02. September 2019 Lesezeit: ~8 Minuten

This Place: Zwölf Fotograf*innen, ein Thema

Ein Fotobuch über Israel und Palästina birgt viele Fallstricke und damit auch seine Rezension. Die Frage, ob ausgerechnet ein Autor aus Deutschland darüber schreiben sollte, ist angesichts der historischen Verantwortung mehr als berechtigt. Insofern kann diese Rezension keine befriedigenden Aussagen zum Sujet treffen und sollte sich davor hüten, eine politische Wertung abzugeben.

Vielmehr steht im Mittelpunkt dieser Rezension das von Frédéric Brenner initiierte fotografische Projekt „This Place“ als solches und das, was es ausmacht. Denn „This Place“ ist mehr als nur dieses Buch, das lediglich das Dokument eines Vorhabens ist, einen geografisch, politisch und gesellschaftlich verdichteten Komplex aus so vielen Blickwinkeln wie möglich zu ergründen.

„This Place“, dieser Ort. Was ist Ort und was ist vor allem dieser Ort? Die scheinbar absolute Unmöglichkeit der Unternehmung des Projekts offenbart sich bereits im Titel. Auch, wenn die Eingangshypothese von Frédéric Brenner sich anschickt, die Lebenswirklichkeit von Israel und der West Bank fotografisch abzubilden – wohlgemerkt zunächst ohne den Gazastreifen –, ist diese Konkretisierung alles andere als einfach. Aber erst einmal einen Schritt zurück.

Auto in einer weiten Landschaft

© Stephen Shore

Das Projekt

Die Idee zu dem Projekt entstand bereits 2005, als Frédéric Brenner in einem Buch zur La mission photographique de la DATAR aus den 1980er Jahren blätterte. Damals hat das französische Ministerium für Landentwicklung eine umfangreiche fotografische Dokumentation zur Einordnung Frankreichs in Auftrag gegeben. Er wollte etwas Ähnliches über Israel machen, oder zumindest das, was er unter Israel versteht. Allerdings mit dem großen Unterschied, dass das Projekt nicht staatlich, sondern aus verschiedenen Quellen (Stiftungen, Privatleute) privat finanziert werden sollte. So sollte eine größtmögliche Neutralität gewährleistet werden.

Im Laufe der folgenden zwei Jahre entwickelte Brenner in Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen aus Journalismus, Wissenschaft, sozialen Bewegungen und religiösen Gruppen seine Arbeitshypothese zum Projekt. Diese Menschen mit tiefen Kenntnissen der politischen, historischen und religiösen Facetten der West Bank und Israels sollten dabei helfen, die Grundlage für das Projekt zu formen.

Menschen stehen am Strand

© Frédéric Brenner, Courtesy Howard Greenberg Gallery

Am Projekt, dessen Bilder zwischen 2009 und 2012 entstanden, beteiligten sich zwölf sorgsam ausgewählte und gestandene Persönlichkeiten der Fotografie: Frédéric Brenner selbst, Wendy Ewald, Martin Kollar, Josef Koudelka, Jungjin Lee, Stephen Shore, Rosalind Fox Salomon, Thomas Struth, Jeff Wall, Nick Waplington, Gilles Peress und Fazal Sheikh, von denen nur die ersten zehn ihre Beiträge zum Buch einreichten. Aktuell ist das Projekt bis Januar 2020 in einer Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin zu sehen.

Ein spannender Punkt ist das Projektmanagement: In regelmäßigen Abständen fanden vor Ort Gruppendiskussionen mit allen zwölf Beteiligten und dem Projektkoordinator Matt Brogan statt. Dabei entspannen sich unter anderem Diskussionen um geografische Begrifflichkeiten oder Gespräche über die unterschiedlich gemachten Erfahrungen. Jedes fotografische Unterprojekt hatte eigene Schwerpunkte und eigene Herangehensweisen, was natürlich auch an den übrigen Zeitplänen und der Arbeitsweise der jeweiligen Fotograf*innen lag.

Mauer um eine Straße

© Josef Koudelka / Magnum Photos

Die Beiträge

Die Beiträge sind alle international – und hier kommt der erste Fallstrick. Die systematische Auslassung palästinensischer und israelischer Perspektiven wurde zwar bewusst gewählt, um eine möglichst neutrale Sichtweise zuzulassen, sie bergen aber gerade dadurch auch die Gefahr der orientalistischen Brille auf „das Andere“. Um diese Gefahr zu minimieren, sollten die Projektbeteiligten über einen längeren Zeitraum vor Ort sein und mit Menschen vor Ort zusammenarbeiten.

Diese Herangehensweise habe – so zumindest die eigenen Aussagen im Buch – alle sehr stark beeinflusst und Freundschaften entstehen lassen. Zum Beispiel entwickelte sich zwischen Josef Koudelka und seinem Assistent Gilad Baram eine enge Freundschaft, die ihren Ausdruck auch im Dokumentarfilm „Koudelka Shooting Holy Land“ von 2015 fand.

Person mit langen schwarzen Haaren vor einer Wand

© Wendy Ewald

Am ehesten konnte die orientalistische Brille vermutlich Wendy Ewald ablegen, da ihre Arbeitsweise ohnehin eine entliehene Urheberschaft erfordert: Sie verteilt Kameras an lokale Gemeinschaften und lässt sie damit ihren persönlichen Alltag fotografieren. Im Anschluss bespricht sie mit ihnen die Fotos, erläutert künstlerische und fotografische Gestaltungsprinzipien und kombiniert das Material zu einem narrativen Atlas. Durch diesen scheinbar postkolonialen Ansatz ist es möglich, in einer – wenn auch nur relativ – universellen Sprache der Fotografie Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, die sonst verschlossen geblieben wären.

