09. Juli 2013 Lesezeit: ~15 Minuten

kwerfeldein diskutiert: Ein gutes Foto braucht ein gutes Motiv! Oder?

Ich (Normen) erlebte vor einiger Zeit eine Situation, in der eine Großmutter beim Betrachten eines Fotos ihres Enkels Folgendes äußerte: „Das ist aber ein schönes Foto!“ In diesem Moment wurde mir klar, dass die Großmutter nicht das Foto schön fand, sondern nur das Motiv. Aus dem schönen Motiv wurde ein schönes Foto.

Mir stellte sich dann die Frage: Kann man eigentlich in der Beurteilung von Fotografien eine Grenze zwischen dem Foto als Endprodukt und dem Motiv ziehen? Sicherlich, denn nicht jedes gute Motiv führt am Ende zu einem guten Foto. Wenn es so etwas wie ein gutes Motiv geben sollte, können dann dennoch gute Fotos aus einem scheinbar schlechten Motiv entstehen?

Ich möchte einfach mal die Runde eröffnen und frage Euch: Welche Voraussetzungen muss ein gutes Motiv erfüllen?

Martin: Ich finde es persönlich sehr schwer, ein gutes Motiv als solches zu definieren, denn so löse ich es zu sehr aus dem Kontext, in dem es steht. Ein Würfel mit einem Meter Kantenlänge wirkt vor einem großen Wasserfall ganz anders als in einem weißen Raum – und das ganz ohne Wertung. Außerdem spielen hier vor allem unsere kulturell und familiär geprägten Präferenzen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und wie im obigen Beispiel zu erkennen, kann das einfach nur auf der Beziehungsebene passieren. So viel zur Theorie.

In der fotografischen Praxis auf der Straße erlebe ich jedoch täglich, wie ich aktiv selektiere. Wen fotografiere ich und wen nicht? Für mich sind meistens die Menschen am interessantesten (= ein gutes Motiv), die aus der Masse herausstechen und ungewöhnlich im Rahmen des Gewöhnlichen auf meine Sehgewohnheiten wirken.

Robert: Ein Foto kann technisch gut umgesetzt, aber inhaltlich banal sein und umgekehrt ist natürlich ein auffälliges Motiv allein noch kein Garant für ein gutes Foto.

Darüber, was ein Motiv sein kann, entscheidet zunächst einmal der Fotograf. Seine Motivation mag ein persönlicher Bezug zu dem sein, was er fotografieren möchte. Wer das Foto anschließend betrachtet, kann allerdings eine ganz andere Sichtweise haben, weil er eine andere oder vielleicht gar keine Beziehung zum Motiv hat. Insofern stelle auch ich es mir sehr schwierig vor, ein Foto und sein Motiv nach objektiven Gesichtspunkten als gut zu beurteilen.

Sebastian: Mit dieser allzu subjektiven Ebene wäre ich vorsichtig, Robert. Ein gutes Foto ist ein gutes Foto, ich glaube schon, dass man das halbwegs objektiv bewerten kann. Das Motiv ist einerseits eine ganz andere Ebene, andererseits aber auch nicht vom Bild zu lösen.

Ich denke da immer an Literatur bei dem Kontext. Die besten Bücher sind oft die, in denen oberflächlich gar nicht viel passiert und sich die Handlung eher in Gedanken und Assoziationen abspielt und sich um Dinge dreht, die jeder kennt wie etwa Liebe und Tod.

Soll heißen: Ich denke, das Motiv muss gar nicht spektakulär oder außergewöhnlich sein, um es in einem überraschenden und neuen Kontext zu zeigen, der beim Betrachter viel mehr auslöst als ein totales Actionsuperdupermotiv, das langweilig fotografiert ist. Insofern würde ich fast sagen: Eher banale Motive ergeben oft die stärksten Bilder, wenn sie gut fotografiert sind.

Normen: Da fällt mir sofort Andreas Gursky und seine Fotografie „99 cent“ ein. Vollgepackte Regale in einem Supermarkt würden die meisten Fotografen vermutlich nicht als lohnenswertes Motiv in Betracht ziehen. Gursky tat es und es entstand eine der berühmtesten Fotografien der Welt.

Ich würde deshalb sagen, dass, wenn in der Fotografie vom Motiv gesprochen wird, allein der Fotograf entscheiden kann, ob es gut ist oder nicht. Ohne eine positive Abwägung des Fotografen ist die Entstehung eines guten Fotos nicht möglich.

Martin: Moment mal. Im Falle des reinen Fotoliebhabers, der aus reiner Zuneigung zu seinem Sujet fotografiert, mag das stimmen. Steigen wir jedoch mal in die professionelle Ebene ein, in der Kunden ein ganz bestimmtes Motiv in einem ganz bestimmten Kontext haben. Dann entscheidet eben nicht mehr der Fotograf allein, was gut ist und was nicht. Und im Ernstfall gibt es eben keine Kohle.

Und wenn wir jetzt mal einen Schritt zurück gehen und noch einmal den Fotoliebhaber ansehen, dann hat auch er einen Kunden, denn niemand (bis auf ein paar Ausnahmen) fotografiert nur für sich. Jede und jeder hat eine Absicht und jeder möchte irgendetwas erreichen. Und sei es selbst eine schockierte Ablehnung seitens der Betrachter. Wenn der Fotograf oder die Fotografin exakt das erreichen wollte, dann war das Foto – und somit auch das Motiv – gut.

Sebastian: Sehe ich überhaupt nicht so. Da kommen wir aber jetzt schnell an die Trennung von künstlerischer und kommerzieller Fotografie und wie (wenn überhaupt) das am Ende wirklich gut zusammengeht. Im Gegenteil ist es meiner Meinung nach gerade in der künstlerischen Fotografie so, dass man den „Kunden“ (in dem Fall das Publikum oder die Galerie oder den Sammler) beim Machen des Bildes so weit wie möglich außen vor lassen sollte. Wenn Du Dein Publikum schon im Entstehungsprozess mit reinrechnest, dann geht das leider oft übelst daneben.

