29. Januar 2013 Lesezeit: ~8 Minuten

Schön und gut? Oder eben nicht.

Überlegungen zum schönen und guten Foto

Wenn man, wie ich, in seinem Kunststudium gesagt bekommen hat, die Fotografien, die man mache, seien „zu schön“, dann bildet sich zunächst ein sehr großes Fragezeichen im eigenen Kopf. Doch schon bald kann man es als Herausforderung betrachten, „das Schöne“ zu eliminieren.

Dies ist leichter gesagt als getan, denn man verbindet „schön“ gern mit „gut“ und eben folgerichtig „nicht schön“ mit „nicht gut“ – und wer will schon „nicht gute“ Fotos machen? Doch ist das der Fall? Und außerdem: Was bedeutet denn „schön“ eigentlich? Und „gut“? Und kombiniert: Ist ein schönes Foto eigentlich selbstredend gut? Zeit, die Überlegungen zum schönen und guten Foto niederzuschreiben.

Eigentlich ist „Sehen“ (also auch von Fotos) doch eher ein Prozess, bei dem optische und biologische Vorgänge kombiniert werden mit emotionalem Denken.* Das „reine (objektive) Sehen“ scheint, im Bezug auf Bilder oder Fotos, kaum möglich. Das deutet bereits an, was wohl kaum jemand leugnen kann: Auch das Schöne (lies: ein schönes Foto) also muss subjektiv sein, denn man sieht es.

Es gibt über das Schöne diverse philosophischen Meinungen, doch um diese zu erläutern, ist hier kaum der Ort – und zwar kenne ich die eine oder andere Meinung, jedoch bin ich kein Experte. Allerdings möchte ich – aus persönlicher Vorliebe – verweisen nach Immanuel Kant, der Schönheit in seinem dritten Hauptwerk „Kritik der Urteilskraft“ als „interesseloses Wohlgefallen“ definiert.

 

Klassisch schön – also langweilig?

Die Entscheidung, was schön ist, kann kaum allgemein beantwortet werden, denn sie liegt, wie man so schön sagt, im Auge des Betrachters. Trotzdem kann man bis zu einem gewissen Grad einen Konsens bemerken. Der klassische Schönheitsbegriff orientiert sich an Termen wie Goldener Schnitt, Symmetrie, Harmonie, aber auch Jugend, Kraft und Gesundheit. Zumeist werden Bilder, also auch Fotografien, als schön erfahren, wenn sie sich bildnerisch dieser Elemente bedienen.

Allerdings zeichnet sich mancherorts das Problem des Schönen ab: Es ist schön. Alten (immerwährenden?) Idealen unterworfen, ist es zwar zu benennen, in gewisser Weise auch kulturell belegt und weckt das Interesse, jedoch kann dieses schnell ein oberflächliches sein.

Roland Barthes, Philosoph und Schriftsteller, hat in seinem in der Fototheorie viel zitierten Buch „Die Helle Kammer. Bemerkung zur Fotografie“ zwei interessante Begriffe eingeführt, die er als die „zwei Arten des Interesses an Fotografie“ bezeichnete: Das studium und das punctum. Das studium ist eine Art höfliches Interesse, das – um es kurz zu halten – eher formal ist und in gewisser Weise ein wenig oberflächlich, eine Lektüre.

Das punctum dagegen sei jenes (Subjektive), was ihn an Fotografien tief berühre. Dazu später mehr. Das Schöne also, vermute ich, weckt das Interesse, doch es bleibt allzu leicht beim studium, da das Auge auf der glatten (perfekten?) Oberfläche, der Widerstandslosigkeit des Schönen verweilt – und sich nicht weiter bemüht, es ist geschmeichelt. Schönheit scheint bisweilen langweilig zu werden, eben weil man sich nicht daran reiben kann.

 

Die Verwerfung des Schönen

So wird gern ein Gegenkonzept entwickelt, wie vor allem deutlich in der Mode: Mitte der 90er Jahre etablierte sich beispielsweise der heroin chic, der sich kennzeichnet durch blasse Haut, Augenringe und kantige Knochenstruktur oder ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende der geek look, durch den großen Hornbrillen und biederen Kleidungsstücken neues Leben eingehaucht wurde.

