Ein Stapel Foto-Bücher und Bände sitzen auf einem älteren Sessel.
13. Dezember 2015 Lesezeit: ~8 Minuten

Die 5 Fotobücher des Monats

Wir sind tatsächlich beim letzten Teil der monatlichen Fotobuch-Empfehlungen angelangt und finden nun zu einem krönenden Abschluss für das Jahr 2015. Wir haben uns mal wieder an den Tisch gesetzt und über zahlreiche Fotogenres hinweg die Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt inspiziert.

 

Ausschnitt des Buchcovers von Seascapes von Hiroshi Sugimoto

Hiroshi Sugimoto: Seascapes*

Erster Gedanke: Langeweile. Zweiter Gedanke: Wow. Dritter Gedanke: Holy shit. So erging es mir, als ich Sugimotos Prachtwerk „Seascapes“ zum ersten Mal durchblätterte und es (am Ende angekommen) nicht mehr loslassen wollte.

Warum „Langeweile“? Weil von Bild zu Bild eigentlich das Gleiche zu sehen ist: Meer. Sogar mit der gleichen Komposition. Und dann noch ohne Farbe. Meine Güte.

Warum „Wow“? Weil der japanische Fotograf es schafft, mit einer einzigen Perspektive auf das Meer viele Variationen davon darzustellen. Weiche Verläufe und harte. Klare Horizontkanten, diffuse Unschärfen. Tiefschwarz und schwarz. Es ist alles dabei, was das Auge begehrt.

Warum „Holy shit“? Da mit jedem weiteren Bild klarer wird, dass das Gesamtwerk „Seascapes“ sowohl Provokation als auch Aufkündigung westlichen Ästhetikempfindens ist. Sugimoto überspitzt das Ganze insofern, dass er auf ein Foto mit Lichtstrahlen und Dramatik verzichtet und stattdessen in diesem Moment das Objektiv unscharf stellt.

Mit über 200 Fotos ist das beinahe quadratische Stück mehr als abendfüllend – und der Damiani-Verlag hat keine Kosten gescheut, um den Aufnahmen auch vom Druck her gerecht zu werden. Das sieht man und das spürt man.

Ich möchte „Seascapes“ allen ans Herz legen, die aus eingefahrenen Sehgewohnheiten ausbrechen wollen und keine Lust mehr auf 0815 Drama-Landschaften verspüren. Zugreifen, solange es noch zu haben ist. (mg)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Damiani
Größe: 28,4 x 25,9 x 3,6 cm
Preis: 70,90 € 

 

Ausschnitt des Covers von Indien von Steve McCurry

Steve McCurry: Indien*

Wechseln wir das Thema. Das hier aufgeführte Buch des Magnum-Fotografen Steve McCurry präsentiert Indien mit explodierenden Farben, feinen Portraits und: Kein Bild gleicht dem anderen.

„Indien“ ist eine Retrospektive auf die jahrzehntelange Arbeit McCurrys, der dem südasiatischen Staat weltweit ein Gesicht gab und für die westliche Gesellschaft zugänglich machte. Dahingehend steht er bis heute in der Kritik; Romantisierung und Idealisierung der humanitären Zustände werden ihm vorgeworfen.

Da ich die Arbeiten McCurrys bisweilen kritisch beäugt habe, unterzog ich das Gesamtwerk gerade unter diesen Gesichtspunkten meiner Sondierung. Doch ich komme zu dem Schluss: Ja, McCurry idealisiert, aber nicht immer. Seine Fotografie ist empathisch und nicht ironisch und das bedeutet auch, dass diese Sicht hin und wieder zur Übertreibung führt.

So zeigt der Fotograf sowohl die Reichen als auch die Armen. Bettelnde Kinder, schlafende Gepäckträger*innen und Rabari-Frauen bei der Arbeit sind keine Ausnahme im Sujet des Magnum-Fotografen.

Einen Punkt muss ich dem Buch ob des umständlichen Produkt-Konzeptes abziehen: Nach etwa einem Drittel des hochkant gestalteten Werks wurden querformatige Aufnahmen einfach hochkant (also 90° nach links gekippt) abgedruckt. So muss man das Buch einmal drehen, um die Aufnahmen ohne Halsverrenkungen ansehen zu können. (mg)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Prestel
Größe: 28,9 x 2,7 x 38,8 cm
Preis: 49,90 €

 

Ausschnitt vom Band The World’s Fastest Place von Alexandra Lier

Alexandra Lier: The World’s Fastest Place*

Erst als ich es in den Händen hielt, fiel mir auf, dass ich wohl beide Augen zudrücken musste, um das Buch hier auf kwerfeldein vorzustellen. Denn „The World’s Fastest Place“ präsentiert umweltverschmutzende Dreckschleudern – jedoch in den schönsten Karosserien, die ich bisher gesehen habe.

Bei der Hamburger Fotografin Alexandra Lier vergesse ich meine Ambivalenz und tauche Blatt für Blatt in eine Welt der Schnelligkeit und gestalterischen Extravaganz ein. Aufgenommen in den Bonneville Salt Flats muten die Autoportraits und knallig dargestellte Besitzer*innen an wie eine Mischung aus einem 70er Tarantino-Film und dem Festival Burning Man.

Was sich in Bonneville abspielt, musste einfach fotografiert werden. Amerikaner*innen designen und basteln ihre Karren komplett selbst und optimieren sie für nichts anderes als allerhöchstes Spitzentempo. Auf der Strecke muss dann bewiesen werden, ob auch alles Gold ist, was glänzt.

„Nicht für diese Welt“ konzipiert sehen die Maschinen aus, als ob sie samt Insassen zu waghalsigen Abenteuern ins Weltall aufsteigen und flugs die Lichtgeschwindigkeit durchbrechen. In beinahe unheimlich anmutenden Portraits der stolzen Automechaniker*innen bekommt „The World’s Fastest Place“ dann zum Schluss wieder Bodenhaftung und lässt Einblicke in die ölige Werkstattatmosphäre sämtlicher Karosserien zu.

Zur fotografischen Leistung ist nur so viel zu sagen: Das Konzept war die halbe Miete und die andere Hälfte meisterte Lier mittels aufgeblitzter Portraits und weitwinklig-horizonteröffnenden Karosserie-Inszenierungen ohne Frage. Manchmal hätte ich mir ein wenig subtilere Bearbeitung gewünscht, dies sei jedoch nur am Rande erwähnt. (mg)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 120 Seiten
Verlag: Kehrer
Größe: 30,5 x 24,9 x 2 cm
Preis: 39,90 €

 

Ausschnitt des Covers von Wasser von Bernhard Edmaier

Bernhard Edmaier: Wasser*

Dieser Titel ist für mich persönlich die Überraschung des Monats. Denn ich winke innerlich gern ab, wenn ich Bücher sehe, die auch nur ein bisschen an GEO-Jahreskalender erinnern. Doch es hat sich gelohnt, dem Buch eine zweite Chance zu geben.

Die Flugbilder, mit denen der Geologe Bernhard Edmaier das Element des Wassers wortwörtlich groß rausbringt, sind alles andere als klischeebehaftet. Kompositorisch einwandfrei und in knackigen Farbkontrasten beschreiben die Aufnahmen auf beinahe surreale Weise, was in uns und um uns herum omnipräsent ist: Wasser.

Natürlich erfüllt der Bildband das, was man erwartet und zeigt Wasser in flüssiger und fester Form. Wasseradern, breite Flüsse, Meeresaufnahmen und Gletschermassen, die durch die Vogelperspektive mächtig und zum Greifen nah scheinen.

Jedoch hört das Konzept des Fotografen an dieser Stelle nicht auf, denn ein Großteil des Portfolios zeigt gar kein Wasser, sondern das, was das Element mit der Natur selbst macht, beispielsweise das Abtragen von Vulkanasche, das dann wiederum tiefe Rillen in Gebirgen hinterlässt.

Und wenn all das nicht überzeugend ist: Auf Seite 58 befindet sich wohl eines der allertollsten Fotos des Eyjafjallajökull, die ich bisher gesehen habe. Großartig, dieses Buch. (mg)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Prestel
Größe: 30,2 x 2,9 x 35,9 cm
Preis: 59 €

 

Ausschnitt aus dem Cover von Walter Spagerers Ohne Kamera: Fotografieren mit dem Scanner

Walter Spagerer: Ohne Kamera: Fotografieren mit dem Scanner*

Ihr kennt uns: Wir sind große Fans alternativer Techniken, die Spaß machen und vielleicht nichts sind, womit man unbedingt den Rest seines Lebens fotografisch füllen muss, aber die den Horizont weiten und bisher Angewendetes und fest Eingefahrenes in Frage stellen. Mal wieder die Perspektive wechseln.

Das kann man wunderbar mit Walter Spagerers Buch „Ohne Kamera: Fotografieren mit dem Scanner“, das frisch im dpunkt.verlag erschienen ist. Auf 150 durchgehend farbigen Seiten sieht man nicht nur beeindruckend detailreiche Scans von (vor allem) allerlei Flora, die den Gedanken an Karl Blossfeldt geradezu aufzwingen.

Man kann sich auch einlesen in Spagerers Technik (erstaunlich alltägliches Gerät wird verwendet) und seine Gedanken und Anekdoten zu den Scanfotografien. Dass Spagerer nicht nur (Bild-)Künstler ist, sondern auch Musik macht und in der Literatur zuhause ist, überrascht beim Lesen wenig.

Hier stimmt alles: Bilder und Texte sind ein wohlkomponierter Genuss für jeden, der den Blick über den Tellerrand wagen mag und dabei trotzdem gern Anknüpfungspunkte zu allerlei Bekanntem aus der Kunstgeschichte zur Verortung hat. Ein Werk, das im besten Sinne zur kwerfeldeinschen Experimentierfreude passt. Wir empfehlen Euch dringend einen Blick in die Leseproben auf der Verlagsseite. (aw)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 150 Seiten
Verlag: dpunkt
Größe: 25,5 x 2 x 28,7 cm
Preis: 39,90 €

 

Haben wir in unserer Auswahl Euer neues Lieblingsbuch vergessen? Ja? Lasst es uns wissen und wir werden einen Blick darauf werfen.

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