Das vielen Serien zugrunde liegende Objekt ist das des Ortes. Nur wenige Beiträge beziehen explizit Portraits mit ein. In einem politischen und gleichsam spirituellen Kontext wie Israel und Palästina wird selbst die Wahl der Orte zum Drahtseilakt. Was ist Israel? Was ist Palästina? Antworten auf diese Frage gibt es zuhauf und sie beinhalten immer ideologische Determinanten, die sich oft unversöhnlich gegenüberstehen.

Barrikade

© Martin Kollar

Insofern verwundert es nicht, dass alle Beiträge sowohl auf israelischem als auch auf palästinensischem Gebiet produziert wurden und dass jeder Beitrag seine eigene Definition von Ort anbietet. Oder anders ausgedrückt: Die Unmöglichkeit einer Bestimmung von „This Place“ als konkretem Ort drückt sich in der Vielzahl der Interpretationen aus und lässt die abschließende Frage nach dem „wo?“ glücklicherweise offen.

Josef Koudelka wollte beispielsweise vor seiner ersten Reise nichts über die Region lesen, um so unvoreingenommen wie möglich zu sein und sich erst durch den Kontakt mit Menschen ein Bild zu machen. Jungjin Lee hingegen ließ beim Besuch der Landschaften, die sie später fotografierte, ihre Kamera zunächst in der Tasche. So wollte sie ihre Umgebung erst einmal unvoreingenommen auf sich wirken lassen. In ihrem Text spricht sie davon, in diesem Anspruch gescheitert, aber als Künstlerin gewachsen zu sein.

Surreales Bild

© Jungjin Lee

Fotografisch sind die Serien sehr unterschiedlich. Mal stille Aufnahmen von Orten (Jeff Wall, Thomas Struth, Stephen Shore, Josef Koudelka, Martin Kollar), mal surreale Landschaften mit Fremdkörpern (Jungjin Lee), mal Portraits von Menschen in ihren Umgebungen (Nick Waplington) oder in einer Ausnahmeserie mal ein Potpourri aus Portraits, denen das Licht dämonisch ins Gesicht geschlagen wird, um dann das gegenüberliegende Portrait schön auszuleuchten (Rosalind Fox Salomon).

Auch thematisch versuchen die Strecken und Einzelfotos von „This Place“ unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, wobei eine leichte Gewichtung zugunsten palästinensischer Lebenswirklichkeiten erkennbar ist. Fast allen aber ist gemein, dass sie im Gegensatz üblicher Werke über die Region keine Effekthascherei zulassen und mit wenigen Ausnahmen fast durchgängig durch nüchterne Bilder bestechen, die weder anklagen noch verteidigen.

Familienportrait draußen

© Nick Waplington

Fazit

Einem Projekt dieser Größenordnung liegt es inhärent, dass nicht alle Beiträge fotografisch überzeugen. Nichtsdestotrotz ist das Projekt als solches und die Unternehmung, der Komplexität des Themas gerecht zu werden, beachtlich. Alle Serien fordern die Betrachtung heraus, es findet sich selten erläuternder Text, teilweise sogar nicht einmal eine konkrete Verortung der Bilder und man ist gezwungen, die Leerstellen selbst zu füllen.

Den Fotografien vorangestellt gibt es zwei Essays zur Entstehung und Einordnung des Projekts sowie ein Interview mit dem Projektkoordinator Matt Brogan. Es ist offensichtlich, dass das Buch nicht das alleinige Ziel von „This Place“ war, das verdeutlicht auch die ausgiebige Dokumentation der weltweiten Ausstellungen auf den letzten 46 Seiten.

Bunker

© Thomas Struth

Wer die Gelegenheit hat, die Fotografien im angemessenen Rahmen einer Ausstellung auf sich wirken zu lassen, sollte sie wahrnehmen. Noch bis Januar 2020 ist „This Place“ im Jüdischen Museum in Berlin ausgestellt. Abgesehen vom ohnehin lohnenswerten Museum ist die Ausstellung gut kuratiert und aufschlussreich. Das vorliegende Buch ist ein gutes Begleitdokument.

Informationen zum Buch

„This Place“ von Matt Brogan
Sprachen: Englisch
Einband: Hardcover
Seiten: 280
Maße: 32 x 30 cm
Verlag: Hatje Cantz
Preis: 48 €

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3 Kommentare

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  1. Ein sehr beeindruckendes Beispiel dafür, dass wir beim Fotografieren stets Perspektiven einfangen, die immer auch anders hätten gewählt werden können. Gerade bei der kulturgebundenen Fotografie ist diese Erkenntnis unverzichtbar. Ein tolles Projekt und eine empfehlenswerte Ausstellung, die der Akzeptanz unterschiedlicher Sichtweisen dient.

  2. Sonntag war ich in Berlin im Jüdischen Museum, wo diese Bilder gerade in einer Ausstellung gezeigt werden. Ich war zutiefst beeindruckt. Aus meiner Sicht bekommen die Fotos mit der teilweise enormen Größe ein noch viel tieferen Ausdruck.
    In der Ausstellung begegnet der Betrachter als erstes den Bildern von Frédéric Brenner. Die für mich stärksten Bilder der gesamten Ausstellung.
    Die Auswahl, die Christopher hier getroffen hat, wäre auch meine gewesen.