02. Juli 2018 Lesezeit: ~8 Minuten

Nachbetrachtung: LUMIX Festival

Vom 20. bis 24. Juni fand das sechste LUMIX Festival für jungen Fotojournalismus auf dem ehemaligen Expo-Gelände in Hannover statt. Das LUMIX zählt zu den wichtigsten Veranstaltungen in diesem Bereich, auf dem 80 aus 1.000 international eingereichten Arbeiten (20 Multimedia- und 60 fotografische Arbeiten) des internationalen und hiesigen jungen Fotojournalismus bis 35 Jahre ausgestellt werden.

Es ist kein Zufall, dass die Mitveranstalterin des Festivals die dort ansässige Hochschule Hannover ist, deren Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie einzigartig in Deutschland ist und zu den bedeutendsten in Europa zählt. Das Festival bietet damit eine wunderbare Chance für junge Menschen, sich im harten Feld des Fotojournalismus zu präsentieren, einen Namen zu machen und zu vernetzen.

Eine kleine Bühne mit Publikum

Die Bühne im Containerdorf, auf der die Preise des Fotowettbewerbs für Schüler*innen verliehen wurden. © Michael Matthey

Insgesamt wirkte das gesamte Festival professionell organisiert. Die Einschätzung einer Studentin, dass alles ziemlich chaotisch abgelaufen sei, bezog sich wohl eher auf interne Prozesse. Außen: Wohlfühlen, genießen. Abgesehen von den üblichen, hohen Preisen für Essen und Getränke und dem (Achtung: Jammern auf hohem Niveau) unbezwingbaren Zeitdruck, sowohl die Ausstellung zu sehen als auch die ausstellenden Fotograf*innen zu treffen, machte die Veranstaltung einen runden Eindruck. Einzig an der Barrierefreiheit kamen zuweilen Zweifel auf, ob die Hängung nicht vielleicht doch an einigen Stellen zu hoch war.

Jeder gehängte Druck konnte einmalig für 100 € erworben werden, die wiederum vollständig der Freelens Foundation zugutekommen. Die Stiftung des gleichnamigen Berufsverbands unterstützt Kolleg*innen in Entwicklungs- und Schwellenländern durch Workshops und Stipendien. Besonders schön: Für das 6. LUMIX Festival wurden durch die Unterstützung der Stiftung auch bedürftige Fotograf*innen der Multimediareportagen eingeflogen, damit sie an ihren eigenen Ausstellungen teilnehmen können.

Bilder an einer Wand

Tomas Engels Serie „Vogelschießen“ © Christopher Horne

Die spannendsten Programmpunkte waren die inspirierenden Vorträge von etablierten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Reportagefotografie. Aus Zeitgründen hat es leider nur für Meinrad Schade, Justyna Mielnikiewicz und Stephan van Vleteren gereicht, aber alle waren so fesselnd, dass ich mir wünschte, sie vor zehn Jahren schon gehört zu haben. Übrigens: Die Vorträge der letzten Jahre lassen sich zwar auch online abrufen, doch die persönlichen Begegnungen vor Ort können durch nichts ersetzt werden.

Alle Vorträge hoben die Bedeutung von Langzeitprojekten hervor. Meinrad Schade, der mit seinem übergeordneten Thema „Krieg ohne Krieg“ den Umgang von Gesellschaften mit Krieg während, nach und davor dokumentiert, plädierte vor allem für die Suche nach Nebenschauplätzen. Der Fotojournalismus neige aufgrund der Aufmerksamkeitsökonomie dazu, bei einem Ereignis wie die Motte zum Licht zu fliegen und genauso schnell wieder weg zu sein.

Ein Mann liest mit einer Lupe den Beschreibungstext eines Bildes

Ein Besucher des Festivals sieht sich eine Ausstellung im Deutschen Pavillon an. © Benjamin Fannrich

Die Gegenstände ihrer Geschichten, die Menschen vor Ort, blieben als Konsequenz zurück, an ihrer Situation verbessere sich nur in den seltensten Fällen etwas. Es lohne sich daher, verknüpfte oder übergeordnete Themen zu suchen und Lücken zu füllen, die ein dominantes Thema zwar tangieren, aber auch neu erschließen.

Justyna Mielnikiewicz ist mit ihrem Ansatz eines Langzeitprojekts einen anderen Weg gegangen: Vor 15 Jahren zog sie von ihrem Heimatland Polen nach Georgien, um innerhalb von zehn Jahren ein Buch über den Kaukasus zu machen. Das Buch ist zwischenzeitlich veröffentlicht worden, sie lebt und arbeitet aber noch immer dort.

Bilder an einem Gerüst

Auszug aus der Serie „Human+“ von Thomas Victor © Christopher Horne

Auch als Fan von Fotobüchern hat mich Stefan Vanfleterens Aussage gepackt: „Fotobücher zu machen, ist Punk. Denn Punk ist immer ein Kontrapunkt zur aktuellen Gesellschaft. Be a punk!“ Der Prozess und das Lesen von Fotobüchern förderten Langsamkeit und beanspruchen ausreichend Zeit, sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen.

