01. Februar 2012 Lesezeit: ~5 Minuten

Manipulationsphobie

Man muss sich nur bewusst machen: Alles ist erlaubt und jede verrückte Idee ist machbar. Vergesst doch einfach mal komplett die ganzen Regeln, die Ihr so lange gelernt habt (natürlich sind Bildgestaltungsregeln wichtig, aber es ist noch wichtiger, sie zu hinterfragen und ihnen nicht einfach nur zu folgen) und photoshoppt den Menschen ein drittes Auge rein, wenn es Euch gefällt und es gut aussieht, … ~ Sebastian Baumer, 2010

Mit zugekniffenen Augen habe ich in den letzten Tagen mal genauer hingesehen und siehe da: Es gibt sie noch und zwar gar nicht wenige. Die Rede ist von Fotografen, die die fragwürdige Theorie verbreiten, Fotografie und Bildbearbeitung wären zwei komplett unterschiedliche Paar Stiefel, die überhaupt nicht zueinander passen. Und: Je mehr ein Foto bearbeitet würde, umso schlechter müsse der Fotograf sein. Denn wenn er fotografieren könnte, müsste er oder sie ja nicht so viel bearbeiten.

Nun, diese These ist nicht besonders steil, sondern eher flach. Weiter ringt sie mir eigentlich nur ein müdes Lächeln ab, denn ich lese gern woanders lustige Aphorismen. Doch heute dachte ich, Martin, verfass doch dazu mal ein paar Zeilen.

Das Problem einer solchen Behauptung ist, dass sie viele kleine und sehr altbackene Prämissen innehat. Eine davon ist: Nur ein nicht bearbeitetes Bild ist ein gutes Bild. Oder: Ein „Könner“ braucht die Bildbearbeitung nicht. Bildbearbeitung ist eine Krücke für die, die es eben nicht so drauf haben.

Nun, was eine Krücke ist und was nicht, steht jedem frei zu definieren. Ich könnte ebenfalls krude Parolen verbreiten wie: Echte Könner brauchen kein Stativ. Oder: Profis machen nur ein Foto und das ist dann perfekt. Oder: Echte Fotografen fotografieren nur mit zusammengekniffenen Arschbacken.

Weiter steckt dahinter eine arrogante Haltung. Leute, die ernsthaft solche Sätze formulieren, gehen davon aus, sie selbst hätten den wahren Kern der Fotografie verstanden. Und diejenigen, die in Lightroom, Photoshop oder in der Dunkelkammer ihre Bilder manipulieren, wären schlicht und ergreifend schlechte Fotografen.

Interessant, interessant.

Nun, es steht jedem frei, zu sagen, was er denkt. Das Problem entsteht erst dann, wenn man meint, das eigene Maß an andere Leute anzulegen. Zu sagen, dass mir ein Bild nicht gefällt, weil es zu sehr bearbeitet wurde, ist eine Sache. Zu behaupten, Fotografen, die ihre Bilder stark bearbeiten, wären per se keine guten Fotografen, ist etwas anderes.

Denjenigen, die Spaß am Prozess der digitalen oder analogen Bildbearbeitung haben, möchte ich an dieser Stelle sagen: Gut! Weiter so! Habt Spaß an den Dingen, die Euch Freude bereiten. Lasst Euch von schwachen Theorien nicht davon abhalten, in Eure Bilder Hände, Bäume oder ganze Fußballstadien reinzuphotoshoppen. Wenn es Euch Spaß macht, nun, dann soll es so sein. Ich wüsste nicht, was dagegen spricht.

(Übrigens: Genauso sinnlos wäre es, umgekehrt zu behaupten, dass Fotografen, die ihre Bilder nicht bearbeiten, per se schlechtere Fotografen sind. Das ist natürlich ebenso Quark.)

Es gibt viele Wege, ein Foto zu erstellen, das in Euren Augen „gut“ ist. Mit und ohne Bildbearbeitung. Wer mit seinen Fotos ohne größerer Photoshopbastelein zufrieden ist, darf sich daran erfreuen. Wer gerne mit irgendeinem Bildbearbeitungsprogramm seine Fotos aufhübscht und ebenso damit zufrieden ist, auch dem sei seine Freude gegönnt.

Natürlich könnte ich an dieser Stelle noch einwenden, dass es leichter ist, ein gutes Bild zu machen, wenn beim Fotografieren schon auf Bildkomposition, Schärfe und alle anderen technischen Dinge geachtet wurde. Klar. Jedoch möchte ich hier niemanden a) belehren und b) bin ich davon überzeugt, dass diese Weisheit keine Neuigkeit ist.

Außerdem spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle, für wen fotografiert und welches Ziel mit einer Fotografie verfolgt wird. Falls ein Bild eine Auftragsarbeit ist, muss der beautragte Fotograf sich natürlich auch nach den Wünschen des Kunden richten. Solange aber jemand nur aus Spaß an der Freude und aus Lust am Bild fotografiert, ist ihm freigestellt, dies zu tun, wie und womit er oder sie das umsetzen möchte.

Den Schlusspunkt will ich an der Stelle mit Hannes Trapp machen, der schon 2008 hier konstatierte:

Ein gutes Foto ist ein gutes Foto. (…)

Egal, ob man im Studio penibelst an Licht, Hintergründen und dem Styling geschraubt hat und die verschiedenen Posen zur Perfektion getrieben hat – oder einfach auf der Straße draufgehalten und den richtigen Moment zum Abdrücken erwischt hat. Es ist auch egal, ob jemand stundenlang in Photoshop, 10.000 anderen Programmen oder seinem Photolabor an der Einstellung gearbeitet hat und dabei unzählige Regler verschoben oder Chemie und Handwerkszeug überstrapaziert hat.

Im Endeffekt gibt’s nur eines, was zählt: Das Resultat. Wenn jemand draufschaut und der Meinung ist, das sei ein gutes Foto, dann wird er Recht haben. Auch, wenn es Dir gar nicht gefällt – oder im Gegenteil nur Du das Bild zu mögen und sonst keiner Deine Meinung zu teilen scheint.

Was Hannes sagt.

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