Bushaltestelle am Rand einer Landstraße vor nebligem Feld
24. Mai 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Brandenburg unplugged

Am 12. März 2020 wollte ich eigentlich meine Ausstellung „Brandenburg unplugged“ mit einer feierlichen Vernissage in unserer „Fotogalerie Potsdam“ eröffnen. Ich freute mich riesig und erwartete auch wegen viel Werbung in den Printmedien zahlreiche Besucher.

In der Vorbereitung dazu erfüllte ich mir einen langgehegten Traum und stellte zum Ausstellungsthema mein erstes gleichnamiges Buch zusammen. Pünktlich zum Ausstellungstermin saß ich also stolz wie Bolle auf kistenweise schön produzierten Büchern und hoffte natürlich darauf, bei der Vernissage viele davon an die Besucher verkaufen zu können. Doch es kam anders.

blaue Garagentore vor blauem Himmel

Garagen vor Plattenbau

Pünktlich zur Vernissage wurde der erste Corona-Lockdown verkündet und die behördlichen Auflagen machten eine Vernissage unmöglich. Die Absage war natürlich traurig, aber in dieser Situation einfach auch nötig. Die Bilder hingen nun zwar als schön präsentierte Fine-Art-Drucke an der Wand, aber zunächst konnte sie niemand sehen. Im Frühsommer konnte ich wegen der gelockerten Maßnahmen dann dennoch mit kleinerem Publikum eine Vernissage durchführen.

Das Buch fand dann nicht zuletzt aufgrund mehrerer Presseartikel und sogar eines kleinen Fernsehberichts im RBB-Fernsehen erfreulich viele Interessenten, sodass die erste Auflage inzwischen vergriffen ist. Besonders gefreut hat mich beim Feedback zu Buch und Ausstellung, dass das Thema und seine Umsetzung auch viele „Ureinwohner“ Brandenburgs sehr berührt und angesprochen hat.

verlassene Tankstelle

aufgehängtes Netz und zwei Bäume auf nebligem Feld

Die Serie „Brandenburg unplugged“ zeigt Brandenburg roh und ungeschönt, abseits der leuchtenden Metropolregion Potsdam mit seinen berühmten Schlössern und Gärten. Die Idee dazu entstand kurz nach meinem beruflich bedingten Umzug von München nach Potsdam im Jahr 2006.

Fasziniert von den vielen neuen Eindrücken und den offensichtlichen schnellen Veränderungen, die dieses Bundesland seit der Wende erlebt hat, begann ich gleich darauf, meine neue Wahlheimat mit der Kamera zu erkunden. Zunächst geschah dies natürlich eher aus der Sicht des staunenden Außenstehenden, dann aber mit zunehmender Beschäftigung mit der jüngeren Geschichte und dem Kennenlernen der Einheimischen auch mehr und mehr aus der Sicht des Insiders.

Hinweisschild zu einem Imbiss, überwucherter Verschlag

grüner Hinterhof mit Hollywoodschaukel

Die Bilder zeigen liebenswerte Eigenheiten dieses Landstrichs. Es sind oft Orte, die kleine Geschichten erzählen; Orte, die im Wandel oder im Verschwinden begriffen sind. Auch wenn jedes Bild für sich allein genommen ästhetisch ansprechend sein soll, entstand in der Serie auch ein Zeitdokument, eine Art persönliche Chronik des Landstrichs.

Für mich ist Brandenburg selbst nach mehr als 14 Jahren immer noch ein Land der Gegensätze, nicht nur im Vergleich mit der pulsierenden Bundeshauptstadt Berlin, die komplett von Brandenburg umgeben ist, sondern auch beim Blick auf unterschiedliche Landkreise oder Stadtviertel innerhalb der wenigen größeren Städte.

verfallende Hausfassade

verfallende Hausfassade

Während die „Boomtown“ Potsdam die am schnellsten wachsende Landeshauptstadt Deutschlands ist, ist die Bevölkerung in den ländlichen Regionen außerhalb des Berliner Speckgürtels, die von der Deindustrialisierung nach der Wende am stärksten betroffen waren, nach wie vor eher rückläufig.

