Person mit Regenschirm durch eine kaputte Glasscheibe
26. März 2018 Lesezeit: ~12 Minuten

STRKNG – Im Gespräch mit Gründer Cem Edisboylu

Mit STRKNG hat sich in den vergangenen Monaten eine Plattform etabliert, die eine Mischung aus Portfolioseite und Model-Kartei darstellt. STRKNG hat große Ambitionen, möchte Kunstschaffende und Auftraggebende miteinander verbinden und nutzt ein anonymes Bewertungssystem.

Fakt ist: Auf STRKNG findet man schon jetzt herausragende Portfolios, weshalb wir um ein Interview gebeten haben. Hinter dem Großprojekt steckt eine kleine Kölner Agentur. Wir haben mit einem der Gründer, Cem Edisboylu, über sein Projekt und die Zukunftspläne gesprochen.

Portrait mit Reflexen

Foto: © Andrea Hübner / Model: Lisa

Es gibt so viele Foto-Plattformen: Instagram, 500px, Flickr, Ello, Youpic, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Wie kommt man da auf die Idee, eine eigene zu erstellen?

Ich kenne die Fotografie als persönliche Leidenschaft: Man trifft nette Menschen, macht schöne Bilder, stellt sie auf irgendein Portal ein, bekommt Lob, freut sich und kann es gar nicht erwarten, die nächsten Bilder zu produzieren. Wahrscheinlich ein typisches Suchtverhalten von Hobbyfotograf*innen, deren erster Lohn die Anerkennung ist.

Aber immerhin: Durch diese Motivation werden die Bilder mit der Zeit besser. Man versucht, sich an seinen Vorbildern zu orientieren und den eigenen Stil herauszuarbeiten. Zwei Dinge haben mich auf den etablierten Portalen gestört. Zum einen begegnet man der großen ungefilterten Bildermasse. Die Suche nach der Antwort auf die Frage „Was ist gute Fotografie?“ ist oft die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Wenn man einen spannenden Fotografen entdeckt hat, dann muss man nicht selten erst einmal seitenweise durch jahrelange Bilderlisten blättern, um die Perlen herauszufischen. Es entstand also der Wunsch nach Filterung. Nach einem Ort, an dem man sich schnell einen Überblick über ein Werk verschaffen kann, der Wunsch nach einer Portfolio-Übersicht, idealerweise thematisch und regional gegliedert.

Zum anderen empfinde ich das gängige Like- und Lob-System im Internet als unangenehm oberflächlich. Auf einer bekannten Fotoplattform hatte sich damals die „subtile“ und tatsächlich respektlose Variante „L+F“ (like and follow) herauskristallisiert. Das heißt so viel wie: „Ich habe Dein blödes Bild geliket und als Favorit gespeichert, jetzt mach das bitte gefälligst auch bei mir, damit mein Account auch gepusht wird.“

Die Likes werden inflationär und strategisch gebraucht und verlieren dadurch an Wertigkeit. Als Konsequenz aus diesen Erfahrungen gibt es auf STRKNG nur anonyme, limitierte Bewertungsmöglichkeiten und keine öffentliche Kommentarmöglichkeit bei den Bildern. STRKNG ist das Ergebnis des Wunsches, eine internationale Galerie zu schaffen, in der die Menschen ihre schönsten Bilder ausstellen. Der Versuch, etwas Ordnung und Ruhe in das Chaos zu bringen, der Marktschreierei auszuweichen und den Fotografie-Begeisterten ein Werkzeug zur Orientierung zu geben.

Hochzeitspaar lachend unter einem Baum

Foto: © Ernst Weerts

Die Idee klingt gut, geht das Konzept auf? Bewerten Menschen sich gegenseitig, auch wenn sie als Dank kein Feedback zu erwarten haben?

Alle bekommen von uns ein kleines Kontingent Bilder- und Portfolio-Sterne, die man an andere verteilen kann. Ich finde, es ist ein sehr schönes Gefühl, das Werk von anderen damit uneigennützig auszuzeichnen und natürlich ist es auch eine schöne und spannende Überraschung, wenn man selbst einen Stern bekommt, ohne den Spendenden zu kennen.