Bei der kommerziellen Fotografie ist es dann genau anders herum. Du kriegst Dein Motiv vorgegeben (oder hast ein Motiv, das Du immer fotografierst und von dem Du weißt, dass es das Publikum kauft) und tobst Dich eben anderweitig kreativ aus. Aber braucht ein gutes Foto jetzt eigentlich auch ein gutes Motiv? Ich denke das immer noch nicht, für mich kann man aus jedem Motiv ein gutes Foto machen.

Normen: Ich fasse das mal kurz zusammen: Wir müssen in unserer Diskussion zwischen verschiedenen Grundlagen der Beurteilung unterscheiden. Zum Einen gibt es einen Unterschied zwischen künstlerischer und kommerzieller Fotografie und zum Anderen die unterschiedliche Beurteilung des Motivs durch Fotograf und Betrachter.

Deshalb könnte man jetzt wieder den Geschmackshammer rausholen und die Diskussion an dieser Stelle beenden. Machen wir aber nicht, denn in der Beurteilung eines Fotos kann es meiner Meinung nach eigentlich immer nur eine Person geben: Den Betrachter, unabhängig davon, ob er Kunde, Fotograf oder was auch immer ist. Es kann ja schließlich nicht das Ziel sein, ein Foto für allgemeingültig gut zu erklären.

Wie ist das bei mir? Wenn ich ein Motiv nicht mag, dann kann die Fotografie zwar technisch sehr gut sein und ich kann auch der Allgemeinheit zugestehen, es gut zu finden, persönlich lasse ich es aber nicht an mich heran und demnach würde es bei mir auch nicht in die Kategorie „gut“ fallen.

Robert: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, weshalb man fotografieren sollte, was man nicht mag. Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.

Selbst, wenn es sich um einen schwierigen Auftrag handelt, muss man sich auf irgendeiner Ebene einen Zugang verschaffen, sonst produziert man doch für die Mülltonne und zur eigenen genauso wie zur Unzufriedenheit des Kunden.

Um mal auf die Beurteilung der Fotos zurückzukommen: Ich denke, man sollte im Blick haben, welchen Zweck das Bild erfüllen soll. Irgendeine Referenz braucht es für die Beurteilung doch immer, denn genauso wie ein Mensch ist auch ein Foto keine Insel.

Was mich sehr interessiert, ist, zu betrachten, wie und warum manche Bilder sich medial rapide ausbreiten und kollektiv anklingen.

Sebastian, was in Bezug darauf Deinen Standpunkt einer möglichen objektiven Bewertbarkeit angeht, möchte ich gern ein Beispiel für ein kollektiv als gut befundenes Bild herbeiziehen.

Manch einer kennt es sicher, die Rede ist von der Vogelperspektive von Iwan Baan hinunter auf das nächtliche Manhattan nach dem großen Sturm im vergangenen Jahr. Während die umliegenden Teile der Stadt noch aufleuchten, liegt der vordere Teil der Halbinsel aufgrund eines massiven Stromausfalls im Dunkeln.

Warum hat dieses Bild solch eine Durchschlagkraft entwickelt? Die Ursache liegt sicherlich darin, dass sich diejenigen, die es gesehen haben, sofort in irgendeiner Weise damit identifizieren konnten. Sagen wir, es ist vielleicht die natürliche Angst von uns Menschen vor dem Untergang oder vor etwas, das stärker ist als wir.

Das Foto hat also einen unverkennbaren Symbolcharakter, vielleicht auch, weil es schon vielmals vorher fotografiert wurde. Aber eben noch nie so und in diesem Zusammenhang.

Es ist unbestreitbar ein gutes Foto, weil es etwas anklingen lässt, was im kollektiven Gedächtnis steckt. Ich wäre hier dennoch vorsichtig, denn Konsens im kollektiven Gedächtnis lässt sich allzu leicht mit Objektivität verwechseln.

Genauso wie die Entscheidung für ein Motiv höchst subjektiv ist, bleibt meiner Meinung nach auch die Betrachtung und Beurteilung des Fotos eine höchst subjektive Angelegenheit.

Martin: Und ist genau diese Spannung nicht das, was es heute so schwer macht, zu beurteilen, was ein gutes Foto ist? Dieses Alles-oder-nichts? Die vielen verschiedenen Faktoren? In diesem Chaos wird es immer schwer bleiben, ein Foto und auch ein Motiv nach gut oder schlecht zu kategorisieren. Ich denke, wir sind in diesem Gedankenkarussell nicht allein, denn es wird sicher vielen anderen, die fotografieren so gehen wie uns.

Ein wichtiger Maßstab ist jedenfalls – und daran hat sicher niemand einen Zweifel – der eigene Geschmack. Doch mit jedem weiteren Maßstab, der unvermeidlich dazukommt – sei es nun ein Kunde, die Verwandtschaft oder die Community des Internets – wird es um ein Vielfaches komplexer.

Jedoch ist meiner Meinung nach ein einziger dieser Maßstäbe nicht per se als der entscheidende zu betrachten, denn immer dann fallen wir vom Pferd in die Drecksgrube namens Pauschalisierung, die stets ein Stück Kuchen für das ganze Ding hält.

Es kommen stets viele Faktoren zusammen und dazu gehört eben auch (nicht nur) das Motiv. Das Motiv entscheidet, was im Bild zu sehen sein wird und der Fotograf entscheidet, wie es zu sehen sein wird.

