30. Dezember 2020 Lesezeit: ~6 Minuten

2020 entdeckte Fotobuchschätze der Redaktion

Dass wir in der Redaktion große Fans von Fotobüchern sind, ist kein Geheimnis. Auch in diesem Jahr haben wir neue Bildbände entdeckt und möchten unsere Highlights vorstellen. Spannend dabei: Viele von uns haben in diesem Jahr Bücher für sich entdeckt, die bereits seit Jahren auf dem Markt sind.

Buchcover

Monika Luśnia

Als ich im Sommer in Polen war, um meine Familie zu besuchen, entdeckte ich beim Stöbern in Kunstgeschäften Krzysztof Gierałtowskis Buch „Portret bez twarzy. a portrait without a face“. Es ist nicht das neueste Buch, es wurde 2013 veröffentlicht, aber es erregte meine Aufmerksamkeit mit sehr ungewöhnlichen Portraits polnischer Prominenter aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Politik.

Nach eigener Aussage fotografiert Gierałtowski nur Menschen, die ihn persönlich interessieren. Seine Portraits zeigen die Menschen nicht in der gewohnten und bekannten Art und Weise, sondern in der zutiefst subjektiven Betrachtungsweise des Fotografen. Jedem Portrait liegt ein aufwändiger Vorbereitungsprozess zugrunde. Krzysztof Gierałtowski experimentiert gern, um seine Vorstellungen bestmöglich in Szene zu setzen.

Er nutzt viele verschiedene gestalterische Mittel, um seine Portraitfotografien zu verfremden und unrealistisch zu gestalten. Er nutzt virtuos die ihm zur Verfügung stehenden fotografischen Techniken, sowohl während des Fotografierens, als auch bei der Nachbearbeitung. Seine Fotos sind voller Symbole und Metaphern, um den Betrachter*innen seine Sicht auf die portraitierten Personen zu zeigen und zugleich seine Emotionen gegenüber ihnen kundzutun.

Katja Kemnitz

Meine Entdeckung des Jahres ist auf jeden Fall „Children“ – eine Fotosammlung von Oliver Suter. Es enthält Kinderfotos bekannter Menschen. Von Jimi Hendrix über Angela Merkel bis hin zu Al Capone. Das Buch liegt auf meinem Couchtisch und bisher hatten alle Menschen, die es in die Hand nahmen, viel Spaß damit. Es beginnen immer Gespräche über alte Kinderfotos oder berühmte Personen. Das Buch schafft großartige Konversationen und macht Freude. Was will man mehr?

In unserer Videoserie „Der erste Eindruck“ habe ich es auch Christian Ahrens gezeigt und seine Reaktion gefilmt. Wenn Ihr das Video bisher verpasst habt, schaut gern mal rein.

Christopher Horne

Mein bedeutsamstes Fotobuch dieses Jahr stammt von Rinko Kawauchi – „as it is“ und das hat zwei besondere Gründe: Zum einen ist kurz vor Sommerende unsere Tochter auf die Welt gekommen und hat damit meinen Fokus auf wunderbare Weise neu ausgerichtet. Zum anderen hat unser Familienleben dieses Jahr vor allem im geschützten Raum der eigenen vier Wände stattgefunden.

Beides bildet sich im Buch ab: Es handelt von den ersten Jahren Rinko Kawauchis Tochter, die wir durch den liebevollen Blick ihrer Mutter miterleben dürfen. Der Kontext ist durch den engsten Umkreis der Familie und Ausflüge in menschenleere (Natur-)Umgebungen gesetzt. Es ist erstaunlich, wie sehr das Buch unsere (meine) Lebensrealität dieses Jahres abbildet.

Nora Hase

„The Notion of Family“ von Latoya Ruby Frazier – Das Buch ist ein Geschenk eines Freundes und großartig. Es ist eigentlich eine Art Familienalbum, erweitert um Themen wie Rassismus, wirtschaftlichen Niedergang und die Geschichte der Umgebung, in der Latoya Ruby Frazier aufwuchs.

Sebastian H. Schroeder

Nichts Neues, aber ein Klassiker, der seinesgleichen sucht. In diesem Jahr habe ich tatsächlich sehr viel an Büchern gearbeitet. An meinem eigenen, an von mir kuratierten Büchern. Und mit allen, die bereits veröffentlicht sind, bin ich sehr glücklich. Dennoch möchte ich hier ein anderes Buch empfehlen. Irving Penns Buch „Passage” .

Meines Erachtens gehört es in jedes Fotobuchregal. Ein Buch, das mir immer wieder aufzeigt, wie einfach Bilder aussehen können, obwohl sie doch so komplex sind. Das Buch ist eine Art Kompendium von Penns Arbeiten, sein Lebenswerk. Ob Mode, seine berühmten Aufnahmen von Personen in einer Ecke oder Portraits aus Neuguinea. Die Stringenz, die Irving Penn über 50 Jahre des Fotografierens mit dem perfekt ausgeführten Handwerk verbindet, begeistert mich auch nach gefühlt 100 Durchgängen noch. Die Art und Weise, wie einfache Menschen ebenso würdevoll abgebildet sind wie Berühmtheiten.