Das gemeinhin als schön empfundene wird also mitunter verworfen zugunsten des „anderen Ideals“: Des Widerborstigen und des Spannenden; denn, so mag man nun meinen, die Versuchung liegt nicht in der Perfektion, sondern allzu oft an der Grenze des Kaputten, des Verstörten, des Hässlichen. Gelegentlich mit der notwendigen Portion Ironie garniert. Ist diese Weg-Entwicklung vom Schönen eine Reaktion aus Überdruss, Trotz und Langeweile?

(Dort könnten philosophische oder auch wissenschaftliche Erläuterungen beginnen: Eine Suche nach „allgemeinen Regeln“ dessen, warum das Schöne oft verworfen wird. Und dies soll der Anregung dienen.)

Doch was bedeutet das für die Fotografie? Ist das Schöne überholt? Zu schön, zu harmonisch? Was bliebe, wäre der Bruch. Das Schöne ablösen, es loslösen vom Guten.

Ein Fotograf wird verbal gern mit „einem guten Auge“ ausgestattet – jedoch, was ist denn nun „gut“? Jedenfalls ist es in der Fotografie schon lange nicht mehr einfach schön. Doch ist es das überhaupt je gewesen? Eine erste, vorschnelle Antwort, wäre ja. Doch bereits auf den zweiten Blick muss dies revidiert werden: Sind Diane Arbus‘ Fotos schön? Ja und nein. Die Fotografien des Kriegsfotografen James Nachtwey sind nicht „schön“, sie zeigen tiefstes Elend (in einer schockierenden Ästhetik). Oder die verstörenden Bilder des Hans Bellmer?

Dies sind nur drei Bespiele von vielen, bei denen sich gute und schöne Fotografie nicht einfach vereinen lassen. Wie so oft in der Fotografie ist Barthes Terminologie dienlich: Ist das punctum das Schöne? Nicht unbedingt. Es ist, nach Barthes, das, was (be)sticht, verwundet, trifft, das Unbenennbare, die Zufälligkeit der, so meine ich, ebendies auch inhärent ist: Zufällig im Bild, aber auch zu-fällig ans Auge. Ans Herz gar, möchte man sagen.

Das punctum ist es, das ein Foto nachhaltig gut macht, was berührt. Eine gute Fotografie ist – aus meiner inzwischen gewonnen Perspektive – oft nicht schön, ja sogar: Sollte es bisweilen nicht sein. Denn schön, im klassischen Sinne, hält auf, verhindert – blendet. Fotografien sollten „das Andere“ sein, bestechen, irritieren, verstören, sodass der Blick nicht auf der Oberfläche abperlt, sondern eindringt. Ein gutes Foto ist oft jenes, das Blicke aufsaugt wie ausgetrocknete Erde, die, wenn sie vollgesogen ist und ihre tiefe Schwärze zurück hat, fruchtbar wird.

Das Schöne also, im klassischen Verständnis, wird in der (Kunst-)Fotografie oft gemieden, es scheint uns verlitten. Vielleicht liegt das mit daran, dass neben der klassischen Schönheit auch immerzu der Kitsch lauert – obwohl dieser übrigens in der Kunst (und damit viele fotografische Arbeiten eingeschlossen) zunehmend legitim ist. Und warum? Weil er eben nicht schön ist, weil er die Hyperbel der Schönheit ist. Um von der Kitsch- in die Kunstschublade zu gelangen, muss er aber in seiner Ironie erkannt, behandelt und eingesehen werden. Denn Kitsch ist ehrlich (auf eine hochstaplerische Weise), er blendet nicht; er ist ein (Zu-)Geständnis im Mantel der Übertreibung. Ein Schaf im Wolfspelz, sozusagen.

 

Gute Aussichten für das Schöne

Nun ist es also, dass ein gutes Foto nicht notwendigerweise schön ist. Es sogar bisweilen besser nicht sein sollte. (Was übrigens inzwischen zwar kein Fragezeichen mehr in meinem Kopf verursacht, aber dennoch eine Herausforderung bleibt, denn natürlich habe auch ich einen ästhetischen Anspruch.) Nichtsdestotrotz, gute Aussichten für die Schönheit: Auch, ist sie in ihrer klassischen Form nicht immer willkommen, sie ist doch nötig – und sei es als Gegenkonzept – und so manches Foto entfaltet dann eine ganz eigene, bestechende Schönheit.

