kwerfeldein
16. Juni 2012 Lesezeit: ~8 Minuten

Objektivwahn – größer, weiter, schärfer

Immer wieder fragt man mich nach Objektivempfehlungen oder schwärmt mir etwas von absoluten Traumobjektiven vor. Möglichst viele, große Objektive – das mag ja alles schön und gut sein, wenn man sich mit der Materie „auskennt“. Allerdings begegnen mir Fotoanfänger oft mit Unverständnis, wenn ich ihnen empfehle, möglichst klein anzufangen. Mit reduzierter Ausrüstung das Fotografieren lernen. Logisch – die kleinere, günstige Ausrüstung bekommt man nicht oft empfohlen. Doch warum tue ich es dann?

Mein Anfang

Um das besser vermitteln zu können, folgt erst einmal der Weg, den ich gegangen bin, auch wenn er noch lange nicht zuende ist: Ich selbst habe mit einer Canon 400D und dem 18-55mm Kitobjektiv begonnen – und war erschrocken, wie wenig „Zoom“ so eine „professionelle Kamera“ eigentlich hat. Denn mit „viel Zoom“ kann man bekanntlich „viel bessere Fotos“ machen – zumindest war das damals mein Glaube…

Das 18-55er war mir nicht genug, nach meinen ersten Fotosessions habe ich das Internet auf meiner Suche nach dem „ultimativen Objektiv“ förmlich umgekrempelt. Zugegeben: Die erschwinglichen Linsen waren nicht ultimativ. Daher entschied ich, mich vorerst mit dem abzufinden, was ich habe: Dem „zoomschwachen“ Kitobjektiv.

Als ich nach einem Jahr dann auf meine ersten Fotos zurückblickte und Verbesserungen im Vergleich zu den nun aktuellen Fotos sehen konnte, legte ich mir ein 70-300mm zu. Apropos Verbesserungen. Ein kleiner Zwischeneinwurf:

Die wahre Qualität der eigenen Fotos kann ich nicht direkt erkennen, nachdem ich mir die Bilder das erste Mal auf dem Rechner angesehen habe. Verbesserungen kann ich nur dann erkennen, wenn ich einige Zeit und viiieeele Fotos später auf ein älteres Foto zurückblicke. Vielleicht geht es euch genauso?

Zurück zum Thema: Die Fotos wurden durch das 70-300er in der Tat „besser“ und wirkten professioneller, allerdings ging ich nicht mehr ohne das Tele auf Fototour, ich hatte es immer dabei. Als wäre ich einer Sucht verfallen. Warum? Aus Angst, ein weit entferntes Motiv zu verpassen. Und ja: Da kann man wirklich von Angst sprechen.

Der Gedanke an eine Festbrennweite lag mir fern, schließlich wollte ich den Komfort der stufenlosen Brennweitenwahl nicht missen. Deshalb dauerte es ziemlich lange, bis ich mir ein 50mm Objektiv (Canon EF 50mm f/1,8 II) gekauft habe. Auch, wenn ich mich noch nicht zu 100% mit der vermeintlichen Einschränkung (bzgl. Brennweite) arrangieren konnte, gab es für die Festbrennweite drei entscheidende Argumente: Der geringe Preis, die große Blendenöffnung, also hohe Lichtstärke und die gute Abbildungsleistung.

In dieser Konstellation findet man wirklich kein Zoomobjektiv – immerhin gibt es Festbrennweiten schon ab ca. 80 Euro. Die geringe Schärfentiefe, die sich durch die große Blendenöffnung erreichen lässt, kann man auch als Vorteil sehen, das hängt aber sehr vom Fotografierstil ab – für mich zählt es zu den Vorteilen.

Und diesen Kauf bereue ich weniger als den des Teleobjektivs. Wenn man im Besitz einer Festbrennweite ist, lernt man, mit den Umständen umzugehen und aus jeder Situation das Beste zu machen. Ohne Tele aus dem Haus zu gehen, empfand ich vor ein paar Jahren noch als unvorstellbar – jetzt gehe ich ohne Bedenken mit nur einer einzigen Festbrennweite raus. Ähnliche Erfahrungen spiegelten sich auch im Gespräch mit anderen Fotografen bzw. „Fotografierenden“ wider.

Wenn ich die Zeit um sechs Jahre zurückdrehen könnte, zu dem Zeitpunkt, an dem es um meine erste DSLR ging, würde ich auf das Kitobjektiv verzichten und nur ein 50mm Objektiv zum Body kaufen. Denn dann hätte ich viel früher gelernt, mit wenig Equipment schnell voran zu kommen – ein Teleobjektiv wäre dann später ein nettes „Add-on“ gewesen. Ein Add-on, das einem mehr Möglichkeiten bietet, obwohl man nicht unbedingt darauf angewiesen ist.

