03. September 2021 Lesezeit: ~4 Minuten

Kalk-Mühlheimer Straße

In wohl jeder Stadt gibt es Viertel oder Straßen, von denen beim Zuzug abgeraten wird. Die Kalk-Mühlheimer Straße in Köln ist eine davon. Sie zieht sich durch die Stadtteile Kalk, Buchforst und Mülheim. Aber wie lebt es sich wirklich auf dieser Straße? Für die Aktion Straßengold haben 34 Anwohner*innen eine Kamera in die Hand genommen und ihr Umfeld dokumentiert.

Der Initiator des Projekts war der Kölner Fotograf Stephan Strache. Er besuchte die Kneipen und Läden auf der Straße und suchte neben dem persönlichen Gespräch auch per Flyer, Plakaten und städtischen Zeitungen Anwohner*innen, die ihr eigenes Bild der Straße zeigen wollten. Ein Bild abseits von Vorurteilen.

Zwei Menschen auf einem Motorrad

© Hannah

umbenanntes Straßenschild

© Steffen

Als Werkzeug erhielten alle Teilnehmenden eine analoge Yashica T AF mit einer Filmrolle Kodak Portra. Zwei bis drei Tage hatten die Menschen Zeit, den Film zu füllen, der anschließend von Stephan entwickelt und eingescannt wurde. Ich habe nicht lang überlegen müssen, als Stephan mich fragte, ob ich für den fotografischen Blick in der Jury sitzen möchte.

Aus den entstandenen Bildern sollte eine Ausstellung entstehen, die nun auf der Straße selbst präsentiert wird. Neben Stephan und mir waren zudem Sozialarbeiter*innen und Anwohner*innen in der Jury. Es ging beim Jurieren nicht darum, Preise und Plätze zu vergeben, sondern aus jedem Film ein Bild zu wählen, das die Straße gut repräsentiert. Und das war alles andere als einfach, denn die Ergebnisse waren großartig und vielfältig.

Ich muss zugeben, dass ich zunächst skeptisch war. Die Kalk-Mühlheimer Straße bietet sich nicht unbedingt für die klassische Straßenfotografie an. Es gibt keine Menschenmengen, in denen man mit der Kamera untertauchen kann. Keine abenteuerliche Architektur oder besondere Stilmixe. Es ist eine Straße ohne besonderen Wiedererkennungswert und um es nett zu sagen: keine Gegend, die Angst vor Gentrifizierung haben muss.

Menschen schauen aus einem Fenster

© Gisela Kunze

Menschen vor einer Bar

© Manuel Guddat

Für mich als Fotografin wäre es eine große Herausforderung, ein objektives Bild zu zeichnen. Umso überraschender und schöner war dann der Blick auf die Ergebnisse des Projekts. Die Anwohner*innen habe die Straße nicht glorifiziert und ein durchaus realistisches Bild gezeichnet. Sie haben kleine Details entdeckt, schöne Szenen festgehalten, aber auch kritische und ironische Momente gefunden.

Auf einigen Filmen haben sich Motive wiederholt, wie der Kiosk oder die Kneipe. Teilweise haben die Leute auch in Serien gedacht, auf ihrem Streifzug verschiedene Autos abgelichtet oder den Blick in die Flure jeder Etage eines Haus gewagt. Ich fand lediglich schade, dass es bei der Straße geblieben ist. Niemand gab einen Einblick in eine Wohnung und generell zeigten nur wenige Bilder auch Menschen.

Nehmen wir die beiden Filme aus, die es nicht in die Jurywertung geschafft haben, wie mir Stephan mit einem verlegenen Grinsen erzählte: Auf einem Film fanden sich am Ende acht verschiedene Penisse. Ironischerweise haben diese Bilder auch eine Art Symbolcharakter für einen Teil der Straße und die toxische Maskulinität. Auf dem anderen Film waren Nacktaufnahmen einer jungen Frau. Sie fühle sich auf der Straße oft auf ihren Körper reduziert, erzählte der Teilnehmer, der die Aufnahmen abgab. Es war als Konzept gedacht und sei ihre Idee gewesen. Auch das gehört zum Projekt und hier berichtet.

Unkraut zwischen Beton

© Sarah Rohlfing

Baustelle

© Stefan

Türkische Flagge über einem Gafitti

© Nadine

Die Teilnehmenden wurden möglichst divers gewählt und auch die Altersgruppen waren durchmischt. Stephan versuchte, die Struktur der Straße auch im Feld der Teilnehmenden widerzuspiegeln. So nahmen Jugendliche, Erwachsene und auch ein Großvater mit seinem Enkel teil.

Es ist schwer, die Straße in Worten zu beschreiben. Ich bin sicher, die Bilder der Teilnehmenden schaffen das viel besser. Leider kann ich an dieser Stelle nicht alle zeigen, aber wenn Ihr in Köln oder der Nähe lebt, kommt doch zur Ausstellung und seht sie Euch selbst an. Sie findet am 5. September im Rahmen von StraßenGold statt, die Fotos hängen dann dezentral an mehreren Stellen auf der Kalk-Mühlheimer Straße.

Das Titelbild stammt von Steffi.

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7 Kommentare

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  1. Vor -zig Jahren gab es mal ein STERN-Titelbild mit vielen Penispics und Kommentaren von Frauen dazu, da stand dann sowas wie „Ich mag Nr. 37 am liebsten, der sieht irgendwie angriffslustig aus“.

    Warum eine Frau die Reduktion auf ihre Sexualität ausgerechnet durch Nacktbilder zeigen soll, Penisse wiederum aber ein Symbol für toxische Sexualität sein sollen, kann ich nicht ganz verstehen.

    Die Bilder, die die Kölner von ihrer Stadt gemacht haben, sind sehr oberflächlich und zum Teil sehr an gängigen ästhetischen Regeln orientiert. Schade. Ich hätte mich mehr über Bilder ã la Bruce Davidson, vielleicht auch Bruce Gilden oder Nan Goldin gefreut. Über Nachtaufnahmen, Nacktaufnahmen, Regen, Hitze, Schweiß, Dreck, Tränen – also: über das Leben der Menschen. Vielleicht trauten sie sich nicht, man liest so viel über Abmahnanwälte, DSGVO etc., in den USA kann man das echte Leben wohl besser fotografieren als in Deutschland.

    • Das ist jetzt ein reichlich „schräger“ Vergleich mit vollkommen überflüssigen Assoziationen, die hier nichts zur Sache beitragen. Natürlich muss nicht jedes Konzept gefallen, aber hier geht es immerhin um ein solches. Wer andere Erwartungen hat, möge sie selbst realisieren, anstatt andere dafür zu kritisieren, dass sie diese nicht erfüllen.

      • Vielen Dank für Deine Antwort, Ulrich. Ich hatte länger über eine eigene nachgedacht, kam aber nur auf Formulierungen, die dem berechtigten Wunsch der Redaktion nach Freundlichkeit und Konstruktivität nicht entsprochen hätten.
        Und dann hänge ich doch noch den Hinweis auf ein Video im YT-Kanal von „The Photographic Eye“ (den ich durch kwerfeldein kennengelernt habe) an: Alex Kilbee geht es da um „The Most INFLUENCING Photos (Aren’t the Ones You Think)“ und erzählt, warum ihn die Fotos im Band „Midcentury Memories. The Anonymous Project“, die oft nur mittelprächtig gelungene Schnappschüsse seien, häufig mehr oder anders ansprächen als die Meisterwerke „der Großen“ (https://youtube.com/watch?v=KxRuu-cFimY).

    • @Anders Varnaemen

      volle Zustimmung!

      Die Bilder sind allesamt Langweiler wie sie im Buche stehen. Nur nicht anecken, immer auf der sicheren Seite. Wehe man könnte sonstwas sein. Schade um die Filme. Überhaupt Filme: wieso Film? so gut wie jeder hat heute ein Telefon mit welchem man Fotos machen kann. Das hat man dabei und ist nicht auf die kurze Zeit angewiesen in der man die Kamera zu Verfügung hat. Spontanität ist mit diesem Konzept auf Ansage für die Katz‘.

      Zu den Pimmeln: dass man diese zensierte entspricht abermals dem bigotten und moralüberhöhten Zeitgeist. Ich nenne das einfach spießig. Wären es angemalte Titten, am besten mit politischen Botschaften à la femen, dann wäre alles gut und schön. So ist es nur Bäh! Schweingram obschon die Hälfte der Menscheint einen hat.

      Fazit: eine gute Idee wurde elendig schlecht umgesetzt

  2. Blogartikel dazu: 16. KalkKunst - die Ausstellungsorte (vom 22.10 bis zum 12.11.2021) - Stiftung KalkGestalten