So wie ein freundliches Kompliment eines Fremden im Vorbeigehen auf der Straße gefühlt nachhaltiger ist, als das wohlwollende Kompliment der eigenen Mutter oder des kalkulierten Kompliment des Nachbarn, der noch einen Umzugshelfer sucht.

Das Konzept entspricht nicht der gängigen Praxis in den sozialen Medien und es ist vielleicht hier und da ein Umdenken erforderlich. Ich denke aber, dass die Zeit dafür reif ist und dass sich das Resultat lohnt. Fotografie und Kunst im Allgemeinen ist für mich auch die Suche nach dem Wesentlichen durch Reduktion. Dazu passt unser Bewertungssystem.

Es gibt mittlerweile einige Menschen auf dem Portal, die sich darauf einlassen und sich sich die Zeit nehmen, andere Arbeiten anonym und ohne Gegenleistung zu bewerten. Sie helfen dadurch automatisch mit, Ordnung in die Galerie zu bringen. Wir hatten im Januar mit Christoph Zoubek einen tollen Neuzugang aus München. Er macht wunderschöne, klassische Portraits und wurde in relativ kurzer Zeit in die oberen 10 % der Fotograf*innen gewählt. Das ist toll zu sehen und zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Denkst Du, es braucht überhaupt ein Bewertungssystem für eine Foto-Plattform? Du hast das sicher lange durchdacht, für mich klingt die Bewertung, auch wenn sie anonym stattfindet, aber nach einem Schwachpunkt, da sich ja automatisch gefällige Bilder durchsetzen. Und sehe ich mir auf STRKNG die am höchsten bewerteten Bilder an, sind es vorrangig Aktaufnahmen vermischt mit einigen Frauenportraits. Dokumentarische Aufnahmen oder Pflanzenfotografie scheinen keine Chance zu haben, oder?

Wäre die Seite so etabliert wie Instagram, wären ganz vorn wahrscheinlich Selfies von Kim Kardashian oder Babyfotos von Cristiano Ronaldo zu finden, das stimmt wohl. Aber man hat die Möglichkeit, nach Kategorie zu filtern und findet so auch Natur- und Pflanzenfotografie.

Das Ranking wird bei uns aber auch durch unser Relevanzsystem unterstützt, wodurch sich Bewertungen, die man von hochausgezeichneten Teilnehmenden bekommen hat, stärker bemerkbar machen. Dass sich derzeit übermäßig viel Portrait-, Akt- und Fineart-Fotografie auf der Seite befindet, hat damit zu tun, dass mein persönliches Fotograf*innen-Netzwerk beim Portalstart im Jahr 2014 mit den ersten Portfolios geholfen hat.

Darunter befanden sich schon damals sehr großartige zeitlose Bilder und starke Portfolios, die jetzt immer noch das Feld dominieren. Es ist eine Wachstumsmomentaufnahme, ebenso breitet sich die Seite von Deutschland aus international aus, was aber im Umkehrschluss natürlich auch nicht heißt, dass die beste Fotografie in Deutschland gemacht wird, auch wenn Deutschland noch sehr stark vertreten ist.

Es bleibt spannend und die Entwicklung ist ungewiss. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass die Italiener*innen für das Projekt sehr offen sind und derzeit noch die zweitgrößte Teilnehmergruppe darstellen. Die US-Amerikaner*innen tauen hingegen erst langsam auf.

Auch wenn wir mit den Features kuratierte Impulse geben und unter anderem auch spannenden Newcomer*innen Sichtbarkeit verschaffen, braucht es zumindest für unser Konzept das Bewertungssystem. Ich war vor einigen Jahren auf der Fine Art Cologne und fand die Gemälde und viele andere Kunstwerke sehr schön und beeindruckend, aber tatsächlich war ich von den ausgestellten Fotografien enttäuscht. Ich denke, eine Ausstellung, auf der die ersten 100 Fine-Art-Fotografien unserer Teilnehmer in Großformat zu sehen gewesen wären, hätte einen bleibenderen Eindruck bei mir hinterlassen.

