05. Juni 2018 Lesezeit: ~9 Minuten

Magazin Beyond: Im Gespräch mit Juliane Herrmann

Auf Indiegogo bin ich kürzlich auf ein Crowdfunding gestoßen: Beyond – Ein Magazin, das zehn junge Fotografinnen aus dem Bereich der humanistischen Fotografie vorstellt. Ich fand das Projekt so spannend, dass ich die Initiatorin Juliane Herrmann um ein Interview bat und sie hat zum Glück spontan zugestimmt. Im Folgenden erfahrt Ihr mehr über das Magazin, die Crowdfundingkampagne und Frauen im Fotojournalismus.

Du arbeitest gerade an der zweiten Ausgabe von Beyond. Auch in der ersten ging es bereits um humanistische Fotografie. Was kann man sich darunter vorstellen?

Es sind alles Serien, die sich gesellschaftskritisch oder soziologisch mit einer Thematik auseinandersetzen. Es hat alles einen gesellschaftsrelevanten Aspekt. Das verstehe ich unter humanistischer Fotografie.

Ein Mann steht auf einem Pferd am Meer

© Johanna Fritz

Das erste Magazin entstand bereits vor zwei Jahren. Wie kam es zur Idee?

Das Lumix Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover war der ausschlaggebende Grund. Dort wurden hauptsächlich fotojournalistische Positionen gezeigt und mir haben andere Sichtweisen gefehlt.

Ich wollte die Vielfalt zeigen, die dieses Medium bietet. Man kann auch gesellschaftsrelevant in anderer Form arbeiten, zum Beispiel dokumentarisch, künstlerisch, konzeptionell, recherchelastig. Man kann mit Archivmaterial arbeiten. Es gibt völlig verschiedene Ansätze und nicht nur die reine Reportage. Mit dem Magazin wollte ich darauf aufmerksam machen.

Eine Person mit aufgemaltem BartEin Mann mit Rauch vor dem Gesicht

links: © Luiza Folegatti, rechts: © Maria Sturm

Der Fokus auf reine Reportagen ist wahrscheinlich nicht nur ein Problem des Lumix Festivals, sondern generell in diesem Bereich zu finden, oder? Wenn ich zum Beispiel den World Press Award ansehe, finde ich auch fast ausnahmslos Reportagen.

Zum Teil ja. Beim World Press Award gibt es aber durchaus Kategorien, bei denen andere Herangehensweisen überwiegen, wie zum Beispiel beim Langzeitprojekt. Da gibt es auch einige dokumentarische oder leicht konzeptionelle Arbeiten, aber das ist quasi dem Genre geschuldet.

Kategorien für harte Fakten und aktuelle Nachrichten setzen ein schnelles Arbeiten voraus und das ist nun einmal meist journalistisch geprägt. Aber es gibt auch sehr viele Fotograf*innen, die in einem ähnlichen Feld arbeiten und Ähnliches mit ihren Arbeiten bewirken, aber dort gar nicht zu sehen sind.

Rücken mit Haaren

© Sissel Thastum

Die Inspiration für das zweite Magazin kam wieder vom Lumix Festival, richtig?

Genau. Die erste Ausgabe von Beyond war ein toller Erfolg. Wir haben es beim Lumix und anderen Festivals verteilt und an Bildredaktionen, Museen und Galerien geschickt und da sehr viel positives Feedback bekommen.

In diesem Jahr bin ich selbst mit meinem Projekt „Man among Men“, in dem es um Freimaurerei geht, beim Lumix Festival dabei. Mir ist aber aufgefallen, als ich die Arbeiten der anderen angesehen habe, dass dieses Jahr sehr wenig Frauen dabei sind. Von 60 Arbeiten sind nur 13 von Frauen. Deshalb habe ich beschlossen, Beyond dieses Jahr Fotografinnen zu widmen und mit ihnen ein Projekt zu machen.

Ist das Fotogenre generell sehr von Männern dominiert oder wie war Dein Eindruck im Studium?