PS: Wohlgemerkt ist „schön“ ein äußeres und „gut“ eher ein inhaltliches Kriterium, die sich idealerweise vereinen; doch, meiner Meinung nach hat letzteres ersteres irgendwie zur Folge – aber eben nicht unbedingt im klassischen Sinne.

* Recht explizit formuliert dies zum Beispiel Elise Bisanz in „Die Überwindung des Ikonischen. Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Bildwissenschaft“ (mit Verweis zu Derrida).

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24 Kommentare

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  1. Sehr guter Text. Habe mich in meiner Bachelor-Arbeit mit der „Hellen Kammer“ und der Bedeutung von Photographie in französischen Romanen beschäftigt. Schön, hier einen Ansatz direkt auf die Photographie bezogen zu finden. Bitte mehr solcher Texte!

  2. das ganze ist ein echt komplexes thema und doch gibt es elemente in dem was wir sehen, das uns immer ansprechen wird, worauf wir immer reagieren werden. das ist teil unserer psyche, das angeborene verhalten das uns dazu zwingt auf gewisse dinge einfach zu reagieren, sofern wir nicht eine schädigung an unserem gehirn haben.

    und diese themen die bei uns immer wieder emotionen ausdrücken sind: das andere geschlecht, unwetter, tiere, babys, körpersprache, usw.

    dazu kommen die einflüsse unserer gesellschaft, im größten teil natürlich im normalfall die eltern, etc. – alles was wir sind, ist das ergebnis dessen, was uns umgibt.

    wenn wir versuchen stehts den geschmack der anderen zu treffen, verlieren wir uns selbst. ziel sollte es sein, das andere gefallen an dem finden was wir tun, ohne das wir an unserem tun etwas ändern, nur um anderen zu gefallen. aber niemals sollten wir aufhören weiter zu lernen nur weil wir denken, wir hätten unser ziel schon erreicht. den ich bin der meinung, diese reise hat kein ende. sie ist immer das ergebnis dessen was uns prägt. und das leben prägt und bis zu unserem letzten atemzug.

  3. Hallo Heidrun,

    entschuldige, wenn ich etwas genauer auf deine Referenz zu Kant eingehe. Seine Ästhetik bietet nämlich durchaus eine Grundlage, warum „Schönheit“ nicht „Gutheit“ ist, dass sie sogar zwei völlig verschiedene Konzepte sind.

    Denn Schönheit ist bei Kant mitnichten nur „interesseloses Wohlgefallen“. Das reine ästhetische Urteil (bei Kant Geschmacksurteil) ist dem ersten Moment tatsächlich ein Wohlgefallen oder Mißfallen ohne alles Interesse (vgl. Meiner 2006: S.58). Dies ist leicht zu erklären; wer zum Beispiel Hunger hat, dem schmeckt fast alles, weil er ein Bedürfnis (Interesse) hat. Nur wer keinen Hunger mehr hat, kann unterscheiden, wer unter vielen Geschmack hat oder nicht (vgl. S. 57).

    Aus dem zweiten Moment folgert Kant, dass das „Schöne“, ohne Begriff allgemein gefällt (vgl. S.70). Diese Behauptung geht nun tief in die Erkenntnistheorie hinein und ist deswegen nur schwierig zu verstehen. Um zu Erkenntnis gelangen müssen demnach die Erkenntniskräfte – Einbildungskraft und Verstand – in ein bestimmtes Verhältnis gesetzt werden, welches dann begrifflich bestimmt wird. Dies wird durch die bestimmte Eigenschaften des zu beurteilenden Gegenstandes hervorgerufen. Da das Geschmacksurteil (also die Beurteilung, ob etwas schön ist) aber interessenlos, also nicht in der Bestimmung eines Gegenstandes liegt, findet hier etwas anderes statt. Kant spricht vom freien Spiele der Erkenntniskräfte (vgl. S.67). Wenn dieses gefällt, wird der Gegenstand (z.B. ein Bild, Foto) als schön „empfunden“. Deswegen ist das Geschmacksurteil auch subjektiv. Diese Subjektivität muss auf Grund des Wirkungssystem der Erkenntniskräft bei jedermann gleich sein. Das bedeutet, dass eigentlich jeder dasselbe „reine“ Geschmacksurteil haben muss. Einfacher gesagt, jeder ist zumindest in der Lage zu beurteilen ob etwas schön ist (Selbst Kant geht davon aus, dass die meisten Menschen selten in der Lage sind ein ästhetisches Urteil zu fällen, da sie nie wirklich interessenlos sind ;)).

