14. Januar 2022 Lesezeit: ~13 Minuten

Eure wichtigsten Fotos 2021

Seit 2010 fragen wir Euch jedes Jahr nach Euren wichtigsten Bildern des vergangenen Jahres. Die Ergebnisse sind immer sehr persönlich und oft gab es auch gewisse Themenschwerpunkte, die Euch besonders beschäftigt haben, weil sie das jeweilige Jahr besonders geprägt haben. Aber noch nie war ein Thema so prägnant wie 2021: die Pandemie.

Wie immer ist die hier gezeigte Auswahl eine völlig subjektive, wir haben dabei einfach auf unser Bauchgefühl gehört. Alle Einreichungen könnt Ihr in den Kommentaren zum Aufruf lesen.

 

Marc Leppin

Als ich vor 20 Jahren mit meinem Abi-Jahrgang das letzte Mal in der Toskana war, wohnten wir in einem kleinen Hotel direkt am Meer in Marina di Massa. Es war eine schöne, unbeschwerte Zeit. Wenn ich mich daran zurückerinnere, weiß ich noch, wie wir Florenz besuchten und einen Ausflug nach Lucca, Siena und ins wunderschöne San Gimignano machten. Mich hat diese Reise damals inspiriert und ich wusste, dass ich irgendwann zurückkehren werde. In diesem Sommer war es dann soweit.

Wir erwischten einen tollen September und die Erinnerungen an damals waren sofort wieder da. Diese einzigartige Landschaft und alles, womit man die Toskana verbindet. Eine schönere Auszeit kann man sich fast nicht vorstellen. Das Foto zur Reise ist dann mit meiner Fuji, einem Tilt-Shift-Adapter und einem 50-mm-Objektiv von Nikon direkt von unserem Balkon entstanden und beschreibt recht gut, was für uns und viele andere den Reiz dieser Region ausmacht. Auf bald – Urlaub in Italien!

 

Anna Heimkreiter

Dieses Jahr war ein großer Lehrmeister der Vergänglichkeit, der Unbeständigkeit des Lebens. Viele Dinge, die ich geplant hatte, kamen ganz anders – so sollte ich den ganzen Herbst auf einer Berghütte arbeiten. Ein Job, aber auch Erlebnis, auf das ich mein ganzes Jahr ausgerichtet hatte. Nach gerade einmal drei Tagen dort erfuhr ich, dass sie eigentlich gar kein zusätzliches Personal mehr (mich) benötigten. Die Gefühle der Enttäuschung und Verlorenheit – jedoch auch der Zuversicht, dass sich dadurch neue Türen öffnen werden – trug ich mit mir zum Gipfel, wo dieses Selbstportrait entstand. Es ist eine Mahnung an mich selbst: Die einzige Konstante im Leben ist Veränderung.

 

Juna

Für uns alle war das sicher wieder ein merkwürdiges (fotografisches) Jahr. Auch ich war wenig mit der Kamera unterwegs, wenn man nicht Straßenfotografie macht, ist es als Stadtbewohnerin schwerer. Daher ist das für mich wichtigste Bild auch das der ersten richtigen Reise in der Pandemie Ende September. Wir führen über die französischen Pyrenäen langsam an den Atlantik.

Für diese Reise und auch das Glück darin, steht dieses Bild für mich, das ich in strömendem Regen machte. Die Lichtmessung noch im Auto, rausgesprungen, fokussiert, abgedrückt und komplett durchnässt wieder ins Auto. Die Kühe mussten in diesem Regen bleiben. Die Reise, auch der Weg zurück über die französischen Alpen, war eine der schönsten meines Lebens, da es wirklich eine Reise mit wunderbaren Bildern war, die nicht fotografiert wurden, sondern eingesogen wurden und immer in meinen Erinnerungen bleiben.

 

eine alb gestrickte Socke auf einer Fernsehzeitung

Thomas Baumeister

Mein wichtigstes Foto des Jahres 2021 zeigt den Wohnzimmertisch meiner Mutter. Solange ich denken kann, hat meine Mutter vor dem Fernseher sitzend immer gestrickt. In erster Linie wunderbare Wollsocken, die sie sehr großzügig verschenkte. Im August musste sie im Alter von 88 Jahren wegen akuter gesundheitlicher Probleme notfallmäßig ins Krankenhaus. Sie sollte nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren, sie verstarb nach wenigen Tagen im Krankenhaus.

Kurz nach ihrem Tode habe ich noch einmal allein ihre Wohnung aufgesucht. Das Foto zeigt ihre letzte Socke. Eine Nadel durch den bereits gestrickten Teil, so wie sie es immer machte, wenn sie ihre Arbeit unterbrach. Die Socke bleibt für immer unvollendet. Meine Mutter starb an einem Freitag.

 

Klaus

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes fotografieren, musste jedoch wegen aufziehender Wolken den Standort verlassen. Auf dem Heimweg sah ich ein Wetterleuchten in weiter Entfernung, also beschloss ich, noch zu meinem „Gewitterspot“ zu fahren. Kaum angekommen, konnte man das Gewitter schon sehr gut sehen. Das Ganze spielte sich etwa 50 km entfernt ab. Es dauerte etwa eine Stunde, bis sich das Wetter wieder beruhigte, aber während der Aufnahmen konnte man die ganze Naturgewalt auf dem Display erkennen.

 

Resa Rot

Nach einem weiteren Jahr Pandemie war ich des Fotografierens müde geworden, dazu kamen Probleme, unter Menschen zu gehen. Diese Schwierigkeiten hatte ich zwar schon davor, sie nahmen dadurch allerdings enorm zu. Wie glücklich war ich deshalb, als ich endlich wieder einmal die Kamera auf einen Menschen richtete. Es fühlte sich ein wenig an wie „früher“. Ich mag das Bild sehr, noch mehr mag ich aber die Hoffnung, die es für mich persönlich beinhaltet. Darauf, dass bessere Zeiten kommen und ich wieder mit ganzem Herzen und ohne Angst bei der Fotografie bin.

 

Frank Gürtler

Wir waren seit Langem wieder einmal bei unserem Fast-Lieblingsitaliener und sind anschließend mit dem Offi wieder nach Hause gefahren. Im Bus begegnete mir dieses Motiv. Ich habe es Gedankenreise genannt. Da außer dem Bordstein nichts von den Bildern, die vor den Augen der Fahrgäste vorbeigleiten, zu sehen ist, hat jeder Betrachter Raum, seine eigenen zu implementieren.

Als wir den Bus verlassen haben, war das Bild bereits fertig, so wie es jetzt zu sehen ist, ein Handyfoto halt. Ich fand es spannend, was mir da begegnet ist und das hat für mich mein Bild des Jahres ausgemacht. Noch ein Gedanke zum Rahmen: Der soll sozusagen meinen (rigentibus oculis intueri) Blick komprimiert verdeutlichen.

 

Oliver Lauberger

Mein wichtigstes Foto 2021 habe ich 27. Dezember aufgenommen, es zeigt einen Zubringer zur Bundesstraße 299 irgendwo in der Hallertau. Ich gehe gern und viel spazieren, so auch bei meinen Besuchen bei meiner Mutter in Niederbayern. Die Tage um Weihnachten waren dort feucht und nebelig und die durch die B299 zerschnittene Landschaft seltsam ruhig und verlassen, aber in einen gnädigen Schleier gehüllt. Es war ein wenig, wie in eine andere Welt zu schlüpfen, eine seltsame Stimmung und Frieden, selbst die Straße bekam etwas Versöhnliches. Müsste ich für das Jahr 2021 ein Bild aussuchen, das meinen Gefühlen dazu entspräche – es wäre dieses Foto.

 

Mathias Müller

Mein Foto ist im Februar des vergangenen Jahres entstanden. Da ich viel mit den Öffis unterwegs war, hatte ich das Werbeplakat für eine Kunstausstellung schon des Öfteren gesehen. Es sprach mir irgendwie aus der Seele. Die Pandemie hatte uns fest im Griff, der Winter hatte noch einmal kräftig zugelegt und die Temperaturen waren weit unter dem Gefrierpunkt. All dies drückte auf die Stimmung. Als ich auf die Bahn wartete und ich auf dem gegenüberliegenden Gleis eine Person dick eingepackt und mit einer Decke umhängt sah, waren meine Sorgen einfach nur nichtig und klein. „How to survive?“

 

Unscharfes Portrait

Johannes

Die Restriktionen dürften, der Isolation wegen, viele Menschen vermehrt mit dem Alleinsein und der Einsamkeit konfrontiert haben. Selbst in der Öffentlichkeit wurde das Thema ansatzweise aufgegriffen. Für einige, denen ich mich vielleicht zugehörig fühle, sofern es überhaupt ein „uns“ unter ihnen geben kann, hat sich dagegen überraschend wenig geändert.

Eines Nachts waren mir die Worte „Geister haben keine großen Hände“ durch den Kopf gegangen und ich hatte daraufhin beschlossen, einmal wieder zu versuchen, mich selbst, statt anderes, mit der Kamera festzuhalten.

In der Einsamkeit wird man kaum bis gar nicht wahrgenommen. Man ist, wenn man so will, nichts – oder ausschließlich das, was man für und vor sich selbst ist. Ich denke, im Grunde war es mir darum gegangen, zu versuchen, genau das festzuhalten. Der, der ich vor mir selbst gewesen war. Und die Distanz, die zwischen diesen beiden Gesichtern liegt, ist vielleicht Einsamkeit.

 

Leuchtturm

Jean-Luc Caspers

Im Jahr 2020 habe ich in einer Facebook-Gruppe für Fotografie eine geteilte Leidenschaft und Sehnsucht für die Bretagne in Frankreich in einer Kommentarspalte gefunden. Ein halbes Jahr später sind wir uns genau zu diesem Thema wieder in derselben Gruppe begegnet und scherzten, dass wir gemeinsam hinfahren sollten. Aus dem Scherz wurde dann konkrete Planung und letztendlich fuhren wir dann gemeinsam, ohne uns vorher gesehen zu haben, im September 2021 in die Bretagne mit dem Camper von dieser Person.

Die Person, Nils, und ich fuhren an den Ort, an den mein Vater auch mit seinem Vater schon vor gut 50 Jahren in den Urlaub fuhr. Und auch ich bin als Kind mit meiner Familie nach Le Croisic gefahren. Der Leuchtturm in Le Croisic symbolisierte für mich schon als Kind, dass wir angekommen sind. So löste dieser Anblick auch für mich ein gewisses Heimatgefühl im September aus.

Die Arbeit ist für mich eher untypisch, da ich in meinen Projekten eher Menschen fotografiere, aber vielleicht macht es das Bild für mich gerade deswegen noch einmal etwas ganz Besonderes. Jedenfalls war das alles auch für mich ein echt großer Schritt, ich wäre vorher nie auf die Idee gekommen, mit einem Fremden zu zweit in den Urlaub zu fahren und dann auch noch zum Campen.

 

Offener Kofferraum

Darius O.

Ich habe eine Artikel-Serie über die Flut im Juli aus meiner Sicht gemacht. Dort habe ich sogar Fotos und Videos vom Abend vor der Flut an der Erft. Mein wichtigstes Foto ist optisch sicherlich nicht so aufregend oder spektakulär wie andere meiner Fotos. Inhaltlich verbinde ich damit viele starke Emotionen.

Es zeigt mein Auto am Morgen der Flut. Es steht in der Einfahrt meines Nachbarn, der gegenüber wohnt. Es steht dort, weil auf der anderen Seite der Straße schon das Wasser kommt. Im Kofferraum sieht man die hastig zusammengepackten Sachen. Rechts davon steht eine Katzentransportbox mit unserer Katze drin.

Die Box steht da, weil in unserem Auto kein Platz dafür ist, weil darin mein Sohn und die Nachbarskinder sitzen und auf einem Tablet Zeichentrickfilme schauen, währen ihre Eltern wichtige Dinge wie Dokumente aus ihren Kellern in Obergeschosse schleppen. Kurz darauf wurden wir von der Feuerwehr aufgefordert, das Gebiet zu verlassen, weil der Horchheimer Damm zu brechen drohte.

 

Pferde im Schnee

Klaus Lüder

Es war am 2. Januar 2021 auf den Höhen des Zentralmassivs bei einer Schneeschuhwanderung, als wir auf dies kleine Herde von Pferden im verschneiten Winterwald getroffen sind. Die Pferde – eigentlich Fluchttiere – waren unerwartet zutraulich und neugierig.

 

Wolken vor der Sonne

Marina Weishaupt

Mein liebstes Bild des Jahres ist an einem Junimorgen in Island entstanden. Während ich durch die weite und unwirkliche Landschaft der Snaefellsnes-Halbinsel fuhr, überkam mich ganz unerwartet die Trauer um meinen verstorbenen Opa. Mir wurde in dem Moment ganz schmerzlich bewusst, dass er die Bilder dieser Reise nie sehen würde, war er doch sonst immer so erfreut daran. So grau wie der Morgen dank der dicken Wolkendecke war, spiegelte er meine innere Stimmung perfekt wider.

Am nächsten Stopp angekommen, stolperte ich ein bisschen verloren an einer kleinen Lagune entlang, traf eine kleine Gruppe neugieriger Robben und wusste gar nicht so wirklich, wohin mit mir. Plötzlich erstrahlte alles um mich herum in wundervoll warmen Farben. Die Sonne hatte sich zumindest teilweise durch die Wolken gekämpft – und brachte mir ein kleines bisschen inneren Frieden.

 

Mann sitzt rauchend in einem Sessel im Schnee

Carola Bührmann

Es war im Januar und ein eisiger Schneesturm fegte durch meine Stadt. Endlich wieder Schnee! Los, raus, egal wie kalt es ist. Auf dem Rückweg zum Haus stand da zwei Straßenecken entfernt dieser Sessel für den Sperrmüll parat. Die Bildidee war sofort in meinem Kopf. Also schnappte ich mir Jochen, den Freund meiner Tochter, und zog mit ihm und der Kamera wieder in den Schneesturm. Innerhalb von fünf Minuten waren das Bild und ein paar weitere im Kasten, dann konnte ich vor Kälte die Kamera eh nicht mehr bedienen. Danke, Jochen, für Deine Spontaneität!

 

Wir hoffen, Euch haben die Fotos und Geschichten inspiriert. Welche Arbeiten haben Euch besonders gut gefallen?

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7 Kommentare

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  1. @Carola Bührmann: Albert Watson hat mit Jack Nicholson wenigstens noch den Wald aufgesucht. Da kommt die winterliche Atmosphäre (auch wegen der ziemlich „schneelastigen“ Kleidung Nicholsons) dann doch etwas besser rüber. Immerhin trägt Jochen wie Nicholson ein wetteruntaugliches Jacket.

  2. Lasse Sie sich Ihr Foto nicht schlecht machen Frau Bührmann. Es geht ja hier um das persönlich wichtigste Foto, nicht um das beste und nicht um die beste Imitation existierender Fotografien.
    Mir gefällt’s und vielen anderen sicher auch.
    Das Watson-Foto scheint mir dagegen langweilig.

  3. @Carola Bührmann: Mir gefällt das Bild ebenfalls ausgesprochen gut. Warum? Vielleicht weil mir das Zusammenspiel der beiden überhaupt nicht zusammenpassenden Faktoren, winterliche Straße und junger Mann im Sessel, gut gefällt. Vielleicht mag ich die ausgestrahlte Lässigkeit, den deutlichen Kontrast des Vordergrundes im Vergleich zum Hintergrund, den Zigarettenrauch. Vielleicht auch nur, weil ich keine Ahnung habe. Aber ich habe mir das Bild länger als 2 Sekunden angesehen. Das schaffen längst nicht alle Bilder. Tolles Bild.

  4. Das ist ein klasse Querschnitt durch die wichtigsten Fotos, danke sehr dafür!
    Ich finde es interessant, sich erst die Fotos in Ruhe anzuschauen, und dann die Geschichte dazu zu lesen. Manchmal ist es mit den eigenen Gedanken deckungsgleich, und manchmal überhaupt nicht. Mein Lieblingsfoto der Auswahl ist „Gedankenreise“, Frank Gürtler. Da ich mich aktuell mit Strassenfotografie beschäftige, ist das eine sehr inspirierende Aufnahme.

    LG, Dirk

    • Danke Dirk für Deinen Beitrag zum Beitrag :)
      Ich finde, dass sich hier nur wenige finden um an einem Gespräch um ihre und andere Bilder teilzunehmen. Gerade die Fotografie ist doch eine Kunstform, welche immer Hochkonjunktur hat, egal was vor der Tür passiert. Das präsentieren ist heute einfacher denn je, wenn man sich die Mühe gibt eine geeignete Plattform zu finden, ähnlich der Motivsuche.
      Nun denn, ich hoffe die vermeintlich unguten Zeiten werden vergehen und die Freude am fotografieren wird wieder aus uns heraussprudeln.
      Auch nochmals Danke fürs „Lieblingsbild“
      ;) Frank

      • Sehr gerne!
        Deine Einschätzung teile ich. Es wäre auch sicher mal ein interessanter Ansatz, nachzufragen, worin die Motivation besteht, Fotos öffentlich zu zeigen. Das Potential, was jedenfalls in einer konstruktiven Bildbesprechung steckt, oder in einem motivierenden Kommentar, wird m.E. völlig unterschätzt, und auch weniger genutzt, als möglich. Sowohl von den Fotografen*innen, als auch von denen, die es sich anschauen. Ein wichtiges Foto hier gezeigt zu sehen, ist eigentlich kein Ergebnis, sondern könnte ein Anfang sein. Könnte… ;-)

        LG, Dirk

  5. Ich bin auch sehr bei der „Gedankenreise“. Der Minimalismus – besonders in der Straßenfotografie – nötigt mir immer großen Respekt ab. So ist es doch eine Sehkunst den kompakten und schnellen Alltag auf Wesentliches zu reduzieren.
    Grüße, Wilhelm