Journalistisch gab es beim Festival eine reiche Palette spannender Geschichten zu sehen. Wenn man sich vor Augen hält, dass alle Serien von jungen Menschen präsentiert wurden, die teilweise sogar noch im Studium stecken, muss man den Hut ziehen vor so viel Mut, Kreativität und Einfühlsamkeit.

Besonders persönliche Geschichten erfordern starke soziale Kompetenzen, um die portraitierten Menschen wertschätzend zu begleiten. Besonders Geschichten über Krieg und Konflikte erfordern den Mut, oft mit 35 mm oder weniger in teils gefährliche Situationen einzutauchen. Alle Geschichten erforderten ein hohes Maß an Recherche.

Generell drängte sich jedoch der Eindruck auf, dass bei der Auswahl die thematisch im Mainstream zu verortenden Geschichten schwerer wogen als die Fotos selbst. Von den 60 ausgestellten Fotostrecken haben etwa zehn tatsächlich durch spannende, subjektive oder nichtsachliche Bildgestaltung überzeugt. Viele aber benötigten Text, um verstehbar zu sein. Ein (zurecht) kontrovers diskutiertes Problem der deutschen (Reportage-)Fotografie im internationalen Vergleich sind ihr Hang zur Sachlichkeit und ihre Distanzierung vom Subjekt.

Vortrag draußen

Gärten im Wandel. Besucher sehen sich die ausgestellten Arbeiten an. © Gustav Lorenz

Sachliche Fotografie hat definitiv ihre Daseinsberechtigung und ist für einige Bildaussagen einer erzählerischen, dynamischen, subjektiven Reportagefotografie sogar vorzuziehen (beispielsweise eine inszenierte Portraitserie über interessante Persönlichkeiten oder der museale Umgang von Gesellschaften mit Krieg). Doch einige Strecken mit dynamischeren Themen hätten von einer mehrakzentigen und vielschichtigen Bildgestaltung enorm profitiert.

Stattdessen litten viele der gezeigten Bildserien an einer formalen Müdigkeit durch frontale und bühnenhafte Gestaltung, die Fotos wirkten schnell auserzählt, sodass oft nur die Flucht in den – natürlich spannenden – Beschreibungstext blieb. Erfrischend waren hingegen Strecken, die die Rezeption herausforderten wie beispielsweise Tomas Engels Behandlung eines Schützenvereins im gekonnten Trash-Stil, hart angeblitzt in schrägen Perspektiven. Oder etwas weniger gewagt und trotzdem sehr spannend: Nikita Teryoshins schrille und zugleich geordnete Serie über skurrile Milchkuhwettbewerbe.

Kühe

© Nikita Teryoshin

© Thomas Engel

Zwei Männer stützen einen dritten

Auch Hannes Jungs Serie über die Neue Rechte scheute sich nicht, ihre Haltung zu zeigen und in kontrastreichem Schwarzweiß und teilweise „schabloniert“ beziehungsweise subjektiviert eine erzählerische Bildgestaltung zu präsentieren. Was beim Festival also etwas unterrepräsentiert war, waren solche fotografischen Novellen – frei nach Goethe: „gestalterisch Unerhörtes“.

Es ist klar, dass dieser eine Kritikpunkt angesichts der großen Leistung der ausgestellten Reportagen und Essays eher pedantisch wirkt. Beim LUMIX Festival für jungen Fotojournalismus sind viele Talente vertreten, es dominiert aber auch eine bestimmte fotografische Sprache. Dialekte oder andere visuelle Mundarten abseits des Mainstreams im Stil von beispielsweise Jeff Mermelstein, Bruce Gildens Portraits oder Chris Steele-Perkins’ Serie über Mount Fuji haben es augenscheinlich eher schwerer.

Menschen mit Deutschlandfahnen im Regen

© Hannes Jung

Politiker am Podium

Das ist kein spezifisches Merkmal, sondern dominiert viele Bereiche der Talentförderung in Deutschland. Dabei wäre es bei den über 1.000 Bewerbungen pro Festival durchaus spannend zu sehen, was die fotografische Vielfalt der jungen Reportagefotografie abseits des hiesigen Mainstreams noch zu bieten hat – und wenn es erst einmal nur unter einer zusätzlichen Kategorie der „Runner-Ups“ liefe. Nichtsdestotrotz: An der Qualität der ausgestellten Reportagen besteht kein Zweifel und es darf sich schon auf übernächstes Jahr gefreut werden, wenn das Festival in die siebte Runde geht.

Fotograf*innen, die man meines Erachtens im Auge behalten sollte, mit dem Namen ihrer Serie in Klammern:

Ezra Acayan (Duterte’s War on Drugs Is Not Over)
Nikita Teryoshin (Hornless Heritage)
Julius Schrank (G20-Gipfel in Hamburg)
Mahsa Arabi Fard (Little Women)
Navid Bookani (On the Run from her Father)
Elias Holzknecht (Josef)
Hannes Jung (Neue Rechte)
Fatemeh Behboudi (Life after Shock)
Tomas Engel (Vogelschießen)
Niklas Grapatin (White Noise)
Karolina Jonderko (Reborn)
Sebastian Wells (Olympia)

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