13. Juni 2013 Lesezeit: ~4 Minuten

Kreativ-Neurose

Ich bin kein weißes Blatt Papier, so wie jenes, das gerade vor mir liegt und auf dem sich ganz zaghaft Worte bilden. Es gibt aber manchmal Momente, in denen wünschte ich mir das. Innerlich komplett weiß zu sein und dann einen Stift zu nehmen und anzufangen.

Meine Welt aber ist gefüllt. An den Moment, als alles noch weiß in mir war, erinnere ich mich nicht. Und das ist auch gut so. Ich bin angefüllt mit Gedanken, die nicht immer ordentlich nebeneinander liegen. Mit meinen Händen versuche ich oft das, was nicht in Worte zu fassen ist, festzuhalten – mit meiner Kamera.

Und weil ich eine Kamera habe und weil man oft nach Orten sucht, an denen es Gleichgesinnte gibt, kenne ich jetzt einen Haufen Fotografen. Anfangs ist das noch toll. Da hilft man sich gegenseitig oder steht zusammen in der Dunkelkammer. Bringt sich unterschiedliche Sachen bei, lernt vom anderen. Wenn man dann fast alles kann und seine Richtung gefunden hat, verdichtet sich plötzlich alles.

Ich lasse mich gern inspirieren, nicht ausschließlich von Fotografen, aber eben auch. Manchmal sammle ich zu einem Thema verschiedene Bilder, weil ich an einer bestimmten Serie arbeite. Man nennt das bei den Kreativen auch gern „Moodboard“. Ist was ganz Normales. Ja.

Aber letztens packte mich die Kreativ-Neurose bzw. -Depression. Ich konnte plötzlich nicht mehr fotografieren. Alles, was mir vorschwebte, alles, was ich dachte zu beginnen, braute sich zu einem übel stinkenden Brei zusammen.

Da saß ich nun mit meiner Neurose und sagte ihr erst einmal nett guten Tag, fragte höflich, was das denn jetzt solle, ob wir nur einen Tee zusammen trinken oder sie gedenke, länger zu bleiben.

Sie blieb zwei Wochen. Es waren für mich die schlimmsten. Alles, was ich sah, wurde bewertet, ob Arbeiten im Netz oder Arbeiten von Freunden. Das alles im meinem Kopf gab es schon, war schon verbildlicht.

Woher kam diese Neurose nur? Hatte ich zu viele Bilder gesehen? Warum dachte ich in allem, was ich anpackte, nur eine Kopie von einer Sache zu sehen? Und ja, ich hatte auch Angst vor Plagiatsvorwürfen, denn diese findet man zu Hauf im Netz und das fängt schon bei ganz kleinen Dingen an. Da liegt die Haarsträhne zufällig genauso wie bei einem anderen Bild oder es wurde eine ähnliche Technik benutzt oder ganz ähnliche Materialien.

Die Einzigartigkeit kannst Du Dir gleich mal aus Deinem Köpfchen kratzen, dachte ich mir. Das war der erste Paukenschlag, den ich der Neurose um die Ohren pfefferte. Der zweite folgte auf dem Fuße, denn es muss nicht immer sofort ein unglaublich tolles Werk aus meinen Händen fließen für das mir ein Kunstsammler vor die Füße fällt. Ich kann auch einfach machen, stehe nicht unter Erfolgsdruck und wenn auf einem Film mal nix ist, dann ist da halt nix.

Ich legte also alles erst einmal schön zur Seite, denn so konnte das ja nicht weitergehen. Ich fing an, zu schreiben und zu zeichnen. Das lockerte das Nervenkostüm schon einmal erheblich. Ich fing auch an, leckere Kekse und Kuchen zu backen, meine Wand erhielt in dieser Zeit einen neuen, taubengraublauen Anstrich und ein paar Pflänzchen machten sich auch ganz gut auf der Loggia.

Nach zwei Wochen war dann der Spuk vorbei. Ich füllte die Kowa mit einem Rollfilm, spannte ihn und freute mich über das säuselnde Geräusch. Ich legte auch ein paar Materialien zurecht, mit denen ich arbeiten wollte und freute mich über den Menschen, der da neben mir stand und Lust hatte, ein bisschen mehr in meine Welt einzudringen.

Was auf dem Film ist, verrate ich Euch natürlich nicht. Meine Bilder verschwinden jetzt immer in einem schwarzen Kasten mit Datum, der verschlossen wird. Damit Plagiatsvorwürfe erst gar nicht entstehen können.

