19. Dezember 2019 Lesezeit: ~4 Minuten

Sebastião Salgado: Mein Land, unsere Erde

Nachdem der Fotograf Sebastião Salgado im Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, kam auch viel Kritik an seinem Werk auf. Zu ästhetisch, zu voyeuristisch, zu inszeniert – so die groben Vorwürfe der Kritik. Nun hat der Fotograf eine Autobiografie mit dem Titel „Mein Land, unsere Erde“ vorgelegt, durch die man ihn und seine Herangehensweise besser kennenlernen kann.

Salgado flüchtete 1969 gemeinsam mit seiner Frau aus Brasilien nach Paris und begann, als Fotograf die Welt zu bereisen. In über 120 Ländern hat er bis heute fotografiert und dabei unendliches Leid gesehen. Er dokumentierte den Völkermord in Ruanda, zeigte die Opfer von Naturkatastrophen und das Elend in Flüchtlingslagern.

Daran sei er fast zerbrochen, schreibt er. Er wandte sich von der sozialdokumentarischen Fotografie ab und widmete sich dem Naturschutz. Auf dem Farmland seiner Familie, das komplett abgeholzt war, pflanzte er 2,5 Millionen Bäume und errichtete eine Baumschule, die jährlich eine Millionen Bäume für andere Aufforstungsprojekte im Land zur Verfügung stellt. Zudem begann er, die Schönheit der Welt zu dokumentieren und fotografierte für sein Projekt Genesis acht Jahre lang die letzten naturbelassenen Gebiete der Erde.

Die Autobiografie erscheint im Vergleich zu einem so spannenden Leben leider recht dünn. Auf 190 Seiten schreibt der Fotograf chronologisch von seinen Erlebnissen und Gedanken dazu. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem seine fotografischen Projekte und die Beziehung zu seiner Frau. Immer wieder berichtet er von ihr und wie wichtig sie für seinen Erfolg war. Teilweise scheint das Buch an einigen Stellen fast ein Liebesbrief an sie zu sein.

aufgeschlagenes Buch

Dass ihn die Kritik zu seinen Arbeiten erreicht, merkt man beim Lesen durchaus, auch wenn er sie nicht konkret anspricht. Eher nebenbei erwähnt er, warum er sich auf die Schwarzweißfotografie beschränkt, dass er sich selbst nicht als Dokumentarfotograf sieht und warum er seine Art von Fotografie nicht als voyeuristisch empfindet. Auch an diesem Punkt führt er seine Gedanken nicht weit aus. Aber eine große Auseinandersetzung mit den eigenen Kritiker*innen wäre in einer Autobiografie wohl auch eher unerwartet.

Auch wenn ich seine bisherigen Bildbände und den Film über seine Arbeiten kenne, konnte ich durch die Biografie Neues über ihn lernen. Zum Beispiel über seine Kindheit in Brasilien und wie es war, nach Jahren mit analoger Technik zur digitalen Kamera zu greifen.

Insgesamt hätte ich mir jedoch bei jedem Kapitel etwas mehr Tiefe gewünscht. Man merkt beim Lesen, wie viel es da noch zu erzählen gäbe und im Grunde könnte Salgado wohl über jede einzelne seiner Reisen ein dickes Buch schreiben. Insgesamt bleibt die Autobiografie, anders als ich es mir erhofft hatte, eher an der Oberfläche.

So ist das Buch am Ende eher eine kurzweilige Lektüre, die man gut an einem Nachmittag lesen kann. Es bietet einen Überblick über seine bisherigen Projekte und seine Gedankenwelt und ist eine eher kleine Ergänzung zu den Bildbänden.

aufgeschlagenes Buch mit Foto

Erschienen ist der Band beim Schweizer Verlag Nagel & Kimche. Er enthält neben dem Text auch 18 Schwarzweißaufnahmen, auf die sich Salgado direkt bezieht. Das macht es einfacher, seinen Ausführungen zu folgen.

Ich vermute, dass die Veröffentlichung anlässlich des Buchpreises schnell gehen sollte, denn die Korrektur scheint es eilig gehabt zu haben. Beim Lesen bin ich ein paar Mal über fehlende oder falsche Buchstaben und zwei kleine Druckfehler gestolpert. Mich stört so etwas in Textbüchern nicht zu sehr und man kann das Buch dennoch ohne Probleme lesen, aber ich möchte es nicht unerwähnt lassen.

Informationen zum Buch

„Mein Land, unsere Erde: Autobiografie“ von Sebastião Salgado
Sprache: Deutsch
Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
Seiten: 192
Maße: 16 x 21,8 cm
Verlag: Nagel & Kimche
Preis: 22 €

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2 Kommentare

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  1. Ich habe mir das Buch auch vor kurzem gekauft und hatte aufgrund der Dünne des Buchs die Befürchtung, dass es wohl nicht ganz so ausführlich wird. Über Weihnachten schaue ich dann auch mal rein, bisher bin ich noch nicht dazu gekommen. Danke für die Rezension! :)