Hände greifen nach riesigen Glühbirnen die vom Himmel hängen.
22. April 2015 Lesezeit: ~7 Minuten

Von Erfolg und Misserfolg

Erfolg ist ein Zustand des Geistes.
Wenn Du Erfolg haben möchtest,
beginne, von Dir selbst als Erfolg zu denken.
– Gebrüder Joyce

Ich habe viel nachgedacht in den letzten Wochen über eine Menge Dinge, aber vor allem über Erfolg und Misserfolg und was diese Worte bedeuten, nicht nur für mich als Fotograf, sondern in ihrer Gesamtheit.

Wenn es darum geht, zuzugeben, dass ich ein Streber bin, bin ich ganz vorn dabei. In den letzten Jahren habe ich meine Tage mit so viel wie nur möglich gefüllt. Vielleicht, um Gefühle wie Stress oder Traurigkeit zu vermeiden und mich selbst abzulenken, aber vielleicht auch, weil ich ernsthaft die Angst habe, etwas verpassen zu können. Das Problem dabei ist, dass man nur eine begrenzte Anzahl von Tellern balancieren kann, bis sie herunterfallen.

Als ich zu fotografieren begann, habe ich eine Menge Teller balanciert. Ich hatte einen Vollzeitjob, studierte online an einem College, trainierte für einen Marathon und nahm an einem 365-Tage-Projekt teil. Zu dieser Zeit machte ich einen ziemlich guten Job dabei, das alles auch hinzubekommen.

Es ist fast wie ein Videospiel, bei dem eine winzige Version von mir selbst an der Unterkante des Bildschirms herumläuft und dabei kleine Icons fangen muss, die für meine Hobbies stehen: Kamera, Laufschuhe, Computer usw. Aber je mehr ich versuche, sie alle zu fangen, desto schneller wird das Spiel und die Erfolge und Misserfolge werden jeweils größer.

Ein Mann mit riesiger Sternenlaterne.

Was ich jetzt merke, da ich weniger dieser Teller balanciere und nicht mehr versuche, herumzurennen und alle Icons aufzufangen, ist, dass ihr Wert und ihre Bedeutung sich verändern. Wenn ich einmal einen Lauf verpasst hatte oder ein paar Tage lang kein Foto veröffentlicht hatte, fühlte sich das für mich nach Versagen an.

Die Frustration über den verpassten Lauf, das fehlende Foto oder auch die E-Mail, die ich jemandem schuldete, nagte in meinem Kopf ständig an mir und machte mich nutzlos für alles andere. Und so strengte ich mich noch mehr an, steckte mir noch höhere Ziele, mit denen ich noch größere Erfolge erreichen könnte. Aber das ist natürlich nicht die beste Art, seine Zeit zu verbringen.

Der Grund, warum ich beschloss, darüber zu schreiben, ist, dass ich viele ähnliche Gespräche mit anderen über mein Gefühl führte, dass die Bürde der Hatz nach Erfolg und Vermeidung von „Fehlern“ immer schwerer wird. Insbesondere mit den sozialen Medien als Plattformen, auf denen unser Bestes frei und so oft wie möglich geteilt wird und es fast verpflichtend ist, immer mehr unserer Erfolge mit unserem sozialen Kreis zu teilen.

Als ich anfing, darüber nachzudenken, realisierte ich, dass Erfolg, wie die meisten Dinge in unserem Leben, relativ ist. Er ist relativ zu unseren eigenen Erfahrungen und Interessen.

Ein Mann balanciert auf Regenschirmen

Während wir mehr und mehr in die soziale Medien investieren und die Erfolge unserer Freunde sehen, können wir uns selbst entmutigen, weil wir nicht mithalten können. Ich weiß dass manchmal, wenn ich viele meiner Freunde herumreisen, tolle Ziele erreichen und unglaubliche Dinge erleben sehe, ich mich selbst dafür schelte, dass ich nicht mehr mache.

