21. Januar 2020 Lesezeit: ~4 Minuten

Selfie oder Selbstportrait?

Wird der Begriff Selfie in den Raum geworfen, denken die meisten Menschen sofort an soziale Medien, allen voran Instagram. Der Begriff verbreite sich tatsächlich etwa zeitgleich mit dem Onlinedienst rasant. Der Neologismus kam im deutschen Sprachraum im Jahr 2010 auf, Instagram erschien am 6. Oktober 2010 im App Store. Sicher kein Zufall. Aber was unterscheidet ein Selfie von einem Selbstportrait?

Um das herauszufinden, wäre es wichtig, eine genaue Definition des Wortes Selfie zu haben. Aber die gibt es bisher nicht. Es finden sich sogar viele verschiedene Definitionen, die nicht immer schlüssig sind und sich zum Teil auch widersprechen.

Duden: Sel­fie, das: mit der Digitalkamera (des Smartphones oder Tablets) meist spontan aufgenommenes Selbstportrait einer oder mehrerer Personen.

Laut Duden ist das Medium wichtig, um ein Selfie zu definieren. Laut dieser Definition könnte kein Selfie mit einer DSLR oder einer analogen Kamera gemacht werden. Auch die Spontanität des Bildes scheint entscheidend. Ein geplantes Foto sei demnach selten ein Selfie.

Dabei sind die meisten Bilder, die allgemein als Selfie bezeichnet werden, oft alles andere als spontan und entstehen an eindrucksvollen Orten, die extra dafür aufgesucht werden. Oft gehen dem veröffentlichten Bild auch viele andere Aufnahmen voraus, aus denen dann die beste ausgesucht und auch noch mit Filtern und Apps optimiert wird. Spontanität sieht für mich anders aus.

Menschen fotografieren sich selbst mit einer analogen Kamera

Selfie oder Selbstportrait? Aufgenommen Anfang der 1930er Jahre © Wilhelm Walther

Wikipedia: Ein Selfie (/ˈsɛlfiː/) ist eine Fotografie in der Art eines Selbstportraits, oft auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen. Selfies sind oft in sozialen Netzwerken vorhanden und bilden eine oder mehrere Personen (Gruppenselfies) ab.

Wikipedia lässt das Medium und die Spontanität aus der Definition heraus und legt den Fokus dafür auf die sozialen Netzwerke und eine Armeslänge Abstand. Eine etwas bessere Eingrenzung, aber immer noch recht ungenau.

Ich suche nach einer Abgrenzung zum Selbstportrait und frage mich, ob es am Ende nicht doch dasselbe ist. Oft habe ich das Gefühl, dass der Begriff Selfie abwertend verwendet wird. Sowohl von den Urheber*innen selbst – „Ach, das ist nur ein Selfie!“ – als auch von den Medien. Noch niemand starb seit der Etablierung des Begriffs beim Versuch, ein Selbstportrait aufzunehmen, doch Selfietote gab es in den Schlagzeilen hingegen viele.

Eine spannende Idee, die beiden Begriffe zu unterscheiden, fand ich in einem Interview des Monopol-Magazins mit dem Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich. Laut ihm dienen Selfies viel eher der Kommunikation als der Selbstdarstellung. Ganz im Gegenteil verstecke man sich mit Hilfe von Grimassen, standardisierten Posen und Filtern eher und zeige viel weniger von sich selbst als bei klassischen Selbstportraits. Demnach seien Selbstportraits auch viel narzisstischer als 99 % der Selfies.

Ich bin nicht ganz sicher, ob ich mich dem Narzissmus-Gedanken anschließe, die Idee der Kommunikation finde ich aber großartig. Der Zweck von Selfies ist es, anderen etwas zu erzählen: vom tollen Urlaub, der neue Sonnenbrille oder auch einfach, um ein kurzes „Hallo, mich gibt’s noch“ auszusenden. Selbstportraits tun das nicht. Sie stehen für sich, verarbeiten Gefühle und Gedanken, vielleicht auch zeitgenössische Themen und Probleme auf einer ganz anderen Ebene.

Wie seht Ihr das? Macht eine Unterscheidung zwischen Selfie und Selbstportrait für Euch überhaupt Sinn und wie würdet Ihr Selfie definieren? Vielleicht können wir ja gemeinsam eine Beschreibung finden und sie Duden und Wikipedia vorschlagen. Denn eins ist sicher: Die bisherigen Definitionen sind nicht ausreichend, um dieses vielfältige Thema zu beleuchten.