Es ist leider nicht mehr so einfach zu bekommen, sicherlich ein Zeichen für die absolute Klasse dieses Buchs.

Christian Ahrens

Der Fotograf Nick Hannes war in den Jahren 2010 bis 2014 im Mittelmeerraum unterwegs und befasste sich dort mit Themen wie Tourismus, Urbanisierung und Migration. In dieser Zeit war die Region erschüttert von zahlreichen Krisen und Kriegen. Die Bilder spiegeln dies wider, aber es sind eher stille Fotos, Beobachtungen am Rande, im Alltag der Menschen und nur manchmal an spektakulären Orten gemacht. Keine lauten Nachrichtenfotos, sondern subtile und hintergründige Fotografien.

Das Buch ist im Querformat gedruckt, vermeidet Fotos, die über den Mittelfalz laufen und zeigt fast immer ein vollformatiges Foto auf der rechten Buchseite, gelegentlich kommt auch mal eine Doppelseite vor. Dazu gibt es minimale Informationen über Ort und Inhalt des Gezeigten. Für mich steht „Mediterranean“ auch in der Tradition eines Stephen Shore oder Joel Sternfeld. Es ist ein Buch, das man immer wieder gern zur Hand nimmt.

Ich habe selbst eine starke Beziehung zum Mittelmeerraum und liebe diese Region. Der Fotograf widmet sich der Vielfalt des Lebens, stellt sich den Ereignissen unserer Zeit, vermeidet jegliche Reiseromantik und transportiert dabei doch den Geist und das pulsierende Leben dieser Länder.

Buchcover Max Faber Klappstullen

Aileen Wessely

Max Fabers Buch „Klappstullen“ ist mit weitem Abstand meine Fotobuchentdeckung des Jahres, die ich bereits mit einer eigenen Rezension, in der sich noch mehr Einblicke ins Buch finden, bedacht habe.

Was mich daran am meisten fasziniert, ist, dass da endlich mal jemand auf besonders interessante Weise eine moderne Stil-Nische in der von mir in diesem Magazin bereits mehrfach monierten Eintönigkeit der Foodfotografie auslotet. In diesem Bildband hat Faber die Anatomie belegter Brote mit der Hilfe eines hochauflösenden Flachbettscanners in 740 dpi dekonstruiert.

Rings um die Bilder gibt es noch ein paar Rezepte, Trivia, Statistiken und Infografiken rund ums Brot. Aus den drei Leidenschaften Fotografie, Design und Food, die hier aufeinandertreffen und unterwegs noch schnell den Spaß touchieren, ergibt sich ein bunter Strauß. Es hängt so zwischen den Stühlen Fotokunst und Kochbuch – dennoch funktioniert’s.

 

Schreibt uns gern in den Kommentaren, welches Buch Ihr dieses Jahr Euer Lieblingsbuch war. Vielleicht habt Ihr es sogar bei uns entdeckt?

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2 Kommentare

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  1. Hallo zusammen,

    vielen Dank für Eure Einblicke in die Fotobücher, die Euch in 2020 angesprochen haben. Interessant, was ihr so gefunden habt.

    Mich würde interessieren, welche Bücher die User der kwrfeldein-community so für sich entdeckt haben, daher mache ich mal den Anfang.

    In 2017 habe ich aus einem Nachlass das Buch Man Ray Photograph aus dem Verlag Schirmer/Mosel erhalten. Hatte mich aber bisher nicht so wirklich damit beschäftigt. Aber im ersten Lockdown war ja ausreichend Zeit. Darauf habe ich mir ein zweites Buch von Man Ray gekauft: Photographien Paris 1920 – 1934. Und mir überlegt, ob ich einige dieser – z.T. surrealistischen – Fotos nicht mal für mich nachstellen möchte. Gedacht – getan: Herausgekommen ist ein quadratisches Fotobuch, in dem ich 15 Fotos von Man Ray nachgestellt habe. Es ist der Beginn einer Projektreihe: Hommage an … – jedes Jahr ein neues Projekt.
    Denn es macht unglaublich viel Spaß! Und vielleicht entwickelt sich daraus dann ja auch mal eine Ausstellung.

    Ich bin gespannt auf Eure Buch- oder Projektempfehlungen …

    Liebe Grüße und kommt gut ins Neue Jahr
    Elke

  2. Peter Puklus: Handbook to the Stars.
    Lange vergriffen, antiquarisch nicht gefunden, nun aber in der zweiten Auflage.

    Es ist ein Buch, eine Hängung, eine Installation und ein Handbuch in das Bilderuniversum von Peter Puklus. Und alles in einem.