22. November 2021 Lesezeit: ~9 Minuten

Deutscher Fotobuchpreis 2021/22

Am letzten Freitag wurde zum fünften Mal der Deutsche Fotobuchpreis von der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) vergeben. Die Preisverleihung bietet immer wieder die Möglichkeit, neue Bildbände und Buchprojekte zu entdecken. Denn zwischen all den neuen Veröffentlichungen verliert man doch schnell den Überblick.

Im Folgenden stellen wir Euch kurz alle mit Gold ausgezeichneten Bücher in den acht Kategorien vor. Die komplette Liste aller Nominierten zeigt der Deutsche Fotobuchpreis hier.

Da man Bücher in die Hand nehmen muss, um sie richtig zu erleben, gab es in den vergangenen Jahren auch immer eine Wanderausstellung aller prämierten und nominierten Bücher. Die Termine stehen leider noch nicht fest. Wird drücken die Daumen, dass die Ausstellungen nicht pandemiebedingt ausfallen müssen.

Künstlerisch-konzeptioneller Fotobildband:
Das Erbe

Was in anderen Familien das Gästezimmer ist, wurde in Anne Schönhartings Familie das „Afrikazimmer“ genannt. Es befand sich bis vor kurzem in einer Doppelhaushälfte in Diera bei Meißen. Dort zog es in der Nachwendezeit in das Haus der Eltern ein. Vier Generationen lang war das „Afrikazimmer“ der Ort für die Sammlung des Urgroßvaters Willy Klare.

Dieser war von 1907 bis 1914 im Auftrag einer Liverpooler Handelsgesellschaft als Kakaoplantagen-Verwalter im heutigen Äquatorialguinea tätig und trug zahlreiche Objekte zusammen, darunter Waffen, Alltagsgegenstände, Tierpräparate und Schmuck. Zusätzlich sind hunderte Fotografien sowie Briefe und Postkarten aus dieser Zeit erhalten. Über vier Generationen hat die Familie an dieser Sammlung festgehalten, sie immer wieder neu für sich in den Wohnräumen arrangiert und durch eigene Reisesouvenirs erweitert.

Zu DDR-Zeiten war das Zimmer identitätsstiftend, ein Symbol für Ferne und Weite, für die Freiheit zu reisen. Afrika galt als Sehnsuchtsort, der koloniale Hintergrund der Artefakte blieb weitgehend unreflektiert, die Provenienz unhinterfragt.

Nach dem Tod der Eltern sah sich die Fotografin persönlich mit diesem Erbe konfrontiert – und setzt es in ihrer Arbeit und diesem Buch nun in veränderte Kontexte. Mit ihren eigenen Bildern und Reproduktionen der ererbten Artefakte und Fotografien begibt sich Anne Schönharting auf eine assoziative Reise in eine ihr unbekannte Historie und tritt bewusst ein in einen persönlichen Dialog mit der Vergangenheit ihrer Familie, mit der deutschen und europäischen Geschichte und der ganz privaten, als auch gesellschaftlichen kolonialen Verantwortung.

Dokumentarisch-journalistischer Fotobildband:
Napoli Super Modern

Dieses reich illustrierte Buch setzt dem Städtebau der Moderne in Neapel ein Denkmal. Neu aufgenommene Bilder des französischen Fotografen Cyrille Weiner, neu angefertigte Skizzen wesentlicher Details und rund hundert Pläne zeigen prägende Bauten ganz unterschiedlichen Charakters aus den Jahren 1930 bis 1960. Sie machen erlebbar, dass die süditalienische Metropole eine eigene Spielart des Modernismus entwickelte, der mediterrane Kultur mit den lokalen Baumaterialen und internationalem Esprit verband.

Die Untersuchung und die Präsentation folgt der gleichen Methodik wie das erfolgreiche Buch „Paris Haussmann: A Model’s Relevance“, in dem dasselbe Team den Pariser Städtebau analysierte. Diese neue, wiederum äußerst attraktive Darstellung der legendären Hafenstadt Neapel gliedert sich in mehrere Fotostrecken, einen Teil mit Essays und beschreibenden Textpassagen sowie den Skizzen wichtiger architektonischer Details, gefolgt von den Grundrissen und Schnitten aller dokumentierten Bauten.