Das Titelbild stammt von Quinten de Graaf. Vielen Dank!

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6 Kommentare

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  1. Wenn ich den Begriff Selfie verwende, meine ich Fotos, die ausnahmslos aus der Hand per Handy entstanden sind. Und ein Selfie ist immer die Show ;-) Das ist schon mal ein ganz großer Unterschied zu einem Selbstportrait. Hinzu kommt aber, dass ich mit einem Selfie in großem Maße den Hintergrund, die Situation verbinde. Selfies zeigen ja den Protagonisten immer vor irgendeinem Hintergrund, um den es meistens eher geht, als um die Person selbst. Deswegen sterben da auch viele. Die exotischen, spannenden Örtlichkeiten sind ja das eigentliche Motiv. Man platziert sich da dann mit der Aussage „Ich war hier“. Von daher stimmt das mit der Konversation in jedem Fall auch. Aber Selfies entstehen auch in Gesellschaft, beim Essen, oder einfach mal im Zug. Allgemeiner gesehen, würde ich daher denken, sagen Selfies nichts anderes als: „Mir geht es gut“. Das ist für mich der eigentliche Unterschied zu dem, was ein Selbstportrait erzählt. Denn das soll ja u.a. mich als Mensch zeigen, den Charakter, den Typ, sowas halt…

  2. So wie der Kommentar vor mir würd ich es auch sehen….ein selfie soll eher zeigen wo ich bin, was ich gerade mache und wie ich aktuell aussehe, mit dem Handy auf die schnelle aufgenommen….
    Ein Selbstporträt ist für mich ein geplantes Portrait mit einer „Botschaft“ oder zumindest dem Versuch mich zu charakterisieren….

  3. Für mich ist ein Selfie immer ein Foto, wo man den den Auslöser direkt an der Kamera/Smartphone noch selbst bedienen kann.
    Ein Selbstporträt hingegen funktioniert nur mit Funk/Kabel oder Selbstauslöser und die Kamera wird nicht vom Portraitierten selbst gehalten, sodern steht auf einem Stativ o.ä.

  4. Die Unterscheidung „Selfie“ vs „Portrait“ sehe ich so wie die Unterscheidung „Knipsbild“ vs „gutes Foto“.

    Kommuniziert wird in jedem Fall. Niemand macht ein Foto lediglich aufgrund der Freude am Auslösegeräusch. Auch sind Fotos auf Papier durchaus Medien, und traditionelle Fotoausstellungen oder Diaabende durchaus soziale Foren, die man mit den Online-Foren vergleichen kann.

    In der fotografischen Kommunikation sagt ja das Bild genau so viel oder sogar mehr über den Fotografen aus als über das fotografierte Subjekt. Bei Selfie und selbtgemachtem Portrait fallen beide, Fotograf und fotografiertes Subjekt, zusammen, jedoch hat sich mancher Fotograf eben viel mehr Gedanken gemacht über Lichteinfall, Tonwerte, Geometrie oder „die Story“.

    Dass der/die Selfie-Knipser/in sich gar keine Gedanken macht, darf man sicher nicht unterstellen. Allerdings sind es eben meist sehr laienhafte Fotos.

    Man kann wohl vermuten, dass den sich Fotografierenden dabei nicht einmal bewusst ist, wie ein Weitwinkelobjektiv die Größenverhältnisse ganz anders darstellt als eine klassische 85-mm-Portraitbrennweite.

  5. Meine Definition von einem Selfie ist:
    Ein Selbstbildnis mit wichtigem Bezug auf das WO man sich befindet und/oder MIT WEM und WANN unterwegs ist/war.
    Das Bild sagt so gut wie nichts über einen selbst als PERSON aus.
    Früher hat man noch „Ich war hier“ an die Wand geschrieben. Heute macht man ein Selfie. Mehr Platz für andere Malkünste an Toilettenwänden. ;-)

    Ein Selbstportrait hingegen bezieht sich auf MICH als PERSON oder vielleicht auch MICH als SEELE, wenn man so will.
    Es bietet mir die Möglichkeit kein wahres ICH zu zeigen.
    Der Hintergrund lenkt nicht von MIR und meinen inneren Gefühlen ab.

    Dabei ist mir der technische Aspekt noch nicht einmal so wichtig. Mein Foto in der 52-Wochen-Challenge habe ich mit DSLR freihand erstellt und trotzdem sieht man MICH.

    Cheers,
    Kenneth