    Das dritte und vierte Moment lass ich aufgrund seiner Komplexität mal unkommentiert. Interessant ist jedoch nur die Schlussfolgerung: Die Beurteilung von „Schönheit“ ist also sogar im Erkenntnistheoretischem Sinne etwas völlig anderes als die Beurteilung von „Gutheit“. Während das „Gute“ begrifflich bestimmbar ist und damit auch in den Eigenschaften des Gegenstandes liegt, ist das „Schöne“ ein rein subjektives Gefühl der Lust, welches jedoch trotz seiner Subjektivität allgemein gültig ist. Problematisch ist und bleibst bist heute, inwiefern diese reinen Geschmacksurteile überhaupt möglich sind. Also inwiefern man zum Beispiel ein Foto beurteilen kann, ohne davon einen Begriff zu haben, ohne zu erkennen was es eigentlich ist und ohne dabei das Interesse zu haben zu verstehen was es ist (gilt umso mehr für Kunst ;)).

    Um auf deine angesprochene Zwiespältigkeit zwischen „schön“ und „gut“ zurückzukommen: Argumentiert man mit Kant, so kann ein Bild schön und gut zugleich sein. Ebenso kann ein hässliches Bild trotzdem gut sein. Die Aussage, dein Foto sei „zu schön“, ist damit eigentlich hinfällig. Und das halte ich nun tatsächlich für richtig. Das Schöne und das Gute sind zwei unterschiedliche Dinge und deren Beurteilung beruhen somit ebenfalls auf unterschiedlichen Kriterien. Ein Foto kann demnach niemals weniger schön sein um besser zu werden.

    Ich hoffe, dass das nun nicht zu philosophisch war. Aber die Lektüre von Kant lohnt sich schon manchmal! Nichtsdestotrotz, interessantes Thema! Find ich schön, dass sowas mal angesprochen wird. In der Photographie liegt so viel Philosophie, und eine ausführliche Auseinandersetzung damit ist sicherlich für jede künstlerische Entwicklung vorteilhaft.

    (Die Referenzen im Text beziehen sich auf die folgende Quelle: Kant, Immanuel: Kritik der Urteilkraft, herausgegeben von Klemme, Heiner F. im Meiner Verlag 2006)

    • danke fuer die interessante Erlaeuterung. Ich werde dir nicht im geringsten widersprechen wenn du sagst “ wenn man mit Kant argumentiert….“; aber das habe ich ja auch nicht getan. Der Verweis auf Kant ist nicht so zu verstehen dass dieser die Referenz fuer den folgenden Text ist, sondern ein Hinweis auf eine Philosophische Auseinandersetzung des Themas. Ich habe meine eigenen Ueberlegungen versucht in Worte zu fassen ; und wenn meine Erfahrung (ein Foto kann ‚zu schoen‘ sein) nicht in diese Philosophie passt dann kann ich das wohl kaum ändern.

      • Sollte auch keine (negative) Kritik sein. Fand den Vergleich mit Kant halt einfach auch inhaltlich ganz spannend. Und ich habe ganz bewusst geschrieben „argumentiert man mit Kant“. Unfehlbar war auch dieses Genie sicherlich auch nicht.

        Schwierig wird es nur, wenn man von unterschiedlichen Definitionen ausgeht. Man muss sich ja gezwungenermaßen damit auseinandersetzen, was Schönheit ist, wenn man darüber schreiben will.

