Winterlandschaft mit Regenbodenfarben in der Mitte
22. September 2020 Lesezeit: ~4 Minuten

Bewegung, Zeit, Wahrnehmung, Erinnerung – Farben.

Der Fotokünstler Tom Turner interessiert sich dafür, wie sich die Identität von Orten mit der Zeit verändert oder, anders ausgedrückt, wie Wahrnehmung und Erinnerung nicht ganz zusammenpassen. Wenn man ein Foto betrachtet, überlagen sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

Winterlandschaft mit RegenbogenfarbenWinterlandschaft mit Regenbogenfarben
Winterlandschaft mit RegenbogenfarbenWinterlandschaft mit Regenbogenfarben

In einem größeren Zusammenhang untersucht er die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt mithilfe von Fotografien, Installationen und Videos. Seine Arbeiten basieren auf den drei grundsätzlichen Konzepten Zeit, Erinnerung und Wahrnehmung. Durch die Neuanordnung der Farbkanäle aus mehreren Bildern zu einem einzigen oder ein inkonsistentes Zeitverhältnis in Videoinstallationen nutzt Tom Turner Zeit und die Umgebung selbst, um Licht zu verfolgen.

Für ihn macht das Wechselspiel von Zeit innerhalb des Mediums den Reiz der Fotografie aus. In seiner Video- und Fotoserie „The Color of Memory“ betrachtet er das Vergehen von Zeit: Die Neuanordnung von Farbkanälen in mehrschichtig aufgebauten Bildern bricht unsere Wahrnehmung von Farbe als feste Einheit auf und zeigt, wie Zeit unser Verständnis einer Landschaft verändert.

Winterlandschaft mit Regenbogenfarben

Winterlandschaft mit Regenbogenfarben

Die Farbebenen innerhalb eines Bildes zu verschieben, ahmt den Effekt eines Prismas nach, das weißes Licht in seine Farbbestrandteile bricht, und erzeugt dort, wo Bewegung auftritt, bunte Geisterbilder. „The Color of Memory“ umfasst verschiedene Kapitel, die sowohl Einzelbilder als auch Videoinstallationen mit einem oder mehreren Kanälen beinhalten.

Im Kapitel „The Color of Memory: The Color of White“ untersucht Tom Turner das Vergehen der Zeit auf weißen Landschaften. Er verwendet verschneite Berglandschaften als Hintergründe, auf denen Zeit sichtbar wird, indem er die Bewegungen im Bild, ausgelöst durch das Wetter, in die verschiedenen Wellenlängen des Lichts – also Farben – aufschlüsselt.

Winterlandschaft mit RegenbogenfarbenWinterlandschaft mit Regenbogenfarben

Das Thema hat er größtenteils um den Berggipfel als Schwerpunkt im Bild konzentriert. Dieser Gipfel und seine Verschleierung durch das Wetter verwehren den Betrachter*innen die Genugtuung, im übertragenen Sinne wie Bergsteiger mit ihren Blicken die Spitze zu erreichen.

Tom Turner ersetzt das mentale Erleben dieser Heldentat, den Gipfel zu erklimmen, durch bloße Farben und Konturen. So hält er die Betrachter*innen dazu an, die eigene Umgebung neu und anders wahrzunehmen, hinter die Bilder und ihre altbekannten Assoziationen mit den abgebildeten Motiven zu schauen und die physikalischen Bestandteile wie Farbe und Form tatsächlich wahrzunehmen.

Winterlandschaft mit Regenbogenfarben in der Mitte

Winterlandschaft mit Regenbogenfarben

Sowohl in der Quantenphysik als auch im Fotojournalismus verändert der Akt des Beobachtens die Eigenschaften des Subjekts. Ich betrachte die Kamera als ein Aufnahmegerät für Zeit, das sie festhält oder erweitert, aber indem man das tut, entsteht eine Wechselwirkung zwischen Abstraktion und Wiedergabegenauigkeit.

Je weiter wir das Subjekt in Zeit, Raum oder Erfahrung von uns entfernen, desto stärker verzerrt sich unsere Wahrnehmung von ihm. Zeit und eine Anhäufung von Bildern formen unser Verständnis von und unsere Erinnerung an Geschehnisse um. Ich versuche, diesen Riss in der Wahrnehmung anzuzapfen, um das Verständnis der Betrachter*innen für die Umgebung, in der sie leben, in Frage zu stellen.

