14. April 2011 Lesezeit: ~6 Minuten

Zu Besuch bei der Schuhmacherei Bernhard

Schumacherei: Werkzeug

Heute Morgen entschied ich mich spontan, eine kleine Fototour durch die Durlacher Altstadt zu machen. Was zu Beginn nach einer entspannten halben Stunde Knipserei klang, endete mit meiner ersten Fotodokumentation eines Handwerksbetriebes.

Weil ich vor Jahren einmal in Durlach gewohnt und gearbeitet habe, verbindet mich mit der Kleinstadt am östlichen Rand Karlsruhes eine enge Freundschaft. Ich bewege mich dort gerne, weil sich die Ruhe und Enspanntheit der Bewohner ganz gern auch auf mich überträgt. Außerdem mag ich den Altstadtflair: es riecht überall nach feinem Essen und ein alternatives Minilädchen reiht sich an das nächste.

So zog ich heute Morgen durch die kleinen Gässchen und machte ein paar Aufnahmen. Gegen 9 Uhr fand ich mich vor dem Schaufenster der Schuhmacherei Bernhard, nicht weit von der Fußgängerzone gelegen.

Schuhmacher. Ich hatte mich schon als Kind immer gefragt, wie es in solch einer Werkstatt wohl aussehen würde und ich fand diese verranzten, kaputten Schuhe spannend. In mir wuchs in Sekundenschnelle der Wunsch, einmal hinter die Fassaden des Fensters zu sehen.

Von diesem Gedanken gefesselt, musste ich nicht lange nachdenken, um mir einen Ruck zu geben und mich dem noch fremden Herrn hinter der Theke vorzustellen. Ich bekundete mein großes Interesse am hiesigen Betrieb und stellte Herrn Bernhard – der sich später als der Juniorchef herausstellte – viele schlaue und weniger schlaue Fragen.

Schuhmacherei: Schuhe

Schumacherei: Fertige Schuhe

Da stand ich nun, mitten in diesem Laden, die Kamera in der Hand, und war ein wenig stolz auf mich, die erste Hürde überwunden zu haben. „Das ist alles so interessant, so… hach!“ ging mir durch den Kopf und so sprudelten die Fragen nur so aus mir heraus.

Weil Herr Bernhard so freundlich und offen auf meine Neugierde reagierte, erfuhr ich viele Details über dieses unscheinbare Lädchen, das „klein, aber oho!“ auf mich wirkte. Nach einer Weile gab ich mir einen zweiten – den entscheidenden – Ruck und fragte, ob ich ein paar Aufnahmen vom Schuhwerk machen dürfte. „Gar kein Problem, gerne“ lud mich der Juniorchef hinter die Ladentheke ein und ich begann, die Schildchen an den Schuhen, zu denen ich schon zu Beginn immer wieder geschielt hatte, aufzunehmen.

Schumacherei: Das Nummernband

Schuhmacherei: Die Uhr

Herr Bernhard erklärte mir die Abläufe der Werkstatt, wie man einen Schuh einspannt und mit welchen Gerätschaften hier seit Jahrzehnten gearbeitet würde. Die Schuhmacherei Bernhard existiere nicht seit gestern, sondern habe schon seit 66 (!) Jahren ihren Sitz in Durlach.

„Hut ab!“, dachte ich und spickte in die Werkstatt. Hier und da standen diese alten (und neueren) Geräte. Nähmaschinen, Zwickzangen, Hämmer und Gerätschaften, die ich nicht einmal vom Hörensagen kannte. Dabei erfuhr ich auch, dass es unter Umständen ganz schön gefährlich werden könne, wenn man an der Schleif- oder Nähmaschine nicht achtsam ist. Auch der Juniorchef habe sich schonmal in die Hand geschliffen, das gehöre einfach dazu.

Schuhmacherei: Die Fußsolen

Schumacherei: Ein Detail

Während wir uns unterhielten, musste der Mann zwei Mal nach vorn zur Kasse, weil Kunden hereinkamen, um Schuhe abholten oder irgendwas mit ihm zu besprechen, das ich nicht verstanden habe.

In mir pochte mein Herz laut, denn ich hatte bisher noch nie den Mumm gehabt, einfach irgendwo einzutreten und ein paar Aufnahmen zu machen. So nutzte ich jede Sekunde, um abzudrücken und in aller Hast vergaß ich, ab und zu etwas abzublenden. Ich hatte verschwitzte Hände und meine Augen flitzten von einem Schuh zu nächsten.

Schuhmacherei: Ein Schuh

Schumacherei: Herr Bernhard

Die Lichtverhältnisse waren – für ein Fotografenauge – eher schwierig. ISO 2000 war Fix-Lichtempfindlichkeit und die meisten Fotos habe ich mit ƒ/3,2 gemacht. Noch höhere ISOs wollte ich auch mit der 5D Mk2 beileibe nicht nutzen und so sind die Fotos weitestgehend rauscharm geblieben.

Später im Büro musste dann eine Entscheidung zwecks Nachbearbeitung fallen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, die Fotos in alter Manier in Farbe und dem kameranativen Format zu finalisieren, denn ich hatte den Eindruck, ihnen sonst zu viel zu nehmen.

Schumacherei: Der Hund

So nahm ich so manche Belichtungskorrektur und einige Gradationsjustierungen vor; schärfte selektiv etwas nach. Um dem Ganzen ein wenig Pepp zu verleihen, kam eine minimale Teiltonung dazu. Fertig.

Fazit

„Wenn man mal seine eigene Hürde überwunden hat, eröffnet sich eine neue Dimension dieser Welt.“ Dieser Satz hat sich heute Morgen in mein Gedächtnis eingeprägt. Ich bin – das darf ich zugeben – wie verliebt in meine kleine Reportage, habe noch den Geruch der Werkstatt in der Nase und kann mich an fast jedes Detail erinnern.

Ich habe in ein ein System Einblick bekommen, in dem alles aufeinander abgestimmt ist und funktioniert. In den Augen von Herrn Bernhard habe ich die Begeisterung für das Handwerk des Schuhmachers sehr leicht sehen können und hätte am liebsten selbst mal versucht, die Sohle eines Wanderschuhes zu reparieren. So kann ich die Begegnung des heutigen Vormittags hier festhalten und werde sicher in ein paar Jahren freudig auf dieses Ereignis zurückblicken.

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Als ich mich verabschiedete, kritzelte ich auf einen Notizblock unsere URL und verwies darauf, dass der Bericht in den nächsten Wochen erscheinen würde. Ich bedankte mich für die wertvolle Zeit und lief zurück zur Bahn. Glücklich und zufrieden fuhr ich ins Büro, wo ich sofort damit begann, diesen Artikel zu verfassen.

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Wer unter den Lesern also mal in Karlsruhe einen Schuhmacher sucht, hier ist die Adresse (Website ist nicht vorhanden):

Schumacherei Bernhard
Amtshausstraße 7
76227 Karlsruhe (Durlach)
Fon 0721 49 32 63

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