        Du hast zum Beispiel geschrieben, dass es etwas wie „klassische Schönheit“ gibt. Im folgenden argumentierst du ja eigentlich immer (und das ist auch überhaupt nicht schlimm), dass genau diese „klassische“ Schönheit verworfen wird und unter Umständen als „zu schön“ abgestempelt wird. Das kann ich nachvollziehen und das ist auch sicherlich richtig. Was allgemein unter „schön“ bzw. vor allem gesellschaftlich kulturell unter „Schönheit“ verstanden wird, ist nun mal dem Wandel der Zeit unterworfen. Du sagst zum Beispiel, dass das Verwerfen der Schönheit vielleicht aus Überdruss, Langeweile entsteht. Aber kann nicht auch Langeweile schön sein? (Nur als Denkanregung, nicht als Kritik gedacht)

        Interessant an dem Schönheitsbegriff von Kant ist ja gerade, dass er ohne kulturellen, traditionellen, ja überhaupt ohne Begriff, Kontext und Kategorien auskommt und somit qualitativ etwas anderes darstellt. Ein Ideal, welches man als „zu schön“ bezeichnen könnte, gibt es insofern gar nicht.

        Die Problematik liegt glaub ich immer in den Begriffen selbst. Etwas „schön“ finden, kann so viel Unterschiedliches bedeuten und wenn man mit unterschiedlichen Bedeutungen hantiert, wird es halt schnell kompliziert. Im obigen Text ist „das Schöne“ mal subjektiv, mal allgemein gültig, mal kulturell bedingt… Welches Schöne wird denn nun verworfen oder in der Kunst nicht mehr gern gesehen? Eigentlich doch „nur“ das kulturell bedingte, oder? Weil kann ich nicht zum Beispiel auf Unordnung, Chaos, etwas gegensätzliches zum klassisch Schönen, nicht trotzdem schön finden?

        Ich finde es wie gesagt, toll dass du eine solche Thematik aufgegriffen hast. =)

  4. Am Giebel unseres Stadttheaters (ca 1900) prangt in großen Lettern: „Dem Wahren, Guten, Schönen“ und ich haber mich kürzlich gefragt, ob etwas von Wert sein kann, wenn es auf eine dieser drei Tugenden verzichtet. Hier ist es dieses Gelöbnis ja auf die Kunst beschränkt aber es erscheint mir möglich, das auch zu erweitern.
    In jedem Fall halte ich es für überlegenswert, den Wahrheitsbegriff zur Schönheit und Moral ( oder Menschlichkeit ) hinzuzunehmen.
    Darüberhinaus konnte es hilfreich sein, wenn man in einem Werk nicht die Schönheit selbst sucht, sondern den Fingerzeig oder die Erkenntnis, die Mitteilung, die auf die Schönheit, Wahrheit, Güte hinweist, Das kann auch mit der Darstellung des Häßlichen, Verlogenen, oder Bösen geleistet werden, wenn sich in der Art der Darstellung die Sehnsucht oder das schmerzliche Vermissen der positven Tugenden deutlich macht. Vielleicht ist es eine der wesentlichen Leistungen der Moderne, dass sie die „Verwendbarkeit“ des Häßlichen oder des Banalen entdeckt hat und wenn das Häßliche oder die Gewalt nicht zum Götzen wird, dann wäre ich einverstanden.
    Aber eine Schönheit ohne Bezug zur Wahrheit und/ oder zur Menschlichkeit könnte als belanglos, verwerflich ( gibt es das noch? ) kischig oder schmalzig abgetan werden.
    Time ! ….

    Grüße
    Andreas V.

  5. ach seid ihr alle verkopft….
    ich liebe schöne Bilder! Warum sollten schöne Bilder keine Kunst sein? Es kann doch ein Konzept sein, etwas so schön darzustellen, dass es einen überwältigt…. so faszinierend, so ergreifend einfach… warum ist etwas erst cool, wenn es einen Bruch hat? Soweit ich weiß, ist die teuerste Fotografie der Welt eine Landschaftsaufnahme, man sieht einen wunderschönen Streifen vom Rhein, sieht fast schon abstrakt aus, wenn ich das richtig in Erinnerung habe…. und das Bild ist wunderschön. Weil es soviel Ruhe ausstrahlt. Für mich jedenfalls.

