03. Juli 2020 Lesezeit: ~14 Minuten

Crashkurs Analog Teil 8: Cyanotypie

Bei den ganzen Verfahren, die es im analogen Bereich gibt, höre ich oft die Frage, warum ich eigentlich gerade mit Cyanotypie angefangen habe. Darauf gibt es zwei Antworten: Zum einen ist die Technik sehr leicht erlernbar und die Kosten, um überhaupt damit anzufangen, halten sich sehr in Grenzen. Man muss keine Dunkelkammer besitzen oder einen extra Raum dafür umfunktionieren.

Zum anderen ist man irgendwann einfach im Bann der Cyanotypie. Es gilt als Schwarzweiß-Verfahren, obwohl es „nur“ verschiedene Nuancen von Blau bietet. Das ist aber auch etwas dem Alter geschuldet, denn fast 200 Jahre ist dieses Edeldruckverfahren schon alt. Es wurde nach der Daguerreotypie und Kalotypie erfunden und beruht im Gegensatz zu diesen beiden auf Eisen, nicht auf Silber.

Bei der Cyanotypie wird Papier fotosensibilisiert und getrocknet. Anschließend erfolgt die Belichtung als Fotogramm durch UV-Licht. Die unbelichteten Teile werden ausgewaschen, es findet also keine Entwicklung wie bei fotografischem Film statt.

Aber kommen wir zurück zum Warum. Wenn ich so überlege, bleibt am Ende die gleiche Antwort wie bei der analogen Fotografie: Ich wollte meine fotografische Sicht entschleunigen. Bewusster Bilder machen und am Ende – durch das Edeldruckverfahren – auch Bilder erschaffen, die wie auf Film nie gleich sind. Aber nun zur Anleitung.

Vorbereitungen für das digitale Negativ

Zum Einstieg wird man sich vielleicht erst einmal fragen, warum von einem digitalen Negativ die Rede ist. Dass liegt daran, dass man in aller Regel als Ausgangsmaterial ein digitales Bild verwendet. Dieses muss für die Belichtung invertiert und auf Folie gedruckt werden, denn die Bereiche, die später im Bild weiß bleiben sollen, müssen – von den bedruckten Teilen der Folie – bedeckt werden.

In der Regel ist jeder Standard-Inkjetdrucker ausreichend für den benötigten Foliendruck. Es gibt auf dem Markt auch spezielle Folien für Edeldrucke, doch diese werden mit der Zeit recht teuer und einfache Overhead-Folien funktionieren nach meinen Erfahrungen sehr gut. Ich verwende also eine kostengünstige Alternative , die meistens gut über Amazon zu beziehen ist.

Als erstes ladet Ihr das ausgesuchte Bild in ein beliebiges Fotobearbeitungsprogramm. (Ich setze hier gewisse Grundkenntnisse mit der Bildbearbeitungssoftware Eurer Wahl voraus, da es sonst einfach den Rahmen sprengen würde.) Hier sieht Ihr zum Beispiel mein Ausgangsbild, das ich in Affinity Photo geladen und schon für das DIN-A4-Format der Folie angepasst habe.

Handy mit Foto einer Frau, die sich aus ihren Haaren einen Schnurbart macht

Wenn Eurer Drucker nicht randlos drucken kann, ist das kein Problem, druckt einfach ganz normal auf DIN A4. Für die Kontrastanpassungen habe ich das Bild in Silver Efex Pro geladen. Bei vielen Bildern reicht es schon aus, wenn man den Kontrast um etwa 20–30 % erhöht.

Programmansicht

Da ich wie dieses Bild viel analog aufnehme, erhöhe ich aus Erfahrung die Struktur und die Feinstruktur des Bildes noch etwas, um später einen schönen Druck zu erhalten. Ohne diese Vorbereitungen kann bei Bildern, die einen eher dunklen Kontrastbereich haben, passieren, dass der Druck am Ende sehr blass wirkt oder im schlimmsten Fall gar nicht richtig zu sehen ist.

Nach den Anpassungen invertiere ich das Bild. In Photoshop sowie Affinity Photo hat die Funktion die Tastenkombination Strg+I. Falls das bei Euch nicht funktioniert, schaut einfach mal in den Bereich für Bildkorrekturen, dort findet sich meistens sehr schnell die gesuchte Funktion „Bild invertieren“ oder auch „Negativ“.

invertieres Bild

Danach druck Ihr das invertierte Bild auf Folie und wählt dafür nach Möglichkeit die beste Qualität aus, die Euer Drucker zu bieten hat, sonst kann es zu unschönen Streifen im Negativ kommen. Außerdem druckt man am besten in Graustufen. Die Belichtung einer bunt bedruckten Folie funktioniert grundsätzlich auch, kann aber zu seltsamen Farben führen und die Belichtung ziemlich unberechenbar machen.

