24. Juni 2021 Lesezeit: ~7 Minuten
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Pose im Portrait: Zeigt sie Kern oder Oberfläche?
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Pose im Portrait: Zeigt sie Kern oder Oberfläche?

„Zeigt die Pose im Portrait mehr den Kern oder die Oberfläche eines Menschen?“ war die Frage, die kwerfeldein erreichte und die ich unglaublich spannend finde, denn sie zeigt ja ganz richtig das Dilemma der Portraitfotografie — auch schon unabhängig von der Pose an sich.

Der Psychologe und Philosoph Ulrich Metzmacher stellt in einem Aufsatz sehr treffend fest, was Portraitfotografie eigentlich ist:

Bei der Portraitsitzung handelt sich um eine Beziehungssituation, die den Beteiligten vor und hinter der Kamera einiges abverlangt. Der oder die zu Portraitierende begibt sich mit einem bestimmten Selbstbild und, meist noch bedeutungsvoller, mit einem Idealbild der eigenen Persönlichkeit in die Sitzung. Der Fotograf oder die Fotografin verfügt hingegen über ein Fremdbild des Menschen vor der Kamera.

Die Kunst für Fotograf*innen besteht also nun darin, ihr Fremdbild mit dem Eigenbild oder gar dem Idealbild der Person vor der Kamera in Einklang zu bringen um sowohl eine möglichst zufriedene Kundschaft zu haben als auch um möglichst nah mit dem Portrait an der wahren Person dran zu sein.

Das ist komplizierter als es vielleicht klingen mag. Der Philosoph Georg Simmel formulierte es schon 1918 in seinem Aufsatz „Das Problem des Portraits“ so:

Was wir nämlich an einem Menschen wirklich sehen, das bloß Optische, sinnlich Aufgenommene seiner Erscheinung ist keineswegs dasselbe, was wir in der Gewohnheit des täglichen Lebens als das Sichtbare bezeichnen.

Denn dieses angeblich Sichtbare ist ein buntes Gemenge des wirklich Gesehenen mit Ergänzungen äußerer und innerer Art, mit Gefühlsreaktionen, Schätzungen, Verknüpftheiten mit Bewegungen und Umgebungen; dazu kommt der Wechsel in Standpunkt und Anteilnahme des Beobachters, kommen die praktischen Interessen, die sich zwischen Mensch und Mensch knüpfen, – kurz, der Mensch ist dem Menschen ein fluktuierender Komplex von Eindrücken aller Sinne und seelischen Assoziationen, von Sympathien und Antipathien, von Urteilen und Vorurteilen, Erinnerungen und Hoffnungen.

Hier sind wir natürlich mitten bei der Pose oder Positur, was nichts weiter eine Bildung aus den lateinischen Wörtern „positura“ (Stellung oder Lage) und „ponere“ (setzen, stellen, legen) ist. Es ist also eine für eine bestimmte Situation gewählte Haltung, Stellung oder Lage und gibt per se erstmal keinen Aufschluss darüber, ob wir an der Oberfläche bleiben oder den Kern beleuchten.

Keine Frage, auch Fotograf*innen, die mit ihren Bildern tiefer gehen möchten, zeigen natürlich die äußere Ansicht des Menschen. Auch Metzmacher stellt das Dilemma fest — auch wenn er sich dabei auf die Malerei bezieht:

Die Komplexität des Sozialen und dessen Niederschlag im Individuum führen zum grundsätzlichen Problem des Portraits. Denn wie kann ein Bild auf der Leinwand eine Vorstellung vom Innenleben und vom Charakter des Portraitierten hervorrufen? Der Endzweck der Malerei liege schließlich, so betont Simmel wiederholt, in der vollkommenen Gestaltung der optischen Erscheinung, der Oberfläche.

Er führt ein wenig später aber eben auch die Lösungsmöglichkeit auf:

Die künstlerische Hervorhebung bestimmter äußerer Merkmale stellt sich als Zugangsweg zum Individuellen dar. Versteht man das Wesen des Menschen als Ganzheit von Körper und Geist, spiegeln neben der Körperhaltung insbesondere die Gesichtszüge etwas von den vorangegangenen Lebenserfahrungen und deren Verarbeitung wider. Aufgabe des Künstlers ist es deshalb, so Simmel, das Gefühl für die Ganzheit durch das Portrait als einen eigentlich abstrakten Teileindruck zu ersetzen.

Um trotz der äußeren Ansicht inhaltlich tiefer zu gelangen, haben wir Fotograf*innen eine ganze Klaviatur visuell-narrativer Möglichkeiten: Setting, Requisite, Bildsprache, gestalterische Merkmale, Wahl des Aufnahmemediums — um nur mal ein paar zu nennen.

Natürlich gelangt dann jeder an den Punkt, den Menschen in dieser Szene eine Positur einnehmen zu lassen. Und hier entscheidet es sich meiner Meinung nach, ob diese Pose mehr den Kern oder mehr die Oberfläche zeigt — und das hängt insbesondere vom Menschen hinter der Kamera ab.

