Menschen in einer Achterbahn
15. März 2021 Lesezeit: ~10 Minuten

Die 1970er Jahre in Budapest

Menschen, die vom Trabstand aus einem Pferderennen zuschauen, Kinder, die das Autorennen im Népliget vom Dach eines Autos aus beobachten, und ein Mann, der beim Zeitunglesen auf der Andrássy út alles um sich herum vergisst.

Diese erstaunlichen Straßenfotografien wurden von einem Jungen aus Pest aufgenommen, der bereits als Schüler Fotos machte und das Hobby schon während seines Studiums wieder aufgab. Ungefähr 1.800 Fotos von Sándor Kereki wurden bei Fortepan veröffentlicht, 50 Jahre nach ihrer Entstehung.

Mann steht Zeitung lesend an einer Straßenecke

Andrássy út Ecke Eötvös utca. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

1968 war Kereki ein leistungsstarker Zehntklässler – mit viel Freizeit. Es war die Idee seines Vaters, einem Grafiker, dem Jungen zu seinem Geburtstag eine Kamera zu schenken, was sich als perfekte Wahl herausstellen sollte. Allerdings erkannte Kereki schnell, dass die automatische sowjetische Zorki nicht wirklich das Richtige für ihn war und ersetzte sie nicht lange danach durch eine ebenfalls einfache, aber manuelle Kamera und kaufte sich auch einen Belichtungsmesser. In den folgenden Jahren verbrachte er fast seine gesamte Freizeit mit dem Fotografieren.

Menschen sitzen in einem Baum

Polen. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Bis zu fünfmal pro Woche brach er in die Stadt auf und trieb sich dort bis zur Dunkelheit in den Straßen herum. Nachdem er seine Aufnahmen gemacht hatte, entwickelte er seine Filme selbst und vergrößerte die Bilder in der Küche auf Papier, wo er zur Verdunkelung Decken vor die Fenster gehangen hatte.

Als er sich immer mehr in die Fotografie verliebte, entdeckte er Bücher über Laborarbeiten und Fotomagazine in der Széchényi-Nationalbibliothek und natürlich Fotoklubs, in denen Schüler*innen und Student*innen mit ähnlichen Interessen voneinander lernen konnten.

Nicht lange danach reichte er seine Aufnahmen bei nationalen und internationalen Wettbewerben ein und gewann zum Beispiel in Bulgarien beim Fotoforum eine Goldmedaille. Er hatte mehrere Einzelausstellungen, darunter in einer Kunstgalerie, an der Technischen Universität oder im Budapester Fotoklub, aber die meisten seiner Fotografien blieben in einer Schublade.

Mann hält auf der Straße ein Baby auf dem Arm

Nagykörút. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

„Vom Sehen her kannten wir uns zu der Zeit gut als junge Fotografen. Es gab ein paar von uns, die bei allen Wettbewerben angetreten sind. In der letzten Nacht vor dem Einsendeschluss begegneten wir uns regelmäßig auf dem Hauptpostamt. Es war sogar möglich, die Einreichungen dort noch später aufzugeben, wenn die anderen Postämter bereits geschlossen hatten.“, erinnert sich Kereki.

Rohre liegen vor Häusern

Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Später erschienen seine Fotos in der Presse. Einmal konnte er ein Titelbild für die Zeitung Pajtás landen und im Auftrag Themen für die ungarische Postkolumne fotografieren. Es war eine große Ehre: Als Schüler für eine nationale Zeitung zu fotografieren und auch noch Geld dafür zu bekommen!

Aber nach seiner eigenen Aussage litt er unter den Aufträgen, die ihm vorschrieben, was auf den Bildern zu sehen sein sollte. Er konnte und wollte Bilder nie inszenieren und sich Vorgaben anpassen. Er arbeitete auch nicht gern mit Modellen oder im Studio. Vielleicht hat er deshalb keine Karriere als Fotograf gewählt, obwohl er der Bildkomposition trotzdem sozusagen treu blieb:

Er wurde Fernsehkameramann. 1975 begann er, beim ungarischen Fernsehen zu arbeiten und war dort ab 1989 für 20 Jahre im Nachrichtenbereich tätig. Dort musste er nicht nach einem Drehbuch arbeiten, sondern konnte sich einfach eine Kamera schnappen und das aufnehmen, was er sah.

Titelbild einer Zeitschrift mit zwei Kindern, die auf einem Steg sitzen

Das Cover der Pajtás am 14. August 1969 mit einem Foto, das Kereki am Városligeti-See aufgenommen hat. Quelle: Arcanum Digitális Tudástár

Die Tatsache, dass seine Bilder nicht inszeniert sind, bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht trotzdem gründlich vorbereitet wurden. Auf der Trabrennbahn zum Beispiel war das Teleobjektiv nicht nur nützlich, um aus der Ferne zu arbeiten, sondern auch, um störende Details im Hintergrund auszublenden. Gleichzeitig ist auf seinen Silvesterfotos aus der Unterführung am Blaha Lujza tér alles scharf. Dort richtete er den Blitz gegen die niedrige Decke, um trotz der Dämmerung ein so detailliertes Foto aufnehmen zu können.

drei Männer

Auf dem Trabstand. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

feiernde Menschenmenge

Silvesterfeier in der EMKE-Unterführung am Blaha Lujza tér. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Bei der Präsentation solcher Szenen stellt sich automatisch die Frage, was die auf den Bildern gezeigten Personen dazu zu sagen haben. Nun, wie sich herausstellt, nicht viel. In den 1970er Jahren haben die Menschen sich noch wenig dafür interessiert, ob sie fotografiert werden. Sándor Kereki war wirklich überrascht, als er in den 1990er Jahren als Journalist damit konfrontiert wurde, dass viele Menschen, auf ihre Persönlichkeitsrechte Bezug nehmend, dagegen protestierten, aufgenommen zu werden.

Paar sitzt im Park in der SonneMann vor der Tür einer Eisenbahn, durch die eine Frau blickt

Links: Klauzál tér. Rechts: Polen. Fotos: Fortepan / Sándor Kereki

Mann an einem Auto auf der Straße

Fecske utca, im Hintergrund Népszínház utca. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

In den 1970er Jahren standen die Türen der Wohnhäuser jedoch noch öfter offen und die Menschen waren ebenfalls offener. Die meisten erledigten ihre Besorgungen zu Fuß und so gab es viel mehr persönlichen Kontakt. Wenn er jemanden fragte, ob er ein Foto machen könne, lehnte kaum jemand einmal ab. Sogar Amtsträger hatten nur selten Einwände.

Mann mit Besen vor einer HaustürMann und Frau

Fotos: Fortepan / Sándor Kereki

Mann schaut über eine hohe Mauer

Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Natürlich hat es ihm geholfen, als Student Mitglied des Fotokreises der Technischen Universität Budapest zu werden und er hatte auch einen Ausweis. Eine Karte bedeutete zu dieser Zeit viel, insbesondere mit dem Kürzel BME darauf. Nur wenige erkannten es sofort als das Akronym der Technischen Universität, laut Kereki assoziierten die meisten es stattdessen mit dem Innenministerium.

Mann wischt ein Schaufenster

Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Menschenmenge in einem Park

Trabrennen. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Die Bilder beschwören das Budapest der 1970er Jahre wieder herauf. Es war eine Zeit, in der nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene gern in den Vergnügungspark gingen, da es dort nun auch Spielautomaten gab. Wenn im Népliget Autorennen abgehalten wurden, fuhren sogar auf dem Vörösmarty tér Autos, aber so wenige, dass man in Ruhe auf der Straße sitzen konnte. Die Rasenflächen waren in jenen Jahren mit Papierschnipseln übersät, tatsächlich handelt es sich dabei wohl sicherlich um all die achtlos weggeworfenen Lovi-Wettscheine.

Kinder auf dem Dach eines Autos

Kinder schauen sich ein Autorennen im Népliget an. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

zwei Männer sitzen auf Koffern auf einer Straße

Vörösmarty tér. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Als Kereki dann immer weniger Freizeit hatte, machte er auch immer weniger Bilder. „Manche Menschen können auch während der Mittagspause oder auf dem Weg zur Arbeit Fotos machen. So bin ich nicht. Für mich war es eine Lebensweise, der ich neben Beruf und Familie nicht mehr nachgehen konnte. Unsere drei Kinder wurden relativ bald geboren, wir kauften eine Wohnung und bauten dann ein Haus. Es geht einfach nicht, dass ich durch die Stadt laufe, während meine Frau unsere Kinder zuhause allein aufzieht.“

Kind mit Erwachsenem an einem VerkaufsstandFrau mit Hund an einem Auto

Ein kleines Mädchen probiert im Városliget vor dem Kis Vidámpark von einem Bier. Fotos: Fortepan / Sándor Kereki

Mann mit einem Kind an einem Sandkasten

Klauzál tér. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Kerekis Werke lagen all die Jahrzehnte in der Schublade und kaum jemand wusste, dass er seit seiner Jugend eine so erstklassige und große Bildsammlung aufbewahrt hatte. Zum Glück hat er sie nun wieder hervorgeholt. „Ich möchte nicht, dass meine Enkel diese Negative wegwerfen“, sagte er.

Park mit Warnschild

Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Er rang jedoch viel mit sich, bevor er seine Fotos veröffentlichte, er hatte kaum genug Selbstvertrauen. Vielleicht wusste er wirklich nicht, was für einen einzigartigen Schatz er nun mit uns allen geteilt hat. Andererseits denkt er, dass „ein guter Fotograf nur sehr selten ein Negativ aus der Hand gibt. Wenn doch, dann nur nach reiflicher Überlegung. Ich habe jetzt wahllos Tausende Bilder herausgegeben. Für mich handelt es sich dabei um unvollendete Bilder. Einige Motive wurden schon besser fotografiert, andere hätte ich mit diesem Bildausschnitt nicht ausgestellt.“

Straßenbauarbeiten mit einigen Männern

Lenin körút (jetzt Teréz körút) 13, im Hintergrund der Platz des 7. November (heute Oktogon). Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Menschen auf einem Bahnsteig

Die Angehörigen der Mitglieder des BME-Fotokreises, der nach Polen abreist, verabschieden sich am Ostbahnhof. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

„Ich bin Kameramann, ich habe mein ganzes Leben lang Bilder komponiert. Fortepan war mir anfangs sehr fremd, ich dachte dabei an schlechte Bilder. Aber ich musste erkennen, dass dies keine Ausstellung ist, es sind ‚andere Fotografien‘ als ich sie früher gewohnt war“, erinnert sich Sándor Kereki.

drei Männer und ein Kind

Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Gleichzeitig wollte er seine Arbeiten der Öffentlichkeit zeigen, denn „es kommt selten vor, dass ein Fotograf nur für sich selbst fotografiert und seine Bilder dann zuhause ganz allein betrachtet“. Als er Fortepans Aufruf las, entschied er, dass seine Bilder dort am besten aufgehoben sein würden.

Kind schaut durch eine große Fensterfront

Foto: Fortepan / Sándor Kereki

„Und ich habe nicht einmal gern mit dem Fortepan-Film gearbeitet“, sagt er mit einem Lachen. „Ich habe Orwo-Filme benutzt und war sehr glücklich, als ich die Ilford-Filme für mich entdeckt hatte. Wenn eine Fee mir einen einzigen Wunsch erfüllt hätte, hätte ich sie um einen noch empfindlicheren Film gebeten.“

fotografierender Mann

Sándor Kereki mit einer geliehenen Kamera. Foto: Fortepan / Sándor Kereki

Ihr könnt alle Bilder, die Sándor Kereki Fortepan zur Verfügung gestellt hat, einsehen oder Ihr könnt Euch die einhundert Bilder der Redaktionsauswahl anschauen.

Titelbild: Fortepan / Sándor Kereki

Text: Dávid Zubreczki
Bildredaktion: István Virágvölgyi
Übersetzung aus dem Ungarischen: Aileen Wessely

Danke an Elisabeth Nagy für den Tipp!

Dieser Artikel wird unter der Creative Commons CC BY-ND 2.5 EN-Lizenz (Attribution – Noncommercial – No Derivative Works) veröffentlicht. Übersetzung in Absprache und mit freundlicher Genehmigung von Fortepan: A 70-es évek egy srác szemével.

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5 Kommentare

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  1. Klasse ! Fotos von erstaunlich guter Qualität ! Ganz mein Geschmack.

    Ein Fotograf mit einem ausgesprochen guten Auge und einem hervorragenden Gefühl für Bildkomposition. Sándor Kereki, ein Name, der sich zu merken lohnt.

    Vielen Dank für diesen Bericht.

  2. Vielen Dank für diesen Bericht und diese Entdeckung. Schön, wie pragmatisch er mit seinen Bildern und dem Fotografieren umgeht. Ich klicke mich jetzt mal durch alle seine Bilder.

  3. Diese Bilder waren bereits vor rund 50 Jahren bemerkenswert und sind es heute noch. Ich fürchte jedoch, dass man heute, aufgrund der aktuellen Rechtslage, solche Fotos nicht mehr so ohne weiteres machen kann, wie das in den 70er-Jahren noch möglich war.

    • Natürlich kann man heute noch solche Fotos machen.
      Ich mache sie jeden Tag.
      Allerdings veröffentliche ich nicht alle Fotos im Internet.
      Was allerdings vor allem daran liegt, weil ich oft zu faul bin, alle Negative zu scannen.

  4. Blogartikel dazu: Zehn Verweise - Rappelsnut