30. Juni 2021 Lesezeit: ~8 Minuten
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Wie vereinbare ich Selbstständigkeit und Familie?
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Wie vereinbare ich Selbstständigkeit und Familie?

Selbstständigkeit ist eine große Herausforderung und noch größer, wenn man Kinder hat. In der Fotografie wird große Flexibilität verlangt. Ungewöhnliche und lange Arbeitszeiten sind an der Tagesordnung. Wochenende heißt meist: Jetzt geht’s erst richtig los mit der Arbeit. Und eine weite Planung im Voraus ist nur selten möglich.

Die heutige Frage birgt eine Sorge, die deshalb nur zu verständlich ist: Wie vereinbare ich Selbstständigkeit und Familie?

Fotografie ist kein 9-to-5-Job. Wie geht man aber damit um, wenn man dennoch Kinder möchte? Kann man Familie und Job vereinbaren? Wie schwer wiegt auch das finanzielle Risiko einer Selbstständigkeit, wenn man eine Familie versorgen muss? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich selbstständige Eltern befragt. Hier kommen ihre Antworten:

Sebastian H. Schroeder

Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, ist für mich sicherlich das Schwierigste an der Selbstständigkeit. Es heißt zwar immer, als Selbstständige*r kann man sich die Arbeit legen, wie man möchte, aber gleichzeitig heißt das eben auch: Man arbeitet immer.

Die größte Herausforderung ist für mich, kalkulierbar zu sein. Mal möchte ein Kunde, dass ich morgens um 7 Uhr vor Ort bin, mal dass ich bis 22 Uhr fotografiere. Das mit der Familie zu planen, bedeutet flexibel zu bleiben und stets zu jonglieren.

Und um im Bild zu bleiben: Auch beim Finanziellen ist es häufig ein Balanceakt. Ich bin Hauptverdiener der Familie und insbesondere mit einem großen Studio hintendran waren Ausfälle oder leere Monate nur schwer zu kompensieren. Aus diesem Grund habe ich mich 2019 auch dafür entschieden, wieder kleiner zu werden und als One-Man-Show mit freien Mitarbeiter*innen weiterzumachen. Seitdem geht es meinem Nervenzirkus selbst über Corona deutlich besser.

Melina Mörsdorf

Ich bin freie Editorialfotografin und lebe mit meiner Familie in Hamburg. Ich bin 40 Jahre alt und meine Tochter ist jetzt acht. Als sie geboren wurde, war ich noch in einer Festanstellung, aus der heraus ich dann die Elternzeit machen konnte. Danach habe ich mich selbstständig gemacht und das hat von Anfang an vor allem deshalb so gut funktioniert, weil mein Mann und ich uns da bedingungslos gegenseitig unterstützen. Er ist Schriftsteller, also auch selbstständig und weiß genau, worauf es ankommt.

Am Wichtigsten fand ich es aber, sich von Rollenklischees zu verabschieden und die Erwartung zu überwinden, ein perfekter Elternteil sein zu wollen. Man ist auch dann eine gute Mutter, wenn man im Job total aufgeht und wenig zu Hause ist, dem Kind nicht jeden Abend vorliest und den Vater und andere Bezugspersonen viel machen lässt – damit aber eben auch Kontrolle abgibt.

Bei mir hat auch der Gedanke, was ich meiner Tochter für ein Frauenbild vorleben möchte, eine sehr große Rolle gespielt. Und da sind Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung wichtige Punkte.

Birte Filmer

Ich bin Birte Filmer, Fotografin und ich portraitiere Menschen jeglichen Hintergrunds, vom CEO über Musiker*innen bis hin zu anderen Kulturschaffenden. Ich bin seit 16 Jahren Freiberuflerin und seit etwa zehn Jahren Mutter. Wir sind als Elternpaar beide freiberuflich tätig und haben gemeinsam zwei Kinder. Die Vereinbarkeit der Situation funktioniert eigentlich nur durch ein sehr, sehr hohes Maß an Flexibilität und Improvisationstalent.

Das heißt, man richtet sich an dem jeweils anderen bzw. der jeweils anderes aus: Wie ist die Auftragslage? Wie ist der Energielevel? Wie ist der Gesundheitszustand? Und je nachdem, wer gerade sehr viel Arbeit zu tun hat, muss man sich natürlich weniger um die Kinder kümmern und umgekehrt. Gleichzeitig bietet das ganz viele Möglichkeiten, auch spontan auf die Kinder einzugehen, weil sowieso wenig feste Struktur da ist.

