03. September 2014 Lesezeit: ~3 Minuten

Meer-Menschen

Ich habe nie am Meer gelebt und habe daher keine Verbindung zu den Menschen der See. Mein Bild von ihnen formt sich aus Geschichten und Märchen und ist vielleicht voller Vorurteile. Ich sehe wettergegerbte Gesichter, tiefe Falten und wilde graue Haare. Ernste und ruhige Menschen stelle ich mir vor.

Ingo Gebhard bestätigt dieses Bild. Er wuchs auf der Nordeeinsel Wangerooge auf und fotografierte dort Landschaft und Menschen. Ob er für seine Portraits diese Charakterköpfe suchte, die so perfekt in mein Bild passen? Auf seinen Schwarzweiß-Fotos blicken mir sehr erste Gesichter entgegen. Zeichnet das Meer diese tiefen Furchen in die Haut der Älteren, lässt der harte Wind die Haare wild und unbändig werden?

Meer-Menschen

Gebhard zeigt in seinem Buch „Meer-Menschen“* Hafenmeister, Kapitäne, Seenotretter und Strandwärter. Aber auch die Künstler, Hoteliers, KFZ-Mechaniker und Blumenhändler. Obwohl die Portraits alle sehr nah und schwarzweiß sind, schafft Gebhard es, jeden Einzelnen individuell festzuhalten.

Dass er selbst am Meer aufwuchs, erleichterte die Suche nach passenden Modellen sehr. So konnte Gebhard den zur Zeit der Aufnahme bereits über 90-jährigen und schwerkranken Schiffsmaler Günther Schmidt portraitieren. Hin und wieder sieht man auch in sehr bekannte Gesichter, wie die des Komikers Otto Waalkes, des Polarforschers Arved Fuchs und des Einhand-Nonstop-Weltumseglers Wilfried Erdman.

Zwischen den Portraits finden sich Panoramen der Nordsee. Mal rauh und wild bei starkem Wellengang und Springflut, mal durch extreme Langzeitbelichtung von bis zu 60 Minuten scheinbar völlig ruhig, wie Eisflächen, auf denen man glaubt, wandeln zu können. Bei den Sturmbildern frage ich mich ernsthaft, wie Gebhard die Kamera noch ruhig halten konnte.

Die Kombination von Portraits und Landschaften wirkt sehr schön und ich habe beim Blättern im Buch nicht den Eindruck, dass die Fotos nicht zusammengehören. Ganz im Gegenteil: Sie unterstützen sich und erzählen zusammen die Geschichte der deutschen Küstenregion.

Langzeitbelichtung des Meeres

Es ist ein sehr persönliches Buch. Das wird nicht erst durch das Portrait von Gebhards Großmutter auf der letzten Seite deutlich. Das Meer ist die Heimat des Fotografen, auch wenn er im Alter von 20 Jahren nach Berlin zog, wo er heute als Fotograf arbeitet.

Der Bildband „Meer-Menschen“* ist einer der schönsten Schwarzweiß-Bände, die ich bisher gesehen habe. Er ist im Verlag Hatje Cantz erschienen und kostet neu 39,80 €. Das große Format von 31 x 31 cm gibt den rund 80 Bildern genügend Platz. Eingeleitet wird das Buch mit einen Vorwort von Nicolai Max Hahn.

Wer die Bilder einmal in groß an einer Wand sehen möchte, dem empfehlen wir eine kleine Reise nach Bremen. „Meer-Menschen“ wird dort vom 7. September bis zum 2. November 2014 im Hafenmuseum Speicher XI ausgestellt.

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