14. Mai 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Essay: Fotografie geht nicht allein

Eine Selbstoffenbarung: „Ich bin abhängig. Ich kann nicht ohne. Allein kann ich gar nichts.“ Ein Aussage, wie sie meines Erachtens fast jeder Fotograf unterschreiben könnte. Warum das so ist, möchte ich Euch im folgenden Artikel erklären.

Egal, was fotografiert wird: Immer finden sich im Bild Elemente, die nicht dem Geiste des Fotografen entsprungen sind. Eine Ausnahme wären lediglich Selbstportraits ohne erkennbaren Hintergrund. Ansonsten sind es Landschaften, Portraits, Stillleben und viele andere Dinge, die nur noch vom Fotografen eingefangen werden müssen.

Das schöne Landschaftsfoto würde es ohne eine von der Natur (und anderen Menschen) erschaffene Landschaft nicht geben. Ein Straßenfoto ist immer eine Kooperation, auch wenn sie ungewollt ist. Das Portrait ist die deutlichste Form der Kooperation, die Abhängigkeit zwischen Fotograf und Motiv ist hier besonders ausgeprägt.

Konradshofen © Normen Gadiel

Guckt Euch an dieser Stellte doch einfach mal Eure besten Fotos an und fragt Euch, ob Ihr vollkommen allein dafür verantwortlich gewesen seid oder ob Ihr von irgendetwas profitiert habt.

Ein Bauwerk hat in der Regel jemand anderes errichtet. Auf das Antlitz einer portraitierten Person hat der Fotograf auch keinen absoluten Einfluss. Obgleich er Mimik und Gestik mittels Anweisungen vorgeben kann, ist er dennoch auf die Bereitschaft der Person, dies umzusetzen, angewiesen. Und so könnte man noch viele andere Dinge aufzählen, die ein Fotograf als vorhandene Basis nutzt, um daraus eine Fotografie entstehen zu lassen.

© Normen Gadiel

Im Ganzen betrachtet, steht der Fotograf also immer in einer Abhängigkeit zum Motiv. Er kann sich nur durch seine Fähigkeiten, es durch Komposition, Belichtung, Fokus und so weiter in Szene zu setzen, auszeichnen.

Somit macht es eigentlich wenig Sinn, ein Foto zu signieren, da es nicht das alleinige Werk ist. Hypothetisch betrachtet: Man würde das Abfotografieren eines Kunstwerkes auch nicht durch ein Wasserzeichen als eigenes Werk kenntlich machen. Falls doch, hat die Wahrnehmung des eigenen Schaffens ihren Tiefpunkt erreicht.

Wie schwierig diese Trennung sein kann, zeigt sich bei Fotos der Menschenplastiken des Künstlers Ron Mueck. Hier kann das Foto einer Skulptur auch schon einmal als ein fotografisches Portrait durchgehen.

Das ist natürlich etwas überspitzt betrachtet und es wäre schade darum, wenn keiner mehr seine Fotos signieren würde, da man gar nicht mehr wüsste, von wem die Arbeit stammt. Ich bin jedenfalls immer dankbar für einen leisen Hinweis auf den Urheber.

Mittlerweile ist es auch üblich, die Namen von Modellen, Visagisten, Stylisten und weiteren Beteiligten mit zu veröffentlichen, allerdings geschieht dies meist nur in den Communities und auf den Webseiten der Fotografen. Museen und Verlagshäuser hat diese Verfahrensweise meines Wissens noch nicht erreicht.

© Normen Gadiel

Fotografie als Kunstform möchte ich durch meine Gedankengänge aber nicht in Frage stellen, wobei es viele bekannte Künstler wie etwa Jeff Wall oder Gregory Crewdson gibt, die bei ihren Arbeiten auf andere Personen angewiesen waren. Auch Andreas Gursky nutzt für die Nachbearbeitung seiner Bilder die Hilfe eines Bildbearbeiters.

Manchmal ist Fotografie halt wie ein Film, nur dass es dabei keinen Abspann mit den beteiligten Personen gibt.

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