16. März 2021 Lesezeit: ~8 Minuten

Stereoskopie – Eine Abwechslung für den Fotoalltag

Als mir Dominik Oczkowski seine Minuta Stereo – eine Stereo-Lochkamera – vorstellte, war ich sehr begeistert. Kurz davor hatte ich mich zufällig etwas in die Anfänge der Stereoskopie eingelesen, die fast zeitgleich mit der Entwicklung der Fotografie entstanden ist.

Dass diese alte Technik noch heute eine Person so begeistert, dass sie eine Kamera dazu entwirft und auf Kickstarter anbietet, erschien mir im ersten Moment sehr waghalsig. Deshalb freute ich mich umso mehr, als Dominik einem kleinen Interview zu seiner Leidenschaft zustimmte. Und schnell steckte er mich mit ihr an und erklärte, warum das Medium unterschätzt ist und auch in Zeiten des Internets nicht nur eine Spielerei ist.

Ich war sehr erstaunt, als ich las, dass die ersten Stereoaufnahmen bereits 1841 entstanden, also kurz nach der Erfindung der Fotografie.

Als die Fotografie erfunden wurde, musste sie sich zu Beginn gegen die Malerei behaupten. Die meisten Leute waren zuerst enttäuscht, dass die aufwändig erstellten Fotografien die Welt nur in Schwarzweiß zeigten. Es folgte eine bis heute andauernde Suche nach einer möglichst realistischen Darstellung. Farbaufnahmen, bewegte Bilder, aber eben auch räumliche Fotografien waren die nächsten logischen Schritte.

An sich ist es ja auch schlüssig: Der Mensch hat zwei Augen, wieso sollte dann die Kamera nicht auch zwei haben?

Was fasziniert Dich an diesem alten Verfahren in Zeiten von Virtual Reality?

Mich fasziniert an dieser alten Technik vor allem, dass sie keinen Widerspruch zur Fotografie darstellt. Heutige VR-Aufnahmen sind zwar interaktiv und erlauben das Umherblicken in einem 360°-Panorama, das Ganze hat aber mit dem Handwerk der Fotografie immer weniger zu tun.

Bildkomposition, Blickführung, Tiefenschärfe, aber auch der Abzug auf Papier bleiben in der Stereoskopie erhalten und werden lediglich um die räumliche Tiefenwahrnehmung erweitert. Die älteste aller 3D-Techniken bietet also schon alles, um die Fotografie räumlich erleben zu können.

Negative und Positive mit Kameras auf einem Tisch von oben fotografiert

Ich habe das Gefühl, dass für viele Menschen die Fotografie nur etwas zählt, wenn man sie online zeigen kann. Polaroids und sogar Nassplatten werden gescannt. Wie kann man die Stereoskopie in den virtuellen Raum bringen?

Na klar! Auch für mich steht das in keinem Widerspruch. So richtig Spaß macht es ja erst, wenn man seine Werke mit anderen teilen und besprechen kann.

Erst einmal können Stereograf*innen 3D-Fotos als Bildpaare hochladen. Es gibt eine große und aktive Stereo-Community in den sozialen Netzwerken, die Bildpaare auch ohne Hilfsmittel betrachten kann. Es gibt gute Tutorials, mit denen man die Freeview-Technik schnell lernen kann.

Es lassen sich aber auch Wiggle-GIFs generieren, bei denen die beiden Bilder hin und her „wackeln“. So lässt sich die Räumlichkeit von absolut jedem wahrnehmen. Facebook bietet zudem die Möglichkeit, interaktive 3D-Fotos mittels Tiefenmaske hochzuladen. Das ist aber kein echtes 3D. Auch werden dabei fehlende Pixel recht unschön hinzugerechnet.

Für mich ist es wichtig zu unterstreichen, dass man mit einem guten Stereoskop ein wesentlich intensiveres 3D-Erlebnis erreicht. Man blickt in diesen kleinen Kasten und hat das Gefühl, tatsächlich am fotografierten Ort zu stehen. Dieser Eindruck ist es, der mich seit über zehn Jahren nicht mehr loslässt.

negativ

Für welche Aufnahmen verwendest Du die Stereoskopie? Gibt es Anwendungsgebiete, die sich besonders eignen?

Als Architekt bin ich natürlich daran interessiert, gebauten Raum festzuhalten. Ich bin mittlerweile sogar der Meinung, dass „normale“, also monoskope Fotografie, Architektur nur unzulänglich dokumentieren kann. Ich habe für befreundete Architekten fertiggestellte Häuser in 3D fotografiert und konnte so ihre entwerferische Intention wesentlich besser darstellen.

Prinzipiell kann man aber alles in 3D fotografieren. Man muss dabei nur die Stereobasis, also den Abstand der beiden Kameras, beachten. Fotografiert man mit dem menschlichen Augenabstand, also etwa 6,5 cm, so bekommt man die beste räumliche Wirkung in einem Abstand von etwa einem bis 15 Meter. Für Makroaufnahmen muss man den Abstand verringern. Fotografiert man zum Beispiel Insekten, so reicht eine Stereobasis von wenigen Millimetern.

Das Ganze lässt sich aber auch in die andere Richtung skalieren: Mit einer Basis von mehreren Metern lassen sich entfernte Gebirge räumlich festhalten und wirken durch den Liliput-Effekt wie Miniaturen. Es macht Spaß, solche Experimente zu machen und Komposition im dreidimensionalen Raum zu lernen.

Treppenhaus

Digitales Stereobild – Haus P – ENEFF Architekten

Wann hast Du beschlossen, ein eigenes Stereoskop zu entwerfen, gab es ein ausschlaggebendes Ereignis?

Vor etwa zehn Jahren habe ich am Bildschirm die Fotos durchgeklickt, die ich von einem Wochenendausflug mitgebracht habe. Durch Zufall hatte ich ein Kirchenportal aus zwei minimal unterschiedlichen Perspektiven fotografiert. Beim Hin- und Herschalten habe ich die Räumlichkeit intensiv wahrnehmen können. Ab da war ich wie 3D-hypnotisiert.

Ich habe dann erste Experimente mit der Technik gemacht und wenig später auch schon begonnen, Kameras und Betrachter zu bauen: angefangen bei Stereo-Lochblendenkameras, über Mittelformat-Balgenkameras, bis hin zu digitalen 3D-Rigs. Bei der Betrachtung von einfachen Lupen bis hin zu präziseren Spiegelstereoskopen. Es macht mir Spaß, optische Geräte zu entwickeln.

ein Stereobetrachter auf einem Tisch

Analoge Stereokameras aus Metall gibt es noch einige auf dem Gebrauchtmarkt. Was ist der Unterschied zu Deiner entwickelten Kamera?

Mit „Minuta Stereo“ möchte ich den Einstieg in die 3D-Fotografie erleichtern. Ich wollte eine möglichst einfache und erschwingliche Kamera, mit der Fotograf*innen spielerisch in die Welt der Stereoskopie eintauchen können. Die Kamera soll zu kreativen Experimenten im dreidimensionalen Raum einladen. Eine Stereo-Lochblendenkamera erschien mir daher sinnvoll.

Gleichzeitig wollte ich sie möglichst variabel gestalten. So kann man Mittelformat-, aber auch Kleinbildfilm auf unterschiedliche Arten einlegen. „Minuta Stereo“ verbindet also die klassische Lochblenden-Fotografie mit Räumlichkeit und 3D-Tiefe. Meine Kamera kann und will sich daher nicht mit den bekannten Stereokameras auf dem Gebrauchtmarkt messen, sondern stellt eine neue und etwas andere 3D-Kamera dar.

Kamera von hinten

Deine Kamera ist aus Holz. Warum hast Du Dich für dieses Material entschieden?

Um genauer zu sein: MDF. Das ist ein homogener Holzwerkstoff, der sich super zum Lasern eignet. So kann ich eine hohe Präzision der Teile und gleichzeitig einen bezahlbaren Preis bieten. Die Produktion ist also ein Hybrid aus maschineller Serienfertigung und anschließendem händischen Zusammenbau. Wer seine Kamera selbst aufbauen möchte, kann auch einen Bausatz bestellen. Man braucht dann Holzleim, eine Feile und einen ganzen Nachmittag Zeit. Wer lieber bauen lässt, bekommt von mir alles fertig montiert.

Als Kind der DDR sind mir Stereobilder durch das Maliskop bekannt. Ein Stereodiabetrachter für den es Märchengeschichten, aber auch Fotografien von DDR-Städten gab. Kennst Du das Gerät? Könnte man damit auch die entstandenen Bilder betrachten?

Ja, ich kenne tatsächlich das Maliskop. Das ist ein ganz einfaches Stereoskop für gerahmte Kleinbild-Dias. In den 50er und 60er Jahren gab es mit dem View-Master auch in den Staaten einen Stereo-Boom. Auch dort gab es modellierte Szenen für Kinder, die in 3D fotografiert und vertrieben wurden.

Meine Kamera kann natürlich auch auf Umkehrfilm fotografieren. Ich habe tolle Ergebnisse mit dem neu aufgelegten Ektachrome gemacht. Die entwickelten Bilder können anschließend auch im Maliskop-Format gerahmt werden. Ich denke, die Rähmchen muss man aber von Hand aus Pappe schneiden.

Mit „Emulsia Stereo“ habe ich auch einen vielseitigen neuen 3D-Betrachter entwickelt. Dieses Stereoskop funktioniert mit gerahmten Kleinbild- und Mittelformatdias. Man kann aber auch sein Smartphone einlegen und digitalisierte Negativpaare betrachten. Wenn man die Brille mit den beiden Linsen abnimmt, funktioniert sie auch mit ausbelichteten Stereoabzügen auf Fotopapier.

Hast Du noch etwas zum Thema, das Dir auf dem Herzen liegt?

Ja. Stereoskopie ist eine wundervolle Technik, um die Welt in 3D festzuhalten. Viele, die die 3D-Fotografie ausprobiert haben, kommen von ihr nicht mehr los. Ich möchte alle Fotograf*innen dazu ermuntern, zumindest einmal die eigenen Aufnahmen um die räumliche Tiefe zu erweitern. Es ist ein krasser Wow-Effekt.

Vielen Dank für den spannenden Einblick und viel Erfolg mit Deiner Kampagne!

Zur Kickstarter-Kampagne

3 Kommentare

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  1. etwa in den 1980ern hatte ich so eine Stereophase. Ich habe oft mit der SLR einfach zwei Aufnahmen in etwa Augenabstand aus der Hand gemacht – klack – klack, einfach möglichst in einer Ebene zur Seite bewegen für die zweite Aufnahme. Dann habe ich zwei Diabetrachter auf eine bewegliche Schiene geschraubt, um den Augenabstand einstellen zu können. Funktionierte super und ich habe das Ding und die Dias heute noch. Vielleicht sollte ich mal einige Scannen.

    Man kann die Bilder auf Papier oder auch hier am Bildschirm auch gut in Stereo betrachten. Man muss es üben, kräftig schielen, bis die Bilder plötzlich zusammen sind und echt Stereo aussehen! Funktioniert auch mit den Bildern hier im Beitrag. Besser wäre es natürlich, wenn sie etwas größer wären und dann mit neutralem Rahmen.
    Die Bilder, die ich kenne, wirken auch durch die Schärfe sehr räumlich. Du solltest hier auch Beispiel mit Pinhole zeigen, damit man einen Eindruck von den Bildern und Möglichkeiten bekommt.
    Mich überrascht, dass die gebohrten Löcher sauberer sind als die mit Laser. Bei meinen Pinholes habe ich immer Wert darauf gelegt, das sie mit Laser gemacht wurden.
    VG Dierk

    meine Pinhole Panoramen:
    https://www.flickr.com/photos/dierktopp/albums/72157693791625582