Robert: Aber machst Du denn ein Foto immer erst dann, wenn Du vorher abgewogen hast, ob es gut sein könnte? Da wirste ja verrückt! Ich denke, man muss einfach Lust auf das haben, was man fotografiert, das reicht schon völlig aus.

In sofern gebe ich Dir mit dem Geschmack ein bisschen recht, Martin, obwohl ich es lieber Interesse nennen möchte. Ob das eigene Interesse dann mit Bildern des kollektiven Gedächtnisses deckungsgleich ist (vorausgesetzt, dass einem das überhaupt wichtig ist), ist eine andere Frage – eine der richtigen Intuition.

Sebastian: Ich mache eigentlich auch die Bilder immer erst, wenn ich vorher abgewogen habe, ob es gut werden könnte, Robert. Ich verstehe aber auch die andere Richtung. Aber rumlaufen und Motive „entdecken“ und dann erst einmal überlegen und werten, ob und wie das ein gutes Bild sein könnte, egal, ob man einen persönlichen Bezug dazu hat oder nicht, gehört für mich auf jeden Fall zum Fotografieren dazu.

Vielleicht ist diese Motivauswahl auch eine gute Art, um der Ausgangsfrage näherzukommen: Vielleicht braucht ein gutes Foto ja nicht unbedingt ein gutes Motiv, aber einen Fotografen, der sein Motiv sehr gut aussucht.

Da kann man natürlich so Konsensmotive nehmen, die immer gehen (Katzenbabies!) und hat dann sicher ein populäres Foto, das sich weit verbreitet, aber ein gutes Foto ist es deswegen ja noch lange nicht, um auf dieses Manhattan-Bild zurückzukommen.

Mir sagt das irgendwie nicht viel, mal davon abgesehen, dass es natürlich ’ne tolle Perspektive ist und es auf dem Cover mit der Typografie schick aussieht und journalistisch sicher eindrucksvoll ist. Aber ist das ein gutes Foto? Ich weiß nicht. Es ist eher so ein Kleinster-gemeinsamster-Nenner-Foto der Zeitgeschichte.

Normen: Mich haut das Manhattan-Foto auch nicht aus den Latschen, aber in dem Bewusstsein des ereignisreichen Zusammenhangs ist es durchaus ein gutes Foto. Das unterstreicht, dass ein gutes Foto oftmals mehrere Dinge braucht. Manchmal sagt uns das Motiv nichts oder es erscheint auf den ersten Blick trivial, sobald aber eine Entstehungsgeschichte bekannt ist, kann das Motiv eine interessante Wirkung auf den Betrachter haben.

Auf die gleiche Weise kann sich die Beurteilung eines Fotos auch im Laufe der Zeit verändern. Ein Foto, welches heute eher unbedeutend erscheint, kann für nachfolgende Generationen ein wichtiges Foto sein.

Am Ende steht auch hier der Betrachter und dieser kann im Laufe der Zeit ein und dasselbe Foto unterschiedlich bewerten. In meinen Augen zeigt das, wie schwierig es ist, ein Foto oder Motiv für gut oder schlecht zu halten.

Robert: Ganz genau.

Martin: Werden wir doch mal praktisch: Was ist für Euch ein schlechtes Motiv? Der Titel unserer Diskussion baut ja ein wenig darauf auf, was ein gutes Motiv ist.

Sebastian: Ich würde spontan sofort antworten: Jedes Motiv kann ein schlechtes Motiv sein, sofern der Fotograf keinen eigenen Bezug dazu hat. Das widerspricht natürlich erst einmal total der „Fotografie ist Handwerk“-These, aber ich denke wirklich, dass sich Gleichgültigkeit oder gar Widerwillen gegenüber einem Motiv auch in der Qualität der Arbeit widerspiegeln. Das ist die emotionale Seite.

Objektiv schlechte Motive sind meiner Meinung nach dagegen die, die schon eine Milliarde mal von allen Ecken und Enden abfotografiert wurden und eben die, bei denen das Motiv selbst eher der Star ist, weil es eben so geformt ist, wie es geformt ist oder an sich toll aussieht. Das objektiv schlechteste Motiv überhaupt ist für mich zuerst einmal ein anderes Foto ohne jeden Kontext, danach ein anderes Kunstwerk, das neutral abgelichtet wurde, dann irgendein Bauwerk, bei dem das Bauwerk der Eyecatcher ist. Generell vielleicht Dinge, in die der Fotograf selbst nichts reinlegt.

Robert: Damit, dass sich emotionale Gleichgültigkeit gegenüber dem Fotografierten auch im Ergebnis abbildet, gehe ich sofort mit, Sebastian.

Verbundenheit zum Fotografierten ist bei einem künstlerischen Ansatz vielleicht besonders wesentlich (weil es eben um die eigene Vision von etwas geht), aber sie ist auch für eine gute kommerzielle Arbeit essentiell.

Auf Deine Frage, Martin, antworte ich: Ein Motiv kann nicht an sich gut oder schlecht sein. Ich würde eher weiter gehen und sagen, dass es entweder eins ist oder eben keins, je nachdem, ob man für sich (aus der Perspektive des Fotografen bei der Aufnahme) in der Lage ist, einen Bezug herzustellen.

Ich denke, die Grundbedeutung des Begriffs Motiv in Malerei und Fotografie als dem Gegenstand des Bildes ist zudem ein wenig zu stark auf das fertige Bild und die Perspektive des Betrachters eingestellt und zu wenig auf die des Bildschöpfers.

Nicht zuletzt sind der Bezug des Fotografen zum Fotografierten und das Warum grundlegend für das Bild. Der Fotograf ist gewissermaßen Täter und weil die Entscheidung, das Foto zu machen stattgefunden hat, existiert es.

Nicht nur was abgebildet ist, sondern auch warum, ist eigentlich das Motiv.

Und ob es gut oder schlecht ist, wer soll das glaubwürdig beurteilen?

