Ein Stapel Foto-Bücher und Bände sitzen auf einem älteren Sessel.
01. März 2015 Lesezeit: ~8 Minuten

Die 5 Fotobücher des Monats

In den letzten Wochen habe ich mich mit Designer-Kollegen über den wohlbekannten Satz „Print ist tot“ unterhalten. Dabei fiel mir auf, dass Bildbände alles andere als irrelevant geworden sind. Insbesondere dann, wenn es echte Unikate sind, die in der Herstellung einer besonderen Behandlung unterzogen wurden.

Ich bin zwar als Herausgeber von kwerfeldein definitiv der Meinung, dass das Internet der zukunftsweisende Ansatzpunkt ist, sich Informationen zu beschaffen oder inspirieren zu lassen. Dem entgegen steht der blühende Markt der Fotobücher und -bände (dem übrigens vom Internet zu seinem Status verholfen wurde), den ich eigentlich nie aus dem Auge verloren habe.

Natürlich spielt meine subjektive Wahrnehmung des gedruckten Mediums eine Rolle, was auch der Grund dafür ist, dass ich mich für eine Buchserie hier im Magazin stark gemacht habe. Wenn ich an fotografische Inspiration denke, dann stelle ich mir nicht irgendwelche Webseiten, sondern dicke, hochwertig produzierte Fotobände vor.

So habe ich auch diesen Monat eine handverlesene Sammlung der für mich wichtigsten Fotobände aus dem Monat Februar zusammengestellt. Und – darf man das sagen? – ich liebe diese Sammlung ganz besonders. Denn keiner der in den Bänden vorgestellte Künstler arbeitet mit ausgedienten oder gar dekadenten Methoden.

 

Buchcover von „History“.

David Levinthal: HISTORY*

Politische Ereignisse werden heute so visualisiert: Ein Fotojournalist ist vor Ort und macht zum richtigen Zeitpunkt das Bild, das ein Ereignis in seinem Kern widerspiegelt. Dieses wird dann an Nachrichten-Agenturen verteilt und publiziert.

Eine unkonventionelle und dem diametral entgegenstehende Arbeitsweise ist die von David Levinthal. Er fotografiert nämlich keine Szenen, sondern Spielzeugfiguren, die einen geschichtlichen Hergang nachstellen.

Levinthal ist jedoch kein Newcomer. Schon 1977 publizierte er mit Hitler Moves East* den ersten Band, in dem er Kampfszenen des Zweiten Weltkrieges nachstellte und somit sowohl Nähe als auch Distanz zu den Geschehnissen schafft. Seither hat er eine ganze Reihe zeitgeschichtlicher Bände produziert.

Levinthals Arbeit ist deshalb so einzigartig, weil er stets den historischen Moment darzustellen versucht und über die Jahre zu einem der profiliertesten Künstler des doch selten bedienten Genres der Miniatur-Fotografie herangewachsen ist.

Am Zenit seines Wirkens angekommen, veröffentlicht Levinthal nun mit „History“ einen 182-seitigen Band, der im Verlag Kehrer erschienen ist. Und damit deckt er erstmals kein fest eingerahmtes Zeitgeschehen ab, sondern bedient sich unterschiedlichster Geschehnisse der vergangenen Jahrzehnte. Übrigens: Die Aufnahmen Levinthals werden nicht selten für Bilder „echter“ Begebenheiten gehalten.

Informationen zum Buch
Gebundene Ausgabe: 182 Seiten
Verlag: KEHRER Heidelberg
Größe: 28,3 x 24,1 cm
Preis: 39,90 €

 

Buchcover des Bandes „European Portrait Photography since 1990

European Portrait Photography since 1990*

Bleiben wir beim Thema Zeitgeschichte. Wenn wir nachvollziehen möchten, wie Menschen vor Jahren gelebt haben, eignen sich Portraits von Menschen aus dieser Zeit hervorragend. Kleidung, Frisuren und – wenn Menschen im alltäglichen Kontext gezeigt werden – wohnungsgestalterische Normen des täglichen Lebens sprechen Bände und gewähren einen Blick hinter die Kulissen dessen, was im Grundwissen über eine Epoche verankert ist.

Und wer noch in der Lage ist, den Blick hinter den Blick zu werfen, wird erkennen, mit welchen (Stil-)Mitteln zur jeweiligen Zeit portraitiert wurde. Mit Blitz? Frontal? Viel Unschärfe? Idealisierend? Kritisch? Das ist die fotografische Ebene, die mindestens genauso interessant sein kann, wie das, was auf den ersten Blick gegenständlich im Bild zu sehen ist.

Die Kunsthistoriker Frits Gierstberg und Till-Holger Borchert begaben sich zum Jubiläum des Mauerfalls auf die Suche nach Fotografinnen und Fotografen, die mit ihren Werken das europäische Gesicht aufgenommen haben. Und die Suche wurde belohnt: Über 40 Portraitisten erzählen mit 150 Farb- und 50 Schwarzweißabbildungen ihre Geschichte des vereinten Europas, unter anderem bekannten Namen wie Anton Corbijn und Jürgen Teller.