Die bedruckte Folie lasst Ihr dann noch etwa eine halbe Stunde gut trocknen. Um ganz sicherzugehen, gern auch etwas länger. Sonst habt Ihr leider sehr schnell, noch vor der Belichtung, ein verschmiertes Negativ und müsst noch einmal von vorn anfangen.

Papierauswahl und Chemikalien

Sollte man die beiden für die Cyanotypie benötigten Lösungen Kaliumhexacyanidoferrat(III) und Ammoniumeisen(III)-citrat selbst zusammenrühren wollen, müsst Ihr eine Atemschutzmaske, eine Schutzbrille und säurefeste Handschuhen benutzen. Bei falscher Anwendung oder ungenauem Abmessen kann nämlich aus dem Blutlaugensalz eine Säure entstehen. Allein deshalb sollte man lieber nicht sofort mit dem Selbstanrühren einsteigen. Ohne ausreichende Belüftung und eine sehr genau Waage kann es sehr schnell lebensbedrohlich werden.

Wer sich die Chemie nicht selbst zusammenstellt, bestellt sich also am besten ein Cyanotypie-Starter-Set. Da sind beide Lösungen gebrauchsfertig enthalten und Ihr müsst nicht erst noch die Chemie mit destilliertem Wasser ansetzen. Zum Abmessen verwendet Ihr am einfachsten kleine Pipetten aus Plastik .

Grundsätzlich ist zu sagen, dass die verwendete Chemie nicht sehr aggressiv ist. Trotzdem bleibt es ein Hantieren mit Chemikalien. Man kann zwar problemlos auch mit Kindern damit arbeiten, trotzdem sollte man bei empfindlich reagierender Haut Handschuhe und Schutzbrille benutzen. Bei Kindern sowieso.

Ich selbst bevorzuge Passepartoutkarton für meine Drucke und habe nie das viel beschworene Büttenpapier dafür verwendet. Das rührt einerseits daher, dass ich einen anderen Look, ausgehend vom Weißton des Papiers, erreichen möchte und grundsätzlich etwas schwerere Papiere bei der Verarbeitung bevorzuge.

Passepartoutkarton ist zum Beispiel schon in kleinen Mengen bei monochrom.com erhältlich. Ich selbst verwende das Material von monochrome mit einer Stärke von 0,5 mm.

Außerdem braucht Ihr noch einen Pinsel aus Ziegenhaar. Wenn man nicht lange suchen möchte, kann man diesen bei franalog bestellen, es gibt ihn aber auch in anderen Shops. Hier sieht ihr meine Ausrüstung. Ich verwende mittlerweile eine andere Lösung, die aber als Starterset momentan aus den USA nicht lieferbar ist.

Zwei Flaschen Chemie arrangiert zwsichen Blumenvasen

Wer sich die Lösungen selbst anmischen möchte, findet das Rezept auch bei Monochrome unter diesem Starterset. Zur abschließenden Kontraststeigerung des Drucks braucht Ihr noch eine Wasserstoffperoxidlösung 3 %. Diese bekommt man zum Beispiel in jeder Drogerie oder Apotheke. Für die ersten Versuche reicht eine Menge von 200 ml.

Entsorgung

Die Chemikalien sind ungiftig, dennoch ist die Entsorgung bei einem Wertstoffhof nötig. Die Regularien dafür unterscheiden sich von Gemeinde zu Gemeinde oder Stadt, daher informiert Ihr Euch am besten bei Eurem Rathaus, der zuständigen Behörde oder dem lokalen Abfallunternehmen. Meist werden Chemikalien für Fotoprozesse in haushaltsüblichen Mengen kostenfrei angenommen.

Vorbereitung und Bestreichen der Lösung

Jetzt geht’s richtig los: Gebt für einen Druck in DIN-A4-Größe ca. 1,5 ml von Lösung A in einen extra Messbecher oder ein Glas. Dasselbe macht Ihr mit Lösung B. Achtung! Ab dem Zeitpunkt, zu dem beide Lösungen aufeinandertreffen, ist die entstehende Emulsion lichtempfindlich. Bei normaler Verarbeitungsgeschwindigkeit müsst Ihr keine Angst haben, dass Ihr nun unter Zeitdruck steht, aber lasst die Emulsion nicht lange stehen, denn sonst beginnt sie, unter UV-Licht zu reagieren.

