02. Oktober 2011 Lesezeit: ~7 Minuten

Im Gespräch mit Franz Bohr


Franz Bohr, Selbstportrait

Franz Bohr, diesen Namen werde ich so schnell nicht vergessen. Vor einigen Monaten stolperte ich zum ersten Mal über seine Bilder auf Flickr. Ich sah mir seine Portraits an und dachte mir nur: Wow.

Dass Franz nur 60 Bilder in seinem Stream hat, fiel mir erst heute auf, als ich nachträglich ein wenig recherchierte. In so einem kleinen, aber feinen Stream bekommt dann für mich jedes Bild ein ganz anderes Gewicht. Und dass Franz nicht nur fotografieren kann, sondern auch etwas zu sagen hat, wird in folgendem Interview mehr als deutlich.

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Franz, erzähl uns doch mal, wer Du bist. Was machst Du beruflich, womit verbringst Du Deine Freizeit?

Ich bin Musikproduzent für elektronische Clubmusik und mache das seit über zehn Jahren. Und habe bis vor Kurzem auch ausschließlich davon gelebt. Aufgrund von Familiennachwuchs habe ich mich dann aber vor einigen Monaten entschlossen, einer stärker strukturierten Tätigkeit nachzugehen und arbeite daher seit Kurzem in einem Musikfachgeschäft.

Wieder angefangen zu fotografieren habe ich vor zwei Jahren, als ich zunächst in einem Lifestyle-Magazin die tollen digitalen M-Kameras von Leica entdeckte. Auf der Suche nach einer günstigeren Alternative zur M8 bin ich dann auf die Pen von Olympus gestossen. Mein Ehrgeiz, mit dieser technisch beschränkten Kamera zu arbeiten und dabei zu künstlerisch interessante Fotografien zu gelangen, war geweckt.

Kann man die elektronische Musik im Netz finden und hören?

Unter dem Stichwort „M_Ferri“ findet man einige Sachen, die ich in der Vergangenheit produziert habe. Das meiste davon sind Sachen, die ich mit Hinblick auf den Clubeinsatz produziert habe, da ich selbst auch auflege. Ein weniger loopiges und eher experiementelles Beispiel findet man hier.

Mein jüngstes Projekt nennt sich „Superlover“ und ist insgesamt harmonischer und eher an Popmusik orientiert. Diskoeinflüsse sind deutlich herauszuhören:

Wie beeinflusst Musik Dein Fotografieren?

Im Grunde bin ich wegen der Musik erst darauf gekommen, zu fotografieren. Für mein Musiklabel hatte ich in der Vergangengeit das Grafikdesign für jede einzelne Veröffentlichung meist zeitaufwändig aus Vektorelementen erstellt. Irgendwann kam mir die Idee, die vielen tausend Mausklicks in Photoshop durch etwas zu ersetzen, das schneller geht, mehr Spaß macht und möglicherweise eindrucksvoller aussieht – ein grosses formatfüllendes Portraitfoto als 12″-Plattencover.

Damit war dann auch das Quadrat als Rahmen für meine Fotografien vorgegeben. Da Farbe bei Portraitfotos meiner Meinung nach unnötig vom Subjekt ablenkt, war für mich auch von Anfang an klar, dass ich nur schwarzweiß arbeiten wollte. Mittlerweile hat sich mein Fotografieren emanzipiert von dem Gedanken, nur als Mittel zum Zweck (eines Plattencovers) da zu sein.

Wie kommst Du zu den Fotos? Sprichst Du die Menschen spontan an oder planst Du die Shootings einzeln? Erzähl mal, wie Deine Bilder entstehen…

Ich fotografiere nur Leute, die ich mehr oder weniger gut kenne. Die Aufnahmen entstehen oftmals spontan. Mit Lichtsituation und Blickwinkel wird dann vorher experimentiert. Ich fotografiere die Bilder in der Schwarzweiß-Vorschau der Pen Kamera, um einen ersten Eindruck der Aufnahme zu erhalten. Die Raw-Datei wird dann hinterher mit Lightroom entwickelt und dort wird auch der finale Bildausschnitt bestimmt.

Warum gerade die Pen?

Bei meinen Aufnahmen versuche ich, mich auf einfaches Equipment zu beschränken. Die Kamera ist ja für mich am Ende nur ein Belichtungskasten. Die Pen von Olympus ist einfach sehr kompakt, sodass ich sie leicht überall dabei haben kann. Zudem gibt sie mir alle manuellen Einstellmöglichkeiten, die ich benötige. Und dann sieht sie ja auch noch ganz sexy aus. Was will man mehr…

Als Objektiv benutze ich das Panasonic Lumix 20mm Festbrennweitenobjektiv. Die Kompaktheit des Pancakes passt gut zur Grösse der Kamera bei guten Abbildungseigenschaften.

Das bedeutet, Du nutzt nur das 20mm – richtig? Oder wird ab und zu auch mal gewechselt?