Scherz.

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20 Kommentare

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  1. Plagiatsvorwürfe scheren mich einen Dreck, weil ich für mich weiß, dass ich nicht bewusst abkupfere! Viel schwerwiegener ist da schon die innere Enttäuschung, wenn eine Idee oder ein Konzept im Kopf entsteht, und man dann erkennen muss, das andere das schon viel geiler und besser in die Tat umgesetzt haben. Das wirk dann wie in Sandstein gemeißelt. Ich verliere dann sofort jegliche Euphorie, den eigenen Ansatz weiter zu verfolgen. Wenn das mal keine Neurose ist…

  2. Hach Marit <3 !

    Ich kenn' das. Diesen Druck, den man sich macht, besonders oder einzigartig zu sein. Vielleicht nicht als Person, aber als Fotograf. Plötzlich sieht man sich seinen Kram an und denkt nur: "Gibt's alles schon."

    Hat sicherlich viele Gründe. Diese böse, schnelllebige Zeit, und dieses noch bösere Internet, wo all die vielen und tollen Fotos rumschwirren.

    Bei mir hat diese Phase sehr viel länger gedauert. Ein paar Monate, aber irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem der Druck weg war. Und plötzlich ging's wieder. Ich fotografiere jetzt anders, glaube ich zumindest. Jedenfalls fühlt es sich anders an. Klarer. Irgendwie.

    Und tatsächlich: Meine Fotos landen nicht in einer schwarzen Box mit Datum, aber viel weniger finden den Weg ins Netz.

    Grüßle!

    • Weniger Bilder im Netz, daran arbeite ich noch. Ich bin so eine verdammte Ego-Sau und es gibt mir, auch wenn ich das nicht gern zugeben, eben doch sehr viel, wenn ich mit Bildern Menschen erreiche und eine Reaktion. Ich mache die Bilder für Menschen. Noch schöner wären die Bilder natürlich gedruckt, dann entschwinden sie ein bisschen dem Bildermeer des Netzes und sind fassbarer.

      • Gerade den Punkt finde ich so superschwierig / gefährlich. Es ist einerseits natürlich sehr schön und gut für das eigene Selbstbewusstsein, wenn man mit seinen Bildern Menschen erreicht, aber andererseits erhöht es auch den inneren Druck sehr. Wie sehr beeinflusst es einen, wenn man für eine bestimmte Bildrichtung großen Zuspruch bekommt, für eine andere aber Nicht? Ändert man durch die Bewertung von außen auch seine eigene Arbeitsweise? Ab wann macht man nicht mehr Bilder um der Bilder wegen, sondern weil man Menschen erreichen will? Der Grad zwischen Künstler und Entertainer (sozusagen) ist eigentlich sehr viel schmaler, als man immer glaubt. Sich dort immer mal wieder rauszunehmen und auch seine Bilder rauszunehmen, zum Beispiel, indem man sie druckt, ist wichtig. Glaube ich. Toller Artikel, jedenfalls :).

      • Sebastian: Da hast du Recht. Am Anfang seines Tuns kann man schnell Gefahr laufen in eine Richtung abzutriften weil man auf das Lob und die Fürsprache Anderer hört. Aber ich weiß auch, dass einen das irgendwann nicht mehr befriedigt, nicht glücklich macht. Die Bilder fühlen sich nicht wie die eigenen an sondern wie fremde Bilder. Das ist dann ein spannender Punkt, denn dann entscheidet sich ob man weiter macht und seine Linie findet und seine Bilder macht oder ob man entweder noch ein bisschen weiterschwimmt oder gar aufhört.

  3. Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut und ich kämpfe ständig damit. Man will nichts machen das es schon so oft gibt, aber anders gesehen, es gibt fast nichts mehr das nicht schon einmal dagewesen ist. Aber es gibt etwas, das einmalig ist: DER MOMENT! Deswegen liebe ich die Dokumentarfotografie so sehr. Im Freundeskreis, Hochzeiten, Street oder auch der Journalismus (mit dem hab ich mich noch nicht auseinandergesetzt bzw. nur im geringen ausmaß).

    Einzigartige Fotos entstehen aus dem Moment heraus, das ist was mich begeistert.

