12. Juli 2021

Die Ahnung der Dinge

„Der Verrat der Bilder“ betitelt René Magritte eines seiner berühmtesten Gemälde, auf dem eine Pfeife in Kombination mit dem Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“ („Das ist keine Pfeife“) realistisch dargestellt wird. Die Infragestellung eines Realismus in der Kunst ist auch für das Medium der Fotografie von zentraler Bedeutung.

Auch wenn eine naturgetreue Abbildung von alltäglichen Gegenständen eine objektive Wahrnehmung vorzugeben scheint, so ist doch jede Fotografie vor allem ein Bild, das einer subjektiven Interpretation von Wirklichkeit Ausdruck verleiht.

Jörg Egerer bewegt sich mit seiner fotografischen Arbeit auf der Schnittstelle zwischen hyperpräziser Abbildung und assoziativer Imagination. Mit filigranem Einsatz von Licht und einem präzisen formalen Minimalismus setzt er banale Requisiten des Alltags so in Szene, dass sie jenseits ihrer Funktion ein außergewöhnliches Eigenleben entwickeln.

Ähnlich wie bei Magritte spielt auch für Egerer die Konfrontation von Begrifflichkeit und Bildhaftigkeit eine wichtige Rolle. So kombiniert er in einer Arbeit das Wort „Locher“ in schwarzer Schrift auf weißem Grund mit dem Abbild von zwei kleinen kreisrunden Papierstücken auf hellgrauer Fläche. Mittig gesetzt liegen sie genau in dem Abstand zueinander, wie sie von einem Locher produziert werden.

Der Begriff „Locher“ ist nicht nur der Titel der Arbeit, sondern ein gleichberechtigter Teil des Werkes. Er behauptet den Gegenstand, während das Bild die Imagination und Fantasie der Betrachter*innen herausfordert, sich ein Objekt vorzustellen, das man nicht in seiner Ganzheit sieht, aber schon einmal in der Hand hatte.

Die serielle Strenge sowie die gleiche Perspektive und Ausleuchtung, mit der weitere Requisiten des Alltags wie unter anderem ein Kugelschreiber, ein Smartphone, eine Fernbedienung und Stecknadeln vorgestellt werden, lässt eine besondere Art einer Typologie entstehen, auch wenn die Gegenstände nur in Teilstücken gezeigt werden.

Wie in einem Bilderrätsel fügen sich die Fragmente zu einer Ahnung der Dinge zusammen. Es ist gerade dieser Balanceakt zwischen einer Genauigkeit in der Abbildung und der Hinterfragung einer eindeutigen Interpretation des Gesehen, der die besondere Qualität der modernen Stillleben von Jörg Egerer ausmacht.

Der Fotograf strebt dabei nicht die glatte Oberflächenästhetik einer Werbefotografie an, sondern baut vielmehr bewusste „Fehler“ in der Komposition von Einzelteilen der Alltagsobjekte ein. Wie Widerhaken im Wahrnehmungsprozess forcieren diese einen neugierig fragenden Blick. Auf diese Weise werden elementare Aspekte des Mediums Fotografie im Spannungsfeld zwischen Abbild und Imagination beleuchtet.

Locher

Uhr

Smartphone

Fernbedienung

Stecknadeln

Paket

Jeanslatz

Kugelschreiber

Wattestäbchen

Informationen zur Ausstellung

„Die Ahnung der Dinge“ von Jörg Egerer
Zeit: 16. – 20. Juli 2021
Ort: Gruppenausstellung im Geranienhaus, Schlosspark Nymphenburg, München

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6 Kommentare

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  1. Hallo zusammen,

    echt spannend, ich habe im Juni nämlich das Buch „Die Dinge“ von Donata Elschenbroich gelesen. Untertitel: Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens. Da geht es darum, wie Kinder die Dinge des Alltags wahrnehmen und daran lernen.
    Das hat mir mal wieder deutlich gemacht, wie oberflächtlich das Alltägliche oft gesehen wird. Und wie neugierig Kinder ihre Umwelt erkunden … Daraufhin habe ich für ein Fotoprojekt eine PC-Tastatur auseinander genommen.
    Daher an dieser Stelle auch ein Herzliches Dankeschön für diesen Beitrag.

    Liebe Grüße
    Elke

  2. Blogartikel dazu: Umleitung: Ballstädt-Prozess, Verfassungsschutz, Fussballreporter, Kunst, Fantasy, Fotografie, glückliche Arbeiter sowie ein Sauerländer in den USA und mehr. | zoom

  3. Also ganz hab ich kwerfeldein ja noch nicht aufgegeben; natürlich meine ich das ironisch. Auch wenn ich nicht mehr ganz so häufig vorbeischaue, gucke ich doch immer mal rein. Dieser Artikel plus die entsprechenden Fotos sind wirklich der Hammer. DAS ist für mich nicht nur ästhetisch wertvoll, sondern eben auch philosophisch. Die intelligible Welt wird sichtbar gemacht. Danke!
    Grüße, Wilhelm

  4. Blogartikel dazu: 23 „Kleinigkeiten“ gegen Langeweile am 18.07.2021