Nein, ich hab das 20er noch nie abgenommen. Ich mag die Beschränkung auf ein einziges gutes Objektiv mit fester Brennweite. Das Pancake entspricht einer Linse mit 40mm Brennweite bei Vollformat und kommt damit meiner Lieblingsbrennweite von 35mm am nächsten. Möglicherweise schaffe ich mir aber demnächst die Fuji X100 an, denn dort hätte ich zum Einen einen größeren Sensor und zum Anderen eine 35mm-Entsprechung beim Objektiv.

Wie bearbeitest Du Deine Fotos?

Ich wandle mit Lightroom die Raw-Datei zunächst einmal in schwarzweiß um. Danach folgen Einstellungen für Kontrast, Korn und Schärfe. Oft arbeite ich auch mit dem Pinsel einzelne Bereiche des Fotos heraus, um sie hervorzuheben beziehungsweise abzuschwächen. Ich betrachte das Arbeiten mit der Kamera eher als Skizzieren, das eigentliche Bild ensteht bei mir in der digitalen Dunkelkammer. Ich schätze den Lightroom-Anteil am finalen Bild auf über 60% ein.

Interessant, Franz. Hast Du Deine Lightroom-Skills alle selbst „herausgefunden“ oder mittels anderer Quellen wie Bücher oder Tutorials dazugelernt?

Nein, keinerlei Tutorials oder dergleichen. Meine Bildästhetik ist beeinflusst von den großen ikonenhaften Fotografien zum Beispiel eines Herb Ritts, Trent Parke, Helmut Newton, Peter Lindbergh oder Brett Walker. Was ich mir in erster Linie dort abgeschaut habe, sind Details wie Korn, Schärfeverlauf und Kontrast. In Lightroom sind diese Parameter ja sehr leicht und ohne Spezialwissen zu verändern.

Stimmt. Welche Fotos hängen bei Dir zu Hause an der Wand?

Ich persönlich mag es eher minimalistisch und bin daher sehr zurückhaltend im An- und Einbringen von Gegenständen zu Hause. Mich inspiriert einfach eine leere saubere weiße Wand mehr als eine mit Fotos zugehangene. Da ist dann sozusagen maximaler Raum für Fantasie und Vorstellungskraft.

Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass ich prinzipiell ein sehr unruhiger Typ bin und so bewusst und unbewusst alles tue, was dazu beiträgt, meine Umwelt strukturell zu vereinfachen. Ich könnte mir zum Beispiel auch nie vorstellen, mehr als eine Kamera zu besitzen. Da hätte ich dann immer das Gefühl, die eine wäre unnötiger Ballast.

In dem Zusammenhang ist vielleicht auch interessant zu erwähnen, dass ich von einem Shooting immer nur ein einziges Bild behalte – alle änderen lösche ich, sobald ich mit der Nachbearbeitung des finalen Bildes fertig bin.


Keine Ausnahmen?

Absolut. Keine Ausnahmen. Meine Lightroom-Bibliothek umfasst ca. 40-50 Fotos. Und selbst da überlege ich bei jedem Programmstart, ob ich nicht noch „optimieren“ kann. Ich bin kein Sammler und kann mich ziemlich problemlos von unnötigen Gegenständen trennen.

Spart jedenfalls viel unnötigen Speicherplatz und bringt das Fotografieren auf einen Punkt, kann ich verstehen. Letzte Frage: Welches Lied hörst Du gerade besonders gern?

Mhh, keine leichte Frage. Ich höre privat so gut wie keine Musik. Und als DJ ändern sich meine Favoriten in der Regel ja beinahe wöchentlich. Einer meiner aktuellen Ohrwürmer ist dieser hier. Ein herrlich entspannter Edit eines 80er-Funkstückes. Quasi Sommer fürs Ohr…

Danke, Franz!

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14 Kommentare

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  1. Tolles Interview und wunderbare Portraits. Mir gefällt seine Idee von jedem Shooting nur ein Bild zu behalten. Funktioniert natürlich nur wenn bei jedem Shooting nur ein Bild herauskommen soll. Mich wundert allerdings wie man als DJ privat kaum Musik hören kann.

  2. Wie viel ist weniger mehr …?
    Mir gefällt diese Reduktion auf das Wesentliche, mit einer einfachen Kamera so beeindruckende Fotos zu machen – faszinierend. Diese Art der Fotografie kommt mir sehr entgegen. Die Bearbeitungsschritte in Lightroom würden mich allerdings schon interessieren.

  3. ha – toller artikel und interessante portraits. überraschend fand ich die tatsache, dass ich mich bei den meisten punkten, die franz beschreibt komplett wiedergefunden habe. auch ich benutze nur das 20mm lumix-pancake, wenn auch in verbindung mit der panasonic gf-1. auch die beschränkung auf schwarz-weiss, die 60%ige nachbearbeitung der raw’s sowie die ständige optimierung der bild-datenbank (ebenfalls 50 photos aktuell) spiegelten meine eigenen vorlieben wieder.

  4. vielen dank. dann liegt es wohl an meinem 13 zoll notebook, dass ich das gefühl habe, die bilder werden quasi „ungeglättet“ angezeigt, was sich in gewissen unschärfen negativ bemerkbar macht.