Eine weiße Berglandschaft entsteht zwischen einem Rahmen aus den GrundfarbenEine weiße Berglandschaft entsteht zwischen einem Rahmen aus den Grundfarben
Eine weiße Berglandschaft entsteht zwischen einem Rahmen aus den GrundfarbenWinterlandschaft mit Regenbogenfarben

Tom Turners Arbeiten hinterfragen die Wahrnehmung der Landschaft durch die Betrachter*innen und ihre Erinnerung an ein Ereignis. Durch die Überlagerung mehrerer Bilder zu einem zusammengesetzten, „falschen“ Bild untersucht er die Beziehungen zwischen den verschiedenen Zeitpunkten und beobachtet, wo sie übereinstimmen, um ein „wahres“ Bild zu erzeugen.

Wo die überlagerten Bilder die Erwartung nicht erfüllen, hofft Tom Turner, den Brechungsindex des Gedächtnisses zu entdecken. „The Color of Memory“ hinterfragt die Bedeutung von Bewegung und Zeit für unsere Wahrnehmung und vor allem der Erinnerung an eine Landschaft – und betont nicht zuletzt auch die Schönheit dieser Bewegung.

Ihr könnt Tom Turners Zeituntersuchungen auf seiner Webseite finden und ihm auch auf Instagram oder Behance folgen. Außerdem lohnt sich ein Blick in seinen Vimeo-Kanal, wo Ihr tiefer in seine Videoarbeiten eintauchen könnt.

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2 Kommentare

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  1. Was mir an diesem Artikel bezüglich der Bilder besonders auffällt: Man muss diese Bilder erklären um sie zu verstehen. Und ehrlich, ich verstehe den Gedankengang immer noch nicht. Ich habe die Bilder seit gestern mehrfach angesehen und auf mich wirken lassen. Aber bei mir persönlich wollen sie einfach nicht wirken.

    Aber vielleicht ist es bei mir anstatt solche Farben jeweils bestimmte Musik, die mir in den Sinn kommt, wenn ich mich mit einer Landschaft auseinander setze. Ganz gleich ob durch ein berührendes Bild oder durch mein reales Mitten drin Sein.

    Wenn ich es richtig verstehe und da tue ich mich mit diesem Artikel wirklich schwer, dann stimme ich zu, dass ein Bild so viele Varianten wie Betrachter hat. Denn jeder sieht und (wenn er es denn tut) anders.

  2. Ich mag Bildkonzepte, die dem Betrachter mehrere Bedeutungsebenen anbieten, Bilder die Interpretationsansätze liefern, die uns nachdenken lassen.

    Ein solcher Ansatz ist die Ästehtik. Sind die gezeigten Bilder für mich ästhetisch?
    Ein zweiter Ansatz ist die intellektuelle Ebene. Hier spielt auch begleitend angebotenes oder eingefordertes Wissen für den Betrachter eine Rolle. Der Künstler will etwas vermitteln oder diskutieren. Ist die Aussage für mich relevant?

    Die Bilder ‚leben‘ für mich vor allem aus der gestalterischen Idee, den Verlauf der Zeit durch Mehrfachbelichtungen sichtbar zu machen, denen man getrennte Farbkanäle zuweist. Das Farbspiel wirkt frisch in den kühlen Bildern. Frisch, aber auch fremd. Fehlerhaft. Die Irritation ist ein wesentliches Mittel, Aufmerksamkeit zu generieren und wie man an diesem Kommentar sieht, ist das bei mir auch gelungen. Gleichzeitig bleiben die zugrunde gelegten Bilder für mich leider vor allem ‚dienend‘: Es scheint, als ob der gewünschte Effekt eben nur auf weißem Hintergrund und nur bei hinreichend schnell veränderlichem Wetter sichtbar wird. Es geht also um das Umsetzen dieser Idee, nicht um das fotografierte Motiv. Und das merkt man, finde ich. Die Landschaften entziehen sich mir. Sie wirken auf mich beliebig und nebensächlich.

    Die Idee, Bilder zu dekonstruieren um mehrere Zeitschichten des selben Motivs in ein Bild zu fassen, will erklärt sein. Die fasziniert mich. Ohne Hintergrundwissen ist sie aber kaum zu erraten. Leider empfinde ich sie deswegen auch als zu theoretisch. Sie erschließt sich mir nicht sinnlich. Und hier sehe ich einen Widerspruch. Ist das Vergehen der Zeit nicht in erster Linie etwas, das wir ‚erleben‘? Etwas, das sich uns sinnlich mitteilt?

    Für mich sind diese Bilder ein spannendes ästhetisches und technisches Experiment. Für mich sind sie Schritte auf einem Weg. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie schon wirklich angekommen sind. Aber das ist nur meine Meinung, bitte!