    Natürlich sind nicht alle schönen Bilder Kunst – sonst könnte man jedes Blumenkalenderfoto ins Museum stellen. Aber das Schöne aus der Kunst auszuschließen, ich finde, da übertreiben die Herren Professoren!

    Schöne Grüße!

    • ich glaube kaum das jemand das schoene aus der kunst ausschliessen will. aber ich denke dass es auch nuetzlich sein kann um sich zu fragen ob etwas inhaltliches nicht ‚untergeht‘ wenn etwas sehr schoen ist. eben weil man dann vielleicht nicht weiterfragt, sondern der genuss ein optischer bleibt.

  6. @philpp: ja, durchaus, unordnung kann wunderschoen sein! darauf spielte ich auch in meinem p.s. an. und du hast voellig recht dass begrifflichkeiten das sprechen/schreiben erschweren. oder man muesste immer gleich einen persoenlichen Duden mitliefern :o)
    und ich fand es sehr gut dass du dich dazu geaeussert hast.
    und uebrigends was total anderes: ich habe bei deinen portraitfotos jemanden entdeckt den ich vor ca. 10 jahren in madrid getroffen haben. (die welt, das Dorf:o)

  7. Grundsätzlich ein intelligenter Artikel mit Diskussionsbedarf.
    Beide Gegensätze sind konstruierte Dichotomien. Barthes studium-punctum Ansatz ebenso wie der Ansatz gut-schön, beide leiden an den gleichen Problemen, die aus der Konstruktion an sich hervorgehen.
    Zum einen ist die Abgrenzung von dichotomen Gegensätzen immer willkürlich und daher wahrnehmungsbestimmt oder axiomatisch (je nach Konstruktionsprinzip). Die Abbildung der Abgrenzung auf reale Verhältnisse ist daher unscharf und mit Mehrdeutigkeiten behaftet.
    Zum anderen ist der Konstruktionsstandpunkt entscheidend für die Beurteilung der dichotomen Kriteriensets. Barthes punctum beispielsweise, funktioniert in der Anwendung ausschließlich, wenn es sich um einen Betrachter und ein Bild handelt. Sobald ich die Situation auf mehrere Betrachter, die sich im sozialen Austausch befinden aufweite, oder aber das Bild kontextualisiere, indem ich etwas Hintergrundinformationen zur Entstehungsgeschichte o.ä. gebe, bricht die Konstruktion zusammen. Im einen Fall, weil das punctum im sozialen Kontext relativierbar ist, d.h. nicht alle Betrachter fühlen denselben Stich. Im anderen Fall, weil beispielsweise die Diskussion über die Echtheit Robert Capas Soldatenbild durchaus etwas zum punctum hinzufügt oder eher wegnimmt.
    Bei der aufgespannten Dichotomie schön-gut passiert etwas ganz ähnliches: beide Begriffe unterliegen individuellen Betrachtungsweisen ebenso wie einer gesellschaftlich-diskursiven Variation, die qua Sozialisation und Bildung tradiert werden. Die Umwälzung des Schönheitsbegriff in praktisch jeder Generation hat m.E. übrignes mehr mit dem Widerstandsimpuls der jungendlichen Entwicklung zu tun als mit kunsthistorischen Verfasstheiten, diese bestimmen bestenfalls das wann und wie aber nicht das ob.

    Letztlich bleibt nur die Erkenntnis, die wir alle schon hatten: Kunst ist, was Kunst genannt wird und zwar von anderen. Die anderen müssen wir überzeugen, und die anderen sind immer Mehrzahl. Dafür gibt es taktische und strategische Manöver, um sich interessant und/oder beliebt zu machen und wer als Künstler gelten will muss genauso auf die Ochsentour wie jeder Politiker. Es ging schon immer darum, entweder a) den Geschmack der Menge zu treffen oder sie b) davon zu überzeugen, dass sie eben keinen solchen habe.

    • Genau Michael, letztendlich wie in allen Disziplinen: wer am lautesten Trompetet und dazu noch von sich am besten überragend überzeugt ist, der vermag es leicht, auch andere von sich und seinem Schaffen zu überzeugen und dafür zu begeistern. Es gilt letztendlich ein gutes Marketingkonzept zu entwickeln, dann klappt’s auch mit der Kunst ;-)

  8. Ich weiß nicht, was richtig ist, aber ich weiß, war mir gefällt! Das kann schön, hässlich oder auch banal empfunden werden. Solche Diskussionen sind Wort- und Gedankenspiele, die man führen kann, aber nicht muss.

