05. Juli 2021 Lesezeit: ~9 Minuten

Nackt ist nackt

Ich folge Felicitas schon eine Weile auf Instagram und blieb kürzlich an zwei ihrer Bilder hängen. Man sah auf dem ersten einen Männerakt und auf dem zweiten eine Frau in exakt derselben Pose. Ich fand es faszinierend, dass ich dadurch verleitet wurde, beide Bilder miteinander zu vergleichen.

Und es entstanden viele Fragen in meinem Kopf: Finde ich das Frauenbild ansprechender? Wenn ja, warum? Welchen Unterschied macht das Geschlecht auf Bildern für mich persönlich aus? Und warum macht meine visuelle Wahrnehmung dabei überhaupt einen Unterschied? Kurz darauf stellte ich fest, dass Felicitas zu dieser Idee eine ganze Serie fotografiert hatte. Ich bat sie kurzerhand um ein Interview.

Schoß einer nackten Frau mit Händen vor dem GenitalSchoß eines nackten Mannes mit Händen vor dem Genital

Wie bist Du auf die Idee zu Deiner neuen Fotoserie gekommen?

Das war keine lang ausgereifte Idee, sondern entstand eher aus einem spontanen Gedanken. Ich fotografiere selbst überwiegend weibliche Modelle, aber manchmal auch meinen Freund David. Es ärgert mich, dass die Fotos, die ich von ihm mache, eine andere Resonanz erfahren, insbesondere auf Instagram.

Ich habe also überlegt, woran das liegt, denn ich mache keine anderen Bilder, wenn ich ihn fotografiere. Ich fotografiere ihn genauso wie die weiblichen Modelle. So kam ich auf die Idee, genau das gleiche Foto einmal von einem Mann und einmal von einer Frau zu machen, um sie dann gegenüber zu stellen und einen direkten visuellen Vergleich zu haben.

Dadurch gibt es nicht die Ausrede, bei dem einen Bild seien die Farben anders oder bei der anderen Aufnahme seien das Licht und der Bildaufbau besser. Um vor Augen zu halten, wie unterschiedlich wir die Bilder dann dennoch wahrnehmen und lesen, habe ich diese Serie erstellt.

Siehst Du die Serie als eine Art Experiment? Veröffentlichst Du mal das Foto des Mannes und in einem zeitlichen Abstand dazu das Foto der Frau, um die Resonanz vergleichen zu können?

Nein, ich zeige die Bilder immer jeweils zusammen. Für ein richtiges Experiment sind Instagram und der Algorithmus zu unberechenbar. Es wird also definitiv keine wissenschaftliche Studie, ich versuche eher, mit den Fotos auf das Problem aufmerksam zu machen.

nackte Frau über ein Sofa gebeugtnackter Mann über ein Sofa gebeugt

Du sprichst den Algorithmus schon an: Es gibt eine Untersuchung von AlgorithmWatch, die herausgefunden hat, dass Bilder von Frauen in Unterwäsche oder Bikini deutlich öfter im Newsfeed erscheinen als sie relativ dazu veröffentlicht werden.

Das kann ich mir gut vorstellen. Ich habe das Beispiel leider auch schon im Zusammenhang mit People of Color oder Körperaktivist*innen gehört. Ihre Beiträge würden auch seltener angezeigt.

Das ist natürlich höchst problematisch. Man könnte dadurch mutmaßen, dass es kein gesellschaftliches Problem ist, dass Deine Männerbilder weniger geklickt werden, sondern es am Algorithmus von Instagram liegt. Wenn Männerbilder weniger häufig angezeigt werden, werden sie natürlich auch weniger oft geklickt.

Vielleicht spielt das mit rein, aber wenn ich mich durch die Profile klicke, sind die meisten Modelle dann doch weiblich. Und ich will mich da gar nicht ausnehmen. Ich bin natürlich nicht frei von der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Ich selbst merke bei mir auch, dass ich eher bei Portraits von Frauen hinschaue. Ich fotografiere ebenfalls mehr Frauen als Männer.

Hast Du eine Idee, woran das liegt?

Ich merke bei mir selbst, dass das Posing oder eine Inszenierung mir mit Männern schwerer fällt. Es ist vielleicht auch antrainiert, dass wir uns viele Bildideen schwerer mit einem Mann vorstellen können. Zum Beispiel bei einem verträumten Bild, in dem eine Person sich ans Fenster lehnt.

Das soll nicht heißen, dass man das nicht auch mit einem Mann umsetzen kann oder sollte. Oder dass ich das nicht probieren möchte, sondern einfach nur, dass ich bei einer solchen Pose zuerst an eine Frau denke.

Frau sitzt mit dem Rücken zur Kamera auf einem SofaMann sitzt mit dem Rücken zur Kamera auf einem Sofa

Ja, das verstehe ich. Wir sind natürlich sehr geprägt von dem, was wir sonst so sehen. Und da wir Männer selten in verletzlichen Posen sehen, wirkt es erst einmal ungewohnt.

Deine Bilder zeigen aber gar nicht diese typisch weiblichen Posen, die Du gerade beschreibst. Du spielst viel mit Körperformen und surrealen Posen, bei denen das Geschlecht und unsere visuelle Erziehung eigentlich keine Rolle spielen. Wie erklärst Du Dir, dass auch in diesen Bildern die Fotos mit weiblich gelesenen Personen öfter favorisiert werden? Wahrscheinlich kann selbst der Algorithmus von Instagram in vielen Aufnahmen nicht unterscheiden, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

Ich weiß leider auch nicht, wie intelligent dieser Algorithmus ist. Aber ich stimme Dir zu, dass ich selbst männlich oder weiblich gelesene Person gar nicht unterschiedlich darstelle. Zumindest in meinen aktuellen Fotos. Es fällt mir auch gar nicht schwer, dieses Abstraktere, Skulpturale, das ich in meinen Bildern zeige, mit Männern umzusetzen.

Auch bei dieser Serie ist es mir nicht schwer gefallen, zu überlegen, welche Pose wohl bei beiden funktioniert. Es lief ganz natürlich ab und es stand nie eine der Posen in Frage. Die einzige Herausforderung, vor der ich stand, war die Zensur, die Instagram am Ende unterschiedlich setzt.

Du müsstest im Grunde dann beide Bilder zensieren, um sie vergleichbar zu machen.

Genau. Ich habe zuerst David fotografiert und am nächsten Tag dann Chrissi. Und erst dabei habe ich gemerkt, dass ich einige Aufnahmen zensieren muss.

Frauenoberkörper nacktMänneroberkörper nackt

Der Gedanke entsteht aber auch nur, weil Du hauptsächlich auf Instagram unterwegs bist. Wahnsinn, was diese Plattform mit uns macht, oder?

Total! Ich versuche, beim Fotografieren diesen Gedanken abzulegen und teile dann manchmal auch ein zensiertes Foto auf Instagram, dass auf meiner Webseite natürlich unzensiert zu sehen ist.

Da ich diese Serie aber sehr gern in den sozialen Medien zeigen wollte, weil sie die dortigen Probleme aufzeigt, war der Gedanke dann doch relevant. Es geht ja genau um das Thema der unterschiedlichen Wahrnehmung zwischen Mann und Frau in den sozialen Medien.

Wenn wir bei den Vorgaben von Instagram bleiben: Deine Bilder sind auch alle fast quadratisch, also sehr an das Format von Instagram angepasst. Ist das ein Zufall?

Das liegt einfach an meiner 6×7-Kamera, der Mamiya RZ67 und dem damit verbundenen Filmformat. Es ist also ein glücklicher Zufall.

Wie fallen die Reaktionen auf die Serie bisher aus?

Es kamen überraschend viele Rückmeldungen. Auch viele private Nachrichten und Diskussionen, die spannend waren und mir auch noch einmal neue Perspektiven zum Thema aufgezeigt haben. Ich bin aber zugegeben sehr schlecht darin, auf all die Kommentare einzugehen und mich hat die Menge dann etwas überfordert.

Hast Du durch die Gedanken zum Thema eine andere Herangehensweise an Deine Fotos bekommen? Fotografierst Du ab jetzt mehr Männer?

Ich habe mich auf jeden Fall darin bestärkt gefühlt, wie ich momentan fotografiere. Zudem möchte ich versuchen, fotografisch noch weniger Unterschiede zwischen weiblich und männlich gelesenen Menschen zu machen. Wichtig ist mir als Fotografin einfach, ein gutes Bild zu komponieren. Und das möchte ich nicht vom Geschlecht oder dem allgemeinen Aussehen der Personen anhängig machen.

Ich möchte nicht in Gender-Schubladen denken, wenn ich fotografiere. Die Kommentare haben mich dahingehend bestärkt, denn dort wurde auch oft der Wunsch nach mehr Vielfalt in Fotos geäußert.

Instagram ist natürlich ein wahnsinnig niederschwelliges Medium und so sehr wir das auch alle verteufeln, ist es eben ein sehr einfaches Medium, bei dem so viele Menschen vertreten sind. Genau dadurch prägt es auch sehr stark unsere Wahrnehmung.

Obwohl wenn ich keine große Reichweite habe, bin ich doch Teil dieses visuellen Mediums. Was man tagtäglich sieht, was man auch selbst aussendet, prägt die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung mit und beeinflusst. Dazu trage ich als Fotografin einen kleinen Teil bei.

Oder um es ins Kleine zu bringen: Wenn Du mehr Männer fotografierst und zeigst, melden sich vielleicht auch mehr Männer als Modelle. Solange sie aber hauptsächlich weiblich gelesene Personen auf Deinen Bildern sehen, trauen sie sich vielleicht auch weniger.

Genau.

Ich habe auch viel über meine eigenen Arbeiten nachgedacht, denn ich zeige ebenfalls hauptsächlich Frauen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mich als Frau auch selbst am besten mit Frauen identifizieren kann und sie deshalb mein Hauptmotiv sind.

Ja, das kann ich auch sehr gut nachvollziehen. Meine Modelle sind auch meist meine Freundinnen und ich umgebe mich gern mit Frauen. Ich werde in Zukunft auch nicht zu exakt gleichen Teilen Frauen und Männer fotografieren. Ich will nur versuchen, mich gedanklich weniger zu limitieren.

Dann bin ich sehr gespannt auf deine nächsten Fotos und wünsche dir noch viel Erfolg. Danke für das Gespräch!

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1 Kommentar

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  1. Hello again

    Schön, einfühlsame Portraits von unbekleideten Menschen zu sehen.
    Das fotografische Spiel zwischen gleichen Posen bei Mann und Frau.
    Die aktuellen Positionen „verrenkter“ Darstellungen gefallen mir zwar weniger, sind gekünstelt, zu aufdringlich, gewollt im Suchen nach Neuem, aber insgesamt eine viel zu selten gesehene Palette von Männerbildern im Genre der überdominanten Frauenaktbilderflutenwelt. Schön.
    Mehr davon. Bitte.
    VERMEHRT SCHÖNES!