07. Juli 2021 Lesezeit: ~5 Minuten
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Was sind schlechte Ratschläge?
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Was sind schlechte Ratschläge?

Was sind die schlechtesten Ratschläge, die Du je bekommen hast? Oder: Woher weiß ich, auf welche Ratschläge ich hören sollte? – Ziemlich gute Frage, zwei Fragen in einer, die kaum voneinander zu lösen sind. Ich für mich persönlich kann sagen, dass die für mich schlechtesten Ratschläge die waren, die aus der reinen Erfahrung meines Gegenübers entstanden sind.

Klar, die waren gut gemeint. Das ist nicht die Frage. Aber zumeist richteten sie sich nicht an mich. Sie richteten sich an die Person, die sie mir zugetragen hat – nur wusste die das nicht. Sie waren für diese Person und das nächste Mal, wenn sie wieder in dieser Position ist, von der sie so voller Inbrunst berichtet hat, als sie mir den Ratschlag weitergegeben hat.

Dabei haben diese Menschen – ganz bemüht, mir diese Antwort zu geben, um mir den Weg zu ebnen – vergessen, dass ich gefragt habe. Dass ich nicht gefragt habe: „Was hast Du gemacht?“ Manchmal ist das ein schöner Ansatz, aber ein Ratschlag bezieht sich darauf, was ich wohl machen soll. Und das beinhaltet ganz unbedingt den Blick auf das Individuum. Dieser Ratschlag muss für Dich passen. Und daran scheitert es nicht selten.

Vielleicht nehmen wir die Fotografie hier zum Beispiel und fragen: „Welche Kamera soll ich denn nehmen?“ Hier gibt es ganz viele Argumente, die meistens aus der eigenen Erfahrung heraus kommen. Wenn man das im Internet fragt, kommt nach dem fünften oder sechsten Kommentar die Rückfrage: „Was möchtest Du denn damit machen?“ Das ist der Punkt, den ich ein bisschen feiere, weil sich da jemand Gedanken gemacht hat und sich fragt: „Was möchte denn die andere Person?“

So gesehen ist der Umkehrschluss: Es gibt nicht die beste Kamera, es gibt aber die beste Kamera für Dich. Und so gibt es auch nicht den besten Rat. Der erfahrenste Mensch kann Dir vielleicht nicht den besten Rat geben, wenn er*sie nicht weiß, wer Du bist, was Du möchtest, was Du brauchst und was Dich ausmacht. Und somit ist ein Ratschlag etwas total Intimes und benötigt den Blick auf Dich.

Auch Du musst mit den Antworten ja umgehen und jede abgleichen, ob sie Deiner Person entspricht oder der Person, die Du werden könntest. Dabei können wir gut im Blick behalten, ob wir jetzt gerade einen Ratschlag hören, annehmen und geneigt sind, ihn zu befolgen, ob wir einem Ratschlag positiv begegnen, weil er uns entspricht oder weil er einer Person, einem Stil, einer Sache entspricht, die wir faszinierend finden.

Darüber stolpern wir ganz häufig, wenn wir einen Ratschlag hören. Es gibt ganz viele Fotograf*innen hier im Magazin, in den Podcasts oder bei YouTube, die ganz viele tolle Ideen für uns haben. Und oft sitzen wir da und denken: „Wow, das hätte ich auch gern“ oder „das würde ich auch gern können“. Am Ende stehen wir aber da und müssen bitter feststellen, dass es nicht unser Weg ist. Oft sind wir schon in die falsche Richtung losgelaufen, weil wir einem Ratschlag gefolgt sind, ohne abzugleichen, ob dieser Ratschlag auch für uns war.

Oft verwechseln wir das, was uns fasziniert mit dem, was wir vielleicht werden wollen, tun wollen, bekommen wollen. Ganz einfach gesprochen: Da führt jemand ein Leben, was wir oftmals nicht so richtig tief reflektieren und auf den ersten Blick faszinierend finden. Und vielleicht folgen wir dann einem Ratschlag, weil die Person sagt: „Vielleicht ist das auch Dein Weg?“ Und dieses „vielleicht“ schieben wir beiseite und folgen einem Weg, bis wir merken, wie steinig er wird, obwohl die andere Person ihn ganz entspannt läuft.