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42 Kommentare

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  1. Ich vergleiche es jeweils mit einem Film. Ein langweiliger Film ist auf dem besten, grössten und schärfsten Fernseher immer noch schlecht. Aber ein guter Film kannst Du auch auf einem kleinen Röhrenfernseher schauen und er ist immer noch gut.
    Es ist das Motiv und dessen Gestaltung, was ein gutes Foto ausmacht. Natürlich hilft es, wenn das Foto scharf und korrekt belichtet ist. Aber Schärfe und Belichtung alleine bringt gar nichts. Leider haben das viele Fotografen noch nicht verstanden, dass die gute Kamera, die sie haben, nicht von alleine gute Bilder macht…

      • Der hinkt aber auch ein bißchen. „Der Himmel über Berlin“ z. B. ist (zumindest für mich) einer der beeindruckend langweiligsten Filme ever – ein guter Film ist er aber trotzdem, und dem schaden weder kleiner Röhrenfernseher noch große Kinoleinwand…

    • Ich denke das wissen all jene die sich schon etwas länger mit der Fotografie befasst haben. Technik, die bringt die Möglichkeit das Thema weiter auseinander zu dehnen, neue Möglichkeiten und meist auch unter härteren Bedingungen.

      Man wird kein Fashion Fotograf mit einem Smartphone in der Hand, wenn der Fotograf mit eine DSLR, Profi Objektiven, Porty, Swatter und Aufhellern arbeitet. Aber genauso wird aus dem Fotografen nichts, wenn ihm die Idee zum Bild fehlt. Solche Dinge drehen sich immer im Kreis :)

    • Das mit dem Film stimmt, allerdings teile ich deine Meinung ansonsten nicht.
      Ich finde, das Motiv ist häufig eher zweitrangig, die Gestaltung und die UMSETZUNG, nicht die scheinbare technische Korrektheit, und das Licht sind der Knackpunkt.

      Wann ist korrekt Belichtet? So dass die Tonwerte etwa einem mittleren Grau entsprechen, so wie es der Belichtungsmesser sagt? Nicht zwangsläufig.

      Schärfe… Davon sollte so viel oder so wenig, und an den Orten die man möchte, vorhanden sein wie man dies für angemessen hält. Schärfe ist aber, wie du richtig erkennst, kein Anhaltspunkt für ein gutes Foto. Fehlende Schärfe kann ein Bild aber kaputt machen.

      Ein langweiliges Motiv kann jedoch wirklich gut fotografiert werden. Dazu taugt jeder McDonalds Pappbecher aus dem Müll, es kann mit Licht und Gestaltung viel geschaffen werden. Ein andererseits tolles Motiv, z.B. eine ganz besondere Blume, kann im prallen Sonnenlicht einfach schlecht aussehen, oder wenn die Perspektive, der Blickwinkel oder die Bildkomposition suboptimal sind.

      Dass man für gute Bilder keine gute Kamera braucht ist auch absolut richtig, und dass eine gute Kamera nicht unbedingt gute Bilder macht ebenso.

  2. „Nicht nur was abgebildet ist, sondern auch warum, ist eigentlich das Motiv.“ reicht nicht. Meines Erachtens habt ihr das wichtigste vergessen, nämlich das Wie!

    Gruß Maude

    • Das stimmt, Maude. Weil wir ja aber die Trennung zwischen Foto und Motiv vorgenommen haben, würde ich das Wie konsequenterweise dem Foto zuschreiben. Das Was und Warum sind Motiv, das Wie ist das Foto.

  3. hmm…Für mich ist Motiv und Foto irgendwie untrennbar miteinander verbunden. Logisch. Was ich damit sagen will: Ist „das Foto“ nicht eigentlich das gleiche wie, „das Motiv“? Und umgekehrt?

    Jedes Foto bildet ein Motiv ab, also bildet jedes gute Foto auch ein gutes Motiv ab. Letztlich hängt man doch irgendwie immer wieder bei der gleichen Frage: Was ist ein gutes Foto. Eine Frage, die nicht zu beantworten ist. So gesehen würde ich sagen: „Ein gutes Foto braucht ein Motiv! Oder?“

    • Moin Holger. Joa, stimmt. Aber Du kannst auch ein scheinbar langweiliges Motiv interessant fotografieren. Siehe Martin Parr. Umkehrschluss: Es ist möglich ein supertollkrassgeiles Motiv (was auch immer das ist) mit der Fototechnik verhunzen. Sag ich jetzt mal so ganz verallgemeinernd.

      • Naja…ich finde es gibt keine guten oder schlechten Motive. Es gibt nur gute oder schlechte Fotos. Oder interessante und uninteressante Fotos. Wenn Martin Parr aus einem angeblich langweiligen Motiv ein gutes Foto macht, ist für mich damit das Motiv auch nicht mehr langweilig.

        Eigentlich ist das aus meiner Sicht, die Essenz guter Fotografie.

        Jeder, der mit einer Kamera vor einem gerade frisch geputzten 68er Ford Mustang an einem Spätsommernachmittag steht, kann daraus – vielleicht ein nicht unbedingt gutes – aber zumindest ein ansehnliches, schönes oder wie auch immer positiv beschriebenes Foto machen.

        Aber nicht jeder kann aus gewöhnlichen Dingen/Motiven ein solches Foto machen.

      • @Holger:

        Na dann tipp‘ mal „Ford Mustang 68“ bei der flickr-Suche ein. Das Motiv ist immer das gleiche. Aber ob da immer ansehnliche Fotos dabei sind ?

        Maude

  4. Unter Berücksichtigung von No-Go’s kann man gerade in anderen Kulturen, mit dem Westlichen Blickwinkel einiges erreichen, weil es neues in das andere Land bringt.

