23. Juli 2015 Lesezeit: ~7 Minuten

Stephen Shore – Uncommon Places

Von „Uncommon Places“*, dem berühmten Buch von Stephen Shore, hatte ich immer wieder gelesen. Irgendwann habe ich dann Amazon zu Rate gezogen und festgestellt, dass es das eine Buch „Uncommon Places“ gar nicht gibt. Viel mehr handelt es sich um ein Werk, das sich immer wieder verändert hat und vor allem erweitert wurde. Ende 2014 wurde die vermutlich definitive Ausgabe vorgestellt und über dieses Buch werde ich hier berichten.

Stephen Shore war zwar mit 26 Jahren noch jung, als er sich 1973 auf eine Tour durch die USA begab, aber er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einige Erfahrungen gesammelt. Die Jahre zuvor hatte er immer wieder Andy Warhol und dessen Arbeit in der „Factory“ fotografiert. In der „Factory“ waren es Menschen, die im Vordergrund standen, für „Uncommon Places“ sollte die Architektur im Großen wie im Kleinen zum Gesicht einer Nation werden.

© StephenShore - UncommonPlaces

Shore durchquerte das Land auf mehreren Reisen bis zum Jahr 1979. Mit einer Großformatkamera fotografierte er Straßenecken, Tankstellen, Schaufenster, Menschen, immer wieder Hotelzimmer, aber auch Parkplätze. Im Gegensatz zum Titel des Buchs gab sich Shore alle Mühe, wirklich ganz gewöhnliche Orte zu fotografieren.

Die offensichtliche Vermeidung des Fotogenen, naheliegender Symmetrien oder anderer Kompositionen, an denen sich das Auge festhalten kann und die ein Bild ästhetisch machen, wurde bei ihm zur Methode. Liest man die ausführliche Analyse von Stephan Schmidt-Wulffen im Buch zur fotografischen Entwicklung Shores im Verlauf dieser sechs Jahre, findet man dort die These, dass gerade die frühen Bilder geradezu dekonstruierend die dargestellten Motive in reine Farbflächen auflösen.

Zumindest aufgrund meiner Sozialisation als Fotograf und Konsument von Bildern kann ich das so nicht nachvollziehen, was aber vielleicht auch mit Shores Einfluss auf die moderne Fotografie zusammenhängt. Wo seine Bilder in den 70er und 80er Jahren noch neu und bahnbrechend waren, gehört seine Art der Fotografie heute zum Repertoire guter Fotografen in den sozialen Fotonetzwerken.

Entwicklungen, die einmal Einzug in die Fotografie gehalten haben, werden in gewisser Weise zum „Allgemeingut“ – alles, was man gesehen hat, beeinflusst das eigene Arbeiten, ob bewusst oder unbewusst.

© StephenShore - UncommonPlaces

Aus der Perspektive einer Zeit betrachtet, in der Schwarzweiß-Fotografie die Regel war, stellen seine Bilder jedoch eine herausragende Neuerung dar: Nicht einfach in Farbe, sondern zudem in einer Brillianz und mit einem Detailgrad, der seinesgleichen sucht, dokumentiert Shore das zeitgenössische Amerika als Panorama und Stillleben gleichermaßen.

Seine Bilder sind gerade anfangs fast immer menschenleer, die Straßen und Plätze verlassen. Finden sich Menschen in seinen Bildern, sind diese dort gezielt plaziert und ihr Vorkommen in ihrem Umfeld ist alles andere als zufällig. Sehr oft entsteht eine farbliche Harmonie zwischen Mensch und Umgebung.

Es gibt augenfällige Gründe für diese Vorgehensweise: Farbfilm war in den 70er Jahren ein langsamer Film und das Arbeiten mit einer Großformatkamera war erst recht nicht mit dem schnellen Reagieren auf den „decisive moment“ zu vergleichen, wie es mit Kleinbildkameras und mit schnellem Schwarzweißfilm schon damals möglich war.

„Uncommon Places“ wurde erstmals 1982 veröffentlicht. Die Erstausgabe umfasste 49 Bilder. 2004 erschien eine neue Fassung unter dem Titel „Uncommon Places: The Complete Works“, stark erweitert auf 156 Bilder. Doch erst 2014, mit der nochmals um 20 Seiten erweiterten Ausgabe, scheint nun der Schlußpunkt gesetzt, ist die kuratorische Aufgabe beendet.

Shore äußert sich in seinem Vorwort zu dieser Entwicklung. Neben naheliegenden technischen Gründen (digitale Korrekturmöglichkeiten, die in der Form 1982 noch nicht existierten) ist es seine eigene Sicht auf dieses Werk, die sich im Lauf der Zeit weiterentwickelt hat und in der Bilder zur Auswahl hinzukamen, für die er anfangs noch keinen Platz sah.