So entsteht ein lebendiges Portrait einer faszinierenden Stadt, die für vieles berühmt oder berüchtigt ist, deren architektonische und städtebauliche Qualitäten und Besonderheiten jedoch viel zu wenig bekannt sind.

Coffee Table Book:
TEATRIP – eine faszinierende Reise durch das Reich der Mitte

TEATRIP zeigt die ganze Vielfalt der chinesischen Teekultur in Bildern und Geschichten auf. Man lernt die Unterschiede und Besonderheiten Chinas berühmtester Tee-Anbaugebiete kennen, erfährt spannende Details über Anbau, Verarbeitung und Zubereitung Chinas sechs großer Teesorten: Oolong, weiß, grün, gelb, schwarz und Pu-Erh-Tee.

Der Autor Christian Beck handelt seit über zehn Jahren mit den besten Tees aus China, Taiwan und Japan. Auf seinen jährlichen Teereisen hat er die Top-Anbaugebiete der chinesischen Teekultur kennengelernt. Er stellt zudem einzigartige Menschen vor und zeigt anhand erstklassiger Bilder wie Anbau, Verarbeitung und Teegenuss in China wirklich gelebt wird.

Im Fokus des Buches stehen handgefertigte Tees von kleinen Familienbetrieben aus ökologischen und wilden Teegärten. Ihre Reise durchstreift die wichtigsten Anbaugebiete von Zhejiang über Fujian, Taiwan, Guangdong und hinein in Chinas tiefen Süden, nach Yunnan in die Welt des Pu-Erh-Tees.

Fototechnik:
Heimwerken in der Fotografie: Kameras selber bauen

Cyrill Harnischmacher zeigt in diesem Do-it-yourself-Ratgeber, wie mit einfachen Mitteln und Materialien, die sich in jedem Baumarkt finden, Kameras selbst gebaut und Objektive verschiedenster Art adaptiert werden können.

Schritt für Schritt beschreibt er verschiedene Projekte, zum Beispiel wie man Cyanotypien mit selbst gebauter Kamera direkt belichten kann, wie man Multi-Picture-Aufnahmen mit Polaroidobjektiven erstellt oder ein drehbares Shift-Objektiv baut.

Das Buch verbindet kreativ die digitale mit der analogen Fotografie. Wichtige Aspekte der im Buch vorgestellten Projekte sind der entschleunigte Umgang mit der analogen Technik und der Spaß am Basteln und Werken sowie die dadurch intensive Auseinandersetzung mit den fotografischen Möglichkeiten.

Fotogeschichte:
Good Morning, World!: Fotografien und Filme von Ernst A. Heiniger

Ernst A. Heiniger (1909–1993) begann 1929 autodidaktisch im Stil des Neuen Sehens zu fotografieren. In den 1930er Jahren betrieb er mit Heiri Steiner in Zürich ein innovatives Atelier für Fotografie und Grafik, gestaltete Plakate und publizierte mit „Puszta Pferde“ 1936 eines der ersten modernen Fotobücher der Schweiz.

Anlässlich der „Weltausstellung der Photographie“ in Luzern lernte er 1952 Walt Disney kennen. Diese Begegnung animierte den Schweizer, der sich in den 1940er Jahren dem Dokumentarfilm zugewandt hatte, zum Sprung über den Atlantik. Heinigers Filme „Ama Girls“ über japanische Taucherinnen und „Grand Canyon“ liefen jeweils vor Disneys Animationsfilmen und wurden beide 1959 als beste Kurzfilme mit Oscars ausgezeichnet.

Ernst A. Heinigers Archiv befindet sich seit 2014 in der Fotostiftung Schweiz und bildet die Basis für diese erste umfassende Monografie. Reich bebildert mit den wichtigsten Fotografien, Fotografiken, Buchgestaltungen und Standfotos, stellt das Buch Heinigers umfangreiches Schaffen in einer repräsentativen Auswahl vor. In den begleitenden Essays geht Patricia Banzer auf biografische Spurensuche, Katharina Rippstein untersucht Heinigers Landschaftsfotografie und Muriel Willi nimmt eine fotohistorische Einordnung seines Werks vor.

