28. November 2018 Lesezeit: ~6 Minuten

Deutscher Fotobuchpreis 18|19

Wir fiebern ja immer ein bisschen auf die Verleihung des Deutschen Fotobuchpreises hin, weil wir Fotobücher lieben und es gar nicht so einfach ist, bei der unglaublich großen Auswahl auf dem Markt den Überblick zu behalten. Wir sehen die Entscheidung der Jury also ein bisschen als Tipp, uns die prämierten Bücher einmal genauer anzusehen.

Im Folgenden zeigen wir Euch vier Bücher, die den Goldtitel gewonnen haben. Weitere mit Gold prämierte Bücher sind studentische Projekte und Bücher, die im Selbstverlag erschienen sind, die aber leider nicht im Handel erhältlich sind und wir daher an dieser Stelle nicht vorstellen.

Aber wir werden uns an die Künstler*innen zu wenden, um ihre Projekte nach Möglichkeit auch noch an im Magazin vorzustellen und freuen uns auf die Wanderausstellung zum Deutschen Fotobuchpreis, bei der wir die Gelegenheit haben werden, alle Bücher auch in die Hand zu nehmen und in ihnen zu blättern.

Konzeptionell-künstlerischer Fotobildband: Ultima Thule

In der Geschichte steht Ultima Thule für einen mythischen Ort: den nördlichsten Punkt vor dem Ende der Welt. Seit über 200 Jahren fühlen sich Menschen zu dieser Grenze hingezogen. An diese Tradition knüpft der dänische Fotograf Henrik Saxgren mit seinen Fotografien vom Leben im arktischen Grönland an.

Auf sechs Reisen verbrachte er insgesamt mehr als sechs Monate in der Thule-Region und fotografierte das Leben der womöglich letzten Generation von Jäger*innen auf dem Packeis. Wie schon ihre Vorfahren Jahrhunderte vor ihnen, jagen und erlegen sie dort die großen (Meeres-)Säugetiere.

Unter physisch und psychisch herausfordernden Bedingungen schuf Saxgren faszinierende Bilder, für die er sogar manches Mal seine eigene Angst besiegen musste. Bilder, die den Betrachter*innen von der Arktis erzählen, ihrer Dramatik, ihren Mythen. Das Buch ist im Verlag Hatje Cantz erschienen und kostet 57,30 €.

BuchcoverBuchcover

Konzeptionell-künstlerischer Fotobildband (Sonderpreis): Christian Tagliavini

Christian Tagliavinis Fotografien strahlen die Ruhe und Würde alter Meister aus. Und tatsächlich faszinieren Ausdruck und Detailreichtum der Portraitmalerei der Renaissance den italienisch-schweizer Fotografen seit Anbeginn seiner Laufbahn: Mit der Bildserie 1503 gelang ihm der Durchbruch und in seiner neuesten, im Band erstmals vollständig gezeigten Serie 1406 greift er das Thema wieder auf.

Hinter das seit der Renaissance verbreitete Künstlerideal geht Tagliavini jedoch einen Schritt zurück: Er versteht sich als fotografischer Handwerker, der jedes Kostüm und jede Requisite selbst entwirft und mit einem kleinen Team in Handarbeit herstellt.

Besonders aufwändig gestaltete sich die Arbeit an seiner bisher umfangreichsten Bildserie „Voyages Extraordinaires“, für die er ganze Kulissen baute, die von den Romanen von Jules Verne inspiriert sind. Allen Themenreihen Tagliavinis gemein sind minuziös durchkomponierte Bühnenbildszenerien. Der Bildband ist im Verlag teNeues erschienen und kostet 45,62 €.

Coffee Table Books: Esther’s World

Von sich selbst sagt Esther Haase, ihr Leben sei ein Tanz mit der Kamera durch die Welt. In der Tat hat die gebürtige Bremerin, die heute zwischen Hamburg und London pendelt, zunächst Ballett studiert und auf der Bühne gestanden, bevor sie sich der Fotografie zuwandte.

Seit über 25 Jahren arbeitet sie für große Magazine sowie internationale Kund*innen und wechselt spielerisch zwischen Mode, (Celebrity-)Portrait und Reportage. Ihr Werk durchzieht eine gewisse Leichtigkeit, die Frauen wirken fröhlich und ausgelassen, dabei sind sie stets selbstbestimmt und stark, sexy und stylish.

Es geht Esther Haase darum, Geschichten zu erzählen, ob mittels Bewegungsunschärfen, lyrisch-zarten oder knallig-bunten Farben oder kontrastreichem Schwarzweiß. Manche Bilder wirken wie cineastische Träume, andere sind barocke Inszenierungen, wieder andere witzige Momentaufnahmen. Das Buch ist im Verlag Hatje Cantz erschienen und kostet 50 €.

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Fotograf (Monografie): Verfolgte/Verfolger

August Sander gilt als einer der Gründungsväter des dokumentarischen Stils. Er ist der Schöpfer vieler ikonischer Fotografien des 20. Jahrhunderts. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges begann Sander, während er in seinem Atelier in Köln arbeitete, das, was sein Lebenswerk werden sollte: ein fotografisches Portrait der deutschen Gesellschaft unter der Weimarer Republik.

Während seine erste Publikation 1936 von der nationalsozialistischen Regierung verboten wurde, begann Sander um 1938, Fotos für verfolgte Jüd*innen zu machen. Während des Zweiten Weltkriegs fotografierte er Gastarbeiter*innen; Sander nahm diese Bilder, sowie einige, die sein Sohn Erich im Gefängnis aufgenommen hatte, wo er 1944 starb, in „Menschen des 20. Jahrhunderts“ auf, zusammen mit Portraits von Nationalsozialisten, angefertigt vor und während des Kriegs.

Sander konnte sein monumentales Werk zu Lebzeiten nicht veröffentlichen, aber seine Nachkommen setzen sich bis heute für seine Vision ein. Diese Fotografien werden hier zum ersten Mal zusammen mit Kontaktabzügen, Briefen und Details über das Leben der Fotografierten veröffentlicht.

Es sind Portraits ehrwürdiger Männer und Frauen, Opfer einer Ideologie, die ihren rechtmäßigen Platz als „Menschen des 20. Jahrhunderts“ einnehmen, trotz der Bemühungen der Nazis, sie davon auszuschließen. Das Buch ist im Verlag Steidl erschienen und kostet 30 €.

 

Und noch ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Unsere Redakteurin Tabea Borchardt hat es mit ihrem Buch „Kuloor yu barré xong“ auf die Longlist geschafft! Herzlichen Glückwunsch!

Noch bis zum 2. Dezember könnt Ihr die Siegertitel sowie die Titel der Short- und Longlist auf den Stuttgarter Buchwochen ansehen. Danach gehen die Fotobücher auf Wanderschaft und werden unter anderem ab dem 12. Januar 2019 im Forum Fotografie in Köln zu sehen sein.

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4 Kommentare

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  1. Gratulation an Tabea Borchardt.

    Ich mag den Titel „Kuloor yu barré xong“, verstehe ihn aber nicht.

    Google Translate sagt:
    „Vietnamesisch erkannt. Kuloor yu barré ist fertig“

    Das ist ja offenbar nicht richtig.