Andere Gebiete, selbes Prinzip

Der Gedanke ist vergleichbar mit der Analogfotografie. Der eine oder andere von Euch konnte bestimmt schon einmal einem ehemaligen Analogfotografen bei der Arbeit zusehen. Mir selbst ist dabei aufgefallen: Sie arbeiten mit DSLRs irgendwie schneller und effizienter als pure Digitalfotografen. Denn sie haben gelernt, mit wenigen Auslösungen (aufgrund der begrenzten Bildmenge auf den Filmen und den hohen Kosten) gute und richtig belichtete Bilder zu schießen.

Selbst, wenn man vom richtigen Moment beim Abdrücken absieht, können sie die richtigen Settings zur richtigen Belichtung erstaunlich schnell und genau abschätzen. Nur sehr wenige DSLR Fotografen fühlen sich sicher, wenn sie im manuellen Modus fotografieren und das Ergebnis nicht sofort auf dem Monitor überprüfen können.

Seid mal ehrlich – wie wäre es für Euch, ohne Kontrolldisplay fotografieren zu müssen? Und wie viele falsch belichtete Fotos habt Ihr zusätzlich zu den richtig belichteten – auf Eurer Karte? Sofern Ihr kein LiveView oder VollAuto nutzt.

Auslöser für meinen Gedankengang war ein Kunstflugpilot, der gesagt hat, dass Piloten, die mit dem Segelfliegen gestartet haben, die besseren Kunstflugpiloten wären. Dabei habe ich gleich an den Analogfotografen gedacht, das lässt sich meiner Meinung nach fast 1:1 übertragen. Mir ist Folgendes aufgefallen:

Wenn man mit wenig Ausrüstung beginnt und sich nach einiger Zeit neue Ausrüstung hinzukauft, verbessert sich die Qualität der Arbeiten schlagartig. Wenn man allerdings gleich zu Beginn die beste Ausrüstung hat, kann man maximal so gut sein, wie man es bei einem Start mit minimaler Ausrüstung wäre. Der Verbesserungsschub bleibt dann aus.

Und auch bei allen Themengebiete abseits der Fotografie, die mich interessieren oder mal interessiert haben, trifft es genauso zu.

In a Nutshell

Mit dem Kleinsten anfangen. Und wenn man das beherrscht: Vom technischen Fortschritt profitieren.

Natürlich, Festbrennweiten haben genauso wie Zoomobjektive klare Vor- und Nachteile. So kann man nicht leugnen, dass Zoomobjektive Aufnahmen ermöglichen, die mit Festbrennweiten nur schwer umzusetzen wären, sie punkten hier vor allem durch ihre Flexibilität. Und natürlich nutze ich auch Zoomobjektive – nicht ungern! Schließlich sind das die optischen wollmilchlegenden Eierameisen.

Allerdings geht es mir hier nicht um eine Faktenschlacht zwischen Zoom- und Festbrennweiten. Der Sinn, den ich in Festbrennweiten für Fotoneulinge sehe, wäre auch dann dahin, wenn sie sich gleich zu Beginn ein „Festbrennweitenarsenal“ anschaffen.

Die Frage, die mich zu diesem Artikel inspiriert hat, war: Wie kann man sich fotografisch möglichst schnell und gut entwickeln, mit welcher Ausrüstung lernt man am meisten und wie kann man eine bessere Ausrüstung nutzen, um die Qualität der Fotos zu steigern?

Und wenn wir ehrlich sind, ist unser aller Ziel das ständige Hinzulernen.

Daher direkt an alle Neulinge: Ihr wollt gute Fotos machen. Und Euch möglichst schnell verbessern. Fotos schießen, die einen packen, die faszinieren und die Blicke auf sich ziehen. Sehr gut. Das wollen die meisten von uns. Dann macht Euch mal Gedanken, ob Ihr mutig genug seid, das kleine Experiment einzugehen und mit einer Festbrennweite zu starten. Zum Beispiel mit den genannten 50mm oder je nach Geschmack 28mm oder 35mm bei APS-C-Sensor. Ich mag die 50mm trotz APS-C.

Und auch an alle, die sich nicht zu den Neulingen zählen: Ich freue mich, wenn Euch mein Artikel auf die Idee bringt, einfach mit minimaler Ausrüstung „auf Tour“ zu gehen und wenn Ihr den Nutzen darin sehen könnt. Und noch mehr freue ich mich, wenn ich Neulingen bei ihrer Kaufentscheidung helfen konnte.

Und falls Ihr immer noch nicht davon überzeugt seid: Probiert es aus! Kamera, Festbrennweite und los geht’s!

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