Filmscreenshot. Mann mit Polaroidkamera auf der Straße
13. Dezember 2021 Lesezeit: ~4 Minuten

Filmrezension: „An Impossible Project“

Wenn man als fotoaffiner Mensch den Titel dieses Dokumentarfilms liest, kommt einem natürlich sofort die Firma Impossible in den Sinn und der Versuch, das Erbe der Firma Polaroid ins digitale Zeitalter zu retten. Völlig zu Recht, denn der Dokumentarfilm von Jens Meurer beschäftigt sich über weite Strecken genau mit diesem Projekt.

Es begann mit dem Kauf der letzten Polaroid-Fabrik in den Niederlanden durch Florian Kaps. Seine Mission: Die analoge Sofortbildtechnik nicht sterben zu lassen. Dieses Abenteuer begann 2008 und hält bis heute an: Tatsächlich gelang es, die Produktionsstätte zu erhalten und unter größten Schwierigkeiten neues Sofortbildmaterial zu entwickeln.

Am Anfang in sehr bescheidener Qualität, später stellten sich technische Erfolge ein und seit 2017 heißt das Unternehmen auch wieder „Polaroid“ und produziert bis heute. Für Florian Kaps war dies jedoch nicht unbedingt eine klassische Erfolgsgeschichte. Er wurde im Laufe des Prozesses offenbar von den von ihm selbst gewonnenen Investoren herausgekickt. So deutet es der Film zumindest an und zieht eine Parallele zu Steve Jobs und dessen Rauswurf bei Apple.

Briefkasten mit Graffiti

Doch der Film ist eben nicht nur eine Geschichte über ein Stück Fototechnik-Geschichte, er ist vor allem ein Portrait von Kaps. Der Wiener, der allenthalben „Doc“ genannt wird, sagte über sich selbst, dass er – um der Beste in seinem Fach zu werden – etwas tun musste, was sonst niemand tut. So startete er in seinem ersten Leben als Wissenschaftler als Experte für die Muskulatur in Spinnenaugen, ehe er sich später zum Evangelisten des Analogen wandelte.

Mit dem Ende seiner Tätigkeit beim Impossible Project hat der Film noch nicht einmal die Hälfte seiner Laufzeit erreicht. Florian „Doc“ Kaps stürzt sich sogleich in neue Abenteuer, selbstredend in solche, die alle irgendwie „unmöglich“ sind. Er gründet in einem venezianischen Palast im Herzen von Wien eine Art Museum des Analogen, er produziert Musikaufnahmen direkt auf Vinyl, er will ein seit 50 Jahren stillgelegtes Grand Hotel wiederbeleben, er besucht das „Analog Research Lab“ von Facebook und arrangiert ein Dinner mit bedeutenden Persönlichkeiten im Südbahnhotel bei Wien.

Tragbarer Kassettenrekorder auf einem Tisch

Der Film arbeitet mit Interviewszenen, mit dokumentarischem Material, greift auf historisches Filmmaterial zurück und verbindet all das sehr atmosphärisch zu einem dichten Portrait einer Persönlichkeit und zu einem Hohelied auf das Analoge. Dialoge und Off-Text finden auf Englisch statt, es gibt deutsche Untertitel.

Jens Meurer zeichnet das Portrait eines Menschen, der es sich nicht leicht macht, immer wieder schwierige Pfade beschreitet und „Unmögliches“ wahr machen möchte. Ist er ein Spinner, ein Träumer, ein Gewinner oder ein Verlierer, der vergeblich gegen übermächtige Windmühlenflügel kämpft? Jens Meurer überlässt das Urteil den Zuschauer*innen. Als strahlender Held erscheint Florian Kaps jedenfalls nie, aber dennoch immer als einer, der mit sich und dem, was er tut, im Reinen ist.

Gegen Ende des Films wird er nach dem Business-Modell seiner Aktivitäten gefragt. Und seine Antwort darauf ist bezeichnend: „Ein Geschäftsmodell? Was bitte ist ein Geschäftsmodell? In welcher Welt zählt ein Geschäftsmodell? Ich glaube nicht daran.“

Prädikat: Absolut sehenswert. Und sicherlich nicht nur für fotoaffine Menschen. Der – selbstverständlich – auf 35-mm-Analogmaterial gedrehte Film wird vom Weltkino-Verleih vertrieben und ist ab dem 20. Januar 2022 „nur im Kino“ zu sehen. Bleibt zu hoffen, dass die Kinos im Januar geöffnet sein dürfen und der Film ein möglichst breites Publikum erreicht.

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1 Kommentar

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  1. Vielen Dank für den Tip. Werde ich mir auf jeden Fall anschauen. Menschen, die von dem, was sie machen, besessen sind, bringen uns weiter, nicht nur in der Fotografie. Ich bewunder immer die New Yorkbilder von Andreas Feiniger, ohne dessen Tüftelei und Ingenieurskunst viele Eindrücke aus dieser Stadt der 40’er Jahre nicht entstanden wären, weil es die technischen Möglichkeiten vorher einfach nicht gab.