Aber in solchen Momenten sollten wir anhalten, denn wir alle haben – im Verhältnis zu unserem Leben – großartige Dinge zu feiern. Soziale Medien können uns dieses Gefühl der Angst und des Zwangs einen großen Umfang an Dingen teilen zu müssen geben. Dass unsere Spaziergänge „episch“ und unsere Mahlzeiten mit Hashtags wie #amazing gekennzeichnet sein müssen. Und das die Zusammenfassung eines jeden Tages Magazin-Qualität haben muss.

Aber es ist nicht realistisch, das aufrecht zu halten. Ja, es ist etwas Besonderes, diese Erfahrungen zu haben. Und sie mit den Lieben zu teilen, ist eine soziale Norm geworden, jedoch ist nichts falsch daran, einen Tag zu leben, der nicht aussieht, als sei er einem trendy Blog entsprungen.

Mann mit großer Lupe auf nebligem Feld.

Als ich in den letzten Monaten genau auf mein Leben schaute und überlegte, was ich damit anfangen will, begann ich zu erkennen, wie wichtig es ist, jeden Erfolg für genau das, was er ist zu feiern und nicht zusätzlich noch einen Extradruck hinzuzufügen.

Am Ende eines jeden Tages, bevor ich schlafen gehe, versuche ich an zumindest drei Dinge zu denken, die es wert sind, gefeiert zu werden, alle gleichwertig. Vielleicht ist es einfach nur der endlich leere E-Mail-Posteingang, ein Spaziergang oder die gemachte Wäsche. All diese Dinge sind Erfolge, sie bilden zusammengenommen ein erfolgreiches Leben.

Sicherlich sind da auch Tage, an denen Dinge wie ein Besuch in den Harry-Potter-Studios oder ein abgeschlossener Fotovertrag in Neonlichtern in meinem Kopf blinken, aber ich versuche, die kleinen Erfolge zu feiern, denn das sind die kleinen Schritte, die zu einem tollen und zufriedenen Leben führen.

Ein Mann sitzt in einer Baumwurzel mit einem leuchtenden kleinen Wesen.

Dein Leben hat seine Erfolge, die es verdient haben, gefeiert zu werden, unabhängig von ihrer „Wichtigkeit“ in Bezug auf das große Ganze. Manchmal ist schon aus dem Bett zu kommen genug, um gefeiert zu werden, manchmal ist es, die freie Minute Zeit für sich allein zu finden, um zu entspannen und sich wieder selbst zu finden.

Es ist wichtig, diese Erfolge zu feiern, denn wenn wir das nicht tun, erhöhen wir am Ende die Unausgeglichenheit und Angst vor dem „Versagen“. Wir glauben, dass wir scheitern, wenn wir nicht etwas Monumentales erreichen oder auch, wenn wir nichts Erfolgreiches dem Social-Media-Roulette hinzufügen, aber das tun wir nicht. Wir alle haben jeden Tag Erfolg.

Mein Rat ist, wenn Ihr Euch jemals so gefühlt habt wie ich und traurig darüber gewesen seid, dass Erfolg der seltene goldene Apfel am Baum ist, inne zu halten. Atmet. Und schreibt eine Liste von Dingen, von denen Ihr denkt, dass sie ein glückliches und produktives Leben ausmachen. Schreibt sie in fröhlichen Farben auf ein Stück Papier, das Ihr an Euren Kühlschrank, den Spiegel oder wo Ihr es sonst gut sehen könnt, klebt.

Mann mit großen Federn als Flügel.

Lest es und feiert diese Punkte, wenn Ihr auf sie trefft und selbst wenn nicht, feiert, dass Ihr Euch zumindest die Zeit genommen habt, herauszufinden, was Euch wichtig ist, denn auch Selbstkenntnis ist Erfolg.

Habt keine Angst, diese kleinen Siege zu feiern und wenn Ihr das Gefühl habt, sie seien zu wenig oder zu weit weg, dann nehmt Euch die Zeit, sie zu erreichen. Diese kleinen Siege werden Euch über die Schlaglöcher im Leben hinweghelfen und auch helfen, Eure Gedanken wieder voranzutreiben. So wie das Zitat am Anfang es sagt: Wenn Ihr Erfolg haben wollt, müsst Ihr Euch selbst als Erfolg sehen.