Wir haben halt nicht die Schuhe, vielleicht auch nicht die körperliche Konstitution oder die Kreativität und Lockerheit dieser Person. Aber wir müssen nicht allem folgen, was wir toll finden. Wir müssen nicht jeden fotografischen Stil selbst fotografieren, nur weil wir ihn schön finden. Wir müssen viel mehr auf uns selbst schauen und wenn wir diesen Abgleich nicht vergessen, ist der Weg nicht mehr so weit bis zu dem Punkt, an dem wir verstehen, welcher Ratschlag denn für uns ist. Welcher Ratschlag uns entspricht, wenn wir ihn befolgen.

Und genau genommen ist auch das jetzt ein Ratschlag von mir an Dich, den du genau prüfen musst. Denn ich spreche zu Dir und zu vielen anderen und weiß gar nicht ganz genau, ob auf alle, die jetzt hier lesen, dieser Ratschlag von mir passt. Den Teil musst Du selbst übernehmen. Jetzt, nachdem Du diese kleine Folge von „kurz erklärt“ gelesen hast und beim nächsten Mal, wenn wieder jemand mit einem Ratschlag um die Ecke kommt. Vielleicht bringt er Dich wirklich weiter, wenn er denn für Dich bestimmt ist – sich auf Dich bezieht.

Habt Ihr etwas zu ergänzen? Dann schreibt uns gern an kk@kwerfeldein.de. Dorthin könnt Ihr uns auch gern die nächste Frage schicken, die dann Sebastian, Katja, Erik oder ich beantworten werden. In diesem Sinne: Nächste Frage, bitte!

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4 Kommentare

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  1. Sehr guter Beitrag!
    zu
    „Was möchtest Du denn damit machen?“
    Die Frage ist voll berechtigt – nur, ein Anfänger weiß nicht was er will oder was sein Ding ist. Da hilft nur anfangen, machen und herausfinden was man will – egal mit welcher Kamera.
    zu
    „Es gibt nicht die beste Kamera, es gibt aber die beste Kamera für Dich.“
    Ich weiß nicht ob es „Die beste Kamera oder das beste Objektiv“ für mich gibt. In technischer Sicht mag es „ein das Beste“ für einen Zweck geben, ob ich bereit bin den Preis zu zahlen und das Gewicht zu tragen, ist etwas anderes – dann ist es u.U. nicht das Beste für mich.
    Für Ausflüge und im Urlaub ist ein 10-fach Zoom das beste Objektiv für mich! Es ist klein, leicht und war nicht teuer. Klar, es hat auch viele Nachteile und es macht keinen Spass – aber es macht Bilder!
    Für den Spass und spezielle Situationen kommen dann 2 „Altglas“ Festbrennweiten mit.

  2. Blogartikel dazu: Umleitung: Rassismus, Filterblasen-Brummkreisel, schlechte Ratschläge, die Sachwalter von Alan Bangs, Grüne, Corona und mehr. | zoom

  3. Zu „Oft verwechseln wir das, was uns fasziniert mit dem, was wir vielleicht werden wollen, tun wollen, bekommen wollen.“ Oh ja, vielen Dank, genau diesen Satz und den nachfolgenden Ratschlag habe ich grade gebraucht! Vielen Dank!

  4. Kunde braucht ein neues Auto.

    Verkäufer 1 erklärt dem Kunden genau, was heutzutage in ist und was er als Kunde unbedingt benötigt. Kunde möchte eine Standheizung.
    Verkäufer lacht und meint das wäre doch in Norddeutschland vollkommen überflüssig.
    Für das gesparte Geld sollte er besser…

    Verkäufer 2 fragt detailliert nach. Wieviel Kilometer fährt der Kunde im Jahr, Stadt, Autobahn?
    Wofür er den PKW überwiegend benötigt. City-Car, Familienauto?
    Er lotet die gesamte Bedarfspalette aus und schließt mit dem Satz:
    „Da habe ich genau das richtige Fahrzeug für Sie. Ist ein Top-Jahreswagen und von den gesparten 7.000,- EUR zum Neufahrzeug fahren Sie mit Ihrer Familie in Urlaub oder leisten sich etwas schönes.

    Wo kauft der Verbraucher? Und wo geht er wieder hin? Wen empfiehlt er weiter?

    Das ist nicht fiktiv. Nach meiner Erfahrung gelingt es 30% der Verkäufer nicht, die Kundenwünsche herauszuarbeiten. Bei Tipps und Ratschlägen in Social-Media Kanälen ist die Quote sogar noch viel schlimmer. Sebastian kann ich in seinem Beitrag nur zustimmen.