Kind auf einer selbstgemachten Schaukel vor einem Zelt
09. April 2021 Lesezeit: ~11 Minuten

Ein Bildband für Horst Seehofer

Auf Facebook wurde in den letzten Tagen ein Brief von Horst Seehofer an die Fotografin Alea Horst vielfach geteilt. Während ich das schreibe, hat der Beitrag schon 408 Kommentare und wurde 361 mal geteilt. Der Brief war die Antwort auf einen Bildband über die Lager in Lesbos.

Alea arbeitet seit 2016 als Reportagefotografin und dokumentiert die Situation der flüchtenden Menschen ebenso wie Kinderarbeit in Bangladesch und andere Verbrechen auf der Welt. Ich war neugierig, wie sie die Antwort von Seehofer wertet und bat sie um ein Interview.

Kinder spielen zwischen Müll

Wenn man auf Deine Webseite schaut, sieht man dort erst einmal nur Hochzeitsaufnahmen. Und etwas versteckt die Reportagen. Seit 2016 warst Du in Bangladesch, Sri Lanka, Aleppo und auf Lesbos, um nur einige Orte zu nennen. Wie bekommst Du alles unter einen Hut?

Ich bin aktuell in einer Transformationsphase. Meine Hochzeitsfotografien haben jetzt lange die sozialen Reportagen finanziert. In der Hauptsaison habe ich sehr viele Hochzeiten fotografiert und bin dann in der Nebensaison von November bis März aufgebrochen, um soziale Projekte zu dokumentieren oder zu unterstützen.

Ich bin ja nicht nur als Fotografin unterwegs, sondern oft auch als Nothelferin, Seenotretterin oder Menschenrechtsaktivistin. Bei den sozialen Projekten ist die Fotografie für mich ein zusätzliches Instrument, um den Menschen zu helfen. In den letzten Jahren sind auch immer mehr Hilfsorganisationen auf mich aufmerksam geworden und haben gesagt: Die größte Hilfe, die Du leisten kannst, ist, gute Bilder zu produzieren.

Diese Anfragen haben in den letzten Jahren überhandgenommen und ich habe gemerkt, dass mir diese Reportagen auch viel wichtiger sind als die Hochzeiten. Sie haben einfach eine viel größere Notwendigkeit, sodass ich jetzt zum 1. Januar auch beschlossen hatte, keine Hochzeiten oder Familienportraits mehr anzubieten. Ich widme mich ausschließlich den Reportagen.

Dafür gründe ich gerade einen Verein und hoffe, dass dieser meine Arbeiten dann langfristig finanzieren kann. Wenn ich keine Hochzeiten mehr fotografieren muss, habe ich zeitlich viel größere Kapazitäten.

Person hält beschriftetes Blatt nach oben

Ich höre heraus, dass die ganzen Organisationen und NGOs Deine Arbeit nicht ausreichend bezahlen können. Man könnte die Reportagen nicht durch die Reportagen finanzieren?

Es gibt Organisationen, die mich bezahlen, aber die meisten können sich nur einen sehr geringen Tagessatz leisten. Von 250 € pro Tag kann ich nicht einmal die Reisekosten decken. Als selbstständige Fotografin kann ich nicht nur von diesen Aufträgen leben.

Kannst Du Dich an Deine erste Reportage erinnern? Wie hat das alles angefangen?

2015 hatte ich ein wahnsinnig erfolgreiches Fotografiejahr. Ich habe sehr hochkarätige Paare begleitet, war auf Schlössern und an anderen luxuriösen Orten unterwegs. Zeitgleich sah man in den Medien die vielen Bomben auf Syrien fallen, Menschen standen an den europäischen Außengrenzen. Ich kam mit dieser Diskrepanz nicht klar: Dass ich in dieser luxuriösen Welt hänge, während es so viel Leid direkt vor unserer Tür gibt.

An Silvester fasst man ja Vorsätze fürs neue Jahr und ich habe also beschlossen, etwas zu tun. Ich schloss mich einer schwedischen Hilfsorganisation an und bin nach Lesbos gereist, um als Nothelferin zu arbeiten.

Was ich da gesehen habe, war so schlimm. Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man nicht vor Ort war. Ich habe am Strand geholfen, Menschen aus den Booten zu ziehen. Ich habe gerochen, was für Entbehrungen sie wochenlang erleiden mussten. Diese Todesangst in den Augen zu sehen, sie schreien und weinen hören – das war für mich wie ein schwerer Schlag ins Gesicht.

Ich war wie gesagt nicht als Fotografin vor Ort, habe aber die Kamera in die Hand genommen, weil ich dachte: Es ist so schrecklich hier, das glaubt mir zuhause kein Mensch. Diese ersten Bilder habe ich nur für meine Familie gemacht und auch nur, wenn die Situation am Strand einigermaßen unter Kontrolle war und wir genügend Helfende waren. Ich musste die Bilder als Beweis machen.

Dann bin ich nach Hause gekommen und kam in mein normales, altes Leben nicht mehr zurück.

Menschen schlafen draußen an einer Bushaltestelle

Hast Du etwas gefunden, das Dir hilft, das Erlebte zu verarbeiten? Wie schützt Du Dich und was hilft Dir, wieder ins Leben zurückzufinden?

Es gibt eine wahnsinnige Diversität in solchen Krisen- und Kriegsregionen. Auf der einen Seite ist dieses Leid und auf der anderen Seite trifft man unfassbar fantastische Menschen, die, obwohl sie selbst nichts haben, alles teilen. Die, obwohl es ihnen schlecht geht, jeden Morgen aufstehen und nicht aufgeben.

Es gibt auch so tolle Nothelfer*innen und Sozialarbeiter*innen. Menschen von Hilfsorganisationen, die im tiefsten Schlamm stehen und die Ärmel hochkrempeln, um das Leben anderer etwas zu verbessern.

Das ist etwas, das mich immer wieder inspiriert und wobei ich mir auch selbst sage: Ich kann hier doch nicht jammern, nur weil ich zusehen muss. Ich bin ja nicht betroffen, sondern ich muss nur hinsehen.

Ich bin auch immer sehr nah bei den Menschen. Ich möchte nicht über sie reden, sondern mit ihnen. Man kann mich oft auch sitzend mit einer geflüchteten Familie in einem Zelt antreffen. Ich brauche diesen nahen Kontakt zu ihnen, denn das gibt mir die Kraft, alles zu verarbeiten.

Was tatsächlich schlimm ist, ist nach Hause zu kommen. In dieses luxuriöse, sorgenfreie Deutschland zurück. Im Vergleich zu dem Leid vor Ort, wie zum Beispiel der Kinderarbeit in Bangladesch, haben wir hier ja ein unfassbar fantastisches Leben.

Und gleichzeitig sehe ich hier eine wahnsinnige Gleichgültigkeit dem Rest der Welt gegenüber. Ich finde, wir haben in Deutschland vollkommen die Bodenhaftung verloren, weil wir überhaupt nicht mehr verstehen, was die Armut und diese unfassbare Ungleichheit wirklich für die Menschen bedeuten. Das verstehen wir nicht mehr.

Es gibt diesen Spruch, den Marie Antoinette gesagt haben soll: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ So gehen wir mit mental mit diesen Schicksalen um. Und das ist der große Frustrationsfaktor bei meiner Arbeit. Es ist nicht das Anschauen von Leid, sondern dass ich die Gleichgültigkeit der deutschen Gesellschaft akzeptieren muss.

Menschen an einem Wasser

War das auch der Grund, warum Du beschlossen hast, die Bildbände zu drucken und an Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Horst Seehofer zu schicken?

Ja. Ich hatte im letzten Jahr eine große Ausstellung in Berlin kreiert. Ich habe sie auch extra nach Berlin gebracht, weil ich wollte, dass Politiker*innen dort hineingehen. Ich habe ein multimediales Erlebnis geschaffen, in dem man auf Kinoleinwand in 180° Bilder und Ton aus Flüchtlingslagern sehen und hören kann.

Es ist eine sehr bewegende Ausstellung, aber wegen der Corona-Pandemie kann sie nicht besucht werden. Das ist frustrierend. Aber deshalb habe ich nach anderen Wegen gesucht, meine Arbeiten der Politik nahe zu bringen und habe diesen Bildband erstellt.

Was sieht man in diesem Bildband?

Ich habe ganz viele Kinder auf Lesbos interviewt und portraitiert. Im Bildband sind sowohl die Portraits als auch Zitate zu finden, in denen die Kinder erzählen, wie es ist, als geflüchtetes Kind zu leben. Die Bilder sehe ich im Buch tatsächlich eher als Beiwerk zu diesen Zitaten.

Zitat in einem Buch

Arbeitest Du für diese Zitate mit Übersetzer*innen zusammen?

Ja, ich bin immer mit Übersetzer*innen unterwegs, aber es sind immer Menschen aus den Lagern selbst. Ich beauftrage niemanden Fremdes dafür, sondern bin immer direkt in Kontakt mit den Geflüchteten und suche mir vor Ort Menschen, die mich unterstützen möchten.

Seehofer hat ja tatsächlich auf Deinen Bildband geantwortet und Dir einen Brief geschickt, den Du auf Facebook veröffentlicht hast. Dieser Beitrag hat sehr viel Resonanz bekommen. Hat es Dich überrascht, dass er geantwortet hat?

Ja, ich hatte keine Erwartungen, aber doch Hoffnung. Ehrlich gesagt habe ich nicht geglaubt, dass die drei die Bücher überhaupt zu sehen bekommen. Ich habe aber alles dran gesetzt und die Bücher so hochwertig wie möglich produziert, mit Layflat-Bindung und individuellen Covern. Ich habe viel Geld in die Hand genommen, damit der Druck außergewöhnlich ist. Ich wollte damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine der drei Personen das Buch ansieht. Der Brief von Seehofer war für mich eine riesige Überraschung.

Ich habe gestern auch eine Antwort der Bundeskanzlerin bekommen. Allerdings war das eher ein Standardantwortbrief: „Danke für den gelungenen Bildband und für Ihre weitere Arbeit alles Gute.“ Von Frau von der Leyen habe ich noch keine Antwort erhalten.

Einblick in einen Bildband

Ich will ehrlich sein. Als ich die Antwort von Horst Seehofer gelesen habe, war ich nicht so positiv gestimmt wie die meisten Menschen, die den Beitrag kommentiert und geteilt haben. Er schreibt Sachen wie: „Angesichts des unermesslichen Leids der von Ihnen porträtierten Menschen, aus deren Augen aber auch die Kraft des Lebens spricht, muss ich mich fragen, ob wir genug zur Behebung oder Linderung des Leids der Menschen tun.“ Du selbst fotografierst seit fünf Jahren, solche Bilder und Interviews gibt es seit Jahren. Liest der Mann keine Zeitungen, sieht er keine Nachrichten? Vielleicht bin ich in Resignation verfallen, aber es liest sich für mich zynisch.

Ja, er weiß das alles natürlich und hat auch öfter gesagt, diese Lager seien die Schande Europas. Ich hatte natürlich nicht die Erwartung, dass dieser Mann auf einmal sagt: Ach, die Bilder sind so besonders und die Texte haben mich so berührt, ich verändere mich und rette jetzt die Menschen, die wir seit Jahren absichtlich und obwohl wir die finanziellen Mittel haben, menschenunwürdig behandeln.

Meine Erwartung ist auch recht niedrig. Der Wunsch, den ich hatte, war, dass er es sich noch einmal anschaut. Vielleicht hat es einen kleinen Stich gegeben. Selbst wenn er beim nächsten Abschiebeflug nicht mehr ganz so breit in die Kamera grinst, ist für mich schon etwas gewonnen.

Und es war natürlich eine Aktion, um noch einmal etwas Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Jetzt muss auch die nächste Aktion folgen.

Kinder posieren vor der Kamera

Das klingt, als hättest Du einen Plan für den nächsten Schritt?

Ich arbeite ja momentan an nichts anderem, als Aufmerksamkeit für die Menschen in den Lagern, aber auch in den Krisen- und Kriegsregionen zu generieren. Ich möchte im Sommer mit einer Organisation nach Afghanistan gehen.

Ich sehe mich als Fotografin als Brückenbauerin und helfe beim kulturellen Dialog, weil ich immer wieder sehe, dass wir gesellschaftlich voller Vorurteile sind und in Wirklichkeit überhaupt keine Ahnung haben. Und ich stelle vor Ort solange naive Fragen, bis ich alles gut und einfach übersetzen kann.

Ich werde damit auch nicht aufhören. Das war jetzt eine Aktion, aber es wird mehr folgen.

Vielen Dank für das Interview und viel Kraft für die neuen Projekte!

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29 Kommentare

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  1. „Ich finde, wir haben in Deutschland vollkommen die Bodenhaftung verloren, weil wir überhaupt nicht mehr verstehen, was die Armut und diese unfassbare Ungleichheit wirklich für die Menschen bedeuten. Das verstehen wir nicht mehr.“
    Ziemlich abgehoben. Haben wir hier nicht allein 1,5 Millionen Syrer aufgenommen und zahlen die Steuerzahler hier nicht jährlich allein über 50 Milliarden nur für Asylsuchende hier?
    Ich möchte in meinem Land auch noch leben und nicht alles abgeben.

    • Super, Mike. Du bist ja das beste Beispiel dafür, dass jemand sich in die Lage anderer überhaupt nicht hineinversetzen kannst.

      Wähle doch bitte eine Partei, die die Reichen (Internetkonzerne, Millionenerben etc.) zur Kasse bitten will und nicht die Armen.

      Und glaube bitte nicht jeden Bullshit, den AfD, Pegida etc. verbreiten Es sind nicht 50 Milliarden, sondern 21,9 Milliarden.

      • „Wähle doch bitte eine Partei, die die Reichen (Internetkonzerne, Millionenerben etc.) zur Kasse bitten will und nicht die Armen.“
        Finden Sie das nicht reichlich aufdringlich, hier Wahlempfehlungen zu geben? Jeder wählt die Partei, die er für die richtige hält. Egal, ob 50 Milliarden oder 21,9 Miliarden, die wirklichen Kosten werden so oder so verschleiert. Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern, egal ob er dafür, oder dagegen ist!

    • Vielen dank für die Idee. Das Bildband ist limitiert auf diese drei Exemplare. Ich persönlich möchte daraus auch keinen Profit machen. Es geht hier lediglich um Aufklärung. Aber bald habe ich einen eigenen Verein, der genau solche Projekte finanzieren soll. Den kann man dann sehr gern unterstützen.

  2. Ich bewundere immer Fotografen, die es auf sich nehmen und nicht müde werden uns über diese Missstände zu berichten, währen wir in einer Blase der Glückseligkeit leben und die Augen vor so etwas verschließen. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft zu so etwas hätte.

    Ich finde die Aktion die Bücher an Politiker zu schicken sehr gut. Leider ist es so, dass unsere ranghohen Politiker solche Bilder zu Hauf kennen und trotzdem so handeln, wie sie handeln. Sie haben zwar die Macht etwas zu ändern, aber das ist politisch nicht gewollt. Wenn es ihnen passt, berufen sie sich auf ihre christlichen Werte, die bei zwei Parteien sogar im Namen stecken. Bei solchen Themen „vergisst“ man diese Werte aber ganz gerne.

    Dennoch sind solche Aktionen nicht vergebens, wenn sie öffentlich genug ablaufen. So entsteht politischer und moralischer Druck auf die Politiker, denn sie können öffentlich nicht mehr behaupten, dass sie nichts wussten. Und Bürger werden so auch auf solche Bücher und damit auf die Missstände aufmerksam.

    • Was sind „Christliche Werte“? Den Interpretationsspielraum halte ich da für sehr groß! Der ist selber für Christen sehr unterschiedlich.
      Weiter, jeder der in der Welt unterwegs war und hingeschaut hat weiß, in welchem Elend und unter welchen Umständen Milliarden von Menschen leben müssen. Haben Sie schon einmal gesehen, unter welchen Umständen indische Wandertagelöhner leben müssen. Natürlich berührt einen das, aber man fühlt sich einfach nur hilflos, weil man an diesen Zuständen nichts ändern kann.
      Mich irritiert, dass man sich erst dann dafür interessiert, wenn es in Europa angekommen ist. Mir ist auch nicht klar, warum man von der Türkei nach Griechenland fliehen muß. Europa muß sich nach meiner Meinung abschotten, weil sonst ganz einfach zuviele kommen. Deswegen kann ich die Politik nur ermuntern, auf dem jetzt erkennbaren Weg fortzufahren!

  3. Liebe Alea, wenn Du nach Afghanistan kommst, wünsche ich Dir, dass Du beschützt bleibst und viele Menschen triffst , die in der letzten.Zeit von Herrn Seehofer nach Afghanistan zurück mussten,infolge seiner rigorosen Abschiebepolitik

  4. Ich empfinde den Narzissmus dieser „Fotografin“ als sehr unangenehm; es gibt zahlreiche andere gute Medienleute, die wichtige Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten machen und sich nicht permanent selbst in den Vordergrund stellen müssen wie diese Aktivistin.

    • Hallo Lisa, ich habe Alea angefragt und sie nicht uns. Falls es das ist, was dich irritiert. Zudem ist Aufmerksamkeit auf solche Themen zu lenken, enorm wichtig. Sonst würden wir in Deutschland wohl nichts von dem Leid erfahren.

      • „Zudem ist Aufmerksamkeit auf solche Themen zu lenken, enorm wichtig. Sonst würden wir in Deutschland wohl nichts von dem Leid erfahren.“
        Meinen Sie das wirklich ernst? Es gibt wohl kein anderes Flüchtlingslager, das medial so präsent gewesen ist in den letzten Jahren wir das Camp Moria; z.B. wählte Unicef zuletzt ein Pressebild der Brandstiftung im Moria Camp zum Unicefbild des Jahres.
        Dieses Thema Migration und Flüchtlinge ist so komplex und wichtig, dass es nicht einigen Aktivisten überlassen werden sollte, die gegen jegliche Kritik immun sind, „denn sie sind ja die Guten“.
        Die griechische Regierung hat von der EU bis heute rund 3 Milliarden Euro (!) für Migration und Flüchtlinge erhalten, zudem waren in Moria über 70 NGO’s vor Ort, die noch einmal eine unbekannte Spendensumme erhalten haben und wenig transparent agieren.
        Wenn etwas also Aufmerksamkeit verdient hat in Moria, dann ist es die Frage, wo all das Geld hingegangen ist, womit man längst menschenwürdige Unterkünfte und Behandlung für Flüchtlinge und Migranten hätte aufbauen können.
        Ein Hochglanz Bildband an Seehofer, Merkel oder v.d. Leyen ändert daran leider überhaupt nichts, ausser dass er der Fotografin einige Likes in ihrer Fangemeinde generiert.

      • „Zudem ist Aufmerksamkeit auf solche Themen zu lenken, enorm wichtig.“ Aber das geschieht doch mehr, als ausreichend. Sei es, dass man in Fußgängerzonen über Schuhpaare stolpert, die von Seebrückenaktivisten dort verstreut wurden, um auf das „Sterben im Mittelmeer“ aufmerksam zu machen, oder Mahnwachen, die zu dem selben Zweck abgehalten werden.
        Diskussionen über das Für und Wider sind schon seit langer Zeit nicht mehr möglich, weil dann sehr schnell der „Rassismus“ thematisiert wird. Das geht nun schon seit über 5 Jahren so, und Frau Alea Horst ist an vorderster Front mit dabei. Das macht aber nichts, es sei ihr gegönnt. Ihre Fangemeinde vergöttert sie regelrecht. Deutschland ist in dieser Diskussion führend.
        So sagte es der angesehene Historiker Heinrich August Winkler: „Man versucht sich nun darin, aufgrund des Traumas der eigenen unbewältigten Geschichte eine Sondermoral zu kreieren.“

      • „Diskussionen über das Für und Wider sind schon seit langer Zeit nicht mehr möglich“

        Doch! Das siehst du ja gerade hier. Mehr als zwanzig zum Teil kontroverse Kommentare.

        Vielleicht merkst du es gar nicht: du verwendest diese neuerdings beliebte Taktik, immer dann wenn jemand anderer Meinung ist, zu behaupten, man habe deine Meinungsfreiheit eingeschränkt.

        Nei, du hast ja hier drei- oder viermal deine Meinung gepostet. Das ist ja Beweis genug.

  5. Schade, dass Frau Kemnitz im Interview nicht einmal den für Fotografen wichtigen Punkt „Schutz der Persönlichkeit“ thematisiert: Da fährt also eine Ex-Hochzeitsfotografin in ein Flüchtlingslager und will sich ein soziales Profil verschaffen. Dafür werden dann die Bilder von Minderjährigen großzügig an NGO’s verteilt oder sogar verkauft oder Hochglanzbildbände erstellt. Warum wird dieser Missbrauch des Persönlichkeitsschutzes durch NGO’s etc. nie thematisiert?

    • Hallo Rainer, danke für die Nachfrage. Ich habe mit Alea tatsächlich auch über ihr Vorgehen vor Ort gesprochen. Diesen Aspekt dann aber im Hinblick auf die Länge des Interviews nicht in die endgültige Fassung aufgenommen, da er mir selbst nicht so wichtig erschien und wir das Thema schon öfter behandelt haben.

      Alea berichtete mir kurz zusammengefasst, dass ihr die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort sehr wichtig ist. Sie spricht mit ihnen über ihre Arbeit und lernt sie kennen. Die Interviews und Bilder entstanden im Einverständnis mit den Kindern und Familien.

  6. Oft frage ich mich, ob ich mich wundern muss, dass solchen Projekten ein dermaßen kritischer Wind entgegen bläst. Ich wundere mich immer seltener.

    Was die Fotografin beschreibt, dass derlei Geschichten oder Schicksale in unserem Land kaum jemanden tangieren stimmt doch. Das zeigen einige Kommentare.

    Jetzt um die Ecke zu kommen und noch den Schneid zu haben, daran rumzukritteln, das finde ich echt arm.

    Sicher sind solche Themen sehr schwierig, weil wir bei allem Luxus dennoch mit uns selbst zu tun haben. Ob das als Entschuldigung reicht? Ich weiß es nicht, aber auch ich stehe ja jetzt nicht auf und helfe aktiv mit diese Missstände zu verbessern. Und da diese Missstände auch das Resultat einer bestimmten Politik sind, sollten wir den Finger zumindest in diese Wunde legen.

    Ja, jetzt kommt wieder der Spruch, man wälze die Verantwortung ab. Ist das so? Am Ende wurden über Dekaden ganz bestimmte Parteien von den Deutschen gewählt und die haben dann auch Entscheidungen getroffen.

    Es ist wie alles Politische schwer zu diskutieren, sich aber an jemandem „abzuarbeiten“ der etwas dazu beiträgt, genau diesen Politikern ihre Entscheidungen vor Augen zu halten, macht das echt noch absurder.

    Ein guter Artikel, ich habe ihn gern gelesen.

    Es gibt Wenige die aktiv werden, viele, denen bewusst ist, dass das

    • Lieber Peter,

      vielen dank für Deinen Kommentar. Ich denke die Welt zeigt gerade jetzt ganz deutlich, dass alles miteinander verbunden ist. Wir haben jetzt viele Jahre profitiert, auch auf Kosten anderer. Ich sage nie: wir sind alleine an allem Schuld. Das wäre nicht richtig. Aber wir sind bei so vielen Dingen mitverantwortlich und am Ende gibt es überall Kettenreaktionen. Ob uns das gefällt oder nicht, steht nicht zur Debatte. Es ist wichtig hinzusehen und Dinge aufzuzeigen, das ist doch auch die Aufgabe eines Fotografen. Und natürlich gibts auch andere Fotografen die nach Afghanistan gehen, aber anscheinend nicht genug, sonst würden wir anders damit umgehen. Beim Thema Flüchtlinge ist es immer wie ein Stich ins Wespennest. Ich mache ja auch andere Reportagen (über Pflege zum Beispiel), da kommt keiner auf die Idee mich ein Narzisst zu nennen oder dass ich mich wichtig tun will oder wirft mir vor, dass es doch genug Bilder in dieser Art gibt. Wer in meinem Tun als Freiwillige Helferin oder Fotografin nicht sieht, dass es mir nicht um meine Bilder, sondern um die Sache geht, der hat mein ganzes Wirken nicht verstanden.

      • Es fällt einigen eben schwer für sich zu akzeptieren, dass es Menschen gibt die nicht hinter allem etwas Monetäres sehen, oder Menschen, die mit ihren Projekten (gerade wenn sie eben nicht dafür gedacht sind, anderen Geld aus der Tasche zu ziehen) etwas tun, was einzig dem Zweck dient zu berichten, zu unterstützen, zu supporten. Das muss ja nicht immer so ein Brennpunkt-Thema sein.

        Wer immer selbst immer nur alles für Geld macht – von der Lohnarbeit, der Selbständigkeit oder selbst für „Gefälligkeiten“, immer auch eine Gegenleistung erwartet, für den ist derlei Tun (wie deines), wo auch noch etwas kritisiert wird, auch eine Art Bedrohung. Diese schleichende Gewissheit immer nur an sich selbst zu denken.

        Alea, zieh dein Ding durch, ich wünsche dir alles Gute.

  7. Wir leben in Europa und in Deutschland sehr, sehr gut und haben uns daran gewöhnt, dies als Selbstverständlichkeit zu betrachten. Wenn Bilder – auch jene von Alea – das in unser Bewußtsein zurückbringen, erschrecken wir vor uns selbst … wir können mit dieser Form der Realität kaum mehr umgehen und möchten sie dauerhaft ausblenden. Deshalb ist es gut und wichtig, dass es Fotograf*innen wie Alea gibt, die uns den Spiegel unserer eigenen Geschichte zeigen: Unsere Eltern und Großeltern waren nach 1945 selbst Flüchtende, die einem Großbrand entkommen wollten … und als nachfolgende Generationen stehen wir jetzt auf der anderen Seite und schauen so vielen Menschen bei ihrer Flucht zu -ohne wirklich zu helfen.
    Alea hat mit allem, was sie macht, recht – und wir fühlen, dass es Unrecht ist, weil wir nicht überzeugt unterstützen, wo Hilfe gebraucht wird.
    Meinen großen Respekt habt Ihr beide, Alea und Katja, für ein starkes Projekt und eindrucksvolle Bilder.

  8. Ich hoffe es ist Alea und der Redaktion bewusst, dass – so behaupte ich – der überwiegende Teil nicht kommentierender Leser des Magazins sich fremd schämt, ob der Dümmlichkeit mancher Kommentare.

    • Erstens denke ich das nicht. Zweitens steht es jedem frei, seine Meinung in der eigentlichen Sache zu äußern, wie Sie es nämlich gerade nicht gemacht haben.
      Drittens wurden die Kommentare, die als „dümmlich“ angesehen werden, obwohl sie es nicht unbedingt sein müssen, von der „Zensur“ schon längst gelöscht.

    • Fremdschämen wurde ja bedeuten, die von dir gemeinten Kommentare als peinlich zu empfinden. Das sind sie leider nicht. Man kann sie m. E. nicht mit einer durscheinenden Leggings vergleichen, die jemand durch die Fußgängerzone trägt. Da würde ich auch einfach weg sehen oder die Gelegenheit für ein Schmunzeln erzeugendes Straßenfoto nutzen. Ich schäme mich hier nicht fremd, eher spüre ich leider Aggressionspotenzial in mir aufsteigen.

      Großen Dank an Slea und Katja für die Arbeit und das Interview!