Entsprechend finden sich in Potsdam und seiner unmittelbaren Umgebung inzwischen zahllose Neubausiedlungen, während es dagegen auf dem Land und in vielen kleineren Städten immer noch viele verlassene Gebäude, aber auch reizvolle Kuriositäten und Relikte der DDR-Zeit gibt. In Potsdams Zentrum wurden die architektonischen Zeugen dieser Ära jedoch zunehmend getilgt und durch einfallslose, historisierende Bauten ersetzt.

ehemaliges Einkaufszentrum

verfallende Hausfassade

Potsdams schnelles Wachstum geht einher mit sehr gegensätzlichen Stadtvierteln. Mit ihren Gegensätzen zwischen Neubauten, schicken renovierten Altbauten und Plattenbauten spiegeln sie ausgeprägter als im Westen die soziale Schichtung mit den Beschäftigten der zahlreichen naturwissenschaftlichen Institute, Hightech-Unternehmen und Ministerien einerseits und Geringverdienern und Sozialhilfeempfängern andererseits wider.

Auch zwischen den Regionen ist der Wohlstand recht unterschiedlich verteilt. Während der die kreisfreie Stadt Potsdam umgebende Landkreis Potsdam-Mittelmark inzwischen das höchste Pro-Kopf-Einkommen von allen neuen Bundesländern aufweist und sich auch das benachbarte Brandenburg an der Havel wieder über wachsende Beliebtheit freut, ging der Aufschwung der letzten Jahre an einigen Regionen vor allem im Nordosten des Landes weitgehend vorbei, was auch am Gesicht der Dörfer und Städtchen deutlich wird.

Radfahrer vor ehemaligem Pelzgeschäft

Dennoch: Die letzten dreißig Jahre waren eine Erfolgsgeschichte. Seit der Wende vor drei Jahrzehnten hat sich Brandenburg vom Armenhaus der neuen Bundesländer zu einem ansehnlichen Wirtschaftsstandort entwickelt, der sich nicht hinter vielen alten Bundesländern verstecken muss.

Informationen zum Buch

„Brandenburg unplugged“ von Ralph Gräf
Sprachen: Englisch, Deutsch
Einband: Hardcover
Papier: Munken Lynx 170
Seiten: 108
Maße: A4 quer
Verlag: Eigenverlag
Preis: 29,90 € inkl. Versand
Bestellung: via Kontaktformular

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8 Kommentare

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  1. Über dieses Projekt bin ich bereits vor über einem Jahr durch einen Beitrag in einem Berliner Fotomagazin, das glaube ich nur vierteljährlich erscheint, aufmerksam geworden. Mich sprechen solche Projekte sehr an, weil sie einerseits Zeitgeschichte dokumentieren und jemandem, der dieses Gebiet nicht kennt, einen guten Eindruck gewinnen lassen. Mit den zurückhaltenden Farben und dem teilweisen minimalistischen Bildstil finde ich es auch exzellent umgesetzt. Gerne mehr Berichte über ähnliche Fotoprojekte!

  2. Der morbide Charme verfallener Industrieanlagen – fünf Euro ins Phrasenschwein –, war mein erster Gedanke. Oder: Lost (?), rotten (?) Places? Die „Places“ teilweise ja. Aber die Menschen? Sicher nicht so verloren und überhaupt nicht verrottet! Tolles Projekt. In vielleicht 10 Jahren ist davon nichts mehr zu finden. Mein „Style“ ;-) Absolut dokumentierenswert. Gab es beim Ablichten als zunächst Außenstehender keine Probleme bis hin zu wütendem Protest, Drohungen oder gar mehr?“

    • Danke :-) Nein, ich hatte bisher zum Glück nie Probleme. Allenfalls vielleicht Fragen wie „warum fotografiert man denn sowas?“ Ich habe mich bisher hinsichtlich des Buchs über erstaunlich viel positives Feedback der Brandenburger freuen können. Schöne Grüße, Ralph

  3. Klassisch gestaltete Dokumentarfotografie, ich liebe solche Bilder. Solche Motive findet man inzwischen auch in Bayern zur Genüge in den Zentren von Städten und Marktflecken dank der verfehlten Politik, die die Einkaufszentren in den Speckgürteln fördert.