Fotograf:
Albrecht Fuchs. Album – Portraits. 1989 – 2020

Seit vielen Jahren gehört Albrecht Fuchs zu den wichtigen Portraitfotograf*innen der aktuellen Gegenwartskunst. Der Fokus seines Werkes liegt dabei auf Bildern von Künstler*innen, von Kunstvermittler*innen, Sammler*innen, Verleger*innen und weiteren Persönlichkeiten, die mit einer besonderen Wahrnehmung der Welt begegnen.

Die ebenso sachlichen wie sensiblen Farbaufnahmen von Albrecht Fuchs entstehen bei meist natürlichen Lichtverhältnissen in Ateliers, im Außenraum, in privater oder alltäglicher Atmosphäre. In einer besonderen Auswahl öffnet die Publikation, die anlässlich einer ersten größeren Werkschau von Albrecht Fuchs im Museum für Photographie Braunschweig und im Kunsthaus im KunstKulturQuartier in Nürnberg erscheint, den Blick in sein Werk.

Sie stellt bekannte Künstler-Bilder wie Sigmar Polke, Gerhard Richter, John Baldessari, Raymond Pettibon, Lawrence Weiner, Martin Kippenberger ebenso wie noch jüngere Künstlerinnen vor, wozu Margarete Jakschik, Annette Kelm, Johanna von Monkiewitsch und weitere Künstler*innen bis hin zu dem in diesem Jahr verstorbenen Komponisten Ennio Morricone gehören.

Self Publishing:
Luise. Archäologie eines Unrechts

Der Fotograf Stefan Weger befasst sich in seinem Projekt mit dem Schicksal des jungen polnischen Zwangsarbeiters Walerian Wróbel – und mit der Rolle, die seine Familie bei dessen Schicksal spielte.

Der junge Pole Walerian Wróbel wurde 1941 aus seiner Heimat zur Zwangsarbeit auf einen Hof bei Bremen verschleppt. Dort bleibt er nur zehn Tage, hat Sprachprobleme, bekommt Heimweh. Als die Scheune brennt, lässt die Bäuerin Luise Walerian ihn von der Gestapo abholen. Er wird ins KZ Neuengamme gebracht. Am 25. August 1942 wird Walerian im Alter von 17 Jahren hingerichtet.

Luise war die Urgroßmutter von Stefan Weger. Für sein fotografisch-künstlerisches Projekt zum Tod des jungen Zwangsarbeiters suchte er Familienfotos, erkundete das zugewachsene Gelände um den alten Bauernhof und trug Akten des Falles zusammen. Entstanden ist ein dichtes visuelles Portrait einer Familiengeschichte im Nationalsozialismus, das um Vergessen und Bewusstmachung sowie die eigene Verantwortung kreist.

Studentisches Projekt:
1.5°C

Das Pariser Abkommen soll sicherstellen, dass der globale Anstieg der Durchschnittstemperatur deutlich unter 2 °C bleibt. Mit den bisher angedachten Maßnahmen würden jedoch etwa 3-5 °C erreicht. Um die Folgen des Klimanotstands zu dokumentieren und ein besseres Verständnis von Klimagerechtigkeit zu schaffen, ist der Fotograf Matthias Ziemer für zwei Monate in die Mongolei gereist. Ein Land, das selten im Rampenlicht steht und das bereits wie kaum ein anderes Land unter den Folgen ungebremster globaler Treibhausgasemissionen leidet.

Seit 1940 sind die Durchschnittstemperaturen auf der mongolischen Hochebene bereits um 2,24 °C gestiegen. Über 77 % des asiatischen Landes sind von Wüstenbildung betroffen, die Zahl von Buschfeuern, Sand- und Staubstürmen, Überschwemmungen, Starkregen und härteren Wintern – sogenannten Dzuds – hat in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Seit Ende der 80er Jahre ist schätzungsweise jeder zehnte Fluss und jeder fünfte See ausgetrocknet. Zudem sinkt der Grundwasserspiegel in der gesamten Mongolei und führt zu Wasserknappheit für die ländliche und städtische Bevölkerung.

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