© StephenShore - UncommonPlaces

© StephenShore - UncommonPlaces

In der ersten Ausgabe waren von der ersten Tour durch die Staaten im Jahr 1973 beispielsweise nur zwei Bilder vertreten, in der Ausgabe von 2014 sind es schon eine ganze Reihe. Nicht nur die Gewichtung der Jahre hat sich über die Ausgaben verändert, auch bei den Inhalten kamen mit den Innenaufnahmen und Portraits Ergänzungen zu den Straßenszenen dazu.

Die Innenaufnahmen sind aufschlussreich, weil sie das Projekt persönlicher machen: Man kann daran teilnehmen, wie der Fotograf auf der Reise übernachtete, wie die Frühstücksräume aussahen, was er aß. Letztlich eine Selbstdarstellung, wie sie heute in sozialen Netzwerken gang und gäbe ist. Die Portraits von Zeitgenossen erlauben eine andere Art der Verankerung in der Zeit und sie lockern die Folge der reinen Städteaufnahmen zusätzlich auf.

„Uncommon Places“ hat im Laufe der Editionen seinen Charakter verändert. Die Aussage des Buches ist nicht endgültig, sondern geprägt vom größer werdenden Abstand des Fotografen zum Zeitpunkt der Aufnahme seiner Bilder.

Das Buch selbst ist groß und schwer, im Querformat gehalten und es braucht schon etwas Platz, um das Buch in voller Größe aufgeklappt zu genießen. Die Qualität der Abbildungen ist herausragend, die Bilder wirken in ihrer Detailliertheit eher digital als analog, bis auf die teilweise gedeckten Farben ist hier nichts „vintage“.

Das Buch besitzt eine Chronologie, die sich an den Reisen orientiert, innerhalb der Jahre sind die Bilder jedoch nicht chronologisch sortiert, viel mehr wurde hier in der Sequenz darauf geachtet, dass gegenüberliegende Bilder harmonieren oder durch Kontraste Spannung aufgebaut wird. Meines Erachtens ein gelungener Kompromiss zwischen einem rein dokumentarischen Ansatz und einer Herangehensweise, die auf maximale Dramatik abzielt.

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Wie viel Einfluss „Uncommon Places“ auf die Bildsprache nicht nur der Fotografie, sondern vermutlich auch des Kinos hat, konnte ich erst kürzlich wieder beobachten, als ich den Film „Main Street“* sah. Diverse Einstellungen des Ortes Durham in North Carolina hätten direkt dem Buch entnommen sein können.

Genauso ging es mir bei „Transcendence“*, hier waren es Szenen einer Kleinstadt in der Wüste. Stephen Shore hat amerikanischen Städten ein Denkmal gesetzt, sie zu Ikonen gemacht und durch die permanente Referenzierung seines Werks verstärkt sich dieser Ikonencharakter noch.

Wer verstehen will, wie es zum heutigen Bild des urbanen Raums kam, kommt um „Uncommon Places“ nicht herum. Die Evolution bis zur heutigen Ausgabe ist zudem ein spannendes Stück Geschichte und zeigt auf, über welch lange Zeiträume sich der Blick des Fotografen auf sein Werk verändern kann.

Wer ältere Ausgaben des Buchs noch antiquarisch findet, sollte zuschlagen, wenn sich der Preis im vernünftigen Rahmen bewegt. Außerdem gibt es mit „Uncommon Places: 50 unpublished photographs“* sogar ein Buch mit „Outtakes“.

Informationen zum Buch

„Uncommon Places“* von Stephen Shore
Sprache: Englisch
Einband: Gebunden
Seiten: 208
Maße: 26,9 x 33,5 x 2,5 cm
Verlag: Aperture / Thames & Hudson
Preis: 61,42 €

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4 Kommentare

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  1. Ich kapiers nicht…. beinhaltet das Buch nur Bilder aus den 70/80ern, nur dass er sie 2014 neu sortiert und herausgegeben hat? Oder reist er immer noch mit einer Großformatkamera durch das Land? Scheinbar nicht… was macht er heute außer „alte Bilder“ herausgeben?

    • Hi Julia,

      Stephen Shore fotografiert immer noch, er ist sogar auf Instagram aktiv.

      Sinn der Neuausgabe war, das vorhandene Material – mehrere tausend Bilder – neu zu gruppieren und die ursprüngliche Ausgabe zu erweitern. Aufgrund des zeitlichen Abstands zum ursprünglichen Projekt ergibt sich auf manche Bilder einfach eine andere Sichtweise. Außerdem kann man auch an der Reihenfolge der gezeigten Bilder arbeiten. All das hat Shore dazu bewogen, eine erweiterte Zusammenstellung zu publizieren. Das ist insofern wirklich interessant, als es viel mehr Arbeit ist, als einfach nur eine neue Auflage des alten Buchs zu drucken. Siehe dazu den letzten Gastartikel von Matthias Koch, der auch sieben Jahre brauchte, bis er sich mit seiner Mexiko-Serie befassen konnte. Abstand ist manchmal ein guter Kurator.

  2. Schade, dass keine wirkliche Auseinandersetzung mit Shores Buch stattfindet. Ob das Buch nun groß und schwer ist oder ob Shores Arbeiten als Standard in den Fotonetzwerken gilt ist wenig relevant.