    Anders ist es beim Geschmack einzelner Personen. Der eine mag Blau sehr gerne, der andere kann Grün gar nicht leiden. Womit auch immer SW einen gewissen Vorteil hat. Einer mag Blondes Haar, der andere dünne Frauen, die andere dicke Männer zum Kuscheln, etc.
    Unsere Umwelt, unsere Erziehung, Bildung, etc. nimmt Einfluss auf unsere Bilder. Aber ein durchschnittliches Verhalten ist dennoch aufzuweisen.

    Ich denke man sollte sich darüber keine Gedanken machen sondern tun was einem gefällt. Warum? Eben weil es verschiedene Zielgruppen gibt. Mir gefallen viele Sachen nicht die andere fotografieren, aber da mich keiner um meine Meinung gefragt hat, werde ich sie auch nicht beurteilen. Warum? Weil es die Entscheidung des Fotografen ist. So ist z.B. in Österreich Manfred Baumann bekannt für seine Akt Bilder, er ist damit beliebt und ich kann es nicht nachvollziehen. Aber das stört nicht, den jeder sucht sich die Fotografen raus die er am liebsten hat. In meinem Fall dürfte das wohl Martin Krolop sein. Nicht anders ist es bei Musik und Fotos. Und weil das alles so vielschichtig ist, gibt es Studien zu jedem Mist, damit man mit dem Marketing so viele Menschen wie Möglich ansprechen kann.

    Wären wir alle gleich, wäre das einfacher, aber nicht besser ;)

    • „Der eine mag Blau sehr gerne, der andere kann Grün gar nicht leiden. Womit auch immer SW einen gewissen Vorteil hat.“

      Farben sind nicht nur bloße Oberfläche, sondern können auch Bedeutung tragen. Da ist dann SW klar im Nachteil ;-) …

  5. Hmmm, aus meiner Sicht habt ihr bei eurer Diskussion etwas Grundätzliches außer Acht gelassen, ihr werft „gut“ und „gefällig“ immer wieder durcheinander. Und kommt dann zwangsläufig nicht zu einem Konsens, denn das sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe.

    Ein Foto ist m. E. dann gut, wenn es bestimmte objektiv nachvollziehbare Qualitätsmerkmale erfüllt. Das können technische Kriterien sein, das können gestalterische sein, etc. Ein Foto in Gänze bzw. speziell auch ein Motiv kann, unabhängig davon, ob es gut im Sinne wie vorher beschrieben ist, trotzdem gefallen. Dieses hat aber viel weniger mit objektiven Maßstäben zu tun sondern vielmehr damit, wie der Betrachter es sieht, wie es „gefällt“. Und das hat mit Erwartungshaltungen, Befindlichkeiten und anderen sehr subjektiven, beim Betrachter zu sehenden Dingen zu tun.

    Was macht denn ein gutes Foto aus? Ist ein gutes Foto dann gut, wenn es Vielen positiv angenommen wird? Nein, ich denke die Qualität des Fotos hängt davon nicht ab. Hier ist es vielmehr wieder die Frage des subjektiven Empfindens beim Betrachter. Warum z. B. sagt man in der PR „Kinder und Tiere“ funktionieren immer? Bestimmt nicht, weil das per se „gute“ Motive sind. Vielmehr treffen diese bei vielen Betrachtern auf Gefallen, weil sie mit bestimmten subjektiven, positiven Gefühlen verknüpft sind.

    Viele sommerliche Grüße!

  6. Laut Wiki ist ein Motiv „der wesentliche inhaltliche Bestandteil eines Bildes“.

    Bruce Barnbaum hat dazu einmal gesagt:
    „Die initiale Reaktion auf das Motiv ist spontan, die folgenden Schritte sind es nicht.“

    Der Fotograf sieht also etwas, was sein Interesse weckt. Das kann praktisch alles sein, was sich im Bild festhalten lässt. Licht, Farben, Kontraste, Eifeltürme, einfach Alles!

    Die spannende Frage ist, wie präsentiert er anschließend sein Motiv!

    Elliott Erwitt hat einmal gesagt, das der „Sinn eines Fotos darin besteht, das man es nicht mit Worten erklären muss.“
    Manche Bilder haben eine triviale Botschaft (hier ist es schön), andere erzählen komplexe Geschichten (Josef Koudelka: „Ein gutes Foto erzählt viele Geschichten!“).

    Jetzt kommt der Betrachter ins Spiel. Das Bild muss im Idealfall auch zu ihm sprechen, dann empfindet er es auch als gut.
    „Gute Kunst ist etwas, was Sie anspricht. Etwas, bei dem Sie nicht mehr die Frage stellen, ob es gut oder schlecht ist.“ Karl Lagerfeld

    • Jedes Foto lebt vom Motiv und trotzdem gibt es unzählbar viele interessante Motive auf furchtbar langweiligen und aussagelosen Bildern. Der Anblick eines guten Fotos führt meiner Meinung nach beim Betrachter zu der (unbewussten) Erkenntnis, dass das Motiv teil der Bildaussage ist. Ohne diese Bildaussage funktioniert das Foto nicht. Wie diese Aussage zustande kommt, durch die Beziehung der Bildinhalte zueinander, durch die Perspektive oder Bearbeitung ist dabei unwichtig. An der Stelle spielt es auch keine Rolle ob es sich um Kunst oder eine Auftragsarbeit handelt.
      Schöne Diskussion übrigens.

  7. (Angesichts der neuen Kommentarregeln „warne“ ich vorab: Der Kommentar hat Überlänge und enthält evtl. tiefergehende Gedanken (aber durchweg freundliche). Sollte das einer Freischaltung im Wege stehen, biete ich ersatzweise auch gerne mal einen Gastartikel zum Thema Bewertung von Fotografie/Motiven an ;-) )

    Interessantes Gespräch, das wohl so ziemlich alle Meinungen zu diesem Thema abbildet.