Demokratische Prozesse haben ihre Berechtigung und es können sich dadurch auch Underdogs durchsetzen, die in kuratierten Systemen keine Chance haben. Ein Bewertungssystem ist effektiv, es zeigt, was im Trend ist und was eine grundsätzliche Qualität erwarten lässt. In einer fremden Stadt google ich ja auch die Bewertungen der Pizzerien im Umkreis und es hat meistens geschmeckt.

STRKNG soll einen echten Mehrwert für Fotograf*innen haben und sie bei ihrer Arbeit unterstützen. Es gibt jetzt schon Unterseiten für Hochzeitsbilder. Wir promoten auch schon jetzt interessante Veranstaltungen (Workshops, Ausstellungen, Shootingreisen) unserer Mitglieder. Mit einer entsprechenden Fülle der Mitglieder und Werke könnten weitere Microsites zur Vermittlung von Aufträgen etabliert werden. Das erwachsene STRKNG könnte eines Tages in den Kategorien und Ländern eine schnelle Entscheidungshilfe für potentielle Auftraggebende auch im B2B-Bereich sein (zum Beispiel für Mode-, Produkt-, Architekturfotografie) und trotzdem gleichzeitig unterhalten.

Landschaft mit dramatischem Himmel

Foto: © Lee Acaster

Du sprichst von „wir“ und „uns“. Wer steckt eigentlich hinter dem Projekt?

Wir sind eine kleine Internetagentur aus Köln (gegründet 2000) und haben uns auf die technische Realisierung von komplexen Web-Projekten spezialisiert.

STRKNG ist ein freies Referenzprojekt, in dem wir auch technisches Know-how aufbauen und testen können. Für unsere Kundschaft sind da eher technische Erfahrungen spannend wie Performance-, SEO-Optimierung, responsive Design und Automatisierung (zum Beispiel automatische Content Distribution in die sozialen Netzwerke). Es ist für uns aber auch eine Investition in die Zukunft, mit der Hoffnung, hier unabhängiger vom täglichen Projektgeschäft, also unser eigener Auftraggeber, zu werden.

Da das Projekt derzeit noch nebenbei laufen muss, sind natürlich keine Riesensprünge möglich, aber dafür profitiert STRKNG auch von seiner finanziellen Unabhängigkeit: So sind wir nicht gezwungen, alles mit Werbung vollzupflastern (oder unsere Mitglieder mit einem Kaffeetassen-Printservice für ihre Meisterwerke zu behelligen), sondern können uns darauf konzentrieren, eine neutrale und schöne Rahmenumgebung für die Präsentation der Bilder und Portfolios schaffen.

Was hat es denn mit dem Namen STRKNG auf sich?

Der Arbeitstitel für das Projekt war ursprünglich „Wobuciko“ („Kunstwerk“ auf isiZulu). Das war aber nicht so leicht zugänglich, so dass wir in einer Brainstorming-Sitzung „STRKNG“ entwickelt haben. Die Marke ist abgeleitet vom englischen „striking“ (= eindrucksvoll, hervorstechend, bemerkenswert, markant, apart, schlagend, wirkungsvoll, auffallend, Einschlag) und passt ganz gut zu den ausgewählten Portfolio-Bildern mit dem „Wow“-Effekt.

Auf der Seite selbst sind in der Wortmarke oben die fehlenden „i“ noch in klein und blau zu sehen. Die fehlenden Vokale können gern auch als kleine Hommage an das fehlende „e“ in flickr gesehen werden. Die Wortmarke ist so als gewollter sprachlicher Stolperstein einprägsam. Nicht zuletzt ist es kurz und vor allem war die .com-Domain noch zu haben, was SEO-technisch nicht unerheblich ist.

Google hatte am Anfang etwas Probleme, weil es durch die eingebaute Autokorrektur nach „String“-[Tangas] gesucht hat, aber das hat sich zum Glück gelegt – obwohl die Suchmaschine immer noch Unterwäsche bei den Anzeigen anbietet, wenn man nach „strkng“ sucht.