    Bilder in Szene setzen die schwer begeistern geht heute fast nur noch mit ganz neuem oder mit viel Aufwand von Zeit und Geld (Wie viel, viel ist, bleibt eine Definitionssache und ist abhängig vom jeweiligen einkommen. Eh kloar :) ).

    Ich werde aber auch mal wieder eine Pause einlegen … so gegen Ende Juni. Dann kommt ein neues Computerspiel auf den Markt und wenn ich das mein eigen nenne, dann werde ich einfach mal eine Woche lang mich nur damit befassen, ehe ich mich auf die nächste Hochzeit vorbereite. Hoffe das Hilft! Bis dahin darf ich noch die letzte bearbeiten ;)

    Danke für deinen Artikel, es zeigt mir das ich damit nicht alleine bin! ;)

    • Die Einzigartigkeit habe ich mir einfach abgeschminkt. Die gibt es nicht. Warum manche Bilder berühren und andere nicht, das habe ich selbst noch nicht ganz begreifen können. Bilder sind persönlich. Für den Betrachter werden sie zu einer eigenen Geschichte. Genau das finde ich so spannend, denn Fotografie ist Sprache. Wir reden über Bilder miteinander. Da muss ein Bild also nicht zwingend in Szene gesetz werden mit viel Aufwand, Zeit und Geld. Oft reicht eine einfache Kamera und das Losgehen :-)

  4. Interessanter Beitrag… Aber warum soll man sich denn einen Kopf machen, wenn´s mal nicht so klappt? Ist doch kein wichtiger Auftrag. Morgen ist doch auch noch ein Tag. Ein paar Tage Auszeit nehmen, hilft da immer – na ja, bei mir wenigstens :-)

    • Ja. Aber wenn es sich in mir zusammenbraut, wenn rauswill was raussoll und plötzlich sind die Ausgänge versperrt weil man sie sich selbst versperrt, dann ist das kein schöner Zustand. Darum ;-)

  5. In diesem Zusammenhang eine Frage an die versammelten Fotografen: wie geht ihr eigentlich mit der Tatsache um, das nahezu alles bereits tausend- ja millionenfach fotografiert wurde, aus allen möglichen und unmöglichen Blickwinkeln. Wie geht ihr mit der Tatsache um, dass täglich eine gigantische Bilderflut neu ins Netz gestellt wird und aufgrund dessen die eigenen Bilder mehr oder weniger untergehen. Allein auf flickr sollen pro Minute 5000 Bilder hochgeladen werden, das sind 7.200.000 Bilder am Tag.

    Das ist, als würde man viel Zeit, Geld und letztlich auch Kreativität einsetzen, um einen Tropfen Wasser zu erschaffen, um ihn anschließend ins Meer zu träufeln.

    Die Analogie mit der weißen Seite ist ganz nett, nur wünsche ich mir diese nicht in meine Kopf, sondern manchmal im Netz. ;)

    • Flickr & Co machen in meinen Augen keinen Sinn, wenn man mit dem Anspruch arbeitet, jemanden erreichen zu wollen. Da geht man schlicht und einfach in der Masse unter. Aber letztendlich ist das doch für die meisten die Hauptantriebsfeder. Von daher ist die einzige Alternative wahrscheinlich wirklich Marits Ansatz: die des hochwertigen Prints verbunden mit einer Ausstellung und der direkten Konfrontation mit dem Betrachter. Und das ist genau der Punkt, bei dem ich mich so extrem schwer tue: ich bin auch noch dem Gedanken verhaftet, dass ein gutes Bild für sich steht und nicht hurz-mäßig plattgelabert werden muss. Wär mir echt zuwider, zumal ich oft sehr intuitiv arbeite. Da müsste ich mir jedesmal die Geschichte zum Bild ausarbeiten? Ach nee, oder doch?

    • Wie geht ihr mit der Tatsache um, dass täglich eine gigantische Bilderflut neu ins Netz gestellt wird und aufgrund dessen die eigenen Bilder mehr oder weniger untergehen.

      Ich würde dazu raten, diesen Umstand nicht allzu sehr zu vertiefen, weil er etwas extrem Lähmendes hat. Würde man jede – zumal kreative – Arbeit nur verrichten, wenn man noch nie Dagewesenes damit schaffte, könnte man sich gleich aufs Sofa legen. (Was leider auch nicht besonders originell wäre.) »Untergehen« ist ja ein interpretierbarer Begriff. Wenn ein Bild einen einzigen anderen Menschen berührt und von 4 oder 5 Milliarden anderen Menschen nicht einmal ignoriert wird – ist es dann untergegangen? Und selbst wenn sich nicht mal der eine findet, ist die Qualität einer Arbeit notwendig vom Publikumszuspruch abhängig? Ist nicht das Machen bereits ein Wert?

