Ein Paar steht unter einem Baum, der in der Unschärfe verschwindet.
23. März 2020 Lesezeit: ~4 Minuten

52 Wochen – Thema 12: Freelensing

Kreativität bedeutet vor allem auch, neue Dinge auszuprobieren. Dabei wird natürlich nicht davor Halt gemacht, die Arbeitswerkzeuge von Künstler*innen zu zweckentfremden und auf Weisen zu nutzen, für die sie eigentlich gar nicht vorgesehen waren. Bei Kameras und Objektiven passiert das zum Beispiel beim Freelensing.

Die Bezeichnung „Freelensing“ wurde gewählt, weil das Objektiv dabei von der Kamera „befreit“ wird. Konkret funktioniert das, indem das Objektiv weder fest auf dem Kamerabajonett aufliegt noch in die eingerastete Position gedreht wird, sondern mit der Hand davor festgehalten und dabei nach oben, unten, rechts oder links geneigt wird.

Was dabei passiert ist, dass sich die Schärfeebene, die normalerweise planparallel zum Kamerasensor verläuft, verschiebt und jetzt schräg zum Sensor liegt. Die Unschärfe, die sonst vor oder hinter dem Fokuspunkt liegt, verläuft jetzt von links nach rechts oder von oben nach unten und erzeugt dadurch Bilder, die ungewöhnlich und weit weg von unserer Sehgewohnheit sind.

Durch das Freelensing wird es unter anderem möglich, Objekte und Personen, die hintereinander stehen, gleichzeitig scharf zu stellen und trotzdem ringsherum eine geringe Schärfentiefe zu haben. Oder den typischen „Modellbahn-Effekt“ zu erzeugen. Die gleichen oder ähnliche Effekte lassen sich auch mit Tilt-Objektiven oder Lensbabys erreichen, doch um die soll es hier ausdrücklich nicht gehen.

Zwei Personen stehen hintereinander in einem Parkhaus

© Christopher Kreymborg

Wenn Ihr das Freelensing selbst ausprobiert, sind ein paar kleine Dinge zu beachten. Am wichtigsten: Fotografiert in Umgebungen ohne zu viel Staub in der Luft! Denn sobald Ihr das Objektiv von der Kamera trennt, ist der Sensor viel anfälliger für alle Partikel in der Luft, die nun durch den Spalt eindringen können. Das gilt besonders für spiegellose Kameras.

Am besten fotografiert Ihr im manuellen Modus. Das Objektiv hat keine elektronische Verbindung mehr zur Kamera, was eine Lichtmessung unter Einbeziehung der Blende unmöglich macht. Stellt also Belichtungszeit und ISO manuell ein und öffnet die Blende des Objektives so weit es geht, um den größten Effekt zu erzielen.

Das Fotografieren mit Objektiven, die einen manuellen Blendenring haben, hat den Vorteil, dass Ihr die Blende während des Fotografierens verändern könnt. Bei modernen Objektiven, die einen elektronischen Fokusring haben, kann es nötig sein, den Fokus bereits vorab einzustellen. Probiert mal aus, was Eure verschiedenen Objektive für Möglichkeiten oder Einschränkungen bieten.

Die große Kunst ist es jetzt, das Objektiv gut festzuhalten, während Ihr es von der Kamera weg neigt und dabei auch noch am Fokusring zu drehen – beides hat nämlich einen Einfluss auf das Ergebnis. Schon kleine Neigungen haben einen großen Effekt und wenn Ihr das Objektiv von der Kamera wegbewegt, entstehen zusätzliche Lichteinfälle auf dem Sensor, die reizvoll sein können.

Ihr seht also: Freelensing bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten, um Neues auszuprobieren und kreativ zu werden. Es ist nahezu unmöglich, das gleiche Bild zweimal zu machen, da man das frei gehaltene Objektiv gerade nicht „einrasten“ kann. Auch mit alltäglichen Gegenständen können so völlig neue Bilder mit spannenden Effekten oder Perspektiven entstehen.

Inspiration

Martin Gommel hat vor gut zehn Jahren hier im Magazin einen Artikel zum Freelensing geschrieben. Die dort aufgeführten Tipps können auch heute noch genauso angewendet werden wie beschrieben. Was das angeht, ist die Technik zeitlos.

Ablauf

Werdet kreativ! Ihr habt eine Woche Zeit, um neue Fotos mit der Freelensingtechnik zu erstellen. Fangt am besten bei ganz alltäglichen Dingen an, die Ihr vielleicht schon oft fotografiert habt und versucht, etwas ganz Neues daraus zu machen. Und dann tastet Euch gern weiter vor. Wir sind gespannt auf Eure Bilder.

Zeigt eure Ergebnisse hier in den Kommentaren, nutzt in sozialen Medien den Hashtag #kwerfeldein52 oder schickt Eure Bilder per E-Mail an kk@kwerfeldein.de. Der Einsendeschluss ist Dienstag, der 31. März 2020 und am darauffolgenden Samstag zeigen wir wieder eine Auswahl aus Euren Einsendungen.

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18 Kommentare

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  1. Guten Morgen,

    das wird ja wieder was, oh, oh,… ;-)

    Kleiner Zusatz-Tipp:
    Falls nach Abnehmen des Objektivs die Kamera die Auslösung verweigert,
    ist im Menü die Einstellung „Aufnahme ohne Objektiv“ zu aktivieren.

    Ich bin mal gespannt.

  2. Das klingt nach einer sehr coolen Idee, gerade auch für’s zuhause-bleiben. Ich mache mir nach dem Lesen des hier verlinkten Artikels und auch von ein, zwei anderen blog-Einträgen ein wenig Sorgen um den Sensor, der dann ja während der Belichtung schutzlos Wind und Staub ausgesetzt ist (wenn auch nur kurz).

    Vielleicht können wir hier ein paar Ideen sammeln, den ’social contact‘ des Sensors mit Staub u.ä. zu verhindern? Ich denke da spontan an alte Fahrradschläuche, Frischhaltefolie, Klebeband…

  3. Es war ein bisschen fummelig, aber hier wäre mein Ergebnis mit einer 35mm Fuji Linse.
    https://www.instagram.com/p/B-P9KGUH5m2

    Am Ende war es eher freelensing macro photography ;) werde mir jetzt noch einen adapter mit dem ungefähren Abstand aus dem 3d Drucker erzeugen, ein schönes Bastelprojekt ;)
    war jedenfalls ein spannendes Thema, das man auch gut in der Wohnung umsetzen konnte. Bin auf das nächste gespannt.

    Grüße,
    Daniel

  4. Was für eine tolle Aufgabe, vorallem weiss ich nun wie diese Technik funktioniert!

    Es entstand eine Serie die nicht treffender zu diese Zeit passen kann.
    Genau so wie die Bilder wirken, beklemmend, verletzlich, verschwommen, unreal habe ich mich auch gefühlt!
    Ihrgendwann war es mir unwohl und ich wollte wieder nach Hause welches
    mir den Schutz gibt in dem ich mich zu dieser Zeit gerade sehr aufgehoben fühle.

    Bei dieser Aufgabe habe ich wieder mal meine Digitalkamera NikonD
    700 hervorgeholt da es bei der Systemkammera nicht funktionierte.

    https://www.instagram.com/p/B-XQxXMggzs/
    https://www.instagram.com/p/B-XQoVag9fX/

    Gruss
    Jeannine

  5. Nachdem ich einmal den „Dreh“ raus hatte, konnte ich gar nicht mehr aufhören und versuchte die gesamte Woche Freelensing an den unterschiedlichsten Motiven. Dabei war ich hin- und hergerissen zwischen einem Gefühl von friedlicher Stille und Beklemmung. „Angst essen Freiheit auf“, der Buchtitel kam dir des Öfteren in den Sinn und ich wäre nicht erstaunt, wenn so manch aufgekommener Hashtag zum Unwort des Jahres nominiert wird. Es fällt mir schwer, mich für ein Motiv / ein Gefühl zu entscheiden, aber Unbehagen überwiegt. Darüber hinaus zeigen die anderen Freelensing-Motive den wahrgenommenen Zwiespalt.

    http://sternchenbilder.de/52/12_Freelensing_SpielplatzGeschlossen.jpg
    https://www.instagram.com/p/B-Xjvk5Kml1/