    Ein überaus wichtiger Punkt kommt hier meiner Ansicht nach aber nicht ausreichend differenziert rüber. Normen sagt an einer Stelle: „Wir müssen in unserer Diskussion zwischen verschiedenen Grundlagen der Beurteilung unterscheiden. Zum Einen gibt es einen Unterschied zwischen künstlerischer und kommerzieller Fotografie und zum Anderen die unterschiedliche Beurteilung des Motivs durch Fotograf und Betrachter.“

    Diese Unterscheidung ist wirklich sehr wichtig, denn ohne sie, kommt es eben zu den berühmten Missverständnissen, wo ein Freund klassischer Fotografie z.B. vor einem Gursky steht und sagt: „Was soll das? Das kann ich auch!“

    Man sollte diese Unterscheidung allerdings noch etwas deutlicher treffen und den Begriff „kommerziell“ gegen „konventionell“ tauschen:

    1. Konventionelle Fotografie vs. Kunst mit Fotografie
    Dabei ist der Begriff „konventionell“ nicht abwertend gemeint. Er meint all die Fotografie, deren Sinn die Erstellung eines Bildes ist, quasi fotografieren um der Fotografie willen. Darunter fällt zunächst genau so der private Urlaubsschnappschuss, wie das professionell erstellte Werbe- oder Modefoto.

    Kunst mit Fotografie meint dagegen all jene Bilder, denen ein künstlerisches Konzept zugrunde liegt, für dessen Umsetzung der Künstler das Medium Fotografie mit all seinen Möglichkeiten wie etwa Manipulationen, ausgewählt hat. Dazu zählt auch die Kunst, bei der der Künstler gar nicht mehr selbst fotografiert, sondern „nur“ noch mit bereits vorhandenem Bildmaterial arbeitet. (z.B. Thomas Ruff)
    Deshalb muss ein Künstler hier auch keine emotionale/persönliche „Verbindung“ zu einem bestimmten Motiv haben, um etwas auf den Betrachter transportieren zu können (wohl aber sollte das Herzblut hinter der Idee zu spüren sein).

    Es sollte klar sein, dass für beide Kategorien zwingend unterschiedliche Bewertungs/Betrachtungsmaßstäbe angelegt werden müssen und somit auch die Frage „ist das ein gutes Motiv“ ganz anders beantwortet werden muss, wenn es denn überhaupt Sinn macht, diese zu stellen.

    2. Innerhalb der konventionellen Fotografie sind dann weitere Unterscheidungen bei der Bewertung des Motivs oder des Bildes als ganzem zu berücksichtigen.
    Eine Architekturaufnahme funktioniert eben anders als ein Porträt. Und selbst innerhalb der Genres muss differenziert werden: In der Architekturfotografie muss nicht zwingend das Gebäude also das vermeintliche Hauptmotiv) entscheidend sein, vielleicht ist es ein Licht/Schattenspiel, dass das Bild besonders macht, vielleicht die Komposition und Linienführung. Dann kann auch Altbekanntes plötzlich spannend werden .

    Deshalb stimme ich hier auch nicht mit Sebastian überein, der kategorisch sagt: „Objektiv schlechte Motive sind meiner Meinung nach dagegen die, die schon eine Milliarde mal von allen Ecken und Enden abfotografiert wurden“

    Als praktisches Gegenbeispiel verweise ich auf dieses Bild von Peter Lipke, eine Fotografie als Platin/Gummidruck: http://www.peterliepke.com/Image.cfm?nK=13304&i=191339#16
    Was ist hier das Motiv? Die Wache? Das Licht und Schattenspiel oder das Empire State building? Liepke sucht gerade die Herausforderung in seiner Heimat New York an sich Sattgesehenes neu in Szene zu setzen.

    3. Schließlich, und damit komme ich zu eurem Begriff „kommerzielle Fotografie“, ist m.E. tatsächlich zwischen einer konkreten Auftragsfotografie, Stock-Fotografie und freien Arbeiten zu unterscheiden. Ein banales Motiv in einer Stock. oder Werbefotografie kann trotzdem gut sein, weil es genau den gewünschten Zweck erfüllt, während es in einer freien Arbeit, ohne Auftrags- oder Anwendungskontext, einfach banal bleibt.

    4. Die Kategorien Profi oder Amateur verwende ich persönlich nur, um zu unterscheiden, ob jemand zu größten oder ganzen Teil seinen Lebensunterhalt mit Fotografie bestreitet (Professional) oder eben nicht. Zur Bewertung eines Motivs taugen sie m.E. weniger.

    5. Die künstlerische Fotografie: Diese Kategorie, und damit auch die Bewertungsmaßstäbe für Sie, ist wohl am schwersten zu fassen, denn auch Mode- oder Werbefotografie gar Reportagefotografie kann künstlerisch sein. Ich würde sagen, künstlerisch sind diejenigen Fotografien, die mehr wollen als nur ein dekoratives Foto zu machen oder die nicht nur die Wirklichkeit abbilden wollen, denen es primär aber immer noch darum geht, eine (anspruchsvolle) Fotografie zu fertigen und nicht um bildende Kunst.

    Soweit erstmal. Ach ja und ich glaube fest an objektive Bewertungsmöglichkeiten von Fotografie. Auch wenn der subjektive und kulturelle Faktor bei beiden, Fotograf und Betrachter, wichtig ist: Wenn die Suppe versalzen ist, ist sie versalzen, da ist der Spielraum des persönlichen Geschmacks einfach eng ;-)

  8. Die Eingangssituation mit der Grossmutter zeigt mir ganz klar, dass für eine Oma oder die Eltern das Bild aus dem Motiv besteht, welches sehr stark mit Emotionen / Erinnerungen zu tun hat. Sobald das Motiv „neutral“ ist, also vom Betrachter nicht als „bekannt“ gesehen wird, ist es wichtig, die Geschichte zu erzählen.
    „Gut“ und „Schlecht“ ist da bestimmt ein zu einfaches Beurteilungskriterium.
    Ich habe in der letzten Zeit angefangen, alte Dias zu scannen, auch solche von meinem schon längst verstorbenen Vater. Und da sind dann einfach Menschen drauf, die Erinnerungen aufkommen lassen, egal wie gut der schlecht sie in Szene gesetzt sind.

