25. März 2017

Die Suche nach dem Schmelz der Situation

Warum klassisch analoge Schwarzweißfotografie in einer Zeit digitalen Überflusses? Gerade den Themen Überfluss und Überreizung stehe ich empfindlich und kontrovers gegenüber. Ich vermag mich nicht in die Rolle des Protagonisten zu zwängen, der sich wie eine Marionette im Raum bewegt und dem Fluss der Zeit gegenübertritt. Fotografisch gesehen bewege ich mich zwischen zwei Polen: dem schönen Schein und der bittersüßen Wahrheit der Vergänglichkeit.

Eine Fotografie besitzt weder Wahrheit noch Betrug – sie dient allein zur Feststellung, wie sich der Mensch hinter der Kamera die Welt erschließt und diese durch den Sucher wahrnimmt. Nach einer intensiven Anfangsphase in der digitalen Fotografie vor etwa sieben Jahren, die mir unheimlich behilflich im autodidaktischem Lernen war, zog es mich vor rund vier Jahren ins Wahrhaftige: dem handwerklichen Schaffen analoger Handvergrößerungen in der eigenen Dunkelkammer.

Ich arbeite mit diversen Filmformaten. Vom Kleinbild mit einer Leica M3 über Mittelformat mit der Pentax 67ii und Rolleiflex f/2.8 bis hin zum monumentalen Negativformat von 20 x 25 cm mit einer Toyo 810M. Der Erwerb teilweise sehr alter Fotopapiere (abgelaufen zwischen 1950 und 1980) spielt dabei eine zentrale Rolle.

Die „Ästhetik des Handicaps“ in der Lithentwicklung (spezielle und hochverdünnte Entwicklerlösung mit hohem Bromidanteil – extrem schnell oxidierende Lösung) entfaltet sich erst so richtig mit diesen alten Papieren, da sie durch ihre lange Lagerzeit bereits einen sehr hohen Grundschleier aufweisen und mit einer konventionellen Schwarzweißentwicklung teilweise fehlschlagen würden.

Ich verfalle hier jedoch nicht dem Dogmatismus und entferne mich über eine geraume Zeit wieder von diesem doch sehr speziellem Gebiet der Lithentwicklung: Soll die Grundstimmung des Bildes oder gar der passende Tenor des Abgebildeten ein völlig anderer sein, so verwende ich auch moderne Schwarzweißpapiere.

Diese Handabzüge ausschließlich auf Barytpapieren sind in den meisten Fällen Unikate und durch verschiedene Mehrfachtonungen behandelte Kostbarkeiten, die die höchste aller Archivfestigkeit aufweisen. Den Platinum-Palladiumdruck hier einmal außen vor lassend.

Ein Mann hät ein Baby

PlastikwürfelPlastikplanen for einer Mauer
Eine Person im BettEine Person im Bett

Ein Esstisch

Frauenportrait

Ein Feld im Winterwinterlicher Zaun
HändeHände halten ein Werkzeug

Eine Scheune

Ein Mann an der StraßeEin mann in Arbeitsuniform

Vor allem der Einsatz verschiedener Schwefel- und Selentonungen in Kombination mit der Edelvariante Gold lässt die Bilder eine Plastizität erreichen, die zum einen unnachahmlich ist und zum anderen der Notwendigkeit gerecht wird, die Bilder zur höchsten Archivfestigkeit hin zu trimmen. Die Vollendung so eines Handabzuges entfaltet sich im Aufziehen auf speziellen Museumskartons und abschließender Rahmung in hochwertigen Museumsrahmen.

Wonach aber suche ich in meinen Bildern? Ist es die Suche nach der Wahrheit, das Festhalten von Erinnerungen oder die Suche nach etwas anderem? Ich sehe mich als eine Art Tagebuchfotograf. Ich fotografiere Dinge und Situationen nicht der Wahrhaftigkeit zuschreibend, sondern so wie ich sie situativ empfinde und aufnehme. Die meisten meiner Bilder sagen wohl mehr über mich selbst als über den, die oder das Fotografierte aus.

Unweigerlich sollten sich hier jedoch alle Betrachter*innen selbst ein Bildnis darüber machen. Die Dokumentation von Ereignissen, Objekten, Landschaften und Menschen im nahen Umfeld ist, war und bleibt jedoch ein Schwer- bzw. Fixpunkt in meinen Arbeiten.

Hierbei ist es auch nicht nötig, mehrere Details zu sammeln oder zu eruieren, sondern lediglich mich als Person zu hinterfragen und zu reflektieren warum und wieso. Die Suche nach dem Schmelz der Situation und das Streben danach, das ephemere Abbild zu konservieren und auf „ewig“ zu erhalten, trägt ein Stück weit zur eigenen Identifikation bei.

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2 Kommentare

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  1. gut beschrieben! für den freizeitfotografen ist leider die option, schöne abzüge herzustellen und so das bild aus der rgb-zwangsjacke ins licht (!) zu holen. inzwischen fast unbezahlbar, wenn auch punktuell möglich. photographie ist malen mit licht, und gerade beim sw weiss man um die nötigen mühen der nacharbeit: vom photographischen moment über die langwierige entwicklung und dann zum positiven abzug ist es ein langer weg… insofern sehe ich diese dialektik von „spontanem blick/ moment“ beim „klick“ und konzentrierter arbeit im digitalen und druck-labor noch schärfer und bestimmender, sogar bei der scheinbar ‚rein spontanen‘ strassenfotografie.