11. Februar 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Aktportraits – als Querschnitt durch die Gesellschaft

2012 sah ich Arbeiten von Fotograf*innen, denen ich auf verschiedenen Webseiten folgte, mit überwiegend sehr stark retuschierten Beauty-Fotos. Von den Fotos in den Medien ganz zu schweigen. Dass diese Bilder kein Spiegel der Gesellschaft sind und eine unwirkliche, geschönte Abbildung der Menschen zeigen, ist mittlerweile den meisten bekannt.

So lebte ich unbemerkt in einer Blase und arbeitete ähnlich wie die Beauty-Szene und mich reizte vor allem, ob ich meine Fotoarbeiten technisch vergleichbar umsetzen konnte. Ich konnte – und den Leuten gefiel es. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt wurde ich mir dieser Blase bewusst. Dabei war es kein bewusstes Ausbrechen daraus, ich wollte einfach etwas dagegensetzen und die Menschen zeigen, wie sie wirklich sind: ungeschönt, ohne Maskerade und Verkleidung.

Ein nackter Mann sitzt auf einem HockerZwei nackte Menschen

So kam ich auf die Idee, Aktfotos zu machen, die die Menschen zeigen, wie sie wirklich aussehen. Und die Menschen sind nicht immer Anfang 20, haben eine Top-Figur und einen makellosen Körper. Mein Ziel war es, einen Querschnitt durch die Gesellschaft in meinen Fotos abzubilden und nicht, zu zeigen, dass jeder schön ist. Ich wollte einen objektiven Blick auf die Menschen werfen.

Auf meine Anzeigen in verschiedenen Magazinen meldeten sich einige sehr interessante Menschen unterschiedlichsten Alters. Der jüngste Teilnehmer war 18 und die älteste Akteurin 79 Jahre alt. Ich war überrascht, dass sich so viele Leute meldeten, um sich nackt fotografieren zu lassen. Dabei war die Motivation sehr unterschiedlich: Für einige war es eine Selbsterfahrung und für andere pure Freude an der Nacktheit.

FrauenaktNackte Frau an einem Tisch

Obwohl ich viel positive Resonanz auf das Projekt bekam, war ich noch nicht ganz zufrieden mit meinen Arbeiten. Mein anfängliches Konzept überzeugte mich im Nachhinein vor allem visuell nicht vollständig und mir wurde erst viel später klar, woran das lag: Einige Modelle, die es nicht gewohnt waren, vor der Kamera zu stehen, hätten mehr Anweisungen gebraucht.

So sahen manche Fotos einfach nicht wirklich spannend aus. Aber ich wollte so wenig Anweisungen wie möglich geben, um den Menschen Raum für die eigene Darstellung zu geben. Eigentlich bin ich ein Inszenierer, der den Leuten sagt, was sie tun sollen und wollte es in diesem Fall mal anders versuchen. So ließ ich das Projekt zunächst ruhen und machte danach erst einmal andere Sachen.

Nackte Frau auf einem StuhlMännerakt

Erst 2018 begann ich, wieder Menschen, die nicht dem Mainstream-Schönheitsideal entsprechen, nackt zu fotografieren. Dieses Mal mit einem etwas anderen Studio-Setup und stärker inszeniert, so dass ich mehr und mehr Lust bekam, wieder authentische und natürliche Fotos zu machen.

Da erinnerte ich mich an mein altes Fotoprojekt mit den Aktportraits und ich entschied mich dazu, dieses in neuem Gewand fortzuführen. Sehr hilfreich war dabei die Reflexion in der Arbeitsgruppe der Fotoschule Köln mit dem Dozenten Oliver Rausch, der mir sehr viel Input und Kritik zu meinen Arbeiten gab. Mir wurde deutlich, worum es mir inhaltlich ging und wie ich meine Ideen gestalterisch umsetzen konnte.

MänneraktFrauenakt

Die Bilder sollten inszeniert sein und doch die Eigenheiten der Portraitierten widerspiegeln. Wie stark die Inszenierung ausfiel, hing dabei von den jeweiligen, sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten ab. Hilfestellungen gab ich nur an Stellen, an denen sie benötigt wurden, damit möglichst viel Raum für die eigene Ausdrucksweise der Modelle entstehen konnte.

Einige verstanden es besser als andere, etwas Hintergründiges in ihren Ausdruck zu bringen. Solche Talente gab es auch schon in der ersten Serie und besonders diese Aktportraits übernahm ich dann auch mit in die Endauswahl.

FrauenaktMännerakt

Menschen nackt darzustellen, ist für mich ein Mittel, die gesellschaftliche Stellung und modische Ausdrucksweise zu eliminieren. Nacktheit hat auf mich eine besondere, emotionale Wirkung. Menschen ungeschützt und offen zu zeigen, berührt mich sehr. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich zwar nicht verklemmt, aber selbst doch nicht so offen bin, mich nackt zu zeigen.

Nichtsdestotrotz habe ich mich auch von einem Modell (weiblich, 79 Jahre alt) im Gegenzug nackt fotografieren lassen, da es die Herausforderung der Akteurin war, sich nur nackt fotografieren zu lassen, wenn sie mich im Gegenzug auch nackt ablichten dürfte. So konnte ich mich gut in die Situation meiner Modelle einfühlen.

Zwei Frauen posieren nacktEine nackte Person sieht sich durch einen Spiegel an

Die Resonanz auf meine Anzeigen war gut, jedoch erreichte ich das ursprüngliche Ziel, einen Querschnitt durch unsere Gesellschaft zu zeigen, nicht ganz. Es hätten mehr mollige Personen und Menschen anderer Hautfarbe dabei sein sollen, die sich jedoch leider nicht gemeldet haben. Dennoch bin ich froh, ein recht vielseitiges Portfolio zusammenbekommen zu haben.