Der Artikel erschien erstmalig auf Joel Robisons Blog. Katja Kemnitz hat ihn für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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19 Kommentare

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  1. Ein „Streber“, der jeden Abend an „drei Dinge denkt, die es Wert sind, gefeiert zu werden“, empfielt mir, meine Träume & Ziele in „fröhlichen Farben“ an den Kühlschrank zu kleben.

    Da könnte ich drüber nachdenken, allerdings nur wenn mich Robisons fotografischen Arbeiten durch etwas Eigenes, nie Gesehenes inspirieren würden. Das tun sie leider nicht.

    Fazit:
    Die „Think Positiv!“ Botschaft von einem mittelmäßigen Streber!

  2. Danke für deine Gedanken.

    Ich denke, das ist vor allem ein großes Problem unserer Generation.
    Mit unserer scheinbar erfolgreichen Einstellungen zwingen wir uns gegenseitig zu Maßstäben, die wir irgendwann nicht mehr erfüllen können. Dann kommt das Gefühl des ausgebrannt seins, der Leere, des Versagens. Ich finde es wichtig, wenn der Mensch nach etwas strebt, aber traurig wird es, wenn man nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zufrieden zu stellen. Die eigenen Erwartungen werden immer höher und es wird unmöglich sie zu erfüllen.

    Ich glaube daran, dass es auf die Qualität, wie wir unseren persönlichen Erfolg erleben, ankommt. Das Erleben ist dabei wesentlich, denn wir hetzen von Projekt zu Projekt und vergessen dabei unser Schaffen zu genießen und zu feiern. Man sollte sich vor allem auch die Zeit nehmen, über sich selbst zu staunen.

    Ich finde deine Arbeiten wundervoll und sie geben mir das Gefühl, dass du ein ambitionierter Fotograf und Künstler bist.
    Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft!

  3. „Es gibt wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“
    (Mahatma Gandhi).

    Banal, aber wahr, und vielleicht gerade deshalb immer wieder schwer zu erreichen.

  4. Ich muss sagen, mit den ersten Zeilen hattest mich. Ich hab mich während dem Studium auch so gefühlt, alle erleben schöne Dinge usw und ich muss hier sitzen und studieren. Doch mittlerweile weiß ich, dass ich einfach mein Leben leben muss und wenn etwas bei mir länger dauert dann ist es halt so.

    Sehr schöner Artikel.
    Grüße
    Stefan

  5. Im Grunde hätte man sich den artikulierten Part auch sparen können: schaut man sich die Bilder an, weiß man von vornherein, woran man ist, mit welcher Einstellung hier auf Arbeit und Leben geblickt wird. Würde mich wundern, wenn nicht Paulo Coelho oder Der kleine Prinz auf dem Nachtschrank liegen.

  6. Sehr schöne, inspirierende Wörter! Mit sich selbst im reinen zu kommen ist eine Zielsetzung, mit der der Mensch sein Leben lang konfrontiert sein wird. Neben dem großartigen Artikel sind natürlich die Bilder sehr zu loben! Klasse

  7. Ich muss zugeben, dass dieser Artikel ins schwarze trifft. Man könnte jetzt so viel dazu schreiben in einem Kommentar..

    Moment, könnte..
    Manchmal, bzw. immer öfter reicht es nur ein paar Worte zu sagen.

    „Ein Artikel zum nachdenken.“ Mehr muss man nicht sagen um alles zu „sagen“. Außer danke für den Artikel. :-)

  8. „Amazing“ … vielen Dank, dass Du Deine inspirierenden Gedanken mit uns teilst! Mich hat der Artikel zum Innehalten und Nachdenken gebracht… das ist auf jeden Fall ein Erfolg für den Autor.

    LG Tina

  9. Blogartikel dazu: Logbuch am Samstag #3