Drängen wir die zu portraitierende Person in eine Pose hinein? Geben wir alles vor, wie sie zu sitzen hat, wie die Hände positioniert sein sollen? Oder legen wir nur die Bühne grob fest und überlassen den zu Fotografierenden wie sie die Bühne bespielen? Letzteres bedeutet ja nicht, dass wir keinerlei Regieanweisungen geben dürfen.

Wenn eine Person — aus welchem Grund auch immer — sitzen sollte, dann können wir sie natürlich bitten, dass sie sich setzt. Aber wie sie sich genau setzt, wie ihr Sitzen aussieht, das überlassen wir ihr. Und wenn sie sich unsicher ist, dann bieten wir noch immer keine vorgefertigten Lösungen an sondern gehen mit ihr durch, wie sie sich hinsetzen würde, wenn sie diese oder jene Stimmung hätte oder gerade diese oder jene Situation vorliegt.

Wir lassen den Menschen vor der Kamera die eigene Rolle finden und unterstützen sie dabei, aber wir geben die Rollen nicht von außen vor. Und damit erreichen wir eine Pose, die auf jeden Fall näher am Kern der Person ist als wenn wir nach irgendwelchen Posenbüchern arbeiten oder uns sklavisch an irgendwelche Moodboards halten.

Dazu gehört aber auch, dass wir ein Gefühl für unser Gegenüber entwickeln und genau beobachten. Wenn sich jemand unwohl fühlt, wenn eine Pose vielleicht nur deswegen eingenommen wurde, weil die Person vor der Kamera uns vermeintlich einen Gefallen tun wollte, diese aber gar nicht zu ihr passt, dann spürt und sieht man das.

Es zeigt sich in den Augen, dem Mund, dem Gesichtsausdruck, der Körperspannung und -sprache. Und dann hilft es oft zu fragen „fühlst Du Dich wirklich wohl oder bist Du es gerade nicht selbst?“, gefolgt von „wie würdest Du denn xy selbst machen?“.

Damit erreicht man meistens eine ganz andere Ebene, weil der Mensch merkt, dass er als eigenständiges Individuum wahrgenommen wird und dass es um das wirkliche Selbst geht.

Natürlich gilt dies alles nur, wenn es um Bilder geht, die einen Kern zeigen sollen. Auch wenn ich dies persönlich in der Portraitfotografie sehr erstrebenswert finde, so ist das selbstverständlich immer abhängig vom Zweck des jeweiligen Bildes.

Im Business-Kontext sieht das schnell anders aus. Wenn ich auf die Seite einer Praxis gehe, möchte ich nicht tiefer in die Persönlichkeit des Personals eintauchen, sondern erwarte eine Ausstrahlung funktionaler Autorität und Kompetenz gepaart mit Sympathie, auf dass ich mich als Patient*in sicher aufgehoben fühle.

Nur: wenn ich da Menschen in irgendwelche Posen reinzwinge, kann es mit einer sympathischen Ausstrahlung auch schnell dahin sein, wenn sie nicht zum Kern des Menschen passen.

Wie seht Ihr das? Anregungen oder Aufregungen zum Text könnt Ihr gern in den Kommentaren hinterlassen. Und wenn Ihr selbst eine Frage beantwortet haben möchtet, dann zögert nicht und schickt sie uns an: kk@kwerfeldein.de

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11 Kommentare

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  1. „Und damit erreichen wir eine Pose, die auf jeden Fall näher am Kern der Person ist als wenn wir nach irgendwelchen Posenbüchern arbeiten oder uns sklavisch an irgendwelche Moodboards halten.“

    Das halte ich für einen kompletten Irrtum, der alltäglich so hingenommen werden kann – weil niemand diese Person wirklich anders kennt –, aber niemals mehr als die Oberfläche zeigt; denken wir nur an ein (gutes oder hinreichendes) Verstellen der Porträtierten. Gruss, lars

    • Du bist also der Meinung, dass man sich deswegen 08/15-Standardposen bedienen soll, da ja eh keiner weiß, wie er oder sie eigentlich tickt? Ja, dem Irrtum sitzen viele Fotograf:innen auf und erhalten Bilder, die vielleicht einer oberflächlichen, flüchtigen Betrachtung standhalten. Wenn man aber genauer auf microexpressions achtet, sieht man – gerade bei Laien – sehr gut, wenn sie in eine für sich unpassende Pose hineingebracht worden sind. Und irgendwann dämmert es den Fotografierten auch. Was meinst Du, wieviele Kund:innen ich schon hatte, die mit einem Stapel alter Aufnahmen kamen und sagen „so nicht mehr“ …

      • Moin, es würde reichen, wenn Du DEINE Meinung sagst und andere Meinungen für möglich hältst, selbst solche, die Du nicht kennst.