Das ist total interessant, denn im Studium in Dortmund war der Frauenanteil größer. Dort gibt es natürlich auch verschiedene Genres, zum Beispiel gibt es dort auch etwa Werbefotografie und Modefotografie, sodass nicht alle anschließend in den journalistischen Bereich gehen. Hinterher ist es aber tatsächlich der Fall, dass weniger Frauen sich selbstständig machen. Viele von ihnen gehen direkt oder nach wenigen Jahren in Agenturen oder Bildredaktionen. Einige bekommen nach dem Studium auch Kinder und sind deshalb erst einmal ein paar Jahre raus.

Der Anteil der Frauen, die zwei oder drei Jahre nach dem Studium noch selbstständig als Fotografinnen arbeiten, ist leider relativ gering. Ich kenne leider keine Statistiken, aber für mein Befinden ist der Anteil sehr klein.

Straße mit Hochhaus

© Ksenja Kuleshova

Dann könnte man natürlich Argumentieren, dass der Frauenanteil beim Lumix Festival einfach die aktuelle Situation widerspiegelt.

Ja, vielleicht spiegeln diese 13 von 60 Arbeiten sogar die Einreichungen wieder. Wir wollen das auch gar nicht kritisieren oder die Moralkeule schwingen, sondern einfach zeigen, dass es ganz tolle Fotografinnen mit starken Arbeiten gibt.

In Beyond finden sich zehn großartige Nachwuchsfotografinnen, die alle das Zeug haben, auch Teil des Festivals zu sein. Ich möchte ihnen eine Bühne bieten, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Wir werden das Magazin natürlich auch wieder beim Festival verteilen und an Redaktionen schicken.

Wichtig bei dem Projekt ist mir auch, dass wir uns untereinander vernetzen. Das ist mir auch schon bei der ersten Ausgabe sehr bewusst geworden. Wir haben alle tolle Kontakte und kennen eine Menge Leute, aber wenn 10 Menschen sich zusammenschließen, dann haben sie eben auch zehn Mal so viele Kontakte, an die sie sich wenden können. Davon können ja alle nur profitieren. Das ist der Grundgedanke des Magazins. Wir wollen nicht gegeneinander arbeiten und uns als Konkurrenz sehen, sondern miteinander und gemeinsam mehr erreichen.

Druck des Beyond I

Ich habe mir auf Indiegogo auch Euer Video angesehen, in dem sich auch viele Frauen aus dem Magazin kurz vorstellen. Sie kommen ja wirklich aus aller Welt. Wie hast Du sie gefunden?

Ich hatte mir vorher selbst ein paar Richtlinien gesetzt, die sich am Lumix orientieren. Die Grundvoraussetzung war natürlich erst einmal, dass es Frauen sind, weil ich das so beschlossen hatte. Zudem sollten sie unter 35 Jahre alt sein, ich wollte einen Fokus auf deutsche Fotografie setzen und habe mit deshalb Fotografinnen gesucht, die eine Verbindung zu Deutschland haben. Sie wurden entweder in Deutschland geboren oder leben und arbeiten aktuell in Deutschland.

Gefunden habe ich sie durch viel Recherche. Ich habe mir aktuelle Wettbewerbe und Blogs angesehen, auf denen Fotoprojekte vorgestellt werden. Ich habe Professor*innen von verschiedenen Hochschulen gefragt, ob sie Empfehlungen für mich haben und wen sie gerade als besonders herausragend unter ihren Studentinnen empfinden.

Mir war es auch wichtig, die Diversität zu zeigen. Es sind wieder fotojournalistische Arbeiten dabei, dokumentarische, Portraits, eher künstlerische sowie eine Serie, die mit Archivmaterial arbeitet – es werden also auch wieder ganz verschiedene Aspekte im neuen Beyond abgedeckt.

Flugzeuge mit Spiegelung

© Sarah Pabst

Wurde die Idee des neuen Magazins nur positiv aufgenommen oder gab es auch kritische Stimmen?