Informationen zum Buch
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Verlag Prestel
Größe: 23,5 x 31,5 cm
Preis: 49,95 €

 

Buchcover der Lektüre „It’s what I do“

It’s What I Do*

Das genannte Buch ist kein Bildband, sondern die Autobiografie der Kriegsfotografin Lynsey Addario, deren Leben sich nach dem 11. September 2001 wie das so vieler Menschen auf drastische Weise veränderte. Auf satten 368 Seiten schreibt die Fotografin darüber, wie es ist, auf dem Kriegsfeld mit der Kamera zu stehen, von Leid und Tod umgeben zu arbeiten.

Insbesondere eine Tatsache macht dieses Buch so interessant: Addario hatte es als Frau in einem von Männern dominierten Fotojournalismus nicht leicht. An diesem Punkt drückt sie in der Retrospektive kein Auge zu, sondern legt den Finger in die Wunde. Sie spricht die Dinge an, die es ihr als Frau schwer gemacht haben, als Fotografin Fuß zu fassen.

Somit sind es nicht nur die dramatischen bis krassen Szenen vor Ort in Afghanistan, Irak und dem Kongo, sondern auch die schwierigen Umstände mit Fotoeditoren und Vorgesetzten, von denen Addario ehrlich und ungeschönt berichtet.

Doch diese Frau hat all das überstanden und sich gegen ein bequemes Leben zuhause entschieden – sie wurde übrigens einmal gekidnappt und beinahe getötet. Gerade deshalb strotzt dieses Buch nur so vor Mut, den die Fotojournalistin sich zu eigen gemacht hat.

Es ist also kein Wunder, dass die Lektüre innerhalb kürzester Zeit Anerkennung bekam und es auf die NYTimes-Bestseller-Liste schaffte. Zweiffellos eine Leseempfehlung.

Informationen zum Buch
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Penguin Press
Größe: 16,7 x 2,8 x 24,4 cm
Preis: 28,27 €

 

Buchcover des Bandes „Mountain Photographs“

Vittorio Sella: Mountain Photographs*

Immer dann, wenn zeitgenössische Landschaftsfotografie aufgrund ihrer Omnipräsenz zu langweilen droht, kann ein Blick in die Anfänge derselben für frische Inspiration sorgen. Das beste Beispiel hierfür sind die Dokumentationen des italienischen Alpinisten Vittorio Sella.

Er war der erste Fotograf, der mittels des Nassplatten-Kollodium-Verfahrens die Herrlichkeit der alpinen Bergwelt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte – und wird bis heute als einer der bedeutendsten Landschaftsfotografen gehandelt. Sella bildete nicht (nur) in sachlich-wissenschaftlicher Manier ab, sondern zeichnete sein künstlerisches Talent in die Aufnahmen der Gebirgswelten mit ein.

Nun ist in Zusammenarbeit mit der Sella-Stiftung ein Fotoband erstellt worden, der die Arbeiten um die Jahrhundertwende – genauer: der Jahre 1879 bis 1909 – auf 240 Seiten präsentiert. Und das nicht auf engstem Raum, was die satten Maße der Publikation deutlich machen: 29 x 2,7 x 35 cm. Diese erscheint in viersprachiger Edition, wobei Deutsch leider nicht darunter ist.

Informationen zum Buch
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Lanoo Books
Größe: 29,7 x 2,7 x 35,6 cm
Preis: 60,06 €

 

Cover des Bildbandes „Theater Of War“

Theater of War*

Wie „History“ nähert sich Theater of War zeitgeschichtlichen Ereignissen indirekt. Wie der Titel verrät, handelt es sich um Kriegsereignisse und die Fotojournalistin Meredith Davenport dokumentierte diese im Rahmen der zunehmend populär werdenden Rollenspiele. Diese empfinden Begebenheiten der US-Kriegsgeschichte nach und zwar mit der Intention, dies so realistisch wie möglich zu tun.

So wirken die Aufnahmen Davenports kein bisschen gestellt oder gar gespielt, was in vielen Fällen zu Irritaionen seitens der Betrachter führen kann. Der Umstand, dass unter den Rollenspielern auch ehemalige Soldaten und solche, die es einmal werden wollen, sind, verstärkt diesen Eindruck des Abstrusen.

Doch die Arbeit der Fotojournalistin ist keineswegs allein polarisierend, sondern auch sozialwissenschaftlich motiviert. Kriegsrollenspiele geben Beteiligten die Möglichkeit, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und sich in Menschen hineinzuversetzen, die im „echten Krieg“ ihr Leben auf’s Spiel gesetzt haben.

Da viele Rollenspiele anhand von Nachrichtenfotos reproduziert werden, stellt die Studie Davenports auch den gesellschaftlich Umgang mit Kriegsereignissen auf spielerischen Ebenen heraus. Wenn also eine Menge Männer in Northern Virginia die Jagd nach Osama Bin Laden nachspielt, handelt es sich um weit mehr als nur Gewaltverherrlichung.

Der Band „Theater of War“ zeigt anhand von 40 Farbaufnahmen den Alltag der Rollenspieler und die Fotos sind mit Essays unterschiedlicher Journalisten gespickt, die auch den Einfluss der visuellen Medien diskutieren.

Informationen zum Buch
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Intellect (UK)
Größe: 22,9 x 1,5 x 22,9 cm
Preis: 43,37 €

 

Habe ich ein Buch vergessen, das Eurer Meinung nach unbedingt verdient hätte, hier gelistet zu werden? Na dann: Haut mir ruhig auf die Finger. Schließlich werde ich nie und nimmer den kompletten Buchmarkt überblicken können, daher sind Eure Ergänzungen äußerst willkommen.

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