        Es nützt nichts, zuerst zu akzeptieren, Foto sei Oberfläche, und dann dennoch „Charakter“ o. dgl. glauben herauslesen zu können. Im Alltag erkennen Menschen sich und andere im Bild (lebend oder abgebildet) – irgendwie, klar. Ob es gelingt ist eine andere Frage. Es bleibt aber Oberfläche, Pose, ob gewollt oder nicht. Wie die Wunschträumerei von Kund¡nnen auch funktionieren mag. Gruss

      • Lars, Dir fällt aber schon auf, dass Du Deine Meinung auch hier als Fakt darstellst, oder?

        Es gibt endlos Fotograf:innen, die unter die Oberfläche kommen, obwohl sie optisch an ihr bleiben. Und – Überraschung – sie arbeiten in der Regel ohne vorgefertigte Posen.

      • Nein, als Argument. Obwohl ich hier etwas mehr Diskussion zu den interessanten Themenfeldern nett fände, gefällt mir die Richtung nicht, in die zu führst, Sprachspiele. Gruss

  2. Interessant finde ich, dass sehr viele der allerbesten Portraitfotografen … sagen wir: Richard Avedon, Bruce Gilden, Roger Ballen, Lee Jeffries, Walker Evans, Yousuf Karsh … auffallend viele von der Pose her eigentlich extrem langweilige Head-and-Shoulder-Portraits gemacht haben.

    Man benötigt offenbar nicht viel an Posen, Requisiten etc., um packende Portraits zu machen.

  3. Wie man es auch dreht und wendet: ein (Portrait-)Foto zeigt eine Oberfläche – nicht mehr, nicht weniger.
    Was der Betrachter darin „sieht“ ist von vielfältigen, persönlichen Faktoren (wie oben zitiert) abhängig, die ganz überwiegend außerhalb der Kontrolle des Fotografen wie des Portraitierten liegen.
    im Übrigen, was soll das denn bitte sein die „wahre Person“ oder das „wirkliche Selbst“.? – das Selbstbild des Portraitierten, die Wahrnehmung des Fotografen, die Vermutungen des Beobachters ?
    Warum sollte z.B. eine selbst gewählte Pose „näher am Kern der Person“ (was immer das sei) sein ? Ebenso könnte mann unterstellen, eine solche Pose bietet erst recht die Möglichkeit der Verstellung….

  4. Zu viele theoretische Überlegungen bringen in der sehr vielfältigen Portraitfotografie vergleichsweise wenig Nutzen. Mein persönlicher Tip: Intensive Beschäftigung mit den Arbeiten der Personen hinter der Kamera, von August Sander über Annie Leibovitz, Martin Schoeller bis hin zu Bryan Adams bringt vermutlich erheblich mehr als Diskussionen über Armhaltungen, Oberfläche, Kern, einstudierte Posen oder, wie oben erwähnt, die Klaviatur visuell-narrativer Möglichkeiten. Auch ein Blick in die Portrait-Galerie von 1X kann hilfreich sein. https://1x.com/gallery/portrait
    Schöne Grüße, Hans-Martin

  5. „Kern oder Oberfläche“ ist definitiv eine interessante und in der Portraitfotografie besonders relevante Fragestellung – danke an Dich, Erik, für Deine Gedanken dazu.
    Ich selbst bin – vielleicht auch wegen meiner mangelnden Kompetenz, diese Frage herauszuarbeiten – eher selten in diesem Genre unterwegs, sehe aber gute Bilder sehr, sehr gerne. Im Grundsatz kann ich den Ausführungen folgen; schwierig finde ich die Einordnung, was überhaupt Kern oder Oberfläche sind, denn das eine – die Oberfläche – ist immer sichtbar und das andere – der Kern – ist ein Merkmal, das sich nicht allein visuell ausdrückt. Deshalb findet im – guten – Portrait eigentlich eine Transformation des Nichtvisuellen statt – also quasi eine Änderung des ‚Aggregatzustands‘ jener Merkmale, die wir gerne dem Kern, dem Charakter gleichsetzen. Das ist dann eigentlich ein Prozess, dessen Ergebnis sehr unterschiedlich gedeutet und gelesen werden kann, weshalb eine bestimmte Pose ein Katalysator sein kann, oder auch ein hilfloser Versuch, Bedeutung zu produzieren.
    Das alles sind Elemente für eine spannende Frage und interessante Beschäftigung – danke für den Beitrag.

  6. Hallo, ich glaube das ist ja wohl das endlos längste diskutierenswerte Thema aller Zeiten, oder sagen wir mal der Portrait-Zeiten. Schon lange eingeholt vom Selbstbildniswahn der Telefon-Knipser#innen. Jeder findet etwas schön und umsetzungswert, wenigstens heute, morgen oder gestern, immer wird man es besser Wissen und jeder hätte es bestimmt besser gemacht als der andere. Äh, was bringt uns das nun? Wer hat was davon? Ansichten ändern sich so schnell wie Wolken am Himmel ziehen, wer hat da nun die Weisheit auf ewig gepachtet?
    Redet darüber und freut euch und denkt immer daran, es gibt wieder Besseres.

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