  9. Und was ist, wenn das Motiv die „Leere“ ist?

    Ich experimentiere gern mit der Leere und ich hab manchmal Bilder die „nichts“ zeigen.
    Nicht im Sinne von Abstraktion, sondern als Abwesenheit von offentsichtlichen Motiven ( Gegenstände, Personen…)

    Für mich ist Fotografieren nicht das zeigen von Motiven, sondern das zeigen von Ausschnitten aus meiner Umgebung. Durch meinen Sucher sehe ich Ausschnitte, die ich visuell interessant finde (sonst würde ich sie nicht festhalten wollen) Meistens ist ein Motiv zu sehen, aber ich halte es nicht für notwendig. Oder es ist der Teil eines Motivs oder eben kein Motiv.

    Gruß
    Stefan

    • @ Stefan
      Ich stimme Ihnen vollkommen und suche auch Antwort auf die Frage, wie nahe man dem Nichts kommen kann und immer noich ein Bild produziert. Die Titelfrage würde ich so beantworten: EIn gutes Foto( Kunstfoto) braucht überhaupt kein gutes Motiv (sondern einen guten Fotographen). Dabei meinen wir ( ich ) ja aber immer nur die künstlerische Fotographie, denn in allen dokumentierenden Genres ( Sport, Werbung, Familie, Reise, Portrait, …) ist das Motiv ja naturgemäß immer noch der Kern des Pudels.
      Vor mir sehe ich eine Aufnahme von Michael Kenna, der ein niederschmetternd banales Stück Landstrasse abbildet, wie wir es alle schon ich-weiß-nicht-wieviele Stunden lang vor uns liegen hatten ohne es wirklcih zu sehen : etwas Nebel, etwas Vignette, etwas sepia, vor allem viel „Kenna“ (was das genau ist, weiß ich nicht) und….. es ist ein Gemälde. Das läßt mich immer wieder staunen und ich frage mich, wieviele unentdeckete Bilder permanent um mich sind.

    • Hallo Stefan,

      das Motiv der „Leere“ bzw. der Begriff, den du erwähnst, hat mich neugierig gemacht, darum habe ich mir deine Bilder angeschaut. Meine Vorstellung von „Leere“ unterscheidet sich offensichtlich von deiner und es ist ein Paradox: Die Kamera kann „Leere“ (so wie ich sie verstehe) eigentlich gar nicht abbilden, denn das optische Verfahren braucht immer irgendetwas (ein Objekt, eine Fläche oder Licht/wellen/teilchen), damit überhaupt eine Abbildung im fotografischen Sinn entsteht. Auf einem Foto ist immer irgendwas drauf, also kann es doch eigentlich gar nicht leer sein? :-)

      Ich weiß, mein Kommentar ist gemein, vielleicht rätselhaft oder unverständlich. Hintergrund meiner Denkweise ist die Zen-Meditation, in der ich mich schon seit Jahren übe. Über Leere nachzudenken oder zu diskutieren ist demnach ergebnislos, trotzdem bleibt die Auseinandersetzung mit der „Leere“ eine spannende Übung, sowohl unter dem meditativen wie auch unter fotografischen Aspekten.

      LG,
      Jacqueline

  10. Ich denke, man muss ein Foto auch aus seinem Zweck heraus betrachten. Ich habe mich intensiv mit der Qualität von Pressefotos beschäftigt und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass sie zu einem gewissen Teil objektiv bewertbar sind. Ein Pressebild kann man auch nicht unabhängig von seinem funktionalen Kontext bewerten. Ein gutes Pressebild muss diese Kriterien erfüllen:
    – Reproduzierbarkeit (eine Datei muss vorhanden sein)
    – journalistischer Anspruch (ethisch korrekt)
    – technischer und ästhetischer Anspruch (scharf, gute Auflösung, ansprechend gestaltet, muss beim Blättern und Durcklicken von Bildern den Betrachter ansprechen/neugierig auf die Geschiche dahinter machen)
    – Enthüllung einer weiteren Bedeutungsebene (durch längeres Hinsehen oder Hintergrundinfo aus der Bildunterschrift; was Norman beschrieben hat – dass eine interessante Entstehungsgeschichte aus einem tivialen Motiv ein gutes macht)
    – Menschen im Bild (durch sie werden am besten Emotionen vermittelt; durch Awards ausgezeichnete Pressefotos zeigen immer „lebende“ Bilder (ab und zu auch Tiere))
    – relevanter Nachrichtenwert (im besten Fall Zeitlosigkeit, was Sebastian angesprochen hat – dass man Bilder im Laufe der Zeit unterschiedlich bewertet)
    – Zielgruppenorientierung (Thema, Gestaltung muss Ansprüchen der Zielgruppe eines Mediums (Spiegel/Bild etc.) angepasst werden)

    Wie die einzelnen Punkte bewertet werden, bleibt zum Teil subjektiv. Und es bedarf einer ausführlicheren Betrachtung des Fotos, um herauszufinden, ob es diese Kriterien erfüllt.

    Das Bild von Iwan Baan spricht meine Gefühle nicht an. Es ist ansonsten gut, aber es lässt mich irgendwie kalt. Ich denke, es liegt daran, dass es eben nur Architektur zeigt und keine lebendigen Wesen.

