazin, welches Fragen der Photographie behandelt.

      • Hallo „ec“.

        Von einem Zusammenhang kann man durchaus sprechen, denn dieser ist im Text ausreichend erklärt. Von einem kausalen Zusammenhang zu sprechen, ist allerdings falsch. Von Kausalität kann keine Rede sein, da weder Text noch Bild sich aus dem anderen ergeben. Und das muss auch nicht sein. Sie ergänzen sich gegenseitig.
        Die von dir geforderte Art der Fotografie, bei der sich jedes Werk auf den ersten Blick offenbart, finde ich reichlich langweilig.

      • Ja, und eben dieser fehlende kausale Zusammenhang sorgt für schiefe Verständnislage. Ich frage mich, warum ich alles wiederholen muss. Woher du nimmst, dass ich eine Kunst fordere, welche sich auf den ersten Blick offenbart, wird wohl dein Geheimnis bleiben.

    • Laut Petra ist „Glauben … Privatsache“, und Reinhard Ihle vermisst den bezug zur Fotografie.

      Aber: Überzeugende Fotografien werden von Persönlichkeiten, ganzen Menschen (mit der Betonung auf ganz) geschaffen, und wir alle sind auch von Religion geprägt, ob wir wollen oder nicht. Allein schon deswegen lohnt sich die Auseinandersetzung auch mit der Religion, denn auch diese kann das Bildschaffen prägen. Viele, und oft die besten, Fotografen haben eine Grundeinstellung, die ihr Schaffen prägt, ich erinnere nur an William Eugene Smith.

      Und ich fand den Artikel lesenswert – meine Hochachtung vor der Redaktion, die ihn veröffentlicht hat.

    • Falsch. Glaube ist immer politisch. Und öffentlich. Ein Glaube, der nur im eigenen Wohnzimmer stattfindet, ist vielleicht ein religiöses Gefühl, aber kein Glaube. Glaube passiert immer in Beziehung zu anderen Menschen. Es gibt keinen Glauben „nur für mich“ … das ist dann vielleicht eher eine persönliche Einstellung oder Haltung. Aber ein Glaube mündet immer in sicht-, spür, fühlbaren und reflektierbaren Handlungen, wenn er das nicht tut, ist er quasi nicht existent.

      Zitat von Torsten Hebel, einem Schauspieler mit eigener sozialer Brennpunktarbeit in Berlin: „Ein Glaube, der nicht dient, dient zu nichts.“

      Ich finde es mutig von Chris, sich mit seiner Person und seiner Geschichte so öffentlich zu stellen. Das bietet Reibungsfläche und Anknüpfungspunkte für jeden Leser – und inspiriert dazu, Fotografie für die Reflexion des eigenen Lebens zu verwenden.

      Und wer die Auseinandersetzung damit ablehnt, ist ja nicht gezwungen zu lesen. Die Überschrift sowie das Foto offenbaren schon die Richtung des Artikels.

  9. Danke, spricht mir arg aus dem Herzen. Hatten auch Valeria Hinck bei den Jesusfreaks Stuttgart zu Gast. War sehr interessant, wobei ein paar Auslegungen auch viel Spielraum lassen. Danach haben wir übrigens auch kritische Fragen anderer Gemeinden dazu erhalten, wie man denn unsere Einstellung dazu einschätzen müsste..
    In Summe bin ich persönlich davon überzeugt, dass wir es sind, die Gottes Gnade kleiner machen als sie ist. One day we’ll see..! Thx! Sehr gelungene Darstellung.

  10. Albert Schweitzer: Es gibt keine ewige Verdammnis, es gibt nur ewige Erlösung :)

    Danke für diesen großartigen Artikel!

    P.s.: Wenn du auf der Suche bist: Die Ehrfurcht vor dem Leben von Albert Schweitzer könnte dir glaube ich gefallen…

    LG

  11. Da Fotografie alle Themen des Lebens und Alltags bedient, so ist es auch legitim die Religion in Bezug zur Fotografie thematisch zu setzen.

    Der Text stellt für mich eine gelungene Reflexion dar, die sich ausbildet in der Darstellung durch das Bild – das Bild wiederum findet in der textlichen Beschreibung seine Erklärung.

    Lesen, schauen, nachdenken und begreifen bilden hier eine Einheit.

    Für mich ein geistig und thematisch durchdrungenes und künstlerisch gut umgesetztes Werk!

    LG, Martin

  12. Interessanter Text zu diesem Foto; somit erklärt sich mir doch einiges.

    Erschreckend finde ich, wie „eng, vorurteilsbehaftet, kleingeistig, spießig…“ in vielen Familien, auch heute noch, gelebt und „erzogen“ wird. In anderen wiederum „weltoffen, frei, neugierig, diskussionsfreudig…“. Während erstere sich in ihrer Pubertät oder Studienzeit erst einmal freischwimmen, und dies dann als große Errungenschaft erleben, reiben sich die anderen verwundert die Augen über so viel „gehypte“ Normalität.

    Wenn Du schreibst:“Es ist mir ein Rätsel, wie der Glaube an einen Gott, der den Grundsatz „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ über alles andere stellt (Markus 12.31), heute noch Menschen dazu verleiten kann, andere anhand eines engen Moralkodex zu beurteilen und zu verstoßen, wenn sie diesem nicht entsprechen“, dann liegt das, meiner Meinung nach, genau an dem oben von mir Gesagtem.
    Nicht Gott, oder „die Religion“ geben diesen Moralkodex vor, sondern ausschliesslich diejenigen, die ihn entsprechend interpretieren.
    Wie heißt es schon im Talmud: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern so, wie wir sind.“

    • Hallo Michael.
      Es finden sich tatsächlich einige Arbeiten, in denen sich FotografInnen mit persönlichen Themen fotografisch auseinandersetzen. „Selfies“ dagegen eher weniger.

      Das Phänomen „Selfie“ wird in einem kürzlich erschienenen Artikel kritisch betrachtet. Nur als Anmerkung, das Thema scheint dich ja zu bewegen.

  13. Ich danke ebenfalls für den Artikel und fühle mich bestätigt, mich mit meinem Glauben öffentlich zeigen und auseinandersetzten zu dürfen.
    Als Christ weiß ich, dass mein Glaube für andere häufig unverständlich und oft befremdlich wirkt und dennoch kann ich es nicht lassen mich mit ihm auseinanderzusetzen und zu zeigen. Es ist geradezu notwendig.
    Schöne Bild und interessantes Video.

    LG, Dorothea

  14. Meiner Meinung nach ist der Glaube an sich schlecht.
    Ich habe den Koran, das alte sowie das neue Testament gelesen, bin kein Christ und auch kein Muslim, sondern gar nichts (was den Glauben betrifft).

    In allen drei Bücher findet man pure Gewalt, Hass, Verfolgung von Andersdenkenden usw.
    Man findet jedoch auch Liebe, was unbestritten ist.

    Trotzdem funktioniert Religion meiner Meinung nach mit Angst schüren und missionieren, was ich falsch finde.

    Vielleicht bin ich einfach zu wenig intelligent um die Texte zu verstehen und interpretiere diese falsch, für mich ist Religion im herkömmlichen Sinn ein absolut wertlos.