    • Hallo Andreas

      „Wie geht ihr mit der Tatsache um, dass täglich eine gigantische Bilderflut neu ins Netz gestellt wird (…)“

      Damit hast du die Frage ja schon beantwortet ;-) „Netz“ ist das Stichwort… Wen schert es? Mich schon lange nicht mehr. Angeblich ist es heute möglich (eigene) Fotos für wenig Geld auf Papier zu bringen ;-) Oder sich gar am eigenen Drucker zu erfreuen! Es muss gar nicht „Fine Art Print“ sein! Typisches Argument – viel zu teuer. Aber nicht ein einziges vom Dienstleister aus Papier belichtetes Foto an der Wand. OK, die Flächen der eigenen Zimmer sind endlich, und auch die Zahl der Bücher mit eigenen Fotos dürfte überschaubar sein…

      Neben den im www-Bildlawinen, dürfte eine noch gigantischere Menge an noch belangloseren Fotos gleich auf den Datenträgern „verstauben“. Was tun? Ich habe für mich ab Mitte 2012 die heimische Glotze „entdeckt“. Ab 32 Zoll Bildschirmdiagonale habe ich ordentliche Bildgrößen. Und die Bildaussage leidet bei mittlerweile 1920x1080p Full HD nicht bis zur Unerkennbarkeit. Und dann eben nicht Einzelbilder, sondern die gute alte Diaschau im modernen Gewand! Das Ganze ggf. mit Videosequenzen angereichert und gekonnt geschnitten, mit der einen oder anderen „Fahrt“ im Einzelbild garniert, macht einfach Spaß! Ich gebe allerdings zu, dass 16:9 durchaus gewöhnungsbedürftig sind. Durch die „Fahrten“ im Bild verlieren aber auch Hochformate ihre Schrecken!

      Das – für mich – einzige Problem ist die Musikuntermalung/-begleitung. Alles, was ich bisher auf diesem Gebiet GEMA-frei ehrlich erworben habe, ist bestenfalls zweit- bis drittklassig :-( Und so suche, hole ich mir aus dem Netz für die PRIVATE (!) Vorführung an passender Musik, was ich brauche, bzw. was ich nicht selbst als LP oder CD habe. Und das bleibt dann auch privat! Youtube & Co sind tabu! Musik ist aber eine echte Herausforderung…

      Und neben der Glotze? Diesen Sommer ein Sack voll Polaroid/Impossible und eine Lomo Spinner 360. Für einen Aufnahmeort, von dem es ebenfalls abertausende Fotos, aber tatsächlich noch keine „Impossibles“ oder ansehnliche Panoramen gibt… Selbst die Zahl gekonnter Hipstamatics hält sich erstaunlicherweise in Grenzen…

      Ralf

  6. Ich denke man muss dieses „Dilemma“ das alles schon Fotografiert wurde anders an gehen ! bzw. sich davon frei machen.
    Wenn ich eine Bildidee im Kopf habe und sie realisiere und das Ergebnis ist so wie ich es mir vorgestellt habe dann erfreue ich mich daran. Falls ich später im Netz sehe jemand anders hatte eine ähnliche oder sogar die gleiche Idee dann ist das halt so !
    Aber deshalb empfinde ich meine Arbeit als nicht weniger wert nur weil es schon ein ähnliches Foto gibt.
    1: Hatte ich bei der Entstehung viel Spaß dabei und konnte dabei abschalten.
    2: Habe ich wahrscheinlich wieder was dazu gelernt
    3: Es ist mein Baby (Foto) egal ob es schon 1000 ähnliche Fotos davon gibt
    Der Weg ist das Ziel ! das Ziel könnte bedeuten das ich irgendwann doch mal ein Foto schieße was es so noch nicht gibt…

  7. Blogartikel dazu: Inspiration vs. Kopie. Oder: Gibt es überhaupt noch etwas Neues zu fotografieren? | birgitengelhardt.de

  8. Blogartikel dazu: Die Verwandlung - kwerfeldein - Fotografie Magazin