    • Ich muß in allen Punkten widersprechen: Zu wissen was einem gefällt, ist selbstverständlich. Sich zu fragen, warum einem etwas „gefällt“ erscheint mir ebenso selbstverständlich insbesondere wenn man dann wieder versucht, etwas zu produzieren. Die Diskussion um die Begriffe und die Werte ist m.E. überhauptkeine Wort- oder Gedankenspielerei, sondern ein ernsthaftes Bemühen um ein kleines Krümelchen mehr Erkenntnis, mehr Verstehen – auch um dann wieder besser handeln und auch besser urteilen zu können.
      Es tut mir leid, aber ich reagiere allergisch auf Beiträge, die am Ende wieder alles planieren wollen, was an Profil erarbeitet worden ist. Dass “ letztlich das Schöne im Auge des Betrachters liegt“ ist so ein ( verhasster ) Klassiker, der eigentlich nur eine Kapitulation darstellt und mit einem Seufzer alle Ansätze ( mehr ist ja eigentlich hier nicht ) wieder wegschwemmen will. Ich halte es für notwendig, dass man sich über Begriffe und Werte intensiv unterhält, denn das ist die Basis und das Handwerkszeug für jede bessere Kommunikation und die Skala ist nach oben weit offen.
      Ich finde es prima, dass diese Diskussion hier wenigstens angerissen wurde. Dass sie nicht zu Ergebnissen führt, die man „getrost nach Hause tragen“ kann ist kein Grund, alles klein zu reden.
      Das DIng ist kompliziert und die Aufgabe heißt: „weiterdenken ! “ und nicht „na ja….“
      Grüße
      Andreas V.

  9. Interessant, auch wenn mir die sehr gewählte Ausdrucksweise auf garstige Art klarmacht, wie lange mein Studium schon zurück liegt :-).

    Was mir gefallen hat, ist die Etflechtung der Begrifflichkeiten des Guten, des Schönen und schließlich des Wahren, beginnend beim Artikel selbst und vertiefend in den Kommentaren. In meinem Kreis, der Architektur, ist das Schöne häufig eine Nebenleistung zum Guten. Das Wahre ist ein Instrument. Klingt komisch, ist aber so. Vieles wird in einer bestimmten Weise konstruiert, weil es konstruktiv richtig (wahr) aussieht. Diese konstruktive Richtigkeit dient der Schönheit des Guten. Interessanterweise ist die Wahrheit aber eine bedingte: Es genügt völlig, wenn etwas richtig aussieht. Das hat zu einem gewissen Verschleiß dieser Haltung geführt und die konstruktive Richtigkeit hat in der Ästhetik ins den letzten Jahren deutlich an Bedeutung verloren. Und das führt mich beispielhaft zu dem Schluss, dass auch das Verhältnis zwischen dem Guten und dem Schönen stetigen Veränderungen unterliegt.

    Letztlich ist es Sache des Einzelnen, seine Kommunikationsmittel zu wählen. Welches der Elemente Wahrheit, Schönheit und Gutheit dabei welchen Rang einnimmt, unterliegt individuellem und gesellschaftlichem Wandel. Und es ist – auch hier greife ich zur Architektur – vor allem eine Grage der Zweckmäßigkeit. Welchen Zweck hat mein Bild?

    Eine böse Frage!

  10. Guter text, es könnte dich veilleicht interessieren. Ich habe auch eine Arbeit über Roland Barthes geschrieben und ihn in Verbindung mit Thomas Bernhard „Auslöschung“ gesehen. Es ist wirklich eine der einfachsten und interessantesten Theoeiren, die einige andere übertrifft.

  11. Hoffentlich beginne ich niemals mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Wenn mir etwas gefätt finde ich es schön! Sich tiefgründige Gedanken dazu zu machen führt meiner meinung nach nur zur Verzweiflung weil es keine klare Antwort darauf gibt.
    Gruß
    Oli