Was hilfreich ist, ist, wenn man sich traut, um Hilfe zu bitten. Manchmal lässt sich auch mit Improvisationstalent nicht zu zweit alles abdecken und dann ist es gut, wenn man Bekannte, Nachbarn usw. spontan anfragen kann, die in der Kinderbetreuung einspringen können.

Christopher Horne

Unsere Tochter kam letztes Jahr vor der zweiten Covid-19-Welle auf die Welt und damit stehe ich noch am Anfang dieser Herausforderung. Trotzdem denke ich, dass ich die eine oder andere hilfreiche Erfahrung sammeln konnte. Seit Anfang des Jahres teilen sich meine Partnerin und ich uns die Kinderbetreuung und es läuft erstaunlich gut. Die Auftragslage ist zwar noch immer recht überschaubar, aber zwei Faktoren sind in den letzten neun Monaten für mich besonders ins Gewicht gefallen:

Erstens: Gegenseitige Unterstützung in einer Beziehung und ein zuverlässiges Netzwerk. Wenn meine Partnerin nicht wäre, würde ich mich vermutlich aus der Selbstständigkeit zurückziehen. Dienstleistungsorientierung spielt für mich eine wichtige Rolle. Das könnte ich nicht anbieten, wenn wir uns nicht gegenseitig den Rücken stärkten. Außerdem können wir unsere Tochter auch mal unserer Familie, Freundinnen und Freunden anvertrauen. Das entlastet ungemein und ist keine Selbstverständlichkeit.

Zweitens: Gute Kommunikation und Absprache, denn natürlich hat auch meine Partnerin Bedürfnisse. Ab und zu bekomme ich bei Beziehungen in meinem Umfeld mit, dass Konflikte dadurch entstehen, weil um einige Dinge ein großer Bogen gemacht wird. Keine Ahnung, wie wir das hinbekommen. Aber ich habe den Eindruck, dass wir Probleme gut und schnell klären können. Auch, wenn es nicht immer leicht ist.

Ich weiß, dass es Fotograf*innen gibt, die alleinerziehend ihr Ding durchgezogen haben und ich habe riesigen Respekt davor. Aber auch gegenüber denjenigen, die zugunsten ihrer Kinder die Kamera an den Nagel gehängt haben, denn die strukturellen Probleme sind nicht von der Hand zu weisen. Selbst bei uns sind ökonomische Unsicherheit, schwer planbare Arbeitszeiten und Kinderbetreuung immer Thema. Deshalb bin sehr dankbar, denn ohne meine Partnerin und unser Netzwerk hätte ich die Selbstständigkeit vermutlich schon längst aufgegeben.

 

Vielen Dank an der Stelle an alle vier Eltern, die sich so offen geäußert haben. Das Thema wird selten angesprochen und betrifft doch so viele. Es ist wichtig, auch die schwierigen Seiten des Familienlebens anzusprechen. Die Vereinbarkeit von Job und Familie ist eine große Herausforderung, wie alle vier bestätigt haben. Was mir ebenfalls in allen Antworten auffällt, ist, wie wichtig die jeweiligen Partner*innen bei der Vereinbarkeit von Job und Familie sind. Alle vier erzählen, dass nur durch gute Kommunikation und Absprache alles funktioniert.

Und aus eigener Erfahrung kann ich das nur bestätigen. Ich bin ebenfalls selbstständig und alleinerziehend. Das ist der Grund, warum ich nicht weiter in die praktische Fotografie gegangen bin, sondern jetzt über Fotografie schreibe. Und ja, ich mache das auch sehr, sehr gern. Das Schreiben bietet mir mehr Flexibilität. Ich habe keine Kundschaft, die mich spontan außerhalb der Schulzeiten irgendwo hinschickt.

Das soll aber natürlich nicht heißen, dass man nicht auch alleinerziehend und selbstständig in der Fotografie sein kann. Aber das ist eben noch einmal eine besonders große Herausforderung. Darüber möchte ich gern in einer der nächsten Folge sprechen – mit Alleinerziehenden. Wenn Ihr Euch angesprochen fühlt, schreibt mir also gern an: kk@kwerfeldein.de. Dorthin könnt Ihr mir auch gern weitere Frage schicken, die Euch interessieren. In diesem Sinne: Nächste Frage, bitte!

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