  11. Also kann man die Diskussionen doch ganz erschlagend und einfach zusammenfassen:

    Ein Motiv (resp. resultierendes Bild) ist dann gut, wenn es die gewünschte Intention/Ziel/Aussage des Fotografen für die angepeilte Zielgruppe effektiv transportiert.

    Wenn dem so ist, folgt daraus aber auch, dass auch die angesprochenen kitschigen Katzenbilder (Ziel: Fotograf will seine Begeisterung für die Niedlichkeit seiner Katze transportieren; Zielgruppe: der gemeine Webnutzer) oder der Würfel im weißen Raum (Ziel: Fotograf will z.B. die Konflikte seiner Kindheit visualisieren; Zielgruppe: Kunsthallen-Besucher) gute Motive sein können und ihre Daseinsberechtigung haben. Auch muss keine emotionale Bindung zum Motiv da sein (auch wenn‘s vielleicht hilft).

  12. Kategorien wie „gut“ und „schlecht“ sind für mich allenfalls zulässig, wenn wir über handwerkliches Fotografieren reden. Auftraggeber von Architekturfotos, etc. dürfen technisch einwandfreie Arbeit erwarten. Ein Portraitfotograf sollte brauchbare Passfotos liefern.
    Kunst hingegen, also das Sichtbar-Machen von Innerstem, kennt nicht Gut und Schlecht. Das Bewerten von Kunst tötet sie.
    Und selbstverständlich gibt es keine guten und schlechten Motive. Jedes Motiv hat Potential.
    (Dieses noch: Wiki weiß nicht alles – weißgott… Und Gursky wird m.E. total überschätzt.)

  13. Ich hätte gern noch mehr von Herrn Lehmann gelesen.

    Ein Bild ist immer nur so „gut“, wie es gewisse Ansprüche des Betrachters erfüllt und die gehen (je nach Bildung, Kultur, Job oder z.B. geistigen Fähigkeiten […]) weit auseinander. Ich gehe sogar soweit, dass man sagen kann, dass es eigentlich keine guten oder schlechten Bilder gibt, denn ich werde ständig eines besseren belehrt, dass vermeintlicher „Müll“ aus anderem Blickwinkel betrachtet plötzlich ungeahnte Qualitäten gewinnt, die man ihm zuvor absprach.

    Wichtig für eine Beurteilung der Qualität eines Bildes finde ich neben den Erwartungen des Betrachters auch die Intention des Fotografen: Besteht eine Botschaft an definierte Zielgruppen oder geht es darum, einen Job technisch gut zu machen. Oder sind Fotos (anstelle des unerschwinglichen Ferraris) der Ersatz eines zu kleinen Schniepels?

    Je reflektiender man sich Arbeiten widmet, je aufmerksamer man die Umgebung bzw. das Umfeld einbezieht, desto eher kann man Qualität in ein Bild erkennen. Auch hier denke ich wiederholt gleich an Roland Barthes, der in „Die Helle Kammer“ von einem Bild seiner Mutter aus Kindheitstagen spricht, dass wahrscheinlich niemanden ausser ihm selbst diese Qualität bietet, die er verspürt.

  14. Der Meinungen gibt es viele, ich gelobe sie alle zu respektieren.
    Alle hier andiskutierten Aspekte sind Erklärungen (Annäherungen), aber keine finale Antwort. Es ist wie bei der Suche nach einer „Weltformel“, die Sache ist komplex und die Frage nach dem guten/schlechten Bild ist immer nur kontextabhängig in den Griff zu bekommen.

    Wie wäre es damit: Ein Foto ist gut, wenn es für irgendjemanden (egal ob Fotograf oder Betrachter) eine Bedeutung hat bzw. eine emotionale Reaktion auslöst.

    Schön finde ich in diesem Zusammenhang auch die Frage:
    Macht ein umfallender Baum in einem Wald Geräusche, wenn niemand da ist, es zu hören?

    Ein Foto kann nur gut/schlecht sein, wenn ein Mensch da ist, der ein Urteil darüber fällt. Darum wäre es vielleicht auch mal interessant, darüber zu diskutieren, WARUM ist es so wichtig ist, ob ein Foto gut oder schlecht ist…

  15. Ich zitiere einfach mal Manfred Kriegelstein:

    „Ein spektakuläres Ereignis schlecht fotografiert ergibt ein schlechtes Bild. Punkt !
    Hingegen kann ein eigentlich uninteressantes Motiv durch einen guten Fotografen durchaus
    in ein gutes Werk verwandelt werden.“

    Zitat aus einer Publikation von Manfred Kriegelstein zum Thema „Was ist ein gutes Bild ?“.
    Erschienen im Magazin für Fotografie „Brennpunkt“ 03/2006.
    nachzulesen unter:
    http://www.manfred-kriegelstein.de/pdfs/was_ist_ein_gutes_bild.pdf
    Auch die anderen Beiträge sind sehr empfehlenswert.

    • „Ein miserabler Pianist wird ja auch nicht dadurch besser dass er Chopin statt Gassenhauer spielt.“
      Da ist es wieder, das Wie! Danke Hans für den schönen Vergleich…

      Maude

  16. Ich finde, ein „gutes Foto“, wenn es überhaupt diskutieren mag, macht aus, dass es direkt möglichst viele Menschen und nicht nur Insider anspricht. Wenn ich erst zusätzlichen informativen Kontext brauche, um das Foto zu bestaunen, ist es für mich kein „gutes Foto“. Dabei kann es technisch perfekt sein.
    Davon unterscheiden würde ich ein „für mich gutes Foto“, bei dem mir der Kontext bekannt ist. Das muss aber niemand anderem gefallen. Deswegen ist mM nach z.B. Andreas Gursky so erfolgreich, weil hier jeder ohne „Vorbildung“ etwas bestaunen kann.