Pflanzen auf einer Fensterbank

Foto: © Monika Keller

Neun Fotos kann man ja aktuell kostenfrei ins eigene Portfolio laden. 18 sind es mit dem bezahlten Premiumzugang. Wird die Plattform auch in Zukunft ansonsten kostenfrei bleiben?

Ja, es spricht nichts dagegen. Wir möchten natürlich auch vielversprechende Talente aus ärmeren Ländern involvieren und unterstützen, das wird nur über den kostenlosen Account möglich sein. 18 Bilder helfen zwar, sie sind aber nicht notwendig, um im Ranking nach oben zu klettern. Im Grunde reicht ein tolles Meisterwerk.

Die Jahresgebühr für die Premium-Mitgliedschaft ist mit 36 € eigentlich auch so niedrig, dass professionelle Fotograf*innen sie sich leisten können sollten. Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck an der SEO-Optimierung. Durch die echten Backlinks und die erhöhte Exposition macht sich ein VIP-Account dann auch für die eigene Webseite bemerkbar.

Wenn das Projekt ausreichend etabliert ist, könnten mit den erwähnten Diensten für professionelle Teilnehmer*innen auch noch zusätzliche Erlöse erzielt werden, um STRKNG rentabel zu machen. Etwa kostenpflichtige Job-Angebote durch Auftraggeber*innen oder erweiterte Promotion für die eigenen Veranstaltungen.

Aber auch ganz andere Wege, zum Beispiel über Kulturförderungen sind denkbar, wir sind da offen. Mir persönlich ist wichtig, dass sich die Urheber*innen, egal mit welcher Mitgliedschaft, wohl fühlen und ihre Schätze gut aufgehoben wissen. Dieses Vertrauen ist für alle, wie ich finde, nachhaltiger als die Möglichkeit, 2 € auf einem Marktplatz zu verdienen und die eigene Arbeit dadurch zu entwerten.

Das klingt auf jeden Fall sehr engagiert und optimistisch. Gibt es noch weitere Zukunftspläne für STRKNG?

Meine persönliche Wunschliste für das Projekt ist lang: Eine App, weitere Übersetzungen, Personal für internationale Recherche und Akquise, sinnvolle Kooperationen, Einbindung von Agenturen und Galerien, Printausgabe der „Editors’ Selection“ mit redaktionellen Inhalten, STRKNG-Fine-Art-Cologne, -Rom, -Paris, -Shanghai – Träumen ist erlaubt. Aber im Moment heißt es noch: Ein Schritt nach dem anderen und mal schauen, was die Zukunft bringt.

Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei!

Das Titelbild stammt von Koops.

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4 Kommentare

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  1. Mit der limitierten Anzahl an Bildern, die man online stellen kann, ist man wirklich gezwungen nur das persönliche “bestoff” zu zeigen bzw. sieht man als Betrachter auch wirklich nur die kleine persönliche Auswahl der einzelnen Künstler. Hohe Qualität der Portfolios, die gezeigt werden ! Mutiges, alternatives Konzept, viel Erfolg !

  2. „Dokumentarische Aufnahmen oder Pflanzenfotografie scheinen keine Chance zu haben, oder?“ – „Wäre die Seite so etabliert wie Instagram, wären ganz vorn wahrscheinlich Selfies von Kim Kardashian oder Babyfotos von Cristiano Ronaldo zu finden, das stimmt wohl. Aber man hat die Möglichkeit, nach Kategorie zu filtern und findet so auch Natur- und Pflanzenfotografie.“

    Auf der Website, Kategorie Nacht also, erstes Bild: Frau ohne Augen aber Brüsten im Wasser. – ?

  3. Das klingt sehr spannend. Insbesondere das limitierte Bewertungssystem gefällt mir besser, als die Massentaufe auf Instagram. Ich habe mir ein Portfolio angelegt und bin gespannt woe sich das entwickrlt und wie ich selbst damit umgehe.

    Dank an Kwerfeldein für den guten Beitrag.