Mit dem Pinsel bestreicht Ihr das Papier nun gleichmäßig mit der Emulsion. Wenn Ihr einen sauberen Druck haben möchtet, achtet besonders auf den gleichmäßigen Auftrag. Alles, was Ihr bewusst dicker oder mit Tropfen auf dem Papier lasst, ergibt später schöne Artefakte im Bild. Das ist ein Ansatz, um mit verschiedenen Looks zu experimentieren.

Zwei Flaschen Chemie und ein gelb bestrichenes Blatt Papier

Um eben nicht unter Zeitdruck zu geraten, könnt Ihr einen Föhn zu Hilfe nehmen, um die Emulsion auf dem Papier zu trocknen. Wenn Ihr das Papier dagegen an der Luft trocknen lassen möchtet, braucht Ihr dafür einen Raum, den ihr vollkommen abdunkeln könnt. Je nach Papier kann das schon einmal eine Stunde dauern.

Wenn das Papier trocken ist, legt Ihr Euer Folien-Negativ darauf und darauf wiederum eine Glasscheibe. Ich verwende einen ganz normalen Bilderrahmen der Größe DIN A3 mit Glasscheibe. Von Bilderrahmen, die nur eine Plexiglasscheibe haben, würde ich aus Erfahrung abraten, denn durch das geringere Gewicht kann es passieren, dass das Negativ nicht richtig aufliegt und der Druck sich nicht gut abbildet.

Zwei Flaschen Chemie und ein gelb bestrichenes Blatt Papier, auf dem ein Bild sichtbar wird

Zum Festmachen nutze ich die Klammern des Rahmens. Zum Belichten verwende mittlerweile einen UV-Gesichtsbräuner, um verlässliche Belichtungszeiten zu haben. Diese würden hier den Rahmen sprengen, da es sehr schnell technisch wird, daher konzentrieren wir uns auf das Belichten in der Mittagssonne. Jetzt im Sommer, da die Sonne mittags am stärksten ist, legt Ihr den Druck einfach raus an einen Platz, wo kein Schatten in Euer Bild wandern kann. Die Emulsion reagiert auf das UV-Licht der Sonne und benötigt in der Regel etwa 30 Minuten für die Belichtung.

Falls die Emulsion nach dieser Zeit immer noch leicht gelblich ist, das Bild einfach etwas länger in der Sonne liegen lassen. Oft reicht schon eine vorbeiziehende Wolke aus, die benötigte Belichtungszeit zu verlängern. Im Bild seht Ihr meinen Druck nach der Belichtung, das charakteristische Moosgrün bzw. Grau ist auch gut zu erkennen – diese Färbung ist ein Indiz dafür, dass der Druck erfolgreich belichtet ist.

Zwei Flaschen Chemie und ein blaugraues Bild mit unscharfem Motiv

Wenn es mal nicht klappt, macht Euch keine Gedanken. Da die Drucke reine Handarbeit sind, darf auch mal was schief gehen. Mit der Zeit sammelt Ihr Eure eigenen Erfahrungswerte für das Verfahren.

Druck wässern und die Verwendung von Wasserstoffperoxid

Im Grunde braucht Ihr zum Wässern nur eine Schale, die groß genug für Eure Drucke ist. Am Anfang habe ich meine Drucke in der Dusche ausgewaschen. Dazu einfach genug Wasser einlassen, damit der Druck komplett unter Wasser getaucht werden kann. Seid mit der Wassermenge nicht zu sparsam, sonst wäscht sich die Chemie nicht richtig aus.

Auch wenn oft dazu geraten wird, destilliertes Wasser zum Wässern zu benutzen, muss ich sagen, dass ich mit normalem Leitungswasser bis jetzt keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Dabei sei betont, dass ich hier mit Kalkstufe 5 arbeite und bisher keine Probleme hatte.

Im Wasser wäscht sich die restliche Emulsion langsam aus, was man daran erkennen kann, dass es langsam blau wird. Damit später kein leichter grün-gelber Farbstich bleibt, den Druck einfach im Wasser etwas hin und her bewegen. Dass macht Ihr so lange, bis sich kein blauer Schimmer mehr löst.

Zwei Flaschen Chemie und ein blaues Bild mit zart erkennbarem Portrait

Nun kommen wir zur Wasserstoffperoxidlösung 3 %. Da es auch medizinisch verwendet wird, merkt Ihr nichts davon, wenn es einmal auf die Haut gelangen sollte – außer Ihr habt offene Wunden, dann kann es etwas brennen. Aber bei der schwachen Konzentration braucht Ihr keine zu Angst haben, dass es wie eine Säure alles wegätzt. Das ist erst bei sehr viel stärkeren Lösungen der Fall.

Ganz wichtig ist für den nächsten Schritt, erst den Druck aus dem Wasser zu nehmen, sonst kann es zu unschönen Flecken kommen. Gebt einen guten Schuss der Wasserstoffperoxidlösung ins Wasser, dabei müsst Ihr nicht sehr genau sein. Auch wenn oft zum genauen Abmessen geraten wird, habe ich bisher keinen Unterschied feststellen können. Danach rührt Ihr kurz durchs Wasser, damit es sich gut verteilt.

Es reicht, wenn ihr den Druck wieder ins Wasser legt und kurz etwas schwenkt. Durch eine chemische Reaktion mit dem Wasserstoffperoxid wird das Blau Eures Drucks nun verstärkt und erhält so seinen endgültigen, typischen Look, wie man ihn von Cyanotypien kennt.

Zwei Flaschen Chemie und ein blaues Portrait

Abschließend legt Ihr Euren Druck auf ein Handtuch, legt ein zweites darüber und tupft den Druck vorsichtig ab, um überschüssiges Wasser aufzusaugen und Fleckenbildung durch stehengebliebenes Wasser auf dem Papier zu vermeiden. Das Durchtrocknen kann 12 bis 24 Stunden dauern und hängt stark von der Dicke des Papiers ab. Eine leichte Wellenbildung ist bei besonders dickem Papier normal. Das passiert auch noch einmal nach der Versiegelung.

Nach dem Trocknen legt Ihr einfach ein paar schwere Bücher darauf oder lasst den Druck einige Zeit im Bilderrahmen, dann wird er mit der Zeit von alleine fast komplett glatt.

Blaues Portrait

Den Druck versiegeln

Wenn der Druck getrocknet ist, wird er nur noch mit einer Fotogelatine versiegelt. Diese bewirkt einerseits, dass Umwelteinflüsse dem Druck nicht schaden können und die Langlebigkeit des Druckes wird sichergestellt, sodass die Farben nicht irgendwann verblassen. Ich verwende dazu das Granulat von franalog. Bei diesem Produkt liegt keine Anleitung bei: Für einen Liter benötigt Ihr 8 g des Granulats, was für sehr viele Drucke ausreicht.

Ich empfehle bei der Größe DIN A4 bis DIN A3 zwei bis drei leicht gehäufte Teelöffel des Granulats, das Ihr komplett mit kaltem Wasser bedeckt und für etwa 30 Minuten quellen lasst, dann hat sich schon eine leichte Gelatine gebildet. Dann lasst Ihr 200–300 ml Wasser einmal aufkochen und gießt es langsam auf die gequollene Gelatine. Dann so lange umrühren, bis es sich komplett aufgelöst hat.

Sollten noch kleine Flocken zu sehen sein, einfach noch etwas länger umrühren. (Pinsel vorher auswaschen!) Mit dem Ziegenhaarpinsel bestreicht Ihr den kompletten Druck mit der flüssigen Gelatine und achtet wieder darauf, dass eine gleichmäßige und dünne Schicht auf dem Papier entsteht.

Der Druck erhält dadurch auch einen leichten Glanz, der nach dem Trocknen auch erhalten bleibt. Die Versiegelung sollte nach etwa einer Stunde komplett durchgetrocknet sein. Wenn das Papier sich sehr stark „wirft“ oder einrollt, könnt Ihr es wie gehabt mit Büchern für ein paar Tage beschweren oder in den Rahmen spannen.

Beim verlinkten Starterset für Cyanotypie ist alles dabei, was Ihr braucht. Dazu noch die Fotogelatine und ein Pinsel, dann könnt Ihr loslegen. Nun wünsche ich Euch viel Spaß beim Nachmachen und Erstellen eigener Edeldrucke!

Das Modell auf meinem Bild ist die Fotografin JoyDana.

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1 Kommentar

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  1. Danke Matthias für diesen tollen Artikel. Schon beim Durchlesen fühlte ich mich in die Rolle eines Alchemisten versetzt.

    Sehr hilfreich finde ich auch (insbesondere als Anfänger) die zahlreichen Links zu den Bezugsquellen. Das erleichter die Recherche im Internet ungemein.

    Bitte in Zukunft mehr solcher Artikel. Es gibt noch so viele photographische Edeldruckverfahren, die allesamt von uns entdeckt werden wollen.