Ich hatte das Gefühl, dass die Frauen in diesem Jahr etwas vorsichtiger waren. Ich denke, Frauen sind in der Beziehung generell etwas vorsichtiger und skeptischer. Hinzu kommt, dass es gerade in den Medien die MeToo-Debatte gibt und viel über Genderfragen diskutiert wird. Ich denke, viele Frauen finden das gut und wichtig, wollen aber selbst nicht unmittelbar an erster Front stehen und sind auch deshalb vorsichtiger.

Aber darum geht es uns mit dem Magazin auch nicht. Es geht uns nicht darum, für etwas zu kämpfen, sondern einfach zu zeigen, dass es starke Frauen gibt, die tolle Arbeiten machen. Nehmt sie ernst und schaut sie Euch an.

Hattet Ihr das erste Magazin auch per Crowdfunding finanziert?

Nein, das erste haben wir komplett selbst finanziert. Da haben alle einen Betrag in den Topf geschmissen. Ich hatte dieses Mal jedoch das Gefühl, dass es für einige eine starke finanzielle Belastung wäre. Wir haben zum Beispiel zwei junge Mütter in der Gruppe. Deshalb habe ich ein Crowdfunding vorgeschlagen.

Ich hatte vorher auch bei verschiedenen Organisationen nach Fördergeldern gefragt, aber das war leider zu kurzfristig. Da muss man leider Jahre vorher anfragen.

Hund am Strand

© Hayley Austin

Das Magazin kostet 12 € im Crowdfunding. Ihr verschenkt es auf den Festivals aber auch?

Ja, wir wollen, dass das Magazin an sich kostenlos bleibt. Wir wollen es für alle zugänglich machen, müssen es aber eben auch irgendwie finanzieren. Dieses Crowdfunding ist im besten Sinne eher eine ideelle Unterstützung. Es geht darum, unser Projekt zu unterstützen und weniger darum, das Magazin zu verkaufen.

Deshalb liegt ein Augenmerk auch auf signierten und limitierten Kunstdrucken, die man von jeder Künstlerin erwerben kann. Das finde ich eine tolle Möglichkeit, denn es unterstützt unser Projekt umso mehr und Fotointeressierte bekommen für wenig Geld einen Druck einer Künstlerin, die vermutlich in ein paar Jahren recht bekannt sein wird. Ich denke, das ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten.

Sind noch weitere Projekte geplant?

Es wird zwei Podiumsdiskussionen zum Magazin geben, auf denen wir über Frauen in der humanistischen Fotografie mit verschiedenen Fachleuten und den Beyond-Teilnehmerinnen diskutieren wollen. Ich denke, das ist eine sinnvolle Erweiterung, denn so kann man den Diskurs noch einmal weiterführen und konstruktiv an einer positiven Veränderung mitwirken.

Eine Podiumsdiskussion wird in Köln und eine in Berlin stattfinden. Die Termine stehen noch nicht fest, aber die Diskussion in Köln wird während des Fotoszene Festivals stattfinden.

Alle hier gezeigten Fotos der Künstlerinnen sind als Drucke in der Crowdfundingkampagne erhältlich, die noch bis zum 13. Juni 2018 läuft.

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4 Kommentare

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  1. Ich weiss ehrlich gesagt nicht so recht, was ich mit diesen Bildern anfangen soll. Sie sind einfach zu beliebig. Habe den Text gelesen und bin nicht schlauer geworden.

    • Die Bilder stehen exemplarisch für die Arbeiten der Fotografinnen, welche im Magazin gezeigt werden. Im Magazin bekommt jede Künstlerin zwei Doppelseiten und viel Raum, um ihre Arbeiten zu präsentieren.

  2. Viele Bilder sind „anders als normal“, so weit so gut!

    Vapour-Rauch sehen wir aber momentan auf etwa jedem zehnten Foto, das sah beim ersten Mal ganz interessant aus, aber ist inzwischen genau so abgegriffen wie Fotos von Leuten mit einem Smartphone.