In der Nachbearbeitung verzichtete ich auf Bildretusche und passte die Fotos nur meinem gewünschten Look an. Ich mag sehr gern warme Farben und eine malerische Ausdrucksweise, die sich bei den späteren Ausdrucken auf Barytpapier sehr gut umsetzen ließ und schön aussah.

Die Bilder präsentierte ich im März 2020 in einer Ausstellung. Die Vernissage war gut besucht und auch eine wichtige Zeitung schrieb einen tollen Artikel über meine Fotos und mich. Eine Woche später kam der erste Lockdown und ich musste die Ausstellung schweren Herzens beenden. Zur Zeit bin ich noch unschlüssig, ob ich die Fotografien noch einmal ausstelle und warte die Pandemie erst einmal ab.

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6 Kommentare

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  1. Hallo zusammen,

    eine schöne Idee Aktfotos von „normalen Menschen“ zu zeigen – nach der Diskussion gestern.
    Unter „normal“ verstehe ich natürlich Menschen wie Du und Ich in jedem Alter, und zwar ohne aufgestempeltes und Medien-beeinflusstes Beauty-Ideal.

    Traut euch einfach – jeder Mensch ist schön, solange er sich selber akzeptiert.
    Und wer geliebt wird, braucht eh kein Make up oder Falten-Weg-Retusche …

    Übrigens finde ich braune Holz-Requisiten vor braunem Hintergrund in diesem Fall sehr gelungen und harmonisch.

    Liebe Grüße
    Elke

  2. Das einzige „Problem“, was ich habe, ist, dass eine solche Erklärung von „normal“ auf die Abweichung zielt, was eben auf die Normen verweist, die zwar in Frage gestellt werden sollen, aber eben benötigt werden, um das Anliegen zu verstehen. Das ist Fotografie „mit Programmheft“. Es braucht einen begleitenden Text, eine auf das Außerhalb verweisende Programmatik.

    Was passiert, wenn man die Fotos für sich stehen lässt? Ein bissl vereinzeln sie dann, finde ich. Sie erzählen sich nicht in der Reihung. Jedenfalls für mich. Sie haben eine ähnliche Farbgebung. Sie finden in einem mehr oder weniger neutralen Raum statt, der die Abwesenheit des Besonderen, also die Anwesenheit des „Normalen“ noch einmal doppelt, aber sonst eben… leer ist. Sie kriegen mich aber nicht. Mein Kopf arbeitet. Mein Herz geht leer aus. Im Bauch passiert nichts.

    Vielleicht ist das saublöd, dass ich das schreibe. Aber mit Menschendarstellung, eben auch nackter, beschäftige ich mich viel und denke auch eine Menge wirres Zeugs hin und her. Und gerade mit der Darstellung des Normalen, das nicht perfekt sein soll (und damit halt auf ein Perfektes als Referenz angewiesen ist), dass fehlerhaft sein soll (und damit auf die Imagination des Fehlerlosen, Reinen… angewiesen ist), beschäftigen sich grad so viele Fotograf*innen, dass ich mein Unbehagen jetzt doch noch und spät in Meinung umwandle.

    Und wo ich schon dabei bin: Der ewige Verweis auf die perfekten Körper der Werbung etc. ist keine Auseinandersetzung mit Fotografie (Gott, ist das apodiktisch). Fotografie auf der Ebene ist lediglich ein Vehikel. Und richtet natürlich unermessliche Schäden auf dem Feld von Körper- und Selbstwahrnehmung an. Aber das sind politische, soziologische usw. Probleme. Mit Fotografie als… nun ja… Kunst, hat das alles nichts zu tun. Niemand beschäftigt sich ernsthaft mit der Darstellung des perfekten nackten Körpers, der noch ein paar Tassen im Filmfach hat.

    Oder?

  3. Die Bilder haben mich sofort abgeholt und mitgenommen, sie gefallen mir außerordentlich gut. Für mich wirken sie in ihrem warmen Look auch ohne Begleittext. Es ist offensichtlich, dass das scheinbar Anomale hier als das wirklich Normale gezeigt wird. Und auch wenn es heutzutage bewusster in den Köpfen ist, dass nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung dem Schönheitsideal entspricht, wird es trotzdem anders (vor-)gelebt. Ich glaube eine Ausstellung würde die Welt nicht besser machen. Aber einigen Menschen vielleicht den Glauben an sich (und anderen) zurückgeben.

  4. Ich finde die Serie sehr gelungen. Die Farbtöne und das Licht lassen die Personen gemäldehaft leuchten, was mir gut gefällt. Grossen Respekt auch für die Arbeit mit den Modellen, die bestimmt sehr viel Fingerspitzengefühl verlangt.

    Als einziges kritisches Feedback fällt mir ein, dass die Vignetten teilweise etwas hart sind, beispielsweise bei dem jüngeren Herrn auf dem Stuhl fällt das Licht auf dem einen Fuss etwa künstlich ab.

  5. Okay, fassen wir zusammen: Die Art der Photographie ist die ‚normale‘, durchschnittliche (gefällige) Studiophotographie. Das Motiv ist der ‚normale‘, durchschnittliche Mensch. Aus dem Zusammentreffen dieser beiden Dinge soll etwas Besonderes entstehen, das es wert wäre, von mir betrachtet zu werden. Diesem Schluss kann ich mich leider nicht anschließen.