Portrait zwei Frauen
10. September 2021 Lesezeit: ~8 Minuten

Wer war Julia Margaret Cameron?

Julia Margaret Cameron wurde beinahe zufällig von einer Hausfrau und Mutter zur bedeutendsten Fotografin des viktorianischen Zeitalters, nachdem sie im Alter von 48 Jahren die Fotografie ursprünglich nur als Hobby zum Zeitvertreib aufgenommen hatte.

Geboren wurde sie am 11. Juni 1815 im indischen Kalkutta, dort gehörte ihre Familie der englischen Oberschicht an, ihr Vater arbeitete in Familientradition bei der „East India Company“. Julia Margaret Cameron wuchs – wie auch ihre sechs Schwestern – bei ihrer französischen Großmutter in Versailles auf und kehrte erst 1834 nach ihrer Ausbildung wieder nach Indien zurück.

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Sir John Herschel

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Henry Taylor

Bei einem Genesungsaufenthalt in Südafrika lernte sie den Juristen Charles Hay Cameron kennen, den sie zwei Jahre später heiratete. Das Paar hatte fünf eigene Kinder und zog darüber hinaus noch fünf weitere verwaiste Kinder von Angehörigen sowie ein irisches Mädchen, das sie als Bettlerin aufgegriffen und adoptiert hatten, auf. Charles war 20 Jahre älter als seine Frau und als er pensioniert wurde, zog die Familie 1848 nach London.

Dort verkehrte Julia Margaret Cameron weiterhin in den gehobenen Kreisen, mit denen sie bereits aus Indien bekannt war und freundete sich so schnell mit dem Kreis der Künstler*innen, Aristokrat*innen und der kulturellen Elite der Nachbarschaft an. Inspiriert von ihnen interessierte sie sich umfassend für Kunst, las zeitgenössische Lyrik und besuchte Kunstausstellungen.

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Unter anderem war sie mit dem Astronomen John Herschel befreundet, der mit William Henry Fox Talbot zusammengearbeitet hatte. Über ihn erreichten sie einige der Kalotypien Talbots, sodass sie früh Kenntnis von der noch jungen Fotografie hatte und sich wohl bereits in den 1850er Jahren für das Medium interessierte.

Nach einem Besuch beim befreundeten Lyriker Alfred Tennyson auf der Isle of Wight gefiel den Camerons der Ort so gut, dass sie kurzentschlossen direkt eines der Nachbargrundstücke erworben. Auf diesem Anwesen würde sich in den folgenden 15 Jahren so gut wie das gesamte fotografische Schaffen von Julia Margaret Cameron abspielen.

Das Haus stand in Form eines Salons, wie zu der Zeit üblich und von ihr sowohl in Indien als auch London schon praktiziert, der kulturellen High Society als Treffpunkt offen. Zu Weihnachten 1863 schenkten ihre Tochter und ihr Schwiegersohn ihr ihre erste eigene Kamera, die als Zeitvertreib während der häufigen Geschäftsreisen von Charles zu den Kaffeeplantagen der Familie auf Ceylon (heute Sri Lanka) gedacht war.

GruppenportraitGruppenportrait

Durch Umbauten wurden ein gläserner Hühnerstall zu einem Atelier und der Kohlekeller zu ihrer Dunkelkammer. Ein Basiswissen der Fotografie hatte Julia Margaret Cameron bereits von ihrem Freund John Herschel erworben. Außerdem hat sie wohl Reginald Southey im Jahr 1857 sowie Oscar Gustave Rejlander im Jahr 1863 beim Aufnehmen von Portraits auf der Isle of Wight über die Schultern schauen können.

Zum wohl wichtigsten stilistischen Einfluss ihrer Arbeit wurde David Wilkie Wynfield, bei dem sie Unterricht nahm und den sie nach eigener Aussage auch immer um Rat fragte, wenn sie Schwierigkeiten hatte. Er hatte einen fotografisch sehr ähnlichen Stil, der sich durch Portraits mit sehr geringer Tiefenschärfe auszeichnete, und inszenierte auch konzeptionell ganz ähnliche Motive.

GruppenportraitGruppenportrait

Julia Margaret Cameron verwendete das Kollodium-Nassplatten-Verfahren, das für eine Amateurin der damaligen Zeit sehr anspruchsvoll umzusetzen war und bei ihr zum Beispiel zu fehlerhaft beschichteten oder unzureichend fixierten Bildplatten führte. Außerdem hatte sie Schwierigkeiten mit der Fokussierung, erklärte die Unschärfe aber schnell zum Stilmittel.

Sie setzte nur schwache Lichtquellen ein, sodass Belichtungszeiten von mehreren Minuten nötig waren. Das hätte nach dem damaligen Stand der Technik mit stärkeren Lichtquellen bereits bedeutend verkürzt werden können und machte die Aufnahmen für ihre Modelle vergleichsweise qualvoll, erzeugte aber durch die dafür nötige Konzentration den Ausdruck, den sie suchte.

Portrait Mann und Frau

Während die Fotografin eine Aufnahme in der Dunkelkammer entwickelte, fixierte und eine Glasplatte für die nächste Aufnahme präparierte, …

Portrait Mann und Frau

… waren ihre Modelle durch sie strikt angewiesen worden, möglichst regungslos in der Inszenierung zu verharren.

Ihre Zeitgenoss*innen kritisierten die Bilder überwiegend vernichtend wegen der technischen Unzulänglichkeiten und konnten der – bewusst oder unbeabsichtigt eingesetzten – Unschärfe nichts abgewinnen. Die Beherrschung der Technik war sowohl unter Profis wie auch Enthusiast*innen ein Qualitätsmerkmal der noch neuen Ausdrucksform, auf das nicht verzichtet werden durfte.

Ihre Kritiker*innen erkannten aber durchaus, dass nach ihrer Messlatte hervorragende Fotos entstehen würden, wenn Cameron doch bitte einfach nur die Technik in den Griff bekäme! Für ihre Bildgestaltung und Komposition wurde sie gelobt, doch die mangelhafte technische Perfektion überschattete alles Gute.

Portrait zwei FrauenPortrait Frau in wallendem Kleid

Julia Margaret Cameron sah sich nicht als professionelle Fotografin, weshalb sie kein Studio eröffnete und auch keine Auftragsarbeiten annahm, wie es sonst zu dieser Zeit üblich gewesen wäre. Sie sah sich allerdings als Künstlerin und nahm deshalb an Wettbewerben teil, erhielt Auszeichnungen und zeigte ihre Arbeiten in diversen Ausstellungen.

Sie verkaufte den Großteil ihrer 900 bis 1.200 entstandenen Fotografien und ihr Mann unterstützte ihre künstlerische Arbeit wohlwollend. Möglicherweise war das Paar sich auch darin einig, dass die verkauften Bilder gut waren, um die Haushaltskasse aufzubessern, da der große kommerzielle Erfolg der Kaffeeplantagen der Familie leider ausblieb.

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Alfred Lord Tennyson

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Charles Darwin

Julia Margaret Cameron ist vor allem für ihre Portraits berühmter Persönlichkeiten und Künstler*innen bekannt. Dabei ließ sie die damals übliche Hintergrundkulisse weg und konzentrierte sich vollständig auf die Person. Sie versuchte, eine äußerlich sichtbare Größe oder Würde herzustellen, die den inneren Werten entsprachen.

So entstanden nahe, dramatisch ausgeleuchtete Portraits von Männern aus der Perspektive einer Heldenverehrung. Ausschließlich junge Frauen, die sie einzig und allein nach ihrer Schönheit auswählte, hielt sie in weicheren, klassischer inszenierten Portraits fest. Kinder bildete sie meist als unschuldige Engel ab – denen man die Langeweile oder sogar Frustration über die anstrengende Sitzung allerdings ansehen kann.

Portrait Mann mit zwei Jungenzwei Kinder mit Sonnenschirm

Ihre Inszenierungen rührten vom Wunsch her, auch mit der neuen Fotografie die Tradition der religiösen Kunst weiterzuführen. Dafür bediente sie sich entsprechend vieler bekannter religiöser Motive, ließ sich aber auch von präraffaelitischen Malereien zu Bildern mit mythischen oder literarischen Vorlagen inspirieren.

An profanen Motiven war sie nicht interessiert, sondern wollte zeitlose Ideale und Schönheit sichtbar machen. So posierten Bekannte, Freund*innen und auch Bedienstete für sie als Propheten, Mönche, Zauberer oder Madonnen. Ihr Dienstmädchen Mary Hillier kam so im Ort zum Rufnamen „Mary Madonna“, da sie wohl mehr Zeit mit dem Posieren als Jungfrau Maria verbrachte, als mit ihren eigentlichen Aufgaben als Angestellte.

Portrait einer Gruppe Arbeiter vor weiter Landschaft

1875, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, zog Julia Margaret Cameron erneut um. Die finanzielle Situation zwang die Familie wohl dazu, sich zu verkleinern, sodass sie nach Kalutara auf Ceylon (heute Sri Lanka) zog und das Anwesen auf der Isle of Wight aufgab. So wohnte die Familie näher zusammen und Ausgaben für weite Reisen und mehrere Anwesen entfielen.

Es entstanden dort nur noch wenige neue Fotos, überwiegend von tamilischen Bediensteten und Arbeiter*innen, Julia Margaret Camerons große Karriere wurde durch den Umzug im Wesentlichen beendet. Möglicherweise lag das daran, dass das Kollodium-Nassplatten-Verfahren vor Ort wegen des Klimas und anderer Widrigkeiten schwerer umzusetzen war.

Julia Maragaret Cameron starb 1879 in Kalutara. Das ehemalige Haus der Familie auf der Isle of Wight ist heute ein Museum zu ihrem Leben und Werk. Ihre Arbeiten wurden weitgehend vergessen, bis Helmut Gernsheim sie und andere Größen ihrer Zeit wiederentdeckte, als er in den 1940er Jahren begann, die später weltgrößte Sammlung zur Geschichte der Fotografie aufzubauen.

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6 Kommentare

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  1. Sekundärliteratur: Der lesenswerte Roman „Orlando oder die Liebe zur Fotografie“ von Paul Theroux lehnt sich an die Biographie von J. M. Cameron an…
    Danke für die Vorstellung der Fotografin und viele Grüße, Uwe

  2. Julia Margaret Cameron in einem ernsthaften Fotoblog vorzustellen grenzt ja schon an „Eulen nach Athen tragen“.

    In jedem mir bekannten Buch zur Geschichte der Fotografie ist sie fester Bestandteil. Wenn dieser Umstand u.a. auch dem Verdienst eines Helmut Gernsheim geschuldet ist, dann gebührt ihm der Dank. Vielleicht wäre die Arbeit eines Helmut Gernsheim oder aber auch eines Josef Adolf Schmoll genannt Eisenwerth oder eines Leo Fritz Gruber wert, hier in einem Artikel vorgestellt zu werden.

    • …nun, so eine Publikation wie „kwerfeldein“ existiert nicht so inhaltlich von nix und Inhalte hat es viele, die wohl auch gefunden werden müssen. Ich finde es gut, einen solchen Artikel hier zu finden, weil es für Kurzweil sorgt und nicht jeder alle Bücher kennen kann.
      Mithin will ich wohl noch bemerken, gute Bücher hat es genug, doch was nutzt sie alle zu lesen wenn ich selbst nicht fotografiere? Erfreuen Sie uns mit der umgesetzten Erkenntnis in guten Bildern, denn auch davon lebt ein gutes Magazin. ;) Oder verfassen sie selbst einen Artikel über deren Sie so angetan sind.

    • Lieber Thomas, das wirft jetzt offenbar kein gutes Licht auf mich, aber ich kannte sie nicht. Und ich könnte mir zudem vorstellen, dass kwerfeldein sich auch bissl zur Aufgabe gemacht hat, hin und wieder auf Frauen in der Fotografie aufmerksam zu machen, was bei Auskennern dann zu Redundanzen führen kann. Aber ich vermute, das Publikum hier ist vielfältig, breit und – wie ich – manchmal auch unwissend.

      Liebe Aileen, das ist jetzt nicht das erste Mal, dass ich durch Deine Artikel zeitgenössische oder auch historische Fotografinnen kennenlerne, dir mir ein Gewinn sind. Danke!

    • Ich würde sehr gern verstehen, was die Motivation ist, diesen Kommentar zu posten. (Und falls es eine Antwort gibt, diese gern vorab 5 mal mit „Warum“ befragen.)

  3. Blogartikel dazu: Umleitung: Kein Respekt, Ablenkung, Zukunftsteam, Revolution, Razzia, Julia Margaret Cameron, Plotten, Charlys Stammtisch, Schloss Cappenberg, Stimmungsschwankungen, eine Fahrradsternfahrt und mehr. | zoom