01. November 2021 Lesezeit: ~8 Minuten

Jule Gerwers über den Deutschen Jugendfotopreis

Der Deutsche Jugendfotopreis ist der wichtigste Preis für Kinder und Jugendliche in Deutschland und wurde vor 60 Jahren gegründet. Jule Gerwers war bereits mehrfach Preisträgerin und übernimmt seit diesem Jahr den TikTok-Kanal des Wettbewerbs. Im Interview sprach ich mit ihr über junge Fotografie und was der Preis für sie bedeutet.

Du hast ja schon im Alter von 9 Jahren beim Jugendfotopreis teilgenommen. Wann hast Du begonnen, aktiv selbst zu fotografieren?

Ich habe schon mit ungefähr drei Jahren von meiner Mutter eine Kamera in die Hand gedrückt bekommen, weil sie neugierig war, wie ich die Welt mit meinen Augen sehe. Zu der Zeit war die Kamera eher wie ein Spielzeug, mit dem ich mich beschäftigt habe. Ich habe mit der Kamera meine Welt erkundet, zum Beispiel meinen Rachen oder meine Füße und auch mein ganzes Umfeld fotografiert.

Nach dem ersten Fotowettbewerb, in dem ich mit Fotos gewonnen habe, die ich gemacht habe, als ich drei bis vier Jahre alt war, habe ich aktiv angefangen, schon für den nächsten Wettbewerb Fotos zu machen. In dem Alter (mit ungefähr 10 oder 11 Jahren) kam dann nach und nach das Verständnis, wie ich zum Beispiel die Blende und die Verschlusszeit als Gestaltungsmittel nutzen kann, um das Ergebnis zu bekommen, das ich mir wünsche.

Ur-Oma Mizzi © Jule Gerwers / 1. Platz beim Deutschen Jugend Fotopreis 2014 in der Kategorie freie Themenwahl | Altersgruppe A (bis 10 Jahre)

Also hat Dich der Wettbewerb motiviert, Dich mehr mit der Fotografie auseinander zu setzen?

Ja, auf jeden Fall hat er das, da ich durch die Aufgabenstellungen Motivation bekomme, mich mit den Themen auseinander zu setzen und diese spannend umzusetzen, was mir sehr viel Spaß macht.

Was hast Du durch den Wettbewerb gelernt?

Ich habe im fotografischen Sinne durch den Wettbewerb gelernt, mit Aufgaben umzugehen, die mir gestellt werden. Außerdem auch, einen passenden Text beziehungsweise eine passende Beschreibung zu meinen Serien zu finden, was gar nicht so einfach ist. Dadurch, dass ich bei ein paar Veranstaltungen dabei war und interviewt wurde, habe ich auch gelernt, auf einer Bühne zu stehen und vor Menschen über meine Serien zu sprechen.

Als ich jünger war, habe ich mich nicht getraut, vor vielen Menschen zu sprechen, doch letztes Jahr habe ich mich auf dem Video vom Interview beim Deutschen Jugendfotopreis und dem Next!–Festival ehrlich gesagt kaum wiedererkannt, da ich nun viel besser anderen einen Einblick in meine Gedanken zu meinen Fotos geben kann.

Hast Du das Gefühl, dass Du die Fotografie durch die starke Beschäftigung damit anders nutzt als Deine Klassenkamerad*innen?

Ich denke schon, dass ich die Fotografie anders nutze, da die meisten in meinem Alter vor allem daran interessiert sind, sich selbst auf Instagram, Snapchat oder anderen Plattformen zu inszenieren. Ich würde sagen, dass ich einen anderen Zugang zur Fotografie habe.

Manche aus meiner Klasse fotografieren zwar mit dem Handy, aber meistens nur, um die Bilder später posten zu können. Ich benutze eigentlich am liebsten meine Kamera, mit der ich auch mal mein unordentliches Zimmer oder Menschen auf der Straße fotografiere. Ich mag zum Beispiel auch gar keine Filter, die ja oft und gern benutzt werden.

Überschlagene Beine

Meine Schwester und ich: Bilder der Kindheit © Jule Gerwers / Auszeichnung Deutscher Jugendfotopreis 2020 in der Kategorie: Jahresthema #LOVEPEACE

Wissen Deine Klassenkamerad*innen, dass Du fotografierst und wenn ja, was sagen sie zu Deinen Bildern?

Ja, sie wissen, dass ich fotografiere und ein Teil kennt auch meine Bilder, aber die meisten können nichts damit anfangen. Sie finden die Bilder schön, aber sie haben keinen Zugang zu dem, was ich tue.

Jetzt hast Du den TikTok-Kanal für den Deutschen Jugendfotopreis übernommen. Wie kam es dazu?

Das Orga-Team hat mich dazu eingeladen und ich habe das als interessante Chance empfunden, andere Jugendliche auf den Wettbewerb aufmerksam zu machen und sie einzuladen, sich auf die aktuellen Wettbewerbsthemen einzulassen.

Du hast geschrieben, dass sich viele Gleichaltrige in den sozialen Medien eher inszenieren. Und TikTok ist noch dazu eher für Videoclips bekannt als für Fotografie. Wie gehst Du die Herausforderung an?

Ich versuche natürlich, auf dem TikTok-Account Personen in meinem Alter zu erreichen. Deshalb versuche ich, nicht nur trocken über den Fotowettbewerb zu erzählen, sondern jedes Video so zu gestalten, dass am Ende dabei eine Mischung aus Fakten und der Motivation entsteht, selbst eine von mir gestellte Aufgabe zu erarbeiten und diese anschließend zu zeigen.

Themen, über die ich bereits gesprochen habe, sind zum Beispiel die verschiedenen Themenbereiche und Kategorien des Fotowettbewerbs, Herausforderungen, ein paar Tipps und Tricks, wie man zu spannenden Serien kommt, aber auch ein bisschen was über mich und meine Erfahrungen als Teilnehmerin.

Die Idee dahinter ist, dass sich alle, die meine Videos anschauen, danach am liebsten eine Kamera schnappen und anfangen, Ideen umzusetzen, die ihnen schon beim Schauen der Videos durch den Kopf fliegen.

Ich versuche, Jugendliche, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie ein Talent haben, zu motivieren, einfach mal mit der Kamera zu experimentieren und zu schauen, was dabei herauskommt. Denn dabei werden oft versteckte Talente gefunden.

Die Idee ist, dass diejenigen, die merken, dass sie ein gutes Auge haben und spannende, kreative Bilderserien machen, sich trauen, Bilder beim KJF einzureichen, denn dafür ist der TikTok-Account schlussendlich da: Dass junge Fotograf*innen ihr Talent entdecken und etwas daraus machen.

@bestefotos

##deutscherjugendfotopreis ##fotografie ##fy ##fyp ##photography ##ToTallyMe

♬ Home – Edith Whiskers

Also fiel die Wahl auf TikTok als Plattform, weil man dort viele junge Menschen erreicht?

Ja, genau, durch TikTok erreicht man im Moment eigentlich am besten die Zielgruppe des KJF (Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland). Von Zwölfjährigen bis hin zu 24-Jährigen ist alles dabei.

Nutzt Du auch privat TikTok?

Ja, ich habe auch einen privaten Account, wodurch ich mich schon länger mit TikTok beschäftige und gut auskenne. Die App habe ich schon seit etwa zwei bis drei Jahren.

Das Jahresthema für den Wettbewerb ist „wir – was uns verbindet“. Welche Tipps würdest Du Jugendlichen geben, die mitmachen möchten?

Das Jahresthema „wir – was uns verbindet“ ist natürlich sehr komplex. Dabei kann man super kreativ werden.

Ich würde dazu raten, Menschen aus dem eigenen Umfeld, beziehungsweise eine Gruppe von Menschen, die etwas ganz Besonderes an sich hat, zu fotografieren. Sei es ein besonderes Merkmal, was sich die Menschen teilen, eine Familie, Freund*innen oder die eigene Klasse. Die Pandemie ist natürlich auch die perfekte Chance, zu zeigen, wie viel uns doch verbindet.

Das Schwierige dabei ist natürlich, Bilder zu machen, die die Jury vorher noch nicht gesehen hat. Etwas, was die Bilder ausmacht, was andere Bilder nicht haben. Sei es eine komplett neue Perspektive oder eine besondere Kameraeinstellung, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Menschen baden im Fluss

Ein Tag am Fluss © Jule Gerwers / Auszeichnung Deutscher Jugendfotopreis 2020 in der Kategorie: Freie Themenwahl | Altersgruppe B (11–15 Jahre)

Dieses Besondere hast Du in Deiner letzten Fotoserie „Ein Tag am Fluss“ sehr schön umgesetzt. Ich nehme an, Du hast den Effekt mit Hilfe von Doppelbelichtungen erzielt? Welche Bedeutung steckt hinter diesen Bildern?

Ich hatte vor, in Kanada das Leben meiner Gastfamilie zu fotografieren und hoffte, zum Thema #lovepeace fündig zu werden. Der Tag am Fluss war ein sehr schöner Moment für mich. Der Umgang der Freund*innen untereinander und die Harmonie haben mich beeindruckt. Zu Hause beim Sichten der Fotos entschied ich mich, diese Bilder dem freien Thema zuzuordnen.

Ich möchte mit meiner Serie den Moment vermitteln, den ich erleben durfte. Die Technik der Doppelbelichtung habe ich genutzt, um die Vergänglichkeit des Moments darzustellen. Der Fluss fließt immer noch – nur wir sind nicht mehr da. Mich fasziniert die Vergänglichkeit, die durch diese Fotos dargestellt wird. Ich habe die Bilder ausgesucht, weil ich diese Momente als sehr stark empfunden habe und die Situation spielerisch